Förderprogramme Sie schaffen es
Das Projekt "Stark!" hilft Kreuzberger Schülern, ihren eigenen Weg zu finden
Heute Morgen hat Habib ein neues Wort gelernt. »Was bedeutet eigentlich Überzeugung?«, hat er Aaron gefragt, der neben ihm in der Bank saß. »Du isst kein Schweinefleisch, richtig?«, hat Aaron geantwortet, und als Habib nickte, fuhr Aaron fort: »Und warum nicht?« – »Weil ich Muslim bin.« – »Richtig«, sagte Aaron. »Genau das ist eine Überzeugung.« Natürlich hat Habib auch diese Erklärung in den dicken Block geschrieben, den er überall mit sich herumschleppt, den er Tag für Tag mit unbekannten Wörtern füllt, die ihm begegnen, mit Merksätzen und Listen von Dingen, die er unbedingt lernen und ausprobieren will.
Habib ist keiner von diesen Einserabiturienten türkischer oder arabischer Abstammung, die hin und wieder durch die Schlagzeilen geistern. Die eines der begehrten Migrantenstipendien bekommen, mit denen sich dann die deutsche Gesellschaft schmückt, als sei es ihrer Integrationsleistung und nicht der Hochbegabung einiger zu verdanken, dass sich solche Erfolgsgeschichten zutragen. Habib, 17 Jahre alt, ist Hauptschüler. Er geht auf die Carl-Friedrich-Zelter-Oberschule in einer der ärmsten Ecken von Berlin-Kreuzberg, seine Eltern stammen aus Palästina und dem Libanon. Wenn Habibs Gegend in Zeitungen vorkommt, dann meistens als Zuhause jener Bildungsverlierer, deren Stigma seit ein paar Jahren vermeintlich politisch korrekt mit »Migrationshintergrund« umschrieben wird. Gerade erst wieder hat der Bildungsbericht von Bund und Ländern alarmierende Zahlen geliefert: 30 Prozent der jungen Migranten unter 30 haben keinen Berufsabschluss – sind aber auch nicht mehr in der Ausbildung. Das sind fast doppelt so viele wie im Schnitt aller jungen Menschen in Deutschland. Und so schreiben die Zeitungen wieder, dass die Brennpunktschulen der Städte jedes Jahr Zehntausende Verlierer ausspucken – angeblich ohne Chance auf einen Ausbildungsplatz, mit lebenslangem Abo auf Hartz IV.
Doch die Gleichung Migrant gleich Bildungsverlierer ist genauso Klischee, wie es Berichte sind über Einserabiturienten. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Und zu dieser Wahrheit gehört Habib: Wenn er redet, verschluckt er gern ein paar Silben, vor allem wenn er aufgeregt ist. Dann klingt er wie der typische Ausländer, findet er selbst, und das ärgert ihn. Als er in die 7. Klasse kam, wollten sie ihn auf eine Sonderschule schicken, weil er kaum lesen konnte und sieben Fünfen im Zeugnis hatte. »Da habe ich gedacht, das will ich nicht«, sagt Habib, und weil er das nicht wollte, hat er angefangen zu lernen. Hört sich einfach an. Doch bei einem arabischstämmigen Jungen in Kreuzberg, mit alleinerziehender Mutter und drei Geschwistern in der Sozialwohnung, mit keinem Rollenvorbild weit und breit, ist eine größere Leistung als das Zweierzeugnis, zu dem er sich heraufgearbeitet hat, kaum denkbar.
Alle zwei Monate gibt es 50 Euro, davon sollen sie sich Bücher kaufen
Bis vor Kurzem lag Habib im toten Winkel aller Förderprogramme: Stipendien für Hauptschüler, noch dazu für solche mit nicht weiter eindrucksvollen Noten? Fehlanzeige. Dann hat sein Schulleiter mit der Hertie-Stiftung eine deutschlandweit einmalige Initiative gestartet, die von Bewerbern keine herausragenden Leistungen verlangt, sondern vor allem eines: Motivation. Die den Leistungswillen von Hauptschülern in Zusammenhang stellt mit ihrer Herkunft. »Stark!« heißt das Programm, und »stark!« steht auch auf den roten Kugelschreibern, die Ulrich Rüssing an diesem Morgen unter den neun Stipendiaten austeilt. Jeden Kuli ziert der Name seines Besitzers, das wirkt ein bisschen kitschig, ist aber sehr wirksam. »Unsere Stipendiaten empfinden es als Ehre, dabei zu sein«, sagt Rüssing. »Allein die Tatsache, dass sie dazugehören, dass sie in ihrem Willen erkannt worden sind, ist eine wesentliche Belohnung für sie.«
Rüssing ist das, was sie im Stiftungsjargon einen »hauptamtlichen Bildungscoach« nennen. Wenn der junge Politikwissenschaftler, der nie Lehrer werden wollte, über den Schulhof spaziert, muss er nicht lange nach seinen Stipendiaten suchen. Sie suchen ihn. Dann erzählt er ihnen von neuen Projektideen, die er hat, von dem Theaterworkshop oder dem Motivationsseminar auf dem Reiterhof. Manchmal gehen sie zusammen essen, einige von ihnen, erzählt Rüssing, hätten mit ihm »zum ersten Mal in ihrem Leben ein Restaurant von innen gesehen«. Vor allem aber treffen sie sich regelmäßig mit ihren persönlichen Mentoren. Ein ehemaliger Hochschullehrer ist darunter, eine Studentin. Die Hausbesuche bei ihren Mentoren sind Aha-Erlebnisse für die Jugendlichen, etwa wenn sie zum ersten Mal vor einer Bücherwand stehen oder den Uni-Dozenten mit Ehrfurcht in der Stimme fragen, ob er tatsächlich Abi habe. Und genau um diese Aha-Erlebnisse geht es. »Wir arbeiten mit Jugendlichen zusammen, denen es besonders schwerfällt, für sich eine eigene Perspektive zu entwickeln – vor allem, weil es in ihrer Umgebung an Vorbildern mangelt, an denen sie sich orientieren können«, sagt Antje Becker, Geschäftsführerin der Hertie-Stiftung. Die Begegnung mit den so anderen Lebenswelten der Mentoren geht einher mit ganz alltäglichen Dingen: dem gemeinsamen Erledigen der Hausaufgaben, dem Erzählen vom zurückliegenden Schultag, dem Diskutieren von Plänen.
Und wenn die Leistung stimmt, bekommen die Stipendiaten ein Taschengeld ausgezahlt: 50 Euro alle zwei Monate. »Damit kein Missverständnis aufkommt«, sagt Rüssing, »anschließend müssen sie Rechenschaft darüber abgeben, was sie mit dem Geld angefangen haben.« Bücher sollen sie sich kaufen, einen neuen Computer abstottern oder auch mal ins Kino gehen.
Kürzlich saß Rüssing im Lehrerzimmer und brütete über der Frage, wie er seine neun Stipendiaten zum Schreiben bringen kann. Das Ergebnis ist der Stapel schwarzer Kladden. »Ich habe euch Notizbücher mitgebracht«, ruft er und wirft sie den Jugendlichen auf ihre Tische. »Ich habe schon eins«, sagt Habib leise. »Ja«, sagt Rüssing. »Aber in diesem werdet ihr von jetzt an regelmäßig Tagebuch schreiben.« – »Wie schreibt man Tagebuch?«, fragt Habib. »Jeder so, wie er will. Ich lese es nicht. Aber ich kontrolliere, ob ihr regelmäßig was reinschreibt.«
Ein leichtes Grummeln geht durch den Raum. Nur einer grinst: Aaron, der blonde Junge mit den freundlichen Augen, der sich sehr gewählt ausdrücken kann – wohl weil er wegen einer chronischen Krankheit so viel Gesprächszeit mit allen möglichen Ärzten verbracht hat. Das ist zumindest seine Vermutung. Seine Krankheit ist auch der Grund, warum Aaron so viel Schule verpasst hat, dass er am Ende auf der Hauptschule gelandet ist. Jetzt kommt er in die 9. Klasse, und wenn man zu den 15 Prozent Schülern mit rein deutschen Wurzeln gehört, trägt einem das auf dem Schulhof hin und wieder ein gezischtes »du deutsche Kartoffel« ein. Aaron stört das nicht weiter. Er formuliert auch gern mal drastisch. »Die Zehntklässler haben nur Scheiße im Hirn«, sagt er. »Die lassen die Prolls raushängen und machen sich null Gedanken um ihre Zukunft.« Habib nickt beifällig. Nurefsan ergänzt: »Die denken, wenn man sich um seine Zukunft kümmert, kann man keinen Spaß mehr haben.« Zukunft ist so eine Art Zauberwort für die neun Stipendiaten. Sie wollen »etwas aus ihrer Zukunft machen«, sagen die neun unisono, fast wie auswendig gelernt. Aaron sagt, dass er später Sanitäter werden will und Rettungstaucher, Nesrin Flugbegleiterin, ihre Klassenkameradin Nurefsan sieht schon weiter, sie will sich in ein paar Wochen an einem Oberstufenzentrum anmelden und später Psychologie studieren.
Es gehe ihnen um die »auffällig Unauffälligen«, sagt Ulrich Rüssing. Und: »Das Ziel gelungener Integration heißt nicht, dass am Ende auf jeden Fall das Abitur steht.« Tatsächlich besteht der größte Unterschied zu den klassischen Stipendienprogrammen darin, dass der Erfolg der Stipendiaten nicht im Voraus definiert und erst recht nicht vorprogrammiert ist. Darum spricht die Hertie-Stiftung lieber von einem »Projekt« und von »Projektteilnehmern«. Hertie-Geschäftsführerin Becker sagt: »Wir möchten die Jugendlichen darin unterstützen, dass sie ihre Interessen und Potenziale erkennen und mit dem daraus gewonnenen Selbstvertrauen eine Erwerbstätigkeit anstreben.« Drei Jahre lang werden sie begleitet, in der Regel die letzten zwei Schuljahre und dann in die Ausbildung hinein. Nach dem gelungenen Start in Berlin wird das Programm demnächst auf zwei weitere Schulen in Frankfurt am Main und Mannheim erweitert.
»Wer die Chance nicht nutzen will, muss gehen«
Die erste Hürde, um gefördert zu werden, mag sich für Außenstehende trivial anhören, für den Großteil der Zelter-Schüler war sie bereits zu hoch: Sie sollten sich aus eigenem Antrieb bewerben und einen Aufsatz einreichen, in dem sie ihre Motivation begründen. »Auf die Rechtschreibung kam es uns dabei am wenigsten an«, sagt Rüssing. »Um Teil des Projekts zu sein und zu bleiben, müssen die Schüler glaubhaft machen, dass sie etwas mit ihrem Leben anfangen wollen.« Das kann schiefgehen. Einer der anfangs zehn Stipendiaten ist mangels Engagement wieder draußen. »Zu Recht«, sagt Aaron. »Wer die Chance, die ihm geboten wird, nicht nutzen will, muss gehen.« Nurefsan sagt: »Man kann nicht alles mit den bösen Eltern und dem schwierigen Zuhause begründen. Jeder trägt für sich selbst Verantwortung.«
Wenn solche harten Sätze kommen, kontert der Schulleiter seinen Hoffnungsträgern mit Star Wars. »Ihr seid die Jedi-Ritter hier«, sagt Robert Hasse dann, dessen Schule zum neuen Schuljahr mit der benachbarten Realschule fusioniert. »Ihr sollt nicht vor den anderen angeben, und ihr sollt euch nicht über sie erheben.« Vielleicht ist es aber so, dass ein bisschen Abgrenzung sein muss, weil es hier allzu leicht ist, in alte Gewohnheiten zurückzufallen. »Man wird ganz schnell wie die anderen«, sagt Nurefsan. »Wenn die im Unterricht stören, störst du automatisch mit.«
Habib macht in der Küche des Marriott-Hotels am Potsdamer Platz ein Dauerpraktikum. Seit Kurzem weiß er, dass er in einem anderen Hotel in der Nähe eine Lehrstelle bekommen hat. Seitdem ärgert ihn noch mehr, dass er wegen des Jugendschutzgesetzes nicht volle acht Stunden bleiben darf. »Ich habe selten jemanden erlebt, der einen so unbedingten Lernwillen hatte wie Habib«, sagt Rüssing. Zwei Seiten seines Blocks hat er mit den Begriffen vollgeschrieben, die er gestern in der Küche gelernt hat. Jetzt weiß er, was eine Kaltmamsell ist und ein Saucenkoch, er kennt die verschiedenen Sorten der Kresse und allerlei Gemüsesorten, die er vorher nicht benennen konnte.
»Ich werde Koch«, sagt Habib mit Gewissheit im Blick. Ach ja, und außerdem will er Musiker werden, am liebsten natürlich ein Star. »Dafür muss ich noch die Musikrichtungen lernen, ein Instrument und das Notenlesen.« Warum nicht. Es wäre keine größere Herausforderung als jene, die er gemeistert hat.
- Datum 28.07.2010 - 16:01 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.07.2010 Nr. 30
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Ich wünsche den neun alles Gute!! Liebe Zeit, schöner Artikel. Hoffentlich werden es mehr Jugendliche, denen eine Perspektive geboten werden kann. Der Artikel zeigt, wie man mit entsprechender Betreuung etwas erreichen kann.
Das Argument "zu teuer" zieht auch nicht wirklich: Wenn zum Beispiel Habib seinen Weg geht und Koch wird, wird er, sofern er nicht arbeitslos wird, irgendwann einer derjenigen sein, die mit ihren Steuern den Staat finanzieren. Umgekehrt geben wir viel zu viele Kinder und Jugendliche frühzeitig auf, die dann den Staat, Hartz-IV-stigmatisiert, immense Kosten verursachen. Frühzeitige Förderung wäre also in jedem Falle lohnend, nicht nur sozialethisch, sondern auch ökonomisch.
Ein schönes Beispiel für für eine kleine aber feine Förderungsmaßnahme jenseits quotenbringender Klischees. Ich wünsche vor allem dem Mädchen, das Psychologie studieren möchte, viel Glück. Wir brauchen dringend mehr türkisch- und arabischsprachige Psycholgen.
solche wunderschönen Berichte waren doch eigentlich erst nach dem 16.08.2010 zu erwarten gewesen.
Der kalkulierte PR-Knaller von Frau Ö. funktioniert, auch ohne Unterschrift. Das nennt man zielführend.
Manche Migranten werden auf Hauptschulen gefördert, und manche sind auf Schulen, wo wegen der vielen Teilzeitkräfte, wenig pädagogisch geschulten Lehrern und ideologisch geprägten politisch Verantwortlichen nur Mindestmass in Unterricht und Fördermassnahmen angeboten wird.
Manche Deutsche werden auf Hauptschulen gefördert und manche sind auf Hauptschulen, wo wegen der vielen Teilzeitkräfte wenig pädagogisch geschulten Lehrern und ideologisch geprägten politisch Verantwortlichen nur Mindestmass in Unterricht und Fördermassnahmen angeboten wird.
Jeder trägt für sich selbst Verantwortung. Schön, endlich mal eine männliche Lehrkraft von der man pädagogische Einsichten hört. (Im Bus ist immer mehr Ruhe bei Ausflügen sowohl bei Jungs und auch bei Mädchen, wenn eine männliche Aufsichtsperson dabei ist)
Aber ich wüsste nicht, wieso diese Einsicht an Staatsbürgerschaft oder Herkunft gebunden sein sollte. Es dürfte manchen deutschen Eltern genau so schwer fallen, das zu vermitteln, wenn die Kinder auf einer Schulform sind, die man gemäß der öffentlichen Meinung alle mit dem Schild "Last Exit Brooklyn" versehen könnte.
Das war herrlich, hoffentlich lesen viele Ihren Kommentar. Ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden.
Das war herrlich, hoffentlich lesen viele Ihren Kommentar. Ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden.
Das macht Spaß zu lesen. Auch ohne "Mediencharta".
Viel Erfolg dem Projekt!
Hatem
Nurefsan sagt: »Man kann nicht alles mit den bösen Eltern und dem schwierigen Zuhause begründen. Jeder trägt für sich selbst Verantwortung.«
Bravo Nurefsan !!
Ich würde mir sehr wünschen, dass diese sehr wahren Worte in das Bewußtsein von Medien, Politik und Gesellschaft dringen würden.
Das war herrlich, hoffentlich lesen viele Ihren Kommentar. Ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden.
Ein tolles Projekt, das jede mögliche Unterstützung verdient!
In dem Artikel wird erwähnt, dass ein ähnliches Projekt nun auch an einer Frankfurter und einer Mannheimer Schule gestartet werden soll. Kann jemand hierzu etwas sagen, um welche Schule in Mannheim es sich handelt? Ich würde mich evtl. auch engagieren wollen (als Mentor o.ä.). Danke!
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