Integration Im Käfig von Ottakring

Sie kamen als Einwandererkinder aus der Türkei nach Wien und gelten mittlerweile als erfolgreich integriert. Doch eine Heimat suchen sie noch immer – so wie Volkan Ekici

Als Volkan Ekici die österreichische Staatsbürgerschaft erhielt, platzte für ihn ein Traum. Seit Kindestagen wollte er zur türkischen Armee gehen und Kampfpilot werden. Sein Vorbild: ein Onkel, der im Sold einer Spezialeinheit steht. Wenige Monate nach der Einbürgerung folgte der Ruf des österreichischen Bundesheers. Volkan entschied sich für den Zivildienst. Er war nicht über Nacht Pazifist geworden, aber für Österreich Leib und Leben zu riskieren, dazu reichte die Liebe zur neuen Heimat nicht. Lieber trennte er Müll in einem Wiener Altersheim.

Es sind Entscheidungen wie diese, die Ressentiments gegen jene rund 250.000 Türken nähren, die in Österreich leben. Anschuldigungen, die angesichts des Wahlkampfs in Wien deutlicher als sonst zu vernehmen sind. Sie seien illoyal gegenüber ihrer neuen Heimat und pflegten stattdessen ihre alten Traditionen – und nutzten jenen Staat aus, den sie in Wirklichkeit ablehnten. Das Projekt Integration: gescheitert. Drohende Islamisierung, das Entstehen einer Parallelgesellschaft, Sozialschmarotzertum und Kinderflut sind stattdessen jene Begriffe, mit denen Migranten konfrontiert sind. Zu mehr als zu Obst- und Gemüsehändlern taugten sie eben nicht, lautet die Klage jener, die ihre Xenophobie mit Studien untermauern, welche angeblich nachweisen, dass muslimische Jugendliche gewaltbereiter sind als andersgläubige Altersgenossen. Aber was ist dran an diesen Ressentiments? Und wie reagieren österreichische Türken auf diese Vorurteile?

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Volkan, 29, sportlicher Typ, dichtes schwarzes Haar und Dreitagebart, sitzt in einem Schanigarten am Gürtel in Ottakring. Er lebt in diesem Bezirk, seit er vor 20 Jahren aus der Türkei nach Wien gekommen ist. Es ist ein schwüler Abend, Volkan nimmt einen Schluck von seinem Radler. Erst seit eineinhalb Jahren trinkt er Alkohol. »Ja«, sagt er, »an den Vorwürfen ist was dran.« Aber gleichzeitig seien sie auch Blödsinn. Was wisse ein Österreicher schon, was es heiße, Türke in Wien zu sein? Man trage zwei Herzen in der Brust, lebe in zwei Welten und bleibe in beiden ein Fremder. Seine Gefühle für die Türkei vergleicht er mit einer pathetischen Liebe, die auf Stolz, Ehre und Pflicht baue, tatsächlich aber nicht richtig funktioniere. Die Verwandten ließen ihm bei jedem Besuch in der alten Heimat spüren, dass er keiner mehr von ihnen sei. Seine Beziehung zu Österreich gleiche hingegen einer ungezwungenen Liaison, der es an Wärme fehle. Dafür klappt sie zumindest halbwegs.

Trotz dieser doppelten Entfremdung will sich Volkan nicht dem Vorwurf aussetzen, ein schlechter Österreicher zu sein. Ist er auch mit dem Herzen nicht ganz in seiner neuen Heimat angekommen, so doch mit dem Kopf und beiden Händen. Als er mit zehn Jahren samt Eltern und Schwester einwanderte, wusste er weder etwas von Weihnachten noch von Ostern, seine ersten Worte auf Deutsch waren »Nix Deutsch«. Drei Mal musste er die vierte Volksschulklasse wiederholen, während sich sein Vater als Bäcker verdingte und seine Mutter in einer Bank putzte. Heute hat Volkan an einer Handelsakademie maturiert, studiert seit einem Jahr Pädagogik und unterrichtet in einer Berufsschule angehende Installateure. Ein großer Teil seiner Schüler sind junge Türken. Sie erinnern ihn oft an seine eigene Kindheit, an die Widersprüche und die Zerrissenheit, mit der die Immigranten in Wien aufwachsen. Während die Kellnerin zwei neue Radler serviert, beginnt er zu erzählen.

Auf offener Straße prügelten sich junge Türken mit Rechtsextremen

Noch heute habe er den Geruch von Kastanien in der Nase, nach denen es am 23. September 1990 gerochen habe. Das war Volkans erster Tag in seiner neuen Heimat Österreich. Wien sei damals noch nicht die Stadt gewesen, in der die Türken ihre eigenen Grätzel und damit sichere Rückzugsgebiete gehabt hätten. Ganze Straßenzüge seien damals umkämpft gewesen. In den Vorstadtbezirken wie Ottakring hätten sich Rechtsextreme mit Einwanderern auf offener Straße geprügelt, auf der Praterwiese hätten sie sich zu Massenraufereien verabredet. Einmal hetzten bullige Glatzenträger ihre Kampfhunde auf Volkan und seine Schwester. Noch heute kann er die Namen der Angreifer aufzählen, schließlich stammten die aus der Nachbarschaft.

Der Mittelpunkt von Volkans Leben spielte sich damals zwischen zwei Fußballtoren am Schuhmeierplatz nahe der elterlichen Wohnung ab. Beinahe jeder Wochentag verlief nach dem gleichen Muster: Schule aus, Rucksack ins Eck, ab auf den Platz. Dort trafen sich »Schwabos«, wie junge Immigranten eingesessene Österreicher nennen, »Tschuschen« (Einwanderer mit slawischen Wurzeln) und Türken zum Fußballspielen – und zu vielem mehr.

So war das in den neunziger Jahren, und so ist das heute immer noch. Verschleierte Mädchen werfen – zum sanften Ärger ihrer Mütter – Plastikbälle nach ihren kleinen Brüdern. Der Boden ist gesäumt von Gratiszeitungen und Werbeprospekten, ein Dutzend Burschen spielt Fußball, alte Männer mit Schnauzbart sitzen auf ihren Stock gebeugt und starren scheinbar ins Nichts. Junge Frauen mit Kopftuch, figurbetont gekleidet und adrett geschminkt, plaudern miteinander. Versteckt in einem Eck hinter einem Baum ziehen zwei junge Männer abwechselnd an einem Joint, der süße Geruch von Haschisch umgibt sie.

»Siz Türkmüsünüz?«, seid ihr Türken? Sie nicken, ihren misstrauischen Blicken folgt das Angebot, einen Zug zu nehmen. Akin und Gürkan seien ihre Namen. Was sie machten? »Nichts.« Wovon sie leben? »AMS, Wettcafé – und so.« Warum sie nicht arbeiteten? Im ersten Lehrjahr, klagen sie, würden sie nur hundert Euro mehr bekommen, als das AMS zahle. Dafür stünden sie in der Früh nicht auf. Ob sie religiös seien? Sie seien keine Schweinefleischfresser, aber ins Gebetshaus gingen sie nicht. Wo sie sich in zehn Jahren sähen? Schulterzucken, die Blicke senken sich. Sie wüssten es nicht, sagen sie. Akin und Gürkan sehen für sich ganz offensichtlich keine großen Perspektiven in der österreichischen Gesellschaft.

Zwei Tage später sitzt Volkan im Café Hummel in der Josefstadt, trinkt Latte macchiato und sagt, er kenne diese Art von jungen Männern mit ihren leeren Gesichtern, sie erinnerten ihn an einige seiner türkischen Schüler aus der Berufsschule. Wenn er in eine neue Klasse komme, frage er immer, wer Glücksspiel betreibe. Jedes Mal sei er erschrocken, wie viele die Arme heben. Einmal habe er einen Witz gemacht und erzählt, die Polizei würde am Ende der Stunde mit Drogenhunden vorbeischauen. Das Lachen sei den kreidebleichen Schülern im Hals stecken geblieben.

Viele enttäuschte Gastarbeiter flüchten in die innere Immigration

Das Problem sei, sagt Volkan, dass viele Türken einst zu viel von Österreich erwartet hätten, und nun ihre Enttäuschung an ihre Kinder weitergäben. »Österreich nimmt Türken«, titelten damals die türkischen Zeitungen, vielen klang das wie ein Versprechen auf leicht verdientes Geld. In ihren Köpfen sei Österreich ein Ort des schnellen Wohlstands gewesen, keiner der schlecht bezahlten Plackerei. Ihre nicht erfüllten materiellen Träume und die harsche Ablehnung, ja Anfeindung seitens der Einheimischen trieben sie in eine innere Immigration, die von Österreichern als fehlender Wille zur Integration kritisiert werde. Es sei ein Teufelskreis. Außer dem erhofften, aber meist ausgebliebenen Wohlstand gebe es für viele nichts. Diese Leere sollten eigene Werte füllen – wie die Religion, aber eben auch Glücksspiel, Drogen und Gewalt. Erschwerend komme hinzu, dass viele das Gefühl hätten, die Türkei befinde sich unter Ministerpräsident Tayyip Erdoğan politisch wie wirtschaftlich im Aufschwung, was das Gefühl nur verstärke, in Österreich fehl am Platz zu sein.

Aber was ist dann das Geheimnis von Leuten wie Volkan, die sich doch gut arrangiert haben mit Österreich? Erdem Kocer, Volkans bester Freund, unterrichtet ebenfalls an der Berufsschule und hat sich als Heizthermen-Techniker erfolgreich selbstständig gemacht. Er sagt, das Wichtigste sei, sich auch außerhalb der angestammten türkischen Community zu bewegen. Einen eigenen Weg zu finden und diesem zu folgen, und zwar in dem Land, in dem man lebe. Er wisse, sagt Erdem, das klinge hohl und banal, die Wahrheit sei es trotzdem.

Letztlich hat auch Volkan nichts anderes gemacht, als seinem Weg zu folgen. Beim Fußballspielen im Käfig hat sich gezeigt, dass er Talent hat, dass er besser spielt als die meisten anderen. Er begann seine Tore für Geld zu schießen und landete beim SC Mauerbach. Bei einer Vertragsverhandlung sagte er den Klubfunktionären, er bleibe nur, wenn sie ihm einen halbwegs anständigen Job verschafften. Flugs hatte der HAK-Absolvent einen Platz als Bankkaufmann in einer Bankfiliale in Ottakring. In jenen Tagen kam es auch dazu, dass Volkan zum ersten Mal Alkohol trank. Er wollte bei Betriebsfeiern nicht immer der Einzige sein, der nicht zum Sektglas griff. Zwei Jahre blieb er in der Bank, bis er eine Stelle als Berufsschullehrer fand.

Vor Kurzem musste Volkan wieder einmal seinen eigenen Weg gehen. Neuerlich war es eine schmerzhafte Erfahrung, denn er verstieß gegen die Regeln der türkischen Community. Mit 24 hielt er, der Tradition folgend, um die Hand seiner langjährigen Freundin, einer Wiener Türkin, an. Sie heirateten und durften nun endlich zusammenziehen. Die Ehe stand von Anfang an unter keinem guten Stern, die Eltern seiner Frau mischten sich ein. Nach zwei Jahren begann Volkan mit sich zu hadern, er wollte seiner Frau und den Familien die Schmach einer Scheidung ersparen. Nach weiteren zwölf unglücklichen Monaten trennte sich das Paar. Rückblickend, sagt Volkan, war das wohl die mutigste Entscheidung, die er je getroffen habe. Dafür musste er mehr Mut aufwenden, als ihn waghalsige Pilotenmanöver in einem türkischen Kampfjet je gekostet hätten.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 22.07.2010 Nr. 30
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