Leseverhalten Geist und PapierSeite 2/2
ZEIT: Warum ist das so?
Bonfadelli: In den Romanen geht es thematisch oft um soziale Sachverhalte aus dem Alltag und dem Privatbereich, und diese emotionale Anteilnahme interessiert Frauen nach wie vor mehr als Männer. Zum Beispiel gibt es ja auch immer mehr Frauen, die Krimis schreiben. Überhaupt ist das Lesen als Unterhaltung eine Domäne der Frauen. Aber nur wenn man das Lesen als unterhaltend und spannend empfindet, ist man motiviert, mehr zu lesen. Da sind die Frauen gegenüber den Männern im Vorteil. Die Pisa-Studien zeigen, dass nicht nur bei der Lesekompetenz, sondern auch bei dem Thema Lesemotivation die Mädchen bereits deutlich besser abschneiden als die Jungen.
ZEIT: Ist die Lesefähigkeit innerhalb Europas unterschiedlich stark ausgebildet?
Bonfadelli: Wir haben in Europa ein Nord-Süd-Gefälle. Die Zeitungs- und Buchlektüre in den skandinavischen Ländern ist deutlich höher als in Italien, Spanien oder Griechenland.
ZEIT: Ist es ein Problem, wenn das Lesen von Romanen stagniert, aber das von Sach- und Fachbüchern zunimmt?
Bonfadelli: Einerseits ist das gesellschaftlich kein Problem, solange die Lesefähigkeit insgesamt da ist, aber es bedeutet schon eine kulturelle Verarmung, wenn die belletristische Unterhaltungsliteratur immer mehr an Boden einbüßen würde. Aber vielleicht geht von den E-Books eine neue Energie aus. Dass nämlich der Roman die männlichen »Geräte«-Leser gewinnt, wenn er als E-Book daherkommt, das ist ja die Hoffnung der Anbieter. Der Zugang zum Medium spielt für das Leseverhalten eine wichtige Rolle.
ZEIT: Dann sollte das E-Book für die Romanciers ein Hoffnungsschimmer sein?
Bonfadelli: Ich denke schon. Das haben ja manche Autoren auch bereits erkannt.
ZEIT: Was für einen Rat würden Sie der Bildungspolitik geben?
Bonfadelli: Wir brauchen eine aktive Sozialisation zum Lesen – in welchem Speichermedium auch immer. Wir unterscheiden ja zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation. Sachbuchlektüre ist oft nur extrinsisch motiviert. Ich lese Sachbücher, weil es mir in der Schule oder im Beruf abverlangt wird. Während die belletristische Lektüre intrinsisch motiviert ist, da bereitet das Lesen selbst Genuss. Diese intrinsische Motivation müssen wir schon in der Schule pflegen und nach Möglichkeit steigern.
Das Gespräch führte Ijoma Mangold
- Datum 26.07.2010 - 10:46 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.07.2010 Nr. 30
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Schön ist die Forderung, die intrinsische Lesemotivation in der Schule zu fördern. Mir wurde die nämlich in der Schule eher verleidet.
Wenn man sich im Deutschunterricht der Mittelstufe durch sogenannte Jugendliteratur quälen muss, finde ich die Motivation auch eher extrinsisch. Spass hat es erst wieder in der Oberstufe gemacht, wo vernünftige Bücher gelesen wurden.
wer in frühen Jahren mit "Die Blechtrommel", "Die Leiden des jungen Wärters" und "Die Räuber" genervt wird, verliert schnell die Lust am lesen. Da ich aus einem Hause komme, wo seit dem ich zurück denken kann viel gelesen wird, (hauptsächlich mütterlicherseits) habe ich natürlich deshalb keine Abneigung entwickelt ;)
wer in frühen Jahren mit "Die Blechtrommel", "Die Leiden des jungen Wärters" und "Die Räuber" genervt wird, verliert schnell die Lust am lesen. Da ich aus einem Hause komme, wo seit dem ich zurück denken kann viel gelesen wird, (hauptsächlich mütterlicherseits) habe ich natürlich deshalb keine Abneigung entwickelt ;)
wer in frühen Jahren mit "Die Blechtrommel", "Die Leiden des jungen Wärters" und "Die Räuber" genervt wird, verliert schnell die Lust am lesen. Da ich aus einem Hause komme, wo seit dem ich zurück denken kann viel gelesen wird, (hauptsächlich mütterlicherseits) habe ich natürlich deshalb keine Abneigung entwickelt ;)
manchmal ein echtesx Verbrechen an der Lesebereitschaft von Schülern.
Und bevor ich hier indelläkduell ;) verprügelt werde möchte ich einfach mal drauf hinweisen, das gerüchtehalber auch lesewürdige Literatur NACH ca. 1910 geben sollte.
Sind zwar noch nicht bequem vorgekaut und durchgequaddelt wie die 08/15 Schullektüren...
Schlechte -im Sinne von "langweilige"- Erfahrungen mit Büchern in der Schule haben nichts mit dem späteren Leseverhalten zu tun. Die meisten haben doch einfach keine Zeit zum Lesen heutzutage - in der Zeit, wo man viel mehr, viel direkter über andere Medien konsumieren kann, das Angebot dafür auch im Überfluss da ist und die neuen Medien bei Freunden der Sorte Discogänger auch nicht so verpönt sind (letzteres wahrscheinlich ursächlich dafür, dass Männer, die ja so cool sein wollen, weniger lesen).
Und "Die Leiden des jungen Werther" oder "Faust" waren eher die von den konservativen Politikern vorgeschriebenen Ausnahmen. Was die Lehrer selbst ausgesucht haben, hat immer Spaß gemacht zu lesen.
Ich wäre froh gewesen, wenn ich in der Schule den "Werther", auch Kafka oder Schiller hätte lesen dürfen. Unsere Lehrer suchten immer langweilige und anspruchslose aber politisch korrekte Literatur aus. Wenigstens nicht Pausewang oder die anderen 68er Schreiber.
Ich wäre froh gewesen, wenn ich in der Schule den "Werther", auch Kafka oder Schiller hätte lesen dürfen. Unsere Lehrer suchten immer langweilige und anspruchslose aber politisch korrekte Literatur aus. Wenigstens nicht Pausewang oder die anderen 68er Schreiber.
Ob ich "intrinsisch" oder extrinsisch" lese, spielt m.E. zunächst mal keine große Rolle. Ich lese! Und das ist eine Beschäftigung, die sich schon allein deshalb lohnt, weil ich ja über die Auswahl meines Buches selbst bestimmen kann - sofern es sich nicht um Schul-, und damit Pflichtlektüre, handelt.
Ob ich nun Simmel oder den "Werther" lese, ist zunächst nicht so wichtig. Dass ich zum Buch greife, dass ich mich gezielt mit dem Inhalt auseinandersetze oder mich meinetwegen auch amüsiere - das macht mich zu einem "Aktionisten".
So wie ich erst das Feilen und Schleifen lernen muss, um eine Werkstück ohne Grat herzustellen, so muss ich auch mit dem Lesen beginnen. Vielleich lese ich sogar die Bücher bzw. Texte, die mich in Schulzeiten gelangweilt oder gar genervt haben, noch einmal. Und mit dem Abstand einiger Jahre rezipiere ich diese Texte u.U. ganz anders als früher. Ich entdecke "viel mehr" in den Zeilen. Und umgekehrt - manches, was ich als "großartig" in Erinnerung hatte, ist heute "merkwürdig verblasst".
Ich lese z.B. gerade "Unser Jahrhundert" von Helmut Schmidt und Fritz Stern. Altherrengeschwafel? Vielleicht; manchmal. Aber zugleich auch sehr interessante Anmerkungen zweier unabhängigen Geister. Die ohne Scheu und Rücksichtnahme sagen können, wie ihre Sicht auf den Zustand dieser Welt aussieht.
Wenn man das Buch liest, versteht man die aktuelle Politikverdrossenheit und den Wunsch nach den "verlorenen Persönlichkeiten" deutscher Innen- und Außenpolitik.
Ich wäre froh gewesen, wenn ich in der Schule den "Werther", auch Kafka oder Schiller hätte lesen dürfen. Unsere Lehrer suchten immer langweilige und anspruchslose aber politisch korrekte Literatur aus. Wenigstens nicht Pausewang oder die anderen 68er Schreiber.
Für mich hat die Schullektüre einen anderen Zweck erfüllt als die private Lektüre: Für die Schule habe ich Bücher gelesen, die ich privat und zur Unterhaltung nie ausgesucht hätte. Aber in der Schule hat man Bücher auch analysiert und dabei gelernt, mit welchen Techniken versierte Autoren umgehen, wie kunstvoll Literatur sein kann und daß man manches nur sieht, wenn man genau hinschaut und die richtigen Fragen stellt. Das hat mir immer viel Spaß gemacht und mich sehr inspiriert. Am privaten Lesen und dem Vergnügen an Büchern, die vielleicht weniger kunstfertig geschrieben waren, mir aber mehr Freude gemacht haben, hat mich das nicht gehindert. - Natürlich spricht nichts dagegen, daß die Schule auch Freude am Lesen vermittelt, und ich hätte einen kreativeren Zugang (erst Tips und Übungen zum Selberschreiben und danach Analyse fremder Werke) reizvoller gefunden. Aber Sinn und Zweck der Schullektüre ist zunächst einmal, Schüler an den Umgang mit kunstfertig gestalteten Werken heranzuführen. Wenn man stattdessen nur versucht, den Schülern Spaß am Lesen zu vermitteln, kommen alle die Schüler zu kurz, die den sowieso schon haben und darüber hinaus etwas lernen wollen, was sich ihnen nicht von selbst erschließt. - Außerdem frage ich mich, wie ein Unterricht praktisch aussehen soll, der ALLEN Schülern Lesevergnügen vermittelt, wo doch in jeder Klasse über 20 Schüler sitzen, die ganz unterschiedliche Interessen und Vorlieben haben.
Sachbücher kann man auch aus intrinsischer Motivation heraus lesen, wenn sie gut geschrieben und leicht lesbar sind und man sich für das Thema wirklich interessiert. Ich glaube auch, daß die meisten SACHbücher aus intrinsischer Motivation gekauft werden. Bei FACHbüchern ist das wieder etwas anderes - aber selbst da kommt intrinsische Lesemotivation gelegentlich vor - bei mir zumindest. Und wer ständig Fachbücher lesen muß, zu deren Lektüre er sich ausschließlich extrinsisch motiviert fühlt, sollte vielleicht darüber nachdenken, ob er nicht im falschen Beruf tätig ist.
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