Radtour in Ungarn Nimm's seicht

Slalom auf der Promenade und ein Gläschen am Nachmittag: Eine Radtour um den Plattensee

Ein Fesselballon fliegt über die Tihany-Halbinsel am Nordufer des Balatons

Ein Fesselballon fliegt über die Tihany-Halbinsel am Nordufer des Balatons

Am äußersten Ende der Mole von Keszthely sitzen Verliebte, und eins dieser Pärchen bricht mir fast das Herz. Ich bin auf einer Radtour rund um den Plattensee. Es ist ein Sommersonntag wie aus dem Prospekt: blau der Himmel, weiß die Segel, bunt die Sonnenschirme am grünen Ufer. Kinder planschen, Eltern dösen. Die Fähre schippert über den See, dann wieder zurück, dann wieder hinüber und so fort, ein schwimmendes Perpendikel. Der See ist flach bis weit hinaus, deshalb ist die Landungsmole mehrere Hundert Meter lang, eine stattliche Promenade. Ich bin mit dem Fahrrad hinausgekurvt, ganz langsam zwischen den vielen Menschen, die nachmittags darauf spazieren. Am Anfang steht zwar ein Schild mit durchgestrichener Radlerfigur, aber das kannte ich schon vom Schlosspark oben auf dem Stadthügel: Die Einheimischen fahren trotzdem. Ich tat wie sie, radelte rücksichtsvoll, es streifte mich kein böser Blick.

Ganz draußen weitet sich der Damm zu einer schattigen Piazza im See mit Café, mit Münzfernrohren, mit Münzautos und -raketen für die Kleinen und mit Rundbänken um die stattlichen Ahornbäume und Platanen. Dort sind die Verliebten. Ein Mädchen krault dem Freund den Kopf, der in ihrem Schoß liegt. Ein anderes hat sich auf die Knie des Jungen gesetzt, man schmust und turtelt. Zu Herzen gehen mir die beiden, die bloß da hocken und sich unterhalten. Junge Ungarn, vielleicht Studenten. Sie tragen Sporttrikots. Kurze Hosen. Handschützer. Und an den Füßen – Inlineskates. Ach, Leute, ich beneide euch. Das war mein Plan gewesen: Ich wollte euren schönen, großen See auf Skates umrunden. Seit ein paar Jahren ist der Uferradweg fertig, 210 Kilometer lang, durchgehend asphaltiert, warum es hier also nicht mit Rollschuhen versuchen? Nur das Nötigste in einen kleinen Rucksack, abends spontan ein Gasthaus suchen, ich hatte mich darauf gefreut.

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Radrundfahrt

Der 210 Kilometer lange Rundweg ist gut beschildert, asphaltiert, meistens flach, auch mit Kindern zu empfehlen. Fahrradverleih und -service in größeren Orten

Touranbieter

UTS Touristik Sandor Kakuk (Tel. 0036-309934740, www.balatonradweg.com) bietet eine geführte Fünf-Tage-Radtour mit sechs Übernachtungen, Halbpension, Gepäcktransport und Leihrad für 310 bzw. 410 Euro je nach Hotelkategorie

Auskunft

Ungarische Tourismus AG; Regionalbüro Balaton, www.balaton-tourism.hu

Aber nach der Ankunft am Plattensee regnete es, tagelang. Wege und Wiesen am Ufer waren überschwemmt. Als es endlich aufhörte, war ich zu ungeduldig, probierte es zu früh, an einer abschüssigen Stelle rutschte ich weg und krachte schockierend auf die Hüfte. Nichts gebrochen laut ärztlicher Untersuchung, aber schmerzhafte contusio os ilei – wovon ich hier vor allem wegen der erstaunlichen Rechnung für zwei Stunden im Ortskrankenhaus berichte: Samt Anamnese, Röntgenbild, Diagnose und Verschreibungen zahlte ich, bar, gegen Quittung, umgerechnet 14 Euro. Kein Wunder, dass halb Deutschland zu medizinischen Behandlungen nach Ungarn reist. Schon an den Zubringerstraßen zum Plattensee werben deutschsprachige Schilder für Zahnarztpraxen, Augenärzte, Orthopäden.

Nach drei Tagen konnte ich noch nicht wieder skaten, aber immerhin schmerzfrei Rad fahren. Ich mietete also ein Leihrad, schnallte mein Säcklein auf den Gepäckträger und fuhr in Balatonfüred, dem Hauptort im Nordosten, zur See-Umrundung los. Es wurde höchste Zeit. Mir fiel die Hoteldecke auf den Kopf. Annabella, drei Sterne, 800 Betten. Ein modernisierter Plattenbau an der Uferpromenade. Gut geführt und nicht teuer. Aber allmählich konnte ich das 30-Meter-Frühstücksbuffet, die drängelnden Hundertschaften davor, die Würstchen-, Rührei- und Kuchenberge auf den Tellern morgens um halb neun nicht mehr sehen.

Der Tourismus am Plattensee will den stabilen Magen, das robuste Gemüt. Dafür verzichtet er auf die dicke Brieftasche. Das war so zu Zeiten des Eisernen Vorhangs, als sich ost- und westdeutsche Urlauber am ehesten hier begegnen konnten, im vergleichsweise liberalen Ungarn. Das ist nach meinem Eindruck noch heute so – auch wenn die Tourismusmanager versuchen, mit Wellness, Golf und Boutiquehotels das Image der Seeregion zu heben. Dazu gehört, dass »Plattensee«, das Wort, still verschwinden soll. Es kommt kaum noch vor in Anzeigen und Prospekten. Dabei sind Österreicher und Deutsche nach den Ungarn die größten Urlaubergruppen am See. Aber seien wir ehrlich, unser Name für ihn weckt unschöne Assoziationen. Plattmachen, Plattenbau, platt sein – also bitte. Irreführend ist »Plattensee« auch: Das 80 Kilometer lange Gewässer ist zwar nur drei Meter tief, liegt aber keineswegs in platter Landschaft wie etwa der nahe Neusiedler See. An der Ostspitze gibt es eine kilometerlange Steilküste; das Nordufer mit seinen Weinbergen und Bauerndörfchen zu Füßen alter Vulkankegel lässt eher an die Moseleifel denken als an pannonische Steppenweiten.

Leser-Kommentare
  1. Ungarn ist ein wunderschönes Reiseland. Ich kenne einige Ecken aus meiner Kindheit und Jugend. Für mich als Ostkind bedeutete Ungarn immer Pepsi und andere tolle Westsachen. Der Artikel beschreibt die entspannte Stimmung rund um den Balaton sehr schön. Genau so ist es. Warum also immer nach Spanien oder Italien fahren?

    • Ibsen
    • 24.07.2010 um 10:40 Uhr

    Ich habe die Tour de Balaton schon 2mal mitgemacht, immer bei schönem Sommerwetter. Es war jedes Mal ein Erlebnis. Am Vormittag oder bis zum frühen Nachmittag die Tagesetappe möglichst abtun und dann am Nachmittag Sightseeing, Baden...etc. Wir sind aber immer umgekehrt gefahren, also von Keszthely in Richtung Südufer: Keszthely-Fonyód-Siófok-Balatonfüred-Badacsony-Keszthely (4 Nächte, 5 Tage und ca. 300 km)

    In Tihany unbedingt zur Kirche hinauffahren, für eine(n) Fahrradtouranfänger(in) ist es zwar - wenn es heiß ist - ein wenig anstrengend, aber es lohnt sich wegen des schönen Panoramas (Ungarns schönstes meiner Meinung nach) und am letzten Abend ist ein Besuch bei den Weinwochen in Badacsony jedem zu emfehlen!

    • Ibsen
    • 02.08.2010 um 12:57 Uhr

    ...Männer mit empfindlicher Lendengegend werden an diesem Erlenbis leider leider nicht teilhaben.:-)

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