Radtour in Ungarn Nimm's seichtSeite 3/3

Ein Motorboot fährt über den See

Ein Motorboot fährt über den See

Nach Hévíz, sechs Kilometer nordwestlich vom See-Ende, führt ein Nebenradweg. Das Städtchen ist ein klassisches Heilbad mit Kurhotels und einem eigenen, wunderlichen Thermalsee: rund, 300 Meter Durchmesser, 34 Meter tief, einst ein Vulkankrater. Von seinem Grund schickt eine starke Quelle in jeder Sekunde 420 Liter radioaktives, schwefel- und mineralhaltiges, 36 Grad warmes Wasser nach oben. Man badet hier das ganze Jahr über. Das heißt, man aalt sich, mit Reifen um den Torso, Flügelchen am Arm, treibt mit Würde zu den Haltestangen im See; das Bild ist so bunt wie eine Wanne voller Kinder, doch es liegt Ruhe über dem Wasser. Nach einer Stunde stieg ich gern wieder in den Sattel. Ließ es laufen hinunter nach Keszthely, zurück zum Balaton.

Und jetzt bin ich hier, an der Mole der Verliebten. Es ist jener Sommersonntagnachmittag, wo zwei Paar Inlineskates mich kurz und schmerzlich an etwas erinnern – aber abends bin ich längst weiter und trinke in Badacsony zum Zander guten Wein. Márta Töreky schenkt ein, eine Einheimische mit freundlichen Augen und fehlerlosem Deutsch. Sie arbeitete als Reiseleiterin, bis sie sich ihre Gastwirtschaft nahe dem Fährhafen einrichten konnte. Vor der Wende waren hier von fünf Autos vier deutsche, sagt Frau Márta, »die einfachen Leute kamen, die fühlten sich wohl hier«. Jetzt sieht sie mehr Ungarn.Márta lacht: »Wir haben hier einen bestimmten Ruf.« Ach ja? »Wer was auf sich hält, kommt einmal im Jahr, um sich zu betrinken.«

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Montagmorgen. Mein Kopf ist ein bisschen schwer. Das Museum im Geburtshaus von József Egry, dem Maler des diesigen Balaton-Lichts, hat – montags, klar – geschlossen. Auch ein Fahrradgeschäft mit dem verheißungsvollen Namen Vinociped hat noch zu; mit der Nase am Schaufenster erkenne ich an den aufgereihten Leihrädern keine önologischen Besonderheiten, fühle mich aber veranlasst, heute, am letzten Tag meiner Runde, einen Abstecher zu machen, weg vom See nach Norden, wo er wächst, der Blaustengler, der Grauburgunder, der Rizling vom Plattensee.

Die lange Steigung ins Hinterland tut gut, zur Abwechslung. Keine zehn Minuten liegt der Balaton hinter mir, da ist von Tourismus nichts mehr zu spüren. Kaum Verkehr auf der friedlichen Landstraße, ein Bauer kommt mir entgegen auf einer Art vormodernem Rasentraktor und grüßt. Gelb stehen Weizen und Gerste, gesäumt von blumenbunten Feldrainen, eine Frau erntet Johanniskraut mit der Sichel. In einem weiten Wiesenbecken weidet eine Herde weißer Rinder, schöne Tiere mit elegant geschwungenen Hörnern. Der Stier hat goldene Kügelchen auf den Spitzen. Die Dörfer haben Kirchtürme und heißen Káptalantóti, Mindszentkálla, Szentbékkálla. In Köveskál trinke ich um drei Uhr zu Käse, Brot, Tomaten schon wieder weißen Wein.

Bald danach senkt sich die Straße wieder zum See, in kilometerlangem, fast schnurgeradem Gefälle. Hey, Balaton, da komm ich wieder, schön glitzerst du von hier oben, heut Abend könnt ich zu Hause sein, vielleicht 40 Kilometer noch bis Balatonfüred, zu Hause ist gut, im Hotel Annabella, wo sie auf mich warten, die Inlineskates, hoffentlich sind sie nicht mehr beleidigt. Wow, dieser Wein. Dieser Sommer, dieses Ungarn, ich denke mal an Piroschka, und immer noch rollt es abwärts, wie schnell soll ich es werden lassen, schneller, geht noch, wie juchzt man hierzulande? Au! Jetzt brennt es plötzlich am Rücken wie Zigarettenglut. Der Fahrtwind muss mir eine Wespe unters Trikot geweht haben. Ich bremse ab aus voller Talfahrt, reiße mir das Ding herunter, fuchtle und kratze, und drunten in Zánka trinke ich starken Kaffee. So geht’s manchmal beim Reisen. Man macht sich einen Plan, man ist ein großes Licht. Dann macht man einen zweiten Plan. Vielleicht gehn beide nicht.

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Leser-Kommentare
  1. Ungarn ist ein wunderschönes Reiseland. Ich kenne einige Ecken aus meiner Kindheit und Jugend. Für mich als Ostkind bedeutete Ungarn immer Pepsi und andere tolle Westsachen. Der Artikel beschreibt die entspannte Stimmung rund um den Balaton sehr schön. Genau so ist es. Warum also immer nach Spanien oder Italien fahren?

    • Ibsen
    • 24.07.2010 um 10:40 Uhr

    Ich habe die Tour de Balaton schon 2mal mitgemacht, immer bei schönem Sommerwetter. Es war jedes Mal ein Erlebnis. Am Vormittag oder bis zum frühen Nachmittag die Tagesetappe möglichst abtun und dann am Nachmittag Sightseeing, Baden...etc. Wir sind aber immer umgekehrt gefahren, also von Keszthely in Richtung Südufer: Keszthely-Fonyód-Siófok-Balatonfüred-Badacsony-Keszthely (4 Nächte, 5 Tage und ca. 300 km)

    In Tihany unbedingt zur Kirche hinauffahren, für eine(n) Fahrradtouranfänger(in) ist es zwar - wenn es heiß ist - ein wenig anstrengend, aber es lohnt sich wegen des schönen Panoramas (Ungarns schönstes meiner Meinung nach) und am letzten Abend ist ein Besuch bei den Weinwochen in Badacsony jedem zu emfehlen!

    • Ibsen
    • 02.08.2010 um 12:57 Uhr

    ...Männer mit empfindlicher Lendengegend werden an diesem Erlenbis leider leider nicht teilhaben.:-)

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