Russisches PopfestivalDie Welt für 150 Rubel

Der Sommer der Liebe erreicht den Ural: Zu Besuch auf dem ersten internationalen Popfestival in Perm von Sebastian Reier

Alternativkultur auf dem russischen Land: Das Dvizhenie-Festival bringt immerhin mehrere Tausend Leute zusammen

Alternativkultur auf dem russischen Land: Das Dvizhenie-Festival bringt immerhin mehrere Tausend Leute zusammen  |  © Aleksei Gavrilov

Eine Wiese, umgeben von hölzernen Kirchen aus dem 17. Jahrhundert – vom Hügel herab fällt der Blick auf einen See, in der Ferne Wälder und Dörfer. Welch idyllischer Ort! Wir sind 60 Kilometer vom Zentrum Perms entfernt, nicht weit vom Ural, dem Ende Europas. Es ist der 3. Juli, zwölf Uhr mittags, die ersten Besucher des Festivals trudeln ein, verschwinden in den Büschen und kommen mit Blumenkränzen im Haar wieder hervor. Wohl fünfzig grimmige Polizisten stapfen über das noch freie Feld. Freuen sie sich nicht auf die Musik? Oder haben sie einfach keine Lust, ihr Wochenende in Uniform und Springerstiefeln zu verbringen, bei 38 Grad im Schatten, wenn es hier Schatten gäbe!

Dvizhenie – Bewegung – ist das erste internationale Popfestival Perms, jener »geheimen Stadt«, die das Zentrum der sowjetischen Rüstungsindustrie war. Jahrzehntelang fehlte sie auf vielen Landkarten, Ausländer hatten keinen Zutritt, noch bis 1991 nicht.

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Nach wie vor gibt es Industrie in Perm, Lukoil zum Beispiel, das größte Ölunternehmen Russlands. Und doch ist diese Partnerstadt Duisburgs ganz hübsch. An zwei unendlichen Uferstraßen erstreckt sie sich entlang des Flusses Kama über 70 Kilometer. Perm ist an die transsibirische Eisenbahn angeschlossen, hat einen kleinen, rumpeligen Flughafen und viel Kultur. Man beheimatet ein Opernhaus, eine staatliche Kunstgalerie und seit 2009 ein beachtliches Museum für moderne Kunst. Dvizhenie -Plakate hängen in der ganzen Stadt. Gute Voraussetzungen also für ein Festival in einem Russland, dessen Kulturbetrieb sich auf Moskau und Sankt Petersburg beschränkt. Bands aus 13 Nationen hat man in die Provinz geholt, recht bunt ist das Programm.

Die ersten Bands, Biting Elbows aus Moskau und Upalinaushis aus Perm, fallen gleich mit der Tür ins Haus: Akkorde des Punkrock und peitschende Schlagzeuge dreschen dem in der Sonne röstenden Publikum entgegen. Gleich danach wird es entspannt und poppig: Play aus Perm haben bereits den Habitus von Rockstars, Sonnenbrillen und gut sitzende Frisuren. Ihre Musik hat Qualität, sie wird von Synthesizern in eine Schwebe getragen.

Wäre Dvizhenie ein westliches Festival, würde es den ganzen Tag so weitergehen: Pop, Punk, Rock – doch dem Programm in Perm geht es nicht nur ums Feiern, sondern auch ums Hören, um die Einfühlung in Unbekanntes. Das Publikum wirkt zunächst eher teilnahmslos. Mancher verbringt den Tag fern der Bühne am See. Wie viele mögen überhaupt gekommen sein, 3000, 5000? Ist das viel oder wenig für eine Stadt von einer Million? »Alternative Kultur ist nicht sehr beliebt auf dem Land«, sagt Alex aus Moskau, der neugierigen Fragen nicht ausweicht. Andere gucken zu Boden: »Sorry, no English«.

ie soll man es auch beurteilen, es gab bislang nichts Vergleichbares hier. Aus Samara, der sechstgrößten Stadt Russlands, die im Süden des europäischen Teils liegt, kommt die nächste Band: Cheese People.

Sie spielen tanzbaren Funkrock, treibend und einfallsreich. Der Funke springt ins Publikum, vor der Bühne hüpfen die jungen Frauen zu Olya Chubarovas englischem Sprechgesang. Eigentlich müssten Cheese People die Popwelt im Sturm erobern, so euphorisierend ist ihr Auftritt. In Russland sind sie schon recht bekannt, demnächst wollen sie ins Ausland – nach Weißrussland.

Leserkommentare
  1. Vielleicht hätte man einen Reporter schicken sollen, der Russisch kann? Würde in Russland irgendwie Sinn machen.

    • SusaS
    • 17. Juli 2010 20:40 Uhr

    Er hebt sich angenehm ab von dem Einerlei und dem einseitigen Blick in den Osten, wo es entweder um "Superreiche Russen" oder um mangelnde Freiheiten, etc. geht... immer irgendwie politisch. Kultur ist auch politisch und liefert Einblicke. Interessanter, relaxter Bericht über ein interessantes und wohl ebenso relaxtes Festival.

  2. Kann dem Keafer nur zustimmen.
    Es ist auch nicht so schwer einen Dolmetscher zu finden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Find ich interessant, daß dir kein Englisch können oder so tun - in Deutschland wäre das anders, da tragen sogar die äh Festivals englische Titel, von Dockville bis Fusion...

  3. Hach wie lustig. Könnte tagelang darüber lachen. Ein Wortspiel. Super.

    Warum nicht Wladibirkenstock? Macht ganausowenig Sinn.

  4. "Russlands einziges Gulag-Museum gibt es hier."
    Stimmt so nicht, ich war auch schon in einem in Moskau. Was stimmt ist aber, dass es offenbar nicht viele Gulagmuseen gibt.

  5. Find ich interessant, daß dir kein Englisch können oder so tun - in Deutschland wäre das anders, da tragen sogar die äh Festivals englische Titel, von Dockville bis Fusion...

    Antwort auf "Sorry, no English"

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