Integration Im Käfig von OttakringSeite 2/2
»Siz Türkmüsünüz?«, seid ihr Türken? Sie nicken, ihren misstrauischen Blicken folgt das Angebot, einen Zug zu nehmen. Akin und Gürkan seien ihre Namen. Was sie machten? »Nichts.« Wovon sie leben? »AMS, Wettcafé – und so.« Warum sie nicht arbeiteten? Im ersten Lehrjahr, klagen sie, würden sie nur hundert Euro mehr bekommen, als das AMS zahle. Dafür stünden sie in der Früh nicht auf. Ob sie religiös seien? Sie seien keine Schweinefleischfresser, aber ins Gebetshaus gingen sie nicht. Wo sie sich in zehn Jahren sähen? Schulterzucken, die Blicke senken sich. Sie wüssten es nicht, sagen sie. Akin und Gürkan sehen für sich ganz offensichtlich keine großen Perspektiven in der österreichischen Gesellschaft.
Zwei Tage später sitzt Volkan im Café Hummel in der Josefstadt, trinkt Latte macchiato und sagt, er kenne diese Art von jungen Männern mit ihren leeren Gesichtern, sie erinnerten ihn an einige seiner türkischen Schüler aus der Berufsschule. Wenn er in eine neue Klasse komme, frage er immer, wer Glücksspiel betreibe. Jedes Mal sei er erschrocken, wie viele die Arme heben. Einmal habe er einen Witz gemacht und erzählt, die Polizei würde am Ende der Stunde mit Drogenhunden vorbeischauen. Das Lachen sei den kreidebleichen Schülern im Hals stecken geblieben.
Viele enttäuschte Gastarbeiter flüchten in die innere Immigration
Das Problem sei, sagt Volkan, dass viele Türken einst zu viel von Österreich erwartet hätten, und nun ihre Enttäuschung an ihre Kinder weitergäben. »Österreich nimmt Türken«, titelten damals die türkischen Zeitungen, vielen klang das wie ein Versprechen auf leicht verdientes Geld. In ihren Köpfen sei Österreich ein Ort des schnellen Wohlstands gewesen, keiner der schlecht bezahlten Plackerei. Ihre nicht erfüllten materiellen Träume und die harsche Ablehnung, ja Anfeindung seitens der Einheimischen trieben sie in eine innere Immigration, die von Österreichern als fehlender Wille zur Integration kritisiert werde. Es sei ein Teufelskreis. Außer dem erhofften, aber meist ausgebliebenen Wohlstand gebe es für viele nichts. Diese Leere sollten eigene Werte füllen – wie die Religion, aber eben auch Glücksspiel, Drogen und Gewalt. Erschwerend komme hinzu, dass viele das Gefühl hätten, die Türkei befinde sich unter Ministerpräsident Tayyip Erdoğan politisch wie wirtschaftlich im Aufschwung, was das Gefühl nur verstärke, in Österreich fehl am Platz zu sein.
Aber was ist dann das Geheimnis von Leuten wie Volkan, die sich doch gut arrangiert haben mit Österreich? Erdem Kocer, Volkans bester Freund, unterrichtet ebenfalls an der Berufsschule und hat sich als Heizthermen-Techniker erfolgreich selbstständig gemacht. Er sagt, das Wichtigste sei, sich auch außerhalb der angestammten türkischen Community zu bewegen. Einen eigenen Weg zu finden und diesem zu folgen, und zwar in dem Land, in dem man lebe. Er wisse, sagt Erdem, das klinge hohl und banal, die Wahrheit sei es trotzdem.
Letztlich hat auch Volkan nichts anderes gemacht, als seinem Weg zu folgen. Beim Fußballspielen im Käfig hat sich gezeigt, dass er Talent hat, dass er besser spielt als die meisten anderen. Er begann seine Tore für Geld zu schießen und landete beim SC Mauerbach. Bei einer Vertragsverhandlung sagte er den Klubfunktionären, er bleibe nur, wenn sie ihm einen halbwegs anständigen Job verschafften. Flugs hatte der HAK-Absolvent einen Platz als Bankkaufmann in einer Bankfiliale in Ottakring. In jenen Tagen kam es auch dazu, dass Volkan zum ersten Mal Alkohol trank. Er wollte bei Betriebsfeiern nicht immer der Einzige sein, der nicht zum Sektglas griff. Zwei Jahre blieb er in der Bank, bis er eine Stelle als Berufsschullehrer fand.
Vor Kurzem musste Volkan wieder einmal seinen eigenen Weg gehen. Neuerlich war es eine schmerzhafte Erfahrung, denn er verstieß gegen die Regeln der türkischen Community. Mit 24 hielt er, der Tradition folgend, um die Hand seiner langjährigen Freundin, einer Wiener Türkin, an. Sie heirateten und durften nun endlich zusammenziehen. Die Ehe stand von Anfang an unter keinem guten Stern, die Eltern seiner Frau mischten sich ein. Nach zwei Jahren begann Volkan mit sich zu hadern, er wollte seiner Frau und den Familien die Schmach einer Scheidung ersparen. Nach weiteren zwölf unglücklichen Monaten trennte sich das Paar. Rückblickend, sagt Volkan, war das wohl die mutigste Entscheidung, die er je getroffen habe. Dafür musste er mehr Mut aufwenden, als ihn waghalsige Pilotenmanöver in einem türkischen Kampfjet je gekostet hätten.
- Datum 22.07.2010 - 11:28 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.07.2010 Nr. 30
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