Wladimir Wyssozkij Geliebter Wladimir

Noch einmal Russland: Vor 30 Jahren starb der hinreißende Sänger Wladimir Wyssozkij, Tausende pilgern wieder an sein Grab

An Wyssozkijs Grab auf dem Moskauer Prominentenfriedhof

An Wyssozkijs Grab auf dem Moskauer Prominentenfriedhof

Aus der kleinen Holzbude gegenüber dem Wagankowoer Friedhof faucht ein heiserer Bariton. Der alte Lautsprecher an der Verkaufsluke spuckt seine zornigen Worte wie Kirschkerne aus. Dazu schrammelt eine grausig verstimmte Gitarre. Hinter den Glasvitrinen des Lädchens vergilbt auf Büchern, Fotos und Plattencovern ein ernstes Männergesicht: lange Nase, helle Augen, aschige Haare über den Ohren. »Who’s that guy?«, fragt ein amerikanischer Tourist in Shorts. »Wladimir Wyssozkij«, mault das junge Mädchen hinter der Luke. »He was a singer«, setzt sie nach. Und schaut drein, als sei allein die Frage eine Beleidigung.

In Russland muss man niemandem erklären, wer Wyssozkij war. Der Liedermacher, Schauspieler und Poet ist Legende. Ein großer Unbequemer, ein tragischer Held. Er liegt drüben, 50 Meter Luftlinie von der Holzbude entfernt, auf dem Prominentenfriedhof in erster Reihe. Die sowjetische Obrigkeit wollte ihn noch im Tod ignorieren, am liebsten sein Grab verstecken. Doch der Friedhofsdirektor, ein inniger Bewunderer, teilte seinem Idol den Platz am Eingang zu. Der Beamte wurde entlassen, Wyssozkij behielt ein Grab wie eine Bühne. Das Grabmal ist eine Skulptur des Sängers, den Leib von einem riesigen Tuch gefesselt.

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Am schlimmsten, sagt Ljudmila, das Mädchen in der Holzbude, ist es am 25. Januar und am 25. Juli. Das sind der Geburtstag und der Todestag Wyssozkijs. Hunderte, ach, Tausende Moskauer kommen dann, kaufen die umliegenden Blumenläden leer, schleppen Gitarren an, singen, weinen und stürmen den Wyssozkij-Devotionalien-Kiosk. Zurzeit bereitet sich Ljudmila auf den größten Ansturm aller Zeiten vor. Wyssozkij ist vor genau 30 Jahren gestorben, im Juli 1980. Ihr Chef hat massenweise CDs, Bücher und Plakate nachbestellt, sogar die bronzefarbenen Gipsbüsten zu umgerechnet 23 Euro. Wyssozkij hat die Leute schon immer verrückt gemacht.

Nachdem sich der Sänger mit 42 Jahren zu Tode getrunken hatte, kamen Zehntausende zum Begräbnis und vor das Theater des Künstlers am Taganka-Platz. Die Nachricht von seinem Tod verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Moskau, obwohl die Obrigkeit alles getan hatte, um sie geheim zu halten. Zwei winzige Todesanzeigen, die Beerdigung an einem Arbeitstag: Während der Olympischen Spiele wollte man jedes Aufsehen vermeiden.

Wyssozkij war 1938 in Moskau geboren worden. Der Offizierssohn brach ein Studium zum Bauingenieur ab, besuchte die Schauspielschule, fand Engagements zuerst am Puschkin-, dann am revolutionärsten Theater jener Tage, dem Taganka-Theater des später weltberühmten Regisseurs Jurij Ljubimow. Wyssozkij war ein besessener Schauspieler, doch die Dichtung wurde zu seiner Berufung. Nachts schrieb er wie im Wahn tragikomische und verstörend grimmige Texte über den Krieg, den Suff, die Arbeitslager, das Leben, die Liebe, den Alltag in der Enge der Sowjetunion während der Breschnew-Jahre.

Das Lied vom Denunzianten hat Wyssozkij 1964 gedichtet: »Er trank wie alle und schien froh zu sein; und wir, wir nahmen ihn auf wie einen Bruder. Aber er verriet uns am nächsten Tag, einen nach dem andern.« 1968, als in Westeuropa die Studentenrevolte tobte, schrieb Wyssozkij die Wolfsjagd, eine Parabel auf die unbarmherzige Verfolgung und den Terror der Geheimdienste: »Die Wölfe werden gejagt, werden gejagt, die grauen Raubtiere, ausgewachsene und junge! Die Treiber brüllen, die Hunde bellen bis zum Erbrechen, auf dem Schnee Blut und die roten Flecken der Fähnchen.«

Leser-Kommentare
    • 4as
    • 25.07.2010 um 12:36 Uhr

    Vielen Dank für diesen Beitrag über einen der wichtigsten Menschen in Russland und der ehemaligen UdSSR.
    Ich bin richtig gerührt, dass die ZEIT über diesen Menschen einen Beitrag geschrieben hat.
    Nichtsdestotrotz schließe ich mich der Kritik von "Krem-soda" an. Wyssozkij war ein Bard, kein Sänger. Er hat auch nie behauptet ein Sänger zu sein, oder gar "Liedermacher".
    AUßerdem darf man seinen Beruf, Schauspieler, nicht unterschätzen. Er war ein begnadeter Schauspieler. Er ist natürlich vor allem ein Theater-Schauspieler, aber er hat auch in Filmen mitgespielt, die jeder in der ehem. Sowjetunion kennt und schätzt.
    Sein Alkoholproblem war dadurch veschärft, dass um ihn herum immer die flaschen Leute waren, die ihn benutzten, bei ihm immer wieder Saufpartys veranstalteten und von der Familie und richtigen Freunden wegbrachten.

    Wie gesagt, Danke für die Wertschätzung durch ihren Beitrag.

  1. Stimmt: diesen großen aufrechten Künstler mit läppischen "Liedermachern" wie Biermann (der sich bei CDU und Springer anbiedert) zu vergleichen ist eine Beleidigung.

    • Benkei
    • 25.07.2010 um 15:55 Uhr

    Erst mal ein Wort an die Redaktion vielen Dank für diesen Beitrag auch wenn er nicht ganz ins Schwarze trifft. Wyssozkij war viel mehr als ein Barde, er war das Symbol des Widerstandes und der Hoffnung für eine ganze Generation. Er war ein Mann der sich von den Schikanen des KGB nicht einschüchtern lassen hat, übrigens das war einer der Gründe warum er getrunken hat nicht weil er ein hoffnungsloser Alkoholiker war sondern weil ihn der Staat und im Besonderen der Geheimdienst dazu getrieben hat. Außerdem geht der Artikel meiner Meinung zu wenig auf die Rolle die Wyssozkij auch heute noch für die Menschen spielt. Ich bin Jahrgang 1985 aber obwohl ich nach seinem Tod geboren wurde bin ich mit seiner Musik aufgewachsen und höre sie immer noch.

  2. habe zu diesem Artikel einen kleinen Einspruch verfasst, einen Gegenentwurf zur immer wieder praktizierten Heldenverehrung des Künstlers ... http://community.zeit.de/...

    ... und die Gitarre war doch immer verstimmt, wenn sicher auch absichtlich. Das kann jeder halbwegs gebildete Musiker auch heraushören

    Antwort auf
  3. Seine Gitarre war grausig verstimmt, das ist wahr. Aber er hat nicht lausig Gitarre gespielt. Er hat einfach Gitarre gespielt, minimalistisch sozusagen. Das hört sich alles ganz simpel an, aber in den Liedern steckt mehr Musik als beim ersten Anhören auffällt. Das merkt, wer versucht, das Zeug nachzuspielen.

    Und so schlicht und einfach gehören diese Lieder auch gespielt. Ich habe mal eine Version seiner Wolfsjagd mit Orchesterbegleitung gehört, das war zum Kotzen. Überladen mit süßlichem Gefiedele, ganz übel. Wyssozkij funktioniert so nicht. Er ist am Besten mit seiner alten Gitarre und der Krächzestimme in einer Küche mit 15 Leuten um ihn herum, und irgendwo läuft ein Kassettenrecorder auf Aufnahme mit. Da kommt auch ein guter Teil der überlieferten Aufnahmen her.

    • Kissu
    • 27.07.2010 um 13:34 Uhr

    "In einer Umfrage des Staatssenders Rossija wurde der Diktator Josef Stalin vor zwei Jahren zum wichtigsten Helden der russischen Geschichte gewählt. Auf Platz zwei kam Wyssozkij."

    Dieser Satz ist falsch und schockiert mich. In der genannten Umfrage wurde nicht Stalin auf den ersten Platz gewählt, sonder Aleksandr Nevskij! Wyssozkij wurde auch nicht auf den zweiten Platz gewählt. Wie es da zu so einer Falschaussage kommen kann, finde ich bedenklich, da so ein falsches Bild der heutigen russischen Gesellschaft entsteht. Dazu noch der Satz, dass Russland heute zerrissener ist, denn je. Zwar lag Stalin bei der besagten Umfrage lange vorne, landete am Ende aber "nur" auf Platz drei.
    Hier zum nachlesen:

    http://ru.wikipedia.org/wiki/Имя_Россия

    http://www.nameofrussia.ru/

  4. 7. danke

    İch danke İhnen für Beitrag über Wladimir Wyssozkij. Er war für mich ein Idol, auch heute ich liebe ihn und brauce Seine wunderbare, heisere Stimme zu hören. Er war nicht nur ein Sänger, sondern auch ein perfekter Schauspieler, er hatte ein Charisma gehabt. in ehemalige USSR alle haben Wyssoszkiy geliebt. Wyssozkiy jener Mensch, den zu vergessen unmöglich ist.

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