Eine Wiese, umgeben von hölzernen Kirchen aus dem 17. Jahrhundert – vom Hügel herab fällt der Blick auf einen See, in der Ferne Wälder und Dörfer. Welch idyllischer Ort! Wir sind 60 Kilometer vom Zentrum Perms entfernt, nicht weit vom Ural, dem Ende Europas. Es ist der 3. Juli, zwölf Uhr mittags, die ersten Besucher des Festivals trudeln ein, verschwinden in den Büschen und kommen mit Blumenkränzen im Haar wieder hervor. Wohl fünfzig grimmige Polizisten stapfen über das noch freie Feld. Freuen sie sich nicht auf die Musik? Oder haben sie einfach keine Lust, ihr Wochenende in Uniform und Springerstiefeln zu verbringen, bei 38 Grad im Schatten, wenn es hier Schatten gäbe!

Dvizhenie – Bewegung – ist das erste internationale Popfestival Perms, jener »geheimen Stadt«, die das Zentrum der sowjetischen Rüstungsindustrie war. Jahrzehntelang fehlte sie auf vielen Landkarten, Ausländer hatten keinen Zutritt, noch bis 1991 nicht.

Nach wie vor gibt es Industrie in Perm, Lukoil zum Beispiel, das größte Ölunternehmen Russlands. Und doch ist diese Partnerstadt Duisburgs ganz hübsch. An zwei unendlichen Uferstraßen erstreckt sie sich entlang des Flusses Kama über 70 Kilometer. Perm ist an die transsibirische Eisenbahn angeschlossen, hat einen kleinen, rumpeligen Flughafen und viel Kultur. Man beheimatet ein Opernhaus, eine staatliche Kunstgalerie und seit 2009 ein beachtliches Museum für moderne Kunst. Dvizhenie -Plakate hängen in der ganzen Stadt. Gute Voraussetzungen also für ein Festival in einem Russland, dessen Kulturbetrieb sich auf Moskau und Sankt Petersburg beschränkt. Bands aus 13 Nationen hat man in die Provinz geholt, recht bunt ist das Programm.

Die ersten Bands, Biting Elbows aus Moskau und Upalinaushis aus Perm, fallen gleich mit der Tür ins Haus: Akkorde des Punkrock und peitschende Schlagzeuge dreschen dem in der Sonne röstenden Publikum entgegen. Gleich danach wird es entspannt und poppig: Play aus Perm haben bereits den Habitus von Rockstars, Sonnenbrillen und gut sitzende Frisuren. Ihre Musik hat Qualität, sie wird von Synthesizern in eine Schwebe getragen.

Wäre Dvizhenie ein westliches Festival, würde es den ganzen Tag so weitergehen: Pop, Punk, Rock – doch dem Programm in Perm geht es nicht nur ums Feiern, sondern auch ums Hören, um die Einfühlung in Unbekanntes. Das Publikum wirkt zunächst eher teilnahmslos. Mancher verbringt den Tag fern der Bühne am See. Wie viele mögen überhaupt gekommen sein, 3000, 5000? Ist das viel oder wenig für eine Stadt von einer Million? »Alternative Kultur ist nicht sehr beliebt auf dem Land«, sagt Alex aus Moskau, der neugierigen Fragen nicht ausweicht. Andere gucken zu Boden: »Sorry, no English«.

ie soll man es auch beurteilen, es gab bislang nichts Vergleichbares hier. Aus Samara, der sechstgrößten Stadt Russlands, die im Süden des europäischen Teils liegt, kommt die nächste Band: Cheese People.

Sie spielen tanzbaren Funkrock, treibend und einfallsreich. Der Funke springt ins Publikum, vor der Bühne hüpfen die jungen Frauen zu Olya Chubarovas englischem Sprechgesang. Eigentlich müssten Cheese People die Popwelt im Sturm erobern, so euphorisierend ist ihr Auftritt. In Russland sind sie schon recht bekannt, demnächst wollen sie ins Ausland – nach Weißrussland.