Leseverhalten: Geist und Papier
35 Prozent Vielleser stehen 25 Prozent Nichtlesern gegenüber. Die Zahl der Leseakte steigt kontinuierlich, aber der Roman verliert an Bedeutung. Erkenntnisse des Zürcher Medienforschers Heinz Bonfadelli
DIE ZEIT: Herr Bonfadelli, wie hat sich das Leseverhalten im deutschsprachigen Raum verändert?
Heinz Bonfadelli: Die Trends sind nicht auf einen einfachen Nenner zu bringen. Was sicherlich abgenommen hat, ist die Zahl der Bücher pro Jahr, die gelesen werden, aber auch die Anzahl Bücher in den Haushalten. Zudem nimmt das Lesen in kleineren Portionen zu. Auf der anderen Seite ist die Anzahl der Vielleser recht stabil geblieben. Man muss aber auch zwischen den Genres unterscheiden. Beim Sach- und Fachbuch gibt es überhaupt keinen Rückgang, bei Romanen einen leichten. Gleichzeitig wird heute natürlich viel mehr am Bildschirm gelesen, wovon allerdings Romane wenig profitieren.
ZEIT: Das heißt, die Menge der Leseakte steigt in Wahrheit?
Bonfadelli: Ja, die Menge der Leseakte überhaupt zeigt eine steigende Tendenz. Wir leben in einer Informations- und Wissensgesellschaft, und Informationen sind fast immer schriftvermittelt, nicht zuletzt auch im Internet.
ZEIT: Warum starren wir dann immer so gebannt auf das Buchlesen, als hinge unser Heil allein an diesem Medium?
Bonfadelli: Das hat sicher etwas mit den involvierten Akteuren zu tun, den Verlagen, Buchhändlern und Autoren, die in Konkurrenz stehen zu den neuen Medien. Bei jeder Frankfurter Buchmesse wird über die Zukunft des elektronischen Buchs spekuliert. Dabei spielt es für den Lesenden keine Rolle, ob er beziehungsweise sie am Bildschirm liest oder in einem klassischen Buch blättert. Aber wenn ich die Zahlen für die Printlektüre von 2008 nehme, dann haben wir in Deutschland nach wie vor etwa 35 Prozent Vielleser, die mehr oder weniger täglich zu Fach- oder Sachbüchern oder zu Belletristik greifen, das ist etwa ähnlich verteilt. Auf der anderen Seite liegt der Anteil der Nichtleser etwa bei 25 Prozent. Diese Zahlen sind relativ stabil geblieben. Gleichzeitig ist jedoch die Lektüre am Bildschirm sehr stark gestiegen. Aber Untersuchungen wie die der Stiftung Lesen zum Leseverhalten in Deutschland von 2008 fragen nach Büchern, die in der Freizeit gelesen werden.
ZEIT: Sind Sie besorgt um das Leseverhalten?
Bonfadelli: Ich bin nicht besorgt, was den Bereich des Sach- und Fachbuchs betrifft. Aber im Bereich der Belletristik ist die Konkurrenz durch andere Medien stark. Da sind die Leute vielfältig mit anderen Unterhaltungsangeboten konfrontiert.
ZEIT: Das Paradigma des Lesens ist immer das sogenannte gute Buch. Ist das nicht ein bisschen kitschig?
Bonfadelli: Das gute Buch war seit je nur ein kleines Segment im Angebot. Die Absatzzahlen in diesem Segment sind keineswegs rückläufig. Es zeigen sich aber gewisse Umschichtungen. Immer weniger Autoren setzen sich durch, und deren Bücher haben immer größere Auflagen. Die Vielfalt der Titel geht zurück. Kleinere Verlage mit Titeln mit kleineren Auflagen haben es schwer angesichts der Buchkaufhäuser, die auf wenige Titel mit großen Absatzzahlen setzen.
ZEIT: Warum macht die Gesellschaft immer so ein Bohei ums Lesen?
Bonfadelli: Im Vergleich zum Fernsehen liegt die gesellschaftliche Bedeutung des Buchs darin, dass es eine aktive geistige Auseinandersetzung verlangt. Unsere Gesellschaft basiert im Grunde auf Lesekompetenz, auf der Auseinandersetzung mit geistigen Inhalten, die nach wie vor in verschriftlichter Form stattfindet.
ZEIT: Gibt es unterschiedliches Leseverhalten zwischen Männern und Frauen?
Bonfadelli: Ja, Frauen lesen deutlich mehr Belletristik als Männer.





Schön ist die Forderung, die intrinsische Lesemotivation in der Schule zu fördern. Mir wurde die nämlich in der Schule eher verleidet.
Wenn man sich im Deutschunterricht der Mittelstufe durch sogenannte Jugendliteratur quälen muss, finde ich die Motivation auch eher extrinsisch. Spass hat es erst wieder in der Oberstufe gemacht, wo vernünftige Bücher gelesen wurden.
wer in frühen Jahren mit "Die Blechtrommel", "Die Leiden des jungen Wärters" und "Die Räuber" genervt wird, verliert schnell die Lust am lesen. Da ich aus einem Hause komme, wo seit dem ich zurück denken kann viel gelesen wird, (hauptsächlich mütterlicherseits) habe ich natürlich deshalb keine Abneigung entwickelt ;)
wer in frühen Jahren mit "Die Blechtrommel", "Die Leiden des jungen Wärters" und "Die Räuber" genervt wird, verliert schnell die Lust am lesen. Da ich aus einem Hause komme, wo seit dem ich zurück denken kann viel gelesen wird, (hauptsächlich mütterlicherseits) habe ich natürlich deshalb keine Abneigung entwickelt ;)
wer in frühen Jahren mit "Die Blechtrommel", "Die Leiden des jungen Wärters" und "Die Räuber" genervt wird, verliert schnell die Lust am lesen. Da ich aus einem Hause komme, wo seit dem ich zurück denken kann viel gelesen wird, (hauptsächlich mütterlicherseits) habe ich natürlich deshalb keine Abneigung entwickelt ;)
manchmal ein echtesx Verbrechen an der Lesebereitschaft von Schülern.
Und bevor ich hier indelläkduell ;) verprügelt werde möchte ich einfach mal drauf hinweisen, das gerüchtehalber auch lesewürdige Literatur NACH ca. 1910 geben sollte.
Sind zwar noch nicht bequem vorgekaut und durchgequaddelt wie die 08/15 Schullektüren...
Schlechte -im Sinne von "langweilige"- Erfahrungen mit Büchern in der Schule haben nichts mit dem späteren Leseverhalten zu tun. Die meisten haben doch einfach keine Zeit zum Lesen heutzutage - in der Zeit, wo man viel mehr, viel direkter über andere Medien konsumieren kann, das Angebot dafür auch im Überfluss da ist und die neuen Medien bei Freunden der Sorte Discogänger auch nicht so verpönt sind (letzteres wahrscheinlich ursächlich dafür, dass Männer, die ja so cool sein wollen, weniger lesen).
Und "Die Leiden des jungen Werther" oder "Faust" waren eher die von den konservativen Politikern vorgeschriebenen Ausnahmen. Was die Lehrer selbst ausgesucht haben, hat immer Spaß gemacht zu lesen.
Ich wäre froh gewesen, wenn ich in der Schule den "Werther", auch Kafka oder Schiller hätte lesen dürfen. Unsere Lehrer suchten immer langweilige und anspruchslose aber politisch korrekte Literatur aus. Wenigstens nicht Pausewang oder die anderen 68er Schreiber.
Ich wäre froh gewesen, wenn ich in der Schule den "Werther", auch Kafka oder Schiller hätte lesen dürfen. Unsere Lehrer suchten immer langweilige und anspruchslose aber politisch korrekte Literatur aus. Wenigstens nicht Pausewang oder die anderen 68er Schreiber.
Ob ich "intrinsisch" oder extrinsisch" lese, spielt m.E. zunächst mal keine große Rolle. Ich lese! Und das ist eine Beschäftigung, die sich schon allein deshalb lohnt, weil ich ja über die Auswahl meines Buches selbst bestimmen kann - sofern es sich nicht um Schul-, und damit Pflichtlektüre, handelt.
Ob ich nun Simmel oder den "Werther" lese, ist zunächst nicht so wichtig. Dass ich zum Buch greife, dass ich mich gezielt mit dem Inhalt auseinandersetze oder mich meinetwegen auch amüsiere - das macht mich zu einem "Aktionisten".
So wie ich erst das Feilen und Schleifen lernen muss, um eine Werkstück ohne Grat herzustellen, so muss ich auch mit dem Lesen beginnen. Vielleich lese ich sogar die Bücher bzw. Texte, die mich in Schulzeiten gelangweilt oder gar genervt haben, noch einmal. Und mit dem Abstand einiger Jahre rezipiere ich diese Texte u.U. ganz anders als früher. Ich entdecke "viel mehr" in den Zeilen. Und umgekehrt - manches, was ich als "großartig" in Erinnerung hatte, ist heute "merkwürdig verblasst".
Ich lese z.B. gerade "Unser Jahrhundert" von Helmut Schmidt und Fritz Stern. Altherrengeschwafel? Vielleicht; manchmal. Aber zugleich auch sehr interessante Anmerkungen zweier unabhängigen Geister. Die ohne Scheu und Rücksichtnahme sagen können, wie ihre Sicht auf den Zustand dieser Welt aussieht.
Wenn man das Buch liest, versteht man die aktuelle Politikverdrossenheit und den Wunsch nach den "verlorenen Persönlichkeiten" deutscher Innen- und Außenpolitik.
Ich wäre froh gewesen, wenn ich in der Schule den "Werther", auch Kafka oder Schiller hätte lesen dürfen. Unsere Lehrer suchten immer langweilige und anspruchslose aber politisch korrekte Literatur aus. Wenigstens nicht Pausewang oder die anderen 68er Schreiber.
Für mich hat die Schullektüre einen anderen Zweck erfüllt als die private Lektüre: Für die Schule habe ich Bücher gelesen, die ich privat und zur Unterhaltung nie ausgesucht hätte. Aber in der Schule hat man Bücher auch analysiert und dabei gelernt, mit welchen Techniken versierte Autoren umgehen, wie kunstvoll Literatur sein kann und daß man manches nur sieht, wenn man genau hinschaut und die richtigen Fragen stellt. Das hat mir immer viel Spaß gemacht und mich sehr inspiriert. Am privaten Lesen und dem Vergnügen an Büchern, die vielleicht weniger kunstfertig geschrieben waren, mir aber mehr Freude gemacht haben, hat mich das nicht gehindert. - Natürlich spricht nichts dagegen, daß die Schule auch Freude am Lesen vermittelt, und ich hätte einen kreativeren Zugang (erst Tips und Übungen zum Selberschreiben und danach Analyse fremder Werke) reizvoller gefunden. Aber Sinn und Zweck der Schullektüre ist zunächst einmal, Schüler an den Umgang mit kunstfertig gestalteten Werken heranzuführen. Wenn man stattdessen nur versucht, den Schülern Spaß am Lesen zu vermitteln, kommen alle die Schüler zu kurz, die den sowieso schon haben und darüber hinaus etwas lernen wollen, was sich ihnen nicht von selbst erschließt. - Außerdem frage ich mich, wie ein Unterricht praktisch aussehen soll, der ALLEN Schülern Lesevergnügen vermittelt, wo doch in jeder Klasse über 20 Schüler sitzen, die ganz unterschiedliche Interessen und Vorlieben haben.
Sachbücher kann man auch aus intrinsischer Motivation heraus lesen, wenn sie gut geschrieben und leicht lesbar sind und man sich für das Thema wirklich interessiert. Ich glaube auch, daß die meisten SACHbücher aus intrinsischer Motivation gekauft werden. Bei FACHbüchern ist das wieder etwas anderes - aber selbst da kommt intrinsische Lesemotivation gelegentlich vor - bei mir zumindest. Und wer ständig Fachbücher lesen muß, zu deren Lektüre er sich ausschließlich extrinsisch motiviert fühlt, sollte vielleicht darüber nachdenken, ob er nicht im falschen Beruf tätig ist.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren