Adoption in der DDR Die WiedervereinigungSeite 5/5
Marion berichtet von dem Besuch bei dem alten Mann, der schreckliche Nachmittag gerät ihr zur Anekdote. Niemand will jetzt Schmerzliches hören. Stattdessen gleichen die Schwestern ihre Erinnerungen ab. Eine Jugend im Sperrgebiet an der Zonengrenze Ost gegen eine Jugend in Kinderheimen der sechziger Jahre West. Marion erzählt von der Deutschen Reichsbahn, den Interzonenzügen, mit denen sie als Schaffnerin nicht mehr fahren durfte, weil sie sich weigerte, in die Partei einzutreten. Es stellt sich heraus, die Westschwestern wissen eigentlich gar nichts über den Osten.
»Bei mir war’s schlimmer«, sagt Marion.
Sie hat sich im Osten durchgekämpft, hat sich immer wieder auf Neues eingestellt, sogar mit alkoholabhängigen Jugendlichen hat sie gearbeitet. Das Leben der Schwestern ist ruhiger und bürgerlicher. Gabriele arbeitet im Büro eines Großhändlers, Birgit betreibt mit ihrem Mann ein Gartencenter.
Doch Marion erfährt von ihnen weniger über ihre Mutter, als sie erhofft hat. Die Schwestern waren beide noch klein, als sie starb.
»Ihr habt wenigstens ein paar Erinnerungen«, sagt sie traurig.
Nach dem Essen schenkt sie Sekt ein. Man stößt laut an, dieser Nachmittag hat auch etwas von einer Siegesfeier. Auf einmal brauchen alle frische Luft.
Die Schwestern laufen vor dem Haus die Straße hinunter, die zum Dorfplatz führt. Sie gehen scheu nebeneinanderher, als müssten sie noch den richtigen Abstand zueinander finden – eine Antwort auf die unausgesprochene Frage, ob sie es schaffen werden, als Familie zusammenzuwachsen. Marion, die in der Mitte geht, packt auf einmal die anderen bei den Händen und zieht sie mit sich. Sie stürmen davon und springen herum wie kleine Mädchen. Für ein paar Minuten holen sie die verlorenen Jahrzehnte zurück.
Im Haus serviert Marion dann den Apfelkuchen, die Erdbeer- und die Buttercremetorte. Sie bringt viel Kaffee, denn alle wirken jetzt müde. Nach drei Stunden fällt das Wort, das nach ihnen allen greift.
»Die Sache mit dem Inzest war für mich ein Schock«, sagt Gabriele.
»Ganz glaub ich die Geschichte ja noch nicht«, erwidert Marion, als wolle sie die Schwestern beruhigen. Sie steht auf und holt eine Flasche Weißwein. Birgit schweigt, die Männer räuspern sich.
Marion will über das schwierige Thema nicht sprechen. Sie tut so, als hätte es gar keine Bedeutung. Es darf keine haben, wenigstens heute nicht. Bis spätabends sitzen die Schwestern noch beieinander. Dann gehen sie in glücklicher Erschöpfung auseinander, unfähig, jetzt schon irgendwelche Schlüsse zu ziehen.
Ein paar Tage später sagt Marion M.: »Der Funke ist übergesprungen.«
Seit dem Treffen ruft Gabriele ständig an, die beiden älteren Schwestern haben das Gefühl, dass sie zusammengehören. Für Marion hat ihre Lebensgeschichte, die sie sich so mühsam angeeignet hat, nun nochmals eine Wendung genommen – wie eine komplizierte Rechenaufgabe, die am Ende ein unerwartetes Ergebnis zeigt. »Wenn ich bei meiner Mutter geblieben wäre, hätte ich ja auch fast meine ganze Kindheit und Jugend in Heimen verbracht«, sagt sie. »Also hab ich von uns drei Mädels doch das beste Schicksal gehabt.«
Der Frieden, der mit dem Treffen der Schwestern in ihr Leben zurückgekehrt ist, wird noch einmal gestört. Die Frau vom Amt meldet sich und sagt, M. habe noch eine vierte Schwester gehabt. Sie sei gleich nach der Geburt 1958 gestorben, es gebe eine Sterbeurkunde. Man könne DDR-Schriftstücken aber nicht trauen. Marion M. solle doch noch mal bei Ärzten nachforschen. Wochenlang quält sie sich mit der Frage, ob sie die Klinik suchen und um Auskunft bitten soll. Ob sie die Geschichte auch an diesem Ende noch mal aufrollen möchte. Dann lässt sie es bleiben. Es ist nur eine weitere Abzweigung dieser Geschichte, in der sie sich schon zu oft verlaufen hat.
Im Januar 2010 beantragt sie eine Rente als Opfer der DDR-Diktatur. Sie sei zwangsadoptiert worden, schreibt sie an das Amtsgericht in Magdeburg, das diese Behauptung nun überprüfen muss. Außerdem beantragt M. Einsicht in ihre Stasiakte und in die Stasiakte ihrer Mutter.
Im April besucht sie ihre Schwestern im Ruhrgebiet. Sie kehrt begeistert zurück.
»Ich habe eine neue Familie«, sagt sie.
Wochen später holt sie einen großen Umschlag aus dem Briefkasten. Zehn Monate lang hat sie darauf gewartet, so lange ist sie immer wieder vertröstet worden. Sie hält ihre Adoptionsakte in Händen. 69 Fotokopien, 350 Gramm Papier. Es ist ihr wiedergefundenes Leben.
- Datum 18.07.2010 - 11:31 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 15.07.2010 Nr. 29
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