Eine Malerei zur WM auf einer Mauer in Hillbrow, Johannesburg. Wird sich die Welt nur an dieses Bild Südafrikas erinnern? ©  Yasuyoshi Chiba/ Getty

Afrika sei jetzt erwachsen und nicht länger der dunkle Kontinent, sondern der Liebling des Planeten, schreiben die Zeitungen am Morgen nach dem Finale. Man muss uns nur die Chance geben, dann zeigen wir, was wir können! Sicher, tüchtig, friedfertig, großartig – ist das nun das neue, wahrhaftige Bild von Afrika? Gucken wir einfach nach in downtown Johannesburg

Der Wohnblock St Anthony in der Wolmarans Street, Hillbrow. Auf keinen Fall dürfe man hier als Weißer alleine herumlaufen, sagen selbst die abgebrühtesten Johannesburger. Noch in den siebziger Jahren war Hillbrow das – weiße – Zentrum der Stadt mit Börse, Banken, Konsulaten. Zum Ende der Apartheid wurde daraus eine Grauzone, und heute nennen die Bewohner ihr Viertel nur noch Zimbrow, weil Flüchtlinge aus Simbabwe und anderswo die Straßen rund um den Fernsehturm mit dem Fußball dran (die WM hat ihn weltberühmt gemacht) in ein schwarzes Ghetto verwandelt haben. Die Wohnung, um die es geht, liegt im neunten Stock, der Aufzug ist kaputt, schwer atmend geht es durch undefinierbare Gerüche hinauf. Harte Beats wummern hinter der Tür von Nr. 901. Klopfen.

»Ah, Sie sind hier, um sich das Zimmer anzusehen!«, sagt die junge Frau ein bisschen zu aufgeräumt. 1500 Rand, 150 Euro, koste es im Monat, an der lauten Musik solle man sich nicht stören, die Jungs seien alle nett und außerdem sehr gute Köche. Auf dem Flur sind mit Tüchern notdürftig weitere Schlafgelegenheiten abgeteilt, aus einer stürzt eine junge Frau hervor und erbricht sich röchelnd. Sie ist HIVpositiv, aber auch nett, trotzdem weiter ins Zimmer der lieben Jungs, wo atmen schon kiffen heißt, bevor einem der Joint überhaupt angeboten wird. Die bedröhnte Entspanntheit endet jäh, als der Freund der Vermieterin hereinstürzt, sie schlägt, ein Eifersuchtsdrama offenbar, prügelnd stürzen alle übereinander, wir mittendrin im Knäuel aus Leibern, und plötzlich sind da zwei lange Messer. »Ihr kommt besser ein andermal wieder!«, ruft die Vermieterin und drängt uns hinaus, die Messermänner hasten vorbei und verschwinden schreiend im Treppenhaus.

Was für ein Theater! Und nichts als das. Was den Besucher aus Europa blass werden lässt und alle Hillbrow-Klischees zu bestätigen scheint, ist eine Inszenierung von Mpumelelo Paul Grootboom, Hausregisseur am Staatstheater in Pretoria. »Retraumatisierung« nennt er seine Methode, die Zuschauer so mit ihren Ängsten zu konfrontieren, als schlüge man ihnen in die Fresse. In der intimen Enge einer Privatwohnung geht das noch viel besser als im Kunstraum eines Theaters, weshalb Grootboom eine Idealbesetzung ist für das Projekt X Homes Johannesburg. Unter dem Titel X Wohnungen hatte das Theaterformat vor acht Jahren in Duisburg Premiere, seither ist es ein Welterfolg, der von São Paulo bis Warschau Wohnzimmer in Bühnen verwandelt; nun hat das Goethe-Institut Südafrika im Rahmen seines umfangreichen Programms Football meets Culture den Ableger Johannesburg produziert. Das Prinzip ist immer gleich: Mit ihren Tickets werden je zwei Besucher auf eine Tour durch sieben, acht Wohnungen geschickt, in denen Künstler aller Sparten Performances von maximal zehn Minuten Länge zeigen. Ein Stationendrama, mit dessen Hilfe man in nur knapp drei Stunden tief in die Geschichten, Ängste, Visionen einer Stadt und ihrer Bewohner vordringt.