Adoption in der DDR Die Wiedervereinigung

Ihr Leben lang hat Marion M. aus einem Dorf bei Magdeburg nach ihrer Familie gesucht. Sie fand zwei Schwestern im Westen. Gemeinsam entdeckten sie das Drama ihrer Herkunft

Marion M. nimmt ihre beiden Schwestern an der Hand

Marion M. nimmt ihre beiden Schwestern an der Hand

Nachdem Marion M. die Wahrheit erfahren hat, steigt sie in ihr Auto, fährt nach Hause und weint. Sie ist verwirrt und wütend – auf die DDR, in der sie groß geworden ist, und ebenso auf die Frau vom Landratsamt in Stendal, die ihr an diesem Tag eine Akte hingelegt hat, 69 vergilbte Blätter mit Behördenstempeln der »Deutschen Demokratischen Republik«. Marion M. hat alles gelesen und an ihre Brust gedrückt, obwohl sie daraus auch Furchtbares hat lernen müssen. Sie hätte die Dokumente am liebsten mitgenommen, um wenigstens etwas in den Händen zu halten, doch die Frau vom Amt hat sie nicht hergegeben.

»Aber das ist doch mein Leben!«, hat Marion M. gerufen.

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»Tut mir leid«, hat die Frau geantwortet.

»Ach, bin ich jetzt wieder der Staatsfeind?«

Es ist der 14. Mai 2009, an dem Marion M. das große Geheimnis ihres Lebens löst, zugleich tun sich für sie viele neue Rätsel auf. Ein ganzes Jahr lang macht sie sich von nun an auf die Suche nach sich selbst.

Marion M. ist 57 Jahre alt und stammt aus der Nähe von Magdeburg. Das Land DDR ist lange ihre Heimat gewesen, den Staat hat sie gehasst. Als sie jung war, arbeitete sie als Eisenbahnschaffnerin in Interzonenzügen. Sie sah die Weinenden am Bahnsteig, die dieser Staat und sein Eiserner Vorhang von ihren Liebsten trennten. Das genügte ihr. Sie weigerte sich, in die SED einzutreten, von da an durfte sie nur noch in Regionalbahnen Dienst tun. Nach der Wende hat sie sich in vielen Jobs durchgeschlagen, zuletzt ist sie Altenpflegerin gewesen. Wenn sie heute Probleme mit Behörden hat, kommt die alte Wut auf den Staat wieder hoch.

»Sind die im Amt vielleicht auch bei der Stasi?«, grollt sie. »Oder warum kriege ich meine Akte nicht?«

Nach ihrer Adoptionsakte hat sie seit dem Mauerfall gesucht, 20 Jahre lang. Sie weiß zwar seit ihrem zwölften Lebensjahr, dass sie adoptiert worden ist, aber sie kannte weder ihren Vater noch ihre Mutter. Bei den Ämtern hieß es nur, es gäbe keine Unterlagen. 2003 tauchte dann ein Melderegisterauszug mit dem Namen der biologischen Mutter auf und mit deren Geburtsort, einem Dorf ganz in der Nähe. Und da stand auch noch der Name einer Halbschwester.

Jetzt erst, im Landratsamt von Stendal, hat Marion M. herausgefunden, dass ihre Mutter tot ist. Sie starb 1966 in Witten im Ruhrgebiet. Die Tochter weiß nun, warum ihr so lange kein Zufall bei der Suche weitergeholfen hat: Ihre Mutter war kurz nach Marions Geburt in den Westen geflohen. Der Vater war Dorfpolizist, aus der Akte erfuhr sie endlich seinen Namen. Er hat sie nie als sein Kind anerkannt, und als die Mutter ihn auf Unterhalt verklagte, war er verschwunden, er ging wohl ebenfalls in den Westen. Marion M. hat noch etwas erfahren, das sie bewegt: Sie hat nicht nur eine unbekannte Halbschwester – sie hat sogar zwei. Beide sind ein wenig jünger als sie und leben im Ruhrgebiet. Die Frau vom Amt hat soeben ihre Adressen herausgefunden.

Das alles wäre schon aufregend genug, aber da ist etwas, das Marion M. tief verstört: Auf ihren Adoptionsunterlagen von 1956 fehlt die Unterschrift der Mutter. Es könnte sein, dass Marion M. das Opfer einer Zwangsadoption ist – dass ihre Mutter sie nicht freiwillig weggegeben hat. Erst vor ein paar Wochen hat sie einen Fernsehfilm gesehen, Die Frau vom Checkpoint Charlie. Er handelt von einer DDR-Bürgerin, die in den siebziger Jahren flüchtete und diplomatische Verwicklungen auslöste. Sie kämpfte um ihre Kinder, die noch im Osten waren, man hatte sie ohne Einwilligung der Mutter zu Adoptiveltern gebracht. Ein Film über einen echten Fall. Wurde auch Marion M.s Mutter durch die Adoption bestraft? In der Akte findet sich zumindest ein Indiz dafür: Sie sei schon vor ihrer Flucht häufig »in den Westen gegangen«, hatten Nachbarn dem Jugendamt erzählt.

Mehr als hundert Bürgern habe der Staat DDR die Kinder weggenommen, sagen Opferverbände. Zwangsadoptionen trafen Bürger, die wegen politischer Äußerungen eingesperrt wurden, wegen Arbeitsverweigerung oder Westflucht. Die meisten Fälle gab es in den siebziger und achtziger Jahren, auch aus den fünfziger Jahren sind einige bekannt. Die Stasi sorgte dafür, dass die Akten so aussahen, als sei alles nach Recht und Gesetz abgelaufen.

Es vergehen Wochen, in denen sich Marion M.s Aufregung nicht legt. Im Juni 2009 sitzt sie lange an Briefen an ihre Schwestern. Sie will mehr über ihre Mutter wissen und sorgt sich zugleich, auf Ablehnung zu stoßen. Ein zerrissenes Gefühl kommt in ihr auf. Sie hat ja schon eine Familie, ihre Adoptivfamilie. Die Eltern sind lange tot, aber mit den Cousins und Cousinen versteht sie sich sehr gut. Als sie denen von der neuen Familie erzählte, sagten sie: »Genügen wir dir denn nicht?« – »Es geht mir doch nur darum, herauszufinden: Wer bin ich eigentlich?«

Adoption ist so etwas wie die dunkle Seite ihres Lebens – nicht nur, weil sie selbst adoptiert worden ist. 1974 hat sie einen sieben Monate alten Säugling adoptiert, da war sie 22. Sie wollte Gutes tun, als ließe sich so ihr eigenes Leid aufwiegen. Der Junge wurde älter und schien nur Probleme zu bringen. Er zog schließlich aus, heute hat M. keinen Kontakt mehr zu ihm. »Die Gene«, sagt sie. Ihr Adoptivsohn hat dann selbst nach seiner Mutter gesucht, weil auch er auf die Idee kam, er sei zwangsadoptiert worden. Die Mutter stand irgendwann vor der Tür und war wütend, sie wetterte gegen das Jugendamt, das ihr das Kind wegen Vernachlässigung weggenommen hätte. Erst als 1990 Marion M.s eigener Sohn zur Welt kam, ist dieser Kummer verblasst. Er lebt bis heute bei ihr.

»Liebe Birgit, liebe Gabriele«, schreibt sie nun im Juni 2009 an ihre Schwestern, »ich bitte Euch, mir zu erzählen, was in Eurem Herzen von meiner Mutter ist.«

Birgit, die jüngere Schwester, ist gleich am Telefon, atemlos. »Ich setz mich ins Auto und komm sofort zu dir!«, ruft sie, von ihrem Wohnort im Ruhrgebiet bis Magdeburg sind es mit dem Auto nur drei Stunden. Aber Marion will sich lieber Zeit lassen. Sie müssen sich alle gemeinsam treffen, findet sie. Die dritte Schwester, Gabriele, wagt es erst nicht, anzurufen. »Ich bin ganz durcheinander«, antwortet sie in einem Brief, »ich habe beim Lesen geweint.«

Gabriele ist noch im Osten geboren, 1956, sie ist nur vier Jahre jünger als Marion. Birgit ist 1960 im Westen zur Welt gekommen. Als Gabriele und Marion dann endlich telefonieren, haben sie beide sofort das Gefühl, dass sie etwas verbindet.

Marion sagt: »Ich hab sofort gespürt, dass sie meine Schwester ist.«

Von Gabriele bekommt sie per Post ein Foto der Mutter, schwarz-weiß, mit weißem Rand, es liegt seitdem auf dem Wohnzimmertisch. Es stammt wohl aus den fünfziger Jahren, ihre Mutter ist 1931 geboren. Das Foto scheint Marion M. eine Frage zu stellen: Wer ist diese Frau?

Sie hat kurze dunkle Locken, eine jungenhafte Frisur, ein schüchternes Lächeln. Sie trägt ein schwarzes Kostüm mit weißem Kragen.

Von den Schwestern hört M., dass ihre Mutter häufig krank gewesen ist. Wenn sie in der Klinik war, schob Birgits Vater, Gabrieles Stiefvater, die Kinder ins Heim ab. Nach dem Tod der Mutter 1966 gab er sie endgültig weg. Seit Marion M. das weiß, ahnt sie, dass ihre Mutter ein unruhiges, unglückliches Leben geführt hat.

All das treibt sie lange um. Auch die Akte beschäftigt sie weiter: Ein Anwalt sagt ihr, sie habe nur Anspruch darauf, ihre Herkunft zu erfahren, nicht aber darauf, eine Kopie der Akte zu bekommen. »Warten Sie mal ab, und setzen Sie das Amt nicht unter Druck.«

Es wird Sommer, und Marion M. macht sich auf die Suche nach Antworten, sie spielt jetzt Detektivin. Sie fährt nach Schermen, einem kleinen Dorf bei Magdeburg, wo ihre Mutter geboren wurde; es ist nur eine halbe Stunde entfernt. In einer Gaststätte fragt sie nach Verwandten, die auch Fiolka heißen, wie ihre Mutter, Thea Fiolka. Es gibt welche. Sie stößt auf einen alten Mann, der eine von Mutters Schwestern geheiratet hatte, Onkel Ernst, so nennt sie ihn. Der letzte lebende Verwandte, der ihre Mutter gekannt hat, nur erinnert er sich kaum an sie. Seine Frau ist vor ein paar Jahren gestorben. »Was die mir alles hätte erzählen können!«

An einem Oktobertag läuft Marion M. nervös durch ihre Küche, sie hat gerade viel zu erledigen. Sie muss zum Beispiel Zutaten besorgen für zwei Torten und einen Apfelkuchen. Die Schwestern kommen in ein paar Tagen zu Besuch, endlich. Es ist ihr erstes Familienfest.

»Ich steh kopf«, sagt sie zu ihnen am Telefon. »Ich freu mich dolle.«

Marion M. ist eine kleine, energische Frau, sie kann sprunghaft sein wie ein Kind und hat sich eine große Offenheit bewahrt. Vor ein paar Monaten hatte sie als Altenpflegerin einen Arbeitsunfall, seitdem ist sie krankgeschrieben. Eine verwirrte alte Frau hat sie attackiert. M. erlitt mehrere Bandscheibenvorfälle, womöglich wird sie nie wieder arbeiten können. Sie ist aber gerade viel zu aufgeregt, um daran zu denken.

Sie wohnt in einem ehemaligen Bauernhaus, das sie noch zu DDR-Zeiten mit bescheidenen Mitteln renoviert hat. Ihr Sohn, der bei ihr lebt, ist 19 Jahre alt, er studiert Betriebswirtschaft in Magdeburg. M.s Mann ist vor längerer Zeit gestorben. Im Dorf erinnert wenig an die DDR, an die riesigen landwirtschaftlichen Betriebe, die es früher gab. Heute existieren nur noch ein paar kleine Höfe, und viele Leute pendeln in die Stadt. In ihrem Garten hat M. die Deutschlandfahne gehisst. Den Streit um die Frage, ob die DDR eine halbwegs erträgliche oder doch eine ganz unmenschliche Diktatur gewesen sei, hat M. für sich längst entschieden. Nichts geht ihr über »die Angie«, die dafür sorgen wird, dass die Linken und Unverbesserlichen nie wieder etwas zu sagen haben werden. Auf ihrem kleinen Ford klebt ein »Wir sind das Volk«-Sticker.

Die DDR kehrt trotzdem zu ihr zurück, als Gespenst schleicht sie sich in ihr Leben.

Seitdem Marion M. in ihrer Akte geblättert hat, grübelt sie nur noch über die Vergangenheit. Haben ihre Adoptiveltern gelogen, wenn sie sagten, sie würden ihre Mutter nicht kennen? Als M. noch klein war, kamen doch immer Pakete von einer »Tante« aus dem Westen, also bestimmt von der Mutter. Nachdem Marion M. erfahren hatte, dass sie adoptiert worden war, schnitt sie ihre Adoptivmutter aus allen gemeinsamen Fotos heraus, so sehr hat sie sie gehasst. Man hat das Gefühl, dass sie all ihre Nachforschungen auch deshalb anstellt, weil sie etwas sucht, das ihr Erlösung bringt – das Wunschbild einer intakten Familie.

Es ist der Tag, an dem sie zum zweiten Mal nach Schermen aufbricht, um den Onkel zu besuchen. Sie steckt das Foto ihrer Mutter in die Jackentasche, es könnte dem alten Mann helfen, sich zu erinnern. Außerdem nimmt sie eine Schere und einen Briefumschlag mit, Werkzeug für einen kuriosen Plan. Marion M. hat etwas vor, das nicht legal ist, sie mag jetzt keine Rücksicht mehr nehmen. Es nimmt ja auch niemand Rücksicht auf sie.

»Die haben mir 20 Jahre geklaut!«

Der Himmel über dem flachen Land hat die Farbe von Milchglas, als sie mit dem Reporter ins Auto steigt. Sie durchquert Magdeburg, hier hat sie sogar mal an dem Haus geklingelt, in dem ihre Mutter wohnte. Niemand erinnerte sich an sie. Laut Melderegister zog sie 1958 von hier nach Berlin, Adresse unbekannt. In Wahrheit türmten sie und ihr Mann mit der zweiten Tochter westwärts und kamen ins Auffanglager Friedland.

M. parkt ihren Wagen am Straßenrand. Eine Allee, eine Gaststätte, frisch gestrichene Häuser. Alles sieht neu aus, aber das Alte ist nur übertüncht. Auf der Straße ist niemand. Das ist Schermen, der Geburtsort ihrer Mutter.

Sie klopft an eine Haustür. Nichts rührt sich. Marion M. lauscht, vielleicht horcht sie auch in sich hinein. Wie weit soll sie mit ihrer Suche noch gehen? Diese Frage hat sie sich bereits gestellt. Sie läuft um das Haus herum und klopft an ein Fenster, dann an noch eins. Endlich öffnet sich die Haustür einen Spaltbreit. Im Türrahmen steht ein Mann, stützt sich auf einen Stock, er muss weit über 80 sein. Von drinnen dröhnt ein Fernseher. Der Mann ist ihr Onkel, er dreht an seinem Hörgerät.

»Wer is denn dat?«

»Mensch, Ernst!«

Die Wohnung ist klein, der alte Mann wohnt hier allein. Er setzt sich in einen Ohrensessel, eine Armlänge vom Fernseher entfernt. M. legt das Bild ihrer Mutter auf den Tisch.

»Du hast doch die Thea gekannt, Ernst.«

Er starrt auf das Bild.

»Ich will rausfinden, wo mein Vater geblieben ist. Kennst du einen Horst Ruhr?«

»Kenn ick nich.«

Er schreit jedes Wort, und er wirkt, als sei er nicht nur schwerhörig, sondern auch ziemlich wütend.

»So heißt mein Vater in der Adoptionsakte«, sagt Marion M. ruhig.

»Die Thea is doch mit der janzen Familie in den Westen.«

Er erzählt, er habe die Schwägerin nur ein einziges Mal in Magdeburg besucht, bevor sie floh. Er kenne ja die alte Geschichte.

»Welche Geschichte?«

Sie versteht nicht, was er meint. Er erklärt es ihr. M. guckt bestürzt. Er setzt noch einmal an, grinsend, in der Geschichte kommen viele derbe Ausdrücke vor.

»Dafür hat er vier Jahre im Knast jesessen, der Vater von der Thea.«

In M.s Gesicht weicht die Ratlosigkeit einem Ausdruck von Ekel. Sie scheint mit sich zu ringen, ob sie ihm glauben soll.

»Hat mir allet der Jerichtsschreiber von dem Prozess erzählt, war ja schon lange her. Hat aber auch in der Zeitung jestanden.«

»Inzucht?« Sie starrt ihn an. »O nee!«

Wenn es stimmt, was er sagt, dann ist ihre eigene Lebensgeschichte verbunden mit einem furchtbaren Familiendrama. Ihre Mutter: das Kind einer Frau, die vom eigenen Vater geschwängert wurde. Als Erstes fällt ihr ein, ob sie sich jetzt wegen Erbschäden sorgen muss. Ist es nicht so, dass das schlechte Blut weiterfließt, über Generationen?

Sie denkt: »Ich würde ihm am liebsten den Hals umdrehen.«

Sie hat doch nur nach Schönem gesucht, nach glücklichen Bildern, nach ein wenig Wiedergutmachung für ihre enttäuschten Sehnsüchte. Sie starrt, lächelt. Es ist ein Lächeln, wie man es aufsetzt, wenn einem gar nicht danach zumute ist.

»Bleib schön gesund, Ernst!«, ruft sie noch, dann sitzt sie wieder im Auto.

»Jetzt habe ich aber ’ne Gänsehaut!«

Auf dem Weg nach Hause kreisen ihre Gedanken. Der alte Mann ist offenbar dement, sie erkennt das, sie hatte als Pflegerin mit Dementen zu tun. Sie wirken manchmal verwirrt, aber auf ihr Langzeitgedächtnis ist gewöhnlich Verlass.

»Inzest...«, sagt sie. »Ist das der Grund dafür, dass sie ständig krank war? Für das Asthma, an dem sie starb?« Sie sorgt sich, auch um ihre eigene Gesundheit. Später wird sie lernen, dass Krankheiten, die auf Erbschäden zurückzuführen sind, meist gleich nach der Geburt auftreten. Asthma gehört nicht zu diesen Leiden.

Marion M. sagt lange nichts. Es hat begonnen zu regnen, und sie scheint dem Geräusch der Reifen auf dem nassen Asphalt zu lauschen. Sie hat Mitleid mit ihrer Mutter. Wurde diese von ihrer Familie verstoßen und hat sich später ganz besonders nach Zuneigung gesehnt? Ob sie so an all diese furchtbaren Männer geraten ist, die sie und ihre Kinder dann im Stich ließen?

»O Gott«, seufzt sie, »das kann ich der Gabriele doch nicht erzählen. Die fällt ja um!«

Zu Hause legt sie das Foto zurück auf den Wohnzimmertisch. Sie räumt die Schere weg, die sie nicht benutzt hat, und hält auf einmal den Briefumschlag in der Hand. Drin sind weiße Haare. Ein paar stammen vom Ohrensessel des Onkels, eines ist von einem Kamm, der im Bad lag. Sie hat sich heimlich Material für einen Gentest besorgt. Der Onkel könnte ja ihr Vater sein. Oder der von Gabriele. Eine abwegige Idee, aber Marion M.s Welt ist so durcheinandergeraten, dass sie nun alles für möglich hält. Ein DNA-Test ohne die Zustimmung des alten Mannes wäre illegal, aber er ist ihre einzige Tür zur Vergangenheit. M. legt den Briefumschlag weg.

»Schluss!«, ruft sie. »Ich such nicht mehr weiter. Ich will gar nicht mehr wissen, wer meine Familie ist.«

Es dauert ein paar Tage, bis sie sich wieder gefangen hat. Sie ruft nun doch Gabriele an. Auch für diese ist die Inzestgeschichte ein Schock. Gabriele will die Behauptungen des Onkels überprüfen, aber in Magdeburg gibt es kein Archiv mit Zeitungen aus den dreißiger Jahren, ebenso wenig eines mit Justizakten. Marion M. findet insgeheim, dass der Inzest einiges erklärt: etwa, warum der Mann der Mutter deren Kinder nach ihrem Tod nicht haben wollte. Aber sie werden wohl nie herausfinden, ob die Geschichte stimmt. Sie werden mit der Ungewissheit leben müssen, für immer.

An einem Herbsttag Ende Oktober stehen dann auf der engen Straße vor M.s Haus zwei Autos mit Kennzeichen aus dem Ruhrgebiet. Es ist Mittag, der trübe Himmel bricht langsam auf. Die Ankunft der Schwestern vor einer Stunde ist ein Tumult gewesen aus Umarmungen, Tränen, hilflosen ersten Sätzen. Die beiden Ehemänner, die mitgekommen sind, haben danebengestanden wie Statisten.

Jetzt trägt Marion M. die Porzellanschüsseln mit Rouladen und Blaukraut ins Wohnzimmer. Sie hat die ganze Nacht nicht geschlafen, ist aber gar nicht müde. Sie stellt die Schüsseln auf den Tisch vor der Eichenschrankwand, unter dem Bild mit dem Alpenpanorama, das die Schwestern und ihre Männer betrachten, als hätten sie so etwas noch nie gesehen.

Man spürt, dass M. dieses Zimmer einmal als Gegenwelt zu einem feindlichen Draußen eingerichtet hat. Auch dieses Treffen könnte eine Art Heilmittel sein – gegen die Zumutungen der Vergangenheit. Doch M. läuft nervös herum.

»Jetzt setz dich doch mal!«, ruft Gabriele.

Sie ist eine scheue Frau Anfang 50. Marion und sie haben das gleiche schmale Kinn, das ist ihnen sofort aufgefallen, sie haben darüber laut gekichert. Birgit, die Jüngste, sitzt neben Gabriele auf dem Sofa, raucht und schweigt. Marion erzählt, dass sie im Internet auf eine weitere Verwandte gestoßen ist. »Irgendwann müssen wir noch ’n Saal mieten«, sagt einer der Männer. Alle lachen laut, als müssten sie sich von einer Anspannung befreien.

Marion berichtet von dem Besuch bei dem alten Mann, der schreckliche Nachmittag gerät ihr zur Anekdote. Niemand will jetzt Schmerzliches hören. Stattdessen gleichen die Schwestern ihre Erinnerungen ab. Eine Jugend im Sperrgebiet an der Zonengrenze Ost gegen eine Jugend in Kinderheimen der sechziger Jahre West. Marion erzählt von der Deutschen Reichsbahn, den Interzonenzügen, mit denen sie als Schaffnerin nicht mehr fahren durfte, weil sie sich weigerte, in die Partei einzutreten. Es stellt sich heraus, die Westschwestern wissen eigentlich gar nichts über den Osten.

»Bei mir war’s schlimmer«, sagt Marion.

Sie hat sich im Osten durchgekämpft, hat sich immer wieder auf Neues eingestellt, sogar mit alkoholabhängigen Jugendlichen hat sie gearbeitet. Das Leben der Schwestern ist ruhiger und bürgerlicher. Gabriele arbeitet im Büro eines Großhändlers, Birgit betreibt mit ihrem Mann ein Gartencenter.

Doch Marion erfährt von ihnen weniger über ihre Mutter, als sie erhofft hat. Die Schwestern waren beide noch klein, als sie starb.

»Ihr habt wenigstens ein paar Erinnerungen«, sagt sie traurig.

Nach dem Essen schenkt sie Sekt ein. Man stößt laut an, dieser Nachmittag hat auch etwas von einer Siegesfeier. Auf einmal brauchen alle frische Luft.

Die Schwestern laufen vor dem Haus die Straße hinunter, die zum Dorfplatz führt. Sie gehen scheu nebeneinanderher, als müssten sie noch den richtigen Abstand zueinander finden – eine Antwort auf die unausgesprochene Frage, ob sie es schaffen werden, als Familie zusammenzuwachsen. Marion, die in der Mitte geht, packt auf einmal die anderen bei den Händen und zieht sie mit sich. Sie stürmen davon und springen herum wie kleine Mädchen. Für ein paar Minuten holen sie die verlorenen Jahrzehnte zurück.

Im Haus serviert Marion dann den Apfelkuchen, die Erdbeer- und die Buttercremetorte. Sie bringt viel Kaffee, denn alle wirken jetzt müde. Nach drei Stunden fällt das Wort, das nach ihnen allen greift.

»Die Sache mit dem Inzest war für mich ein Schock«, sagt Gabriele.

»Ganz glaub ich die Geschichte ja noch nicht«, erwidert Marion, als wolle sie die Schwestern beruhigen. Sie steht auf und holt eine Flasche Weißwein. Birgit schweigt, die Männer räuspern sich.

Marion will über das schwierige Thema nicht sprechen. Sie tut so, als hätte es gar keine Bedeutung. Es darf keine haben, wenigstens heute nicht. Bis spätabends sitzen die Schwestern noch beieinander. Dann gehen sie in glücklicher Erschöpfung auseinander, unfähig, jetzt schon irgendwelche Schlüsse zu ziehen.

Ein paar Tage später sagt Marion M.: »Der Funke ist übergesprungen.«

Seit dem Treffen ruft Gabriele ständig an, die beiden älteren Schwestern haben das Gefühl, dass sie zusammengehören. Für Marion hat ihre Lebensgeschichte, die sie sich so mühsam angeeignet hat, nun nochmals eine Wendung genommen – wie eine komplizierte Rechenaufgabe, die am Ende ein unerwartetes Ergebnis zeigt. »Wenn ich bei meiner Mutter geblieben wäre, hätte ich ja auch fast meine ganze Kindheit und Jugend in Heimen verbracht«, sagt sie. »Also hab ich von uns drei Mädels doch das beste Schicksal gehabt.«

Der Frieden, der mit dem Treffen der Schwestern in ihr Leben zurückgekehrt ist, wird noch einmal gestört. Die Frau vom Amt meldet sich und sagt, M. habe noch eine vierte Schwester gehabt. Sie sei gleich nach der Geburt 1958 gestorben, es gebe eine Sterbeurkunde. Man könne DDR-Schriftstücken aber nicht trauen. Marion M. solle doch noch mal bei Ärzten nachforschen. Wochenlang quält sie sich mit der Frage, ob sie die Klinik suchen und um Auskunft bitten soll. Ob sie die Geschichte auch an diesem Ende noch mal aufrollen möchte. Dann lässt sie es bleiben. Es ist nur eine weitere Abzweigung dieser Geschichte, in der sie sich schon zu oft verlaufen hat.

Im Januar 2010 beantragt sie eine Rente als Opfer der DDR-Diktatur. Sie sei zwangsadoptiert worden, schreibt sie an das Amtsgericht in Magdeburg, das diese Behauptung nun überprüfen muss. Außerdem beantragt M. Einsicht in ihre Stasiakte und in die Stasiakte ihrer Mutter.

Im April besucht sie ihre Schwestern im Ruhrgebiet. Sie kehrt begeistert zurück.

»Ich habe eine neue Familie«, sagt sie.

Wochen später holt sie einen großen Umschlag aus dem Briefkasten. Zehn Monate lang hat sie darauf gewartet, so lange ist sie immer wieder vertröstet worden. Sie hält ihre Adoptionsakte in Händen. 69 Fotokopien, 350 Gramm Papier. Es ist ihr wiedergefundenes Leben.

 
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