Spionage Die Thriller-Killer

Moskaus Spione sind frei. Die Strafe: »Lebenslänglich« in Russland, meint Josef Joffe

I n dem Spionage-Klassiker Der Spion, der aus der Kälte kam (1963) sinniert der Held, Alec Leamas, über seinen Beruf: »Wir tun Scheußliches, damit gewöhnliche Leute hier und anderswo ruhig schlafen können. Ist das zu romantisch? Natürlich tun wir sehr böse Dinge.« Dann »grinst er«, so die Stimme des Erzählers John le Carré.

Zum Schluss ereilt das Böse den Mann vom Secret Service. Er wird von den Seinen wie von der Stasi verraten und stirbt mit seiner Freundin Liz im Feuer der sozialistischen Grenzwächter an der Berliner Mauer. Fünfzig Jahre später: Böses haben die zehn russischen Kollegen in Amerika nicht getan. Abgesehen davon, dass sie sich nicht als »foreign agents« haben registrieren lassen (was sie voll legalisiert hätte), besteht ihr wahres Verbrechen darin, dass sie den Spionage-Thriller à la James Bond gekillt haben.

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Josef Joffe
Josef Joffe

ist Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er auch ihr Chefredakteur, gemeinsam mit Michael Naumann. Davor leitete er das außenpolitische Ressort der Süddeutschen Zeitung. Weitere Texte von ihm finden Sie hier

Die Schöpfung des Ian Fleming trug Maßanzüge und fuhr einen alten Bentley (Farbe: »Schlachtschiffgrau«). Bond rauchte seine eigenen Zigaretten (»Morland Specials«) und legte die Frauen für Queen and Country flach. Er hat die Schufte am Baccara-Tisch bezwungen – oder, etwas waghalsig, mit der kleinkalibrigen Walther PPK (unter 9 mm geht heute niemand mehr ins Gefecht).

Alec Leamas doziert: »Leute, die dieses Spiel spielen, gehen Risiken ein.« Unsere russischen Freunde aber riskierten im ältlichen Honda bloß einen Keilriemen-Riss auf der Fahrt zum Safeway. In den properen Vorstädten fiel nicht einmal ihr gutturaler Akzent auf; wie denn auch in einem Land, das jedes Jahr je eine Million legaler und illegaler Einwanderer aufnimmt? Der Akzent von »Cynthia Murphy«, wie sich eine Russin nannte, klang doch irgendwie irisch. Informationsbeschaffung? So gefährlich, wie Google anzuklicken oder ein Abo für eine Fachzeitschrift zu bestellen.

»Cynthia« und »Anna« haben James Bond und Epigonen endgültig gemeuchelt. Wer heute raucht, und sei’s auch nur eine massenproduzierte Marlboro, macht sich strafbar, ohne je einen »toten Briefkasten« geleert zu haben. Bond hat nie Spesen-Formulare ausgefüllt oder Kinder in die Schule gekarrt. »Liebesgrüße aus dem Kindergarten«? From Moscow With Love ist sechzig Jahre her.

Selbst le Carré, der Entzauberer, funktioniert nicht mehr. Wie sagte doch Leamas? Spione sind »eitle Schwachköpfe, auch Verräter; Schwule, Sadisten und Säufer, die Cowboy und Indianer spielen, um ihre verhunzte Existenz aufzuhübschen«. Solche Leute werden heute im Assessment-Center aussortiert. Der Rest verarbeitet Signale, die von Satelliten, Sensoren und Milliarden Mails und Telefongesprächen geliefert werden. Der Cyber-Krieg findet an der Konsole statt. Den »Maulwurf« im Kreml und Pentagon gibt’s noch immer – aber im Vergleich so häufig wie Handgeschriebenes in einer Welt, die dem Digitalen gehört.

Wir brauchen sie, weil Algorithmen keine Sekretärin verführen können. Und zum Austausch – wie die zehn Russen gegen die vier US-Spione. Die Russen haben nichts getan, verdienen aber gerade deswegen Strafe. Denn sie haben den Tod des Spionage-Thrillers auf dem Gewissen. Das wohlverdiente Strafmaß lautet »lebenslänglich« – nicht im Knast, sondern daheim, in Russland.

 
Leser-Kommentare
  1. "Selbst le Carré, der Entzauberer, funktioniert nicht mehr. Wie sagte doch Leamas? Spione sind »eitle Schwachköpfe, auch Verräter; Schwule, Sadisten und Säufer, die Cowboy und Indianer spielen, um ihre verhunzte Existenz aufzuhübschen«. Solche Leute werden heute im Assessment-Center aussortiert"

    Herr Joffe macht einen schweren Fehler, wenn er aus Alec Leamas und dessen Aussage Vergleiche mit der Beschaffenheit der kürzlich gefassten Spione zieht. Leamas bildet unter all den Charakteren, die in den Le-Carré-Romanen vorkommen, eine Ausnahmeerscheinung. Im Vergleich zu den meisten anderen Agenten will er mit seinem Auftrag tatsächlich seine eigene "verhunzte Existenz aufhübschen". Er verschärft diese noch absichtlich (verstärkter Alkoholkonsum, vermeintliche antiamerikanische Ressentiments, Straffälligkeit), bevor er ins Feld geschickt wird.

    Sehr viele andere Charaktere hingegen (beispielsweise die Netzwerke in "Tinker Tailor Soldier Spy" erinnern doch in ihrer Beschaffenheit und Arbeitsweise durchaus an die russischen Spione). Auf den Cyberkrieg wird hingegen m.E. in "The mission song" hinreichend eingegangen.

    • Harzer
    • 17.07.2010 um 18:23 Uhr

    Mitnehmen konnte ich aus diesem Artikel eigendlich nichts.

    Oder war der Vorlage gedacht, sich beim Sonntagskaffee mit einer Konversation etwas Aufmerksamkeit bei Onkel und Tante zu verschaffen ?

  2. Ich hätte eher den Aufenthalt in Amerika als Strafe gesehen.

    Kaum einer der Kommentare in den Zeitungen geht darauf ein, wo die Spione eingesetzt wurden. Nicht mehr bei der Regierung, die ist längst unwichtig. Sondern bei den wahren Herren, der Wirtschaft und den Brokern. Besonders sollen sie sich für die Manipulation des Preisfindungsmechanismus interessiert haben.

    Zudem sahen die Spione nicht wie "richtige" Amerikaner aus, sondern eher wie ansehnliche Mitteleuropäer.

    • chavez
    • 18.07.2010 um 10:32 Uhr

    Und ich dachte die James bond Filme entsprechen 1:1 die Realität!!!

  3. wohlverdienten Urlaub.

    Ich empfehle im Uebrigen die Region Chita, manchen gefällt's dort so gut, dass sie sich für Jahre dort eingemietet haben.

  4. Da steckt ja ein durchaus ernstes Thema dahinter; wenn man nämlich keine zehn Männer mit großen Autos und scharfen Waffen mehr braucht, um jemanden auszuspionieren, begrenzt sich das Feld der Ausspionierten auch nicht mehr auf ein paar genuine Bösewichte, sondern weitet sich, fast zwangsläufig, aus auf x weitere mögliche Übeltäter, denen man einfach mal dabei zuschauen kann, was sie so treiben und wie sie den eigenen Interessen entweder zuspielen oder zuwiderhandeln. Ich muss jetzt kein milliardenschwerer, korrupter Mörder mehr sein, um mit vorgehaltener Waffe durch meine Wohnung laufen zu müssen, aus Angst, gleich seilt sich James Bond durch mein Fenster ab und erschießt mich; ich brauche nicht einmal mehr eine Waffe... alles, was ich vorhalten muss, gleich, ob ich nun ein gesuchter Krimineller oder bloß ein kritischer Kleingeist bin, ist eine gescheite Firewall und der Selbstzerstörungsknopf auf meiner Festplatte, am Besten per Fernauslöser... ob das aber noch hilft?

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