Wer den "Bauhofprozess" vor dem Landgericht Siegen erlebt hat, der fährt nie mehr gedankenlos an jenen Männern vorüber, die mit Schaufel und Rechen am Straßenrand stehen. Die mit Sägen in den Händen auf Hebebühnen hantieren und hoch oben in den Baumkronen verdorrte Äste kappen, damit sie nicht auf die Fahrbahn stürzen. Die die Anpflanzungen auf den Verkehrsinseln wässern oder mit schwerem Gerät den Winterdienst verrichten.

Am 8. Juli 2008 gegen neun Uhr morgens verriegelt Bernd Decker, ein junger Gärtner aus dem Bauhof der Kleinstadt Hilchenbach im Siegerland, tränenüberströmt das Führerhaus eines städtischen Kleinlasters von innen und ruft mit dem Handy seine Mutter an. Er befinde sich jetzt auf dem Friedhof, sagt er, und könne sich vor Schmerzen kaum rühren. Heute Morgen sei er von seinem älteren Kollegen Frieder im Bauhofgebäude geprügelt worden. Beim Betreten der Halle 4 habe der ihn mit blutunterlaufenen Augen angestarrt, einen Heurechen ergriffen und diesen ohne Grund auf Decker zertrümmert. Mit dem Reststück des Stiels habe er ihm noch auf den Kopf und ins Gesicht gedroschen, und jetzt tut alles weh. Die Mutter drängt: "Komm doch gleich heim!" Davon aber will der Sohn nichts wissen, im Gegenteil – niemand soll von seiner Not erfahren. "Versprich mir", beschwört er die Mutter, "dass du keiner Seele was erzählst."

Doch die Mutter hält sich nicht daran, sie ruft sofort Deckers Vorgesetzte an und macht ihnen Vorwürfe: "Seit wann wird auf dem Bauhof geschlagen?" Als ihr Sohn am Nachmittag davon erfährt, gerät er außer sich und schreit: "Weißt du überhaupt, was du da getan hast?" Dann bricht er zusammen, legt den Kopf auf den Tisch und schluchzt: "Jetzt bringen sie mich um. Die schlagen mich doch schon seit Jahren." So erfährt die Witwe Decker vom stillen Leiden ihres Jungen. Zum ersten Mal erzählt er nun, dass er von vier seiner Kollegen seit Langem gedemütigt, geschlagen, gequält und bedroht wird. Die Kriminalpolizei wird später allein für die Jahre 2006 bis 2008 sage und schreibe 146 zum Teil massiv sadistische Nötigungs- und Körperverletzungsdelikte auflisten und von sich immer weiter steigernden "Folterhandlungen" sprechen. 60 dieser Taten klagt die Staatsanwaltschaft Siegen schließlich an.

Zwei Jahre später – nachdem die Mutter Krach geschlagen und die Stadt Hilchenbach Anzeige erstattet hat – sitzen die vier Kollegen auf der Anklagebank im Landgericht. Keiner von ihnen darf mehr auf dem Bauhof arbeiten. Sie schweigen zu den Vorwürfen oder bestreiten sie.

Da ist Frieder S., ein korpulenter Mann um die fünfzig mit grauem Stoppelbart: Er ist alleinstehend, galt als kompetentester Gärtner in der Kommune und ist der Rädelsführer der Truppe. Frieder S. räumt lediglich die – auch anderen Bauhofarbeitern nicht verborgen gebliebene – Prügelszene vom 8. Juli 2008 ein. Was er sagt, ist kaum zu verstehen. Er nuschelt, man habe eben mal "geeselt und gekalbert", also gekabbelt, geschubst oder spaßhaft miteinander gerungen. Aber dies alles sei nicht ernst gemeint gewesen, bloß Jux. "Es war wie bei jungen Bullen auf der Weide", ergänzt sein Verteidiger, ein pensionierter Strafrichter, beschwichtigend. "Wurde von Ihnen jemals ein Stock oder Knüppel gegen Bernd Decker verwendet?", fragt der Staatsanwalt. "Nein, nie", kommt es von Frieder S. "Warum schlugen Sie am 8. Juli dann so heftig zu?", fragt der Staatsanwalt. Frieder S. schweigt. "Sie zerschlagen ohne jede Vorgeschichte einfach einen Rechen auf einem Kollegen." – "Das war ein ganz normaler Schlag", brummt Frieder S.

Neben ihm sitzt Uwe K., Familienvater, dreißig Jahre lang Kommunalarbeiter beim Bauhof. Ihm wird vorgeworfen, Frieder S. bei den Misshandlungen des Bernd Decker tatkräftig unterstützt zu haben. Er wird nichts sagen und erst am Ende der Hauptverhandlung schwören, dass er den jungen Gärtner nicht angerührt hat.

Dahinter der gewaltige Edwin B. (siehe dazu die Anmerkung der Redaktion am Ende des Textes), Mitglied bei der Feuerwehr – er soll nicht selbst zugeschlagen, aber das Opfer fixiert haben, damit die anderen es traktieren konnten. Edwin B. beruft sich auf sein Recht zu schweigen. 

Und Jürgen M., der kleine, schmale Meister mit dem Oberlippenbart. Auch er soll Decker nicht selbst geprügelt, allerdings die Quälereien schmunzelnd gebilligt haben. Jürgen M., der Kolonnenführer, ist das schwächste Glied in der Kette. Bei der Polizei hatte er bereits ein Teilgeständnis abgelegt, das er später widerrief. Jetzt sagt er: "Die Tatvorwürfe stimmen nicht." 

»Beim Adolf wärste vergast worden«, sagten die Täter dem Opfer ins Gesicht

"Beim Adolf wärste vergast worden", sagten die Täter dem Opfer ins Gesicht

Also lässt das Gericht im verdunkelten Saal die Videovernehmung des Opferzeugen Bernd Decker abspielen: Im Film erscheint ein linkischer junger Mann im Strickpulli, der hinter seiner Brille stark schielt. Die Aufnahme stammt aus dem Bauhof, im Hintergrund stapeln sich Sandsäcke und allerhand Werkzeug. Der junge Mann läuft aufgeregt in der Halle auf und ab, gestikuliert und fuchtelt und demonstriert, wie er mit Ketten gefesselt, mit Stöcken geprügelt, erniedrigt und misshandelt wurde: Bumm, bumm, kommentiert er seine in die Luft geführten Schläge mit dem Knüppel.

Warum er so lange geschwiegen habe, fragt ihn der Kommissar aus dem Off. "Wer hätte mir denn geglaubt?", ruft Decker. Seine überlaute Stimme trägt die Frage hinein in die große Halle 4, und die Wände werfen sie zurück. Dann erzählt der Zeuge aufgebracht, wie seine vier Widersacher ihm auflauerten, um sich unbeobachtet an ihm abzureagieren. Manchmal – wenn er irgendwo im abgelegenen Gehölz oder in der Einsamkeit der Friedhöfe arbeitete – hätten sie regelrechte "Lustfahrten" zu ihm hin unternommen, um ihn ungestört malträtieren zu können. Zwei hätten ihn festgehalten, ihm die Arme mit Ketten "auseinandergerissen", und einer – vornehmlich Frieder S., aber auch Uwe K. – habe sich dann verausgabt: mit der Faust, mit Knüppeln, mit Ruten. Auf den Rücken prügelten sie, die Brust und die Knie. Decker greift nach einem Prügel und drischt auf einen Spind ein: Bumm, bumm, bumm.

Das Licht ist kaum angegangen, da gibt Frieder S.’ Verteidiger schon eine Stellungnahme ab: Bernd Deckers Aussage sei überzogen und strotze vor Übertreibungen. "Wenn es nicht so ernst wäre", bilanziert der Exrichter kopfschüttelnd, "würde ich sagen, wir sahen soeben ein Stück aus dem Kabarett." Dieser Kommentar ist alles andere als angebracht, denn den Prozessbeteiligten liegt ein psychiatrisches Gutachten vor, in dem das befremdliche Benehmen des Zeugen – sein hemmungsloser Redeschwall, sein vehementes Auftreten und seine unkontrollierte Impulsivität – erklärt wird.

Der Berliner Nervenarzt Steffen Lau hat Bernd Decker im Auftrag der Staatsanwaltschaft Siegen untersucht und dessen Verhalten als typisch für gehirnverletzte Personen diagnostiziert. Der Opferzeuge war als Sechsjähriger mit dem Rad unters Auto gekommen und dabei so schwer verletzt worden, dass er beinahe gestorben wäre. Sechs Wochen lag das Kind im Koma, vier Jahre dauerte die Rehabilitation. Seither leidet Bernd Decker nicht nur an einer unfallbedingten Fehlstellung der Augen, sondern auch an einem hirnorganischen Psychosyndrom. Das bedeutet: Er ist verlangsamt, seine Konzentrationsfähigkeit ist reduziert, seine Bewegungen wirken durch eine leichte Spastik grob und ungeschickt, und er kann seine "Exekutivfunktionen" nur eingeschränkt kontrollieren. Das bedeutet: Deckers Assoziationen und Gefühle drängen fast ungefiltert aus ihm heraus. Deshalb wirkt sein Auftreten auf Fremde eigenartig und skurril. Allerdings hat der Psychiater noch etwas festgestellt: Weder die Intelligenz noch die Wahrnehmungsfähigkeit des Zeugen wurden durch die Hirnquetschung in Mitleidenschaft gezogen, auch nicht sein Gedächtnis. Dass Decker genau weiß, was er erlebt und was er spricht, steht für den Psychiater außer Frage.

Als der junge Gärtner persönlich vor dem Landgericht Siegen erscheint, wird schnell klar, dass er keineswegs der übergeschnappte Märchenerzähler ist, als den ihn die Angeklagten gerne hingestellt hätten, sondern ein für sie außerordentlich gefährlicher Zeuge. Gerade seine Naivität, die kindliche Ausdrucksweise und der völlige Mangel an Raffinesse verleihen seiner Aussage – unterstrichen noch durch die Unbeholfenheit seines Auftritts – einen fürchterlichen Ernst. Neun Tage lang vernimmt das Gericht den 29-Jährigen, und hervor tritt das Schicksal eines Jungen, der aufgrund seiner Behinderung ein Leben lang gehänselt oder ausgegrenzt wurde und der sich gleichzeitig nichts sehnlicher wünschte, als normal zu sein und dazuzugehören. Der die Niedertracht seiner Mitmenschen schweigend aushielt, weil er sich schämte, nicht auffallen wollte und immerzu hoffte, eines Tages doch noch Anerkennung zu finden. Deckers Zeugenaussage zeigt aber auch: Das ewige Opfer kann eines Tages zum Kämpfer werden. Am 8. Juli 2008 mit der Offenbarung am Küchentisch war Deckers Leidensfähigkeit erschöpft. Er hörte auf, sich wegzuducken, und beschloss, sich seinen Gegnern entgegenzustellen – auch wenn es vier sind und er allein ist.

Decker war es seit je gewohnt, Menschen gegen sich zu haben. Schon im Gymnasium, auf dem er es zunächst versuchte, sei er verspottet worden, erzählt er: "Spasti", riefen die Kinder, "Vollidiot!" In der Realschule, auf die er bald wechselte, spuckten sie nach ihm. Erst auf der Hauptschule habe er Ruhe und ein paar Freunde gefunden, weil: "Da hat jeder einen Fehler." Als Gärtnerlehrling in Hilchenbach sei er von Anfang an missachtet worden, gelernt habe er kaum etwas. Gleich am ersten Tag habe der Platzhirsch Frieder S. ihm ins Gesicht geschlagen – einfach so. Und einer der Vorgesetzten habe dazu gelächelt und festgestellt: "Bei uns gehen die Uhren noch anders."

Wenn er die erfahreneren Gärtner nach dem Namen bestimmter Baumarten fragte, gab es dumme Antworten: "Das ist ein Vogelsitzbaumholz." Als Lastenschlepper sei er missbraucht worden, unsinnige und erniedrigende Arbeiten hätten sie ihm aufgetragen: Laub rechen bei 30 Zentimeter Schnee. Bäume bei Minusgraden in die gefrorene Erde pflanzen. Kopfschüttelnd und grinsend seien die Passanten an ihm vorübergezogen. Manchmal hätten die Kollegen ihn auch gezwungen, auf dem Marktplatz laut zu brüllen: "Ich bin ein Nichts!" Oder sie hätten ihn verhöhnt: "Schau dich doch an mit deinem schepsen Auge. Beim Adolf wärste vergast worden. Da hätt’s geheißen: Goldzähne raus und einmal duschen." Decker hat daraufhin seinen Großvater gefragt, ob es stimme, dass Menschen wie er selbst in der NS-Zeit vernichtet worden seien, der Opa tröstete ihn: "Dich hätten sie nicht vergast, du bist ja nicht so geboren."

Decker spricht und spricht und spricht. All das aufgestaute Ungesagte bricht aus ihm heraus. Er schildert, wie die Aversion gegen ihn sich nach und nach hochschaukelte: Aus Ächtung wurde Mobbing, aus Mobbing offene Feindseligkeit und daraus blanker Sadismus. Die vier schikanierten ihn, wann immer sie seiner habhaft werden konnten, als Vorwand für drakonische Strafaktionen reichte schon ein falscher Blick, eine verbogene Maurerkelle oder eine unerlaubt eingelegte Pause. Manchmal, sagt Decker, habe er Frieder gefragt, warum sie ihn so misshandelten. Die Antwort fiel kurz aus: "Weil du lebst." Um die Wucht ihrer Hiebe zu dämpfen, habe er sich schließlich angewöhnt, immer dicke Jacken zu tragen – auch im Hochsommer. Und um den Richtern zu beweisen, wie viele davon er inzwischen angesammelt hat, häuft Decker an einem Verhandlungstag einen Berg ärmelloser Anoraks im Gerichtssaal auf. Diese Jacken seien seine persönliche Rüstung gewesen, sagt er, denn ihn zu martern sei für die Kollegen mit der Zeit zu einer Art Gesellschaftsspiel geworden. 

Als er den Luftzug der Kettensäge spürt, denkt er: »Jetzt hab ich’s hinter mir«

Als er den Luftzug der Kettensäge spürt, denkt er: "Jetzt hab ich’s hinter mir"

Zu diesem Spiel gehörte zum Beispiel eine Prügelorgie in der Friedhofskapelle, bei der Decker mit dem Kopf aufschlug, sodass er bewusstlos liegen blieb. Die Kollegen ließen ihn unversorgt zurück und verriegelten auch noch die Tür. Als er erwacht war, musste der Zusammengeschlagene das Schloss eintreten, um herauszukommen. Wie er zurückfand, weiß Decker nicht mehr.

Ein anderes Mal griffen die Kollegen ihn in Halle 4 an, fesselten ihn mit Ketten und banden ihn an die Anhängerkupplung des Multicar-Gerätefahrzeugs. Sie schleiften ihn auf dem Hof durch Pfützen und Dreck. Obendrein schlugen sie auf den am Boden Liegenden ein. "Als ich heimkam", erzählt Decker, "fragte mich meine Mutter: Gehst du jetzt wieder in den Kindergarten?", so dreckig und verschrammt sei er gewesen.

Wieder ein anderes Mal fesselten die Kollegen ihn zum Gaudium, verschlossen ihm den Mund mit breitem schwarzem Klebeband und leiteten die Auspuffgase des Unimogs durch einen Abgasschlauch in Deckers Nase. Dann rissen sie das Klebeband ab und versuchten, die giftigen Emissionen auch durch die Mundöffnung in die Lunge ihres Opfers zu leiten. Weil Bernd Decker die Zähne fest zusammenbiss, schlugen sie ihn auf den Kopf. Als sie endlich von ihm abgelassen hatten, fand ihn ein ihm wohlgesinnter Kollege – den die vier Angeklagten ebenfalls verachteten – totenblass vor. Dem Geschundenen war schwindlig und übel, deshalb bat er den Kollegen: "Fahr mich irgendwohin in den Wald."

Als die Sache mit dem Weißdornzweig verhandelt wird, kommt es im Gericht zu einer fast grotesken Szene. Bernd Decker berichtet gerade, wie er beim Sträucherschneiden von den Haupttätern Frieder S. und Uwe K. von hinten angefallen wurde, wie sie ihm einen stacheligen Weißdornzweig um den Hals schlangen und ihn bis zur Bewusstlosigkeit drosselten, da meldet sich Frieder S.‘ Verteidiger, der Exrichter, kritisch zu Wort. Der Zeuge könne nur fabulieren, sagt er, er selbst habe eigenhändig diverse Biegeversuche mit Weißdornzweigen unternommen – "und ich sage Ihnen: Sie sind alle gebrochen". Den Hals eines Menschen könne man mit so einer Schlinge keinesfalls abschnüren. Zu Demonstrationszwecken hat der Exrichter auch gleich einen Weißdorntrieb mitgebracht, diesen muss Decker nun um den Hals einer mannshohen Puppe schlingen, die das Gericht für den sogenannten Augenschein herbeischaffen ließ. Er zieht kräftig und ruckartig. Im Hals der weichen Menschenpuppe erscheint eine tiefe Furche. "Ich sehe nichts brechen", sagt Bernd Decker. "Aber normalerweise bricht der Zweig", beeilt sich der Exrichter dem Gericht zu versichern. Der Staatsanwalt fragt zurück: "Glauben Sie, dass dieses Theater für die Verteidigung von Vorteil ist?"

Aber warum sollte Decker all die Torturen ertragen haben? Warum hat er jahrelang geschwiegen? Warum vertraute er sich seiner Mutter nicht an und ging nicht zur Polizei? Das wird der Zeuge von Prozessbeteiligten wieder und wieder gefragt. Und er gibt die Antwort eines Menschen, der im Abseits steht: "Niemand hätte mir geglaubt", sagt er. Sie seien vier, er sei einer. Sie seien seit Jahrzehnten im Bauhof verwurzelt, und er selbst stehe am unteren Ende der Hackordnung. Er habe seinen festen Arbeitsplatz nicht verlieren wollen, auf den er stolz gewesen sei. Und er habe seiner Mutter, die doch ein Leben lang seinetwegen nichts als Gram gehabt habe, nicht noch weiteren Kummer bescheren wollen.

Vor allem aber, sagt Bernd Decker, habe er sich gefürchtet. Die vier Kollegen drohten, ihn "mit der Kette zu erwürgen", sollte er "nicht die Fresse halten", oder sie stellten ihm ein Ende in der Jauchegrube in Aussicht: "Da holt dich keine Pumpe mehr hoch." Um ihren Drohungen Nachdruck zu verleihen, drückten sie eines Tages Deckers Kopf auf den großen Block, der sonst zum Holzspalten dient, einer stellte ihm den Fuß in den Rücken, und Frieder S. ließ die Motorsäge an. Auf wenige Zentimeter kam das rasende Sägeblatt an die Kehle des jungen Mannes heran, "so nah, ich konnte den Luftzug spüren". Bernd Decker sagt, er habe in dem Moment gedacht: "Jetzt hab ich’s hinter mir."

Einmal, fährt Decker fort, habe er dem Leiter des Bauhofs allerdings berichtet, wie übel ihm mitgespielt werde. "Und was tat der?", will der Vorsitzende wissen. Bernd Decker erhebt sich halb, um die Reaktion seines Vorgesetzten darzustellen, und brüllt: "Halt’s Maul, das sind meine besten Männer! Geh an deine Arbeit! Thema aus!"

Der Leiter des Bauhofs wird vom Gericht auch gehört. Sein Bruder war es, unter dessen Wagen der sechsjährige Decker damals geraten war. Er selbst ist ein hochgewachsener Mittfünfziger, der so sportlich und selbstbewusst auftritt, als sei er gerade auf Skiern vom Mount Everest heruntergewedelt. Er gibt den kernigen Chef, der niemandem etwas durchgehen lässt. Dass Decker ihn um Hilfe bat, streitet er ab. Von den angeklagten Vorkommnissen, sagt er, habe er "definitiv keinerlei Kenntnis" gehabt. Außerdem hätten Misshandlungen im beschriebenen Umfang im Bauhof gar nicht unbemerkt bleiben können. Niemandem indes sei etwas aufgefallen. Er selbst hätte augenblicklich die Polizei alarmiert, wären ihm derartige Entgleisungen bekannt geworden. Auch dass er Deckers Mutter – die nach dem Öffentlichwerden der Quälereien befürchtete, ihr Sohn werde von den Kollegen nun umgebracht – am Telefon in pastoralem Tonfall mit den Worten "Die schlagen ihn schon nicht tot" beschwichtigt haben soll, bestreitet der Bauhofleiter. Von Alkoholmissbrauch seiner Untergebenen will er nichts bemerkt haben, auch nichts von den morgendlichen Hitlergrüßen, die Bernd Decker kurz zuvor noch eindrucksvoll beschrieben hat. "Das haut mich um", staunt der Chef, anscheinend ganz erschüttert von der Abwegigkeit der Beschuldigungen, "das wird ja immer besser".

Hilchenbach – ein Fachwerkidyll mit vielen Vereinen und Stammtischen

Hilchenbach – ein Fachwerkidyll mit vielen Vereinen und Stammtischen

In der Tat gibt es keinerlei Augenzeugen für die Marter des Gärtners Decker. Allerdings haben viele Menschen deren Folgen beobachtet. Der wohlwollende Kollege erinnert sich, dass er den völlig fertigen Decker mehr als einmal mitten im Dienst in den Wald fahren musste. Ihm hatte der Gepeinigte zwar immer wieder anvertraut, dass er es "heute wieder gekriegt" habe und dass "die mich noch schlagen, wenn ich vierzig bin" – aber welche Ausmaße die Aggressionen gegen Decker angenommen hatten, ahnte der Kollege nicht. Jedem in Deckers Umgebung fiel auf, dass der junge Mann – früher ein Kältefanatiker, der bei jeder Gelegenheit die Fenster aufriss – auf einmal sogar im Hochsommer in dicken Steppjacken herumlief, die er über Wollpullovern trug.

Den Menschen, die Decker nahestehen, fielen noch ganz andere Dinge auf: So berichtet Deckers Freundin, die 22-jährige Annalena, dem Gericht von Verletzungen an den Armen, tiefblauen Hämatomen und dicken, geschwollenen Striemen unterschiedlichen Alters, die über Jahre hin fast pausenlos auf Deckers Rücken prangten. Kaum waren sie abgeheilt, kamen neue. Ihr Freund wiegelte ab: "Das kommt von der Arbeit in den Sträuchern", aber die Striemen seien auch im Winter da gewesen. Manchmal habe Bernd obendrein so geschwollene Knie gehabt, dass er kaum laufen konnte. "Er schleppte sich die Verandastufen hoch." Oft konnte er den Nacken nicht mehr bewegen und sich vor Schmerzen nicht bücken. Sie selbst habe ihm dann die Schuhe binden müssen, später habe er nur noch Schuhe mit Klettverschluss getragen. Pflaster, Verbände und ärztliche Behandlung habe Bernd allerdings immer heftig abgewehrt. Decker mied die Doktoren aus Prinzip – vielleicht, weil er Jahre seines Lebens im Krankenhaus gelegen hatte, vielleicht auch, weil er Angst hatte, unter den bohrenden Fragen eines Mediziners sein Geheimnis preisgeben zu müssen. "Man spürt keinen Schmerz, wenn man ihn nicht spüren will", sagte er einmal zu Annalena. Auch sie glaubte an nichts Böses, da ihr Freund sich aufgrund seiner Fehlsichtigkeit tatsächlich öfter verletzte als andere.

Deckers Durchhaltewahn fiel auch seiner Mutter Luise auf, bei der er noch immer lebt. Seine rot verquollenen Knie beunruhigten sie umso mehr, als Bernd nicht erklären konnte, woher die Verletzungen rührten. Schließlich habe sie ihn gar nicht mehr in kurzen Hosen gesehen. Sehr oft habe er auch an Rippenprellungen laboriert, die er mit allerhand Arbeitsunfällen begründete. Auf der Geburtstagsfeier des Großvaters am 22. Februar 2006 sei Bernd Decker einfach umgefallen. Zuvor hatte ihm schon das Husten und Niesen so wehgetan, dass ihm Tränen in die Augen stiegen. Schließlich brachte man ihn – "fast gewaltsam", sagt Luise Decker – in die Klinik, wo zwei Rippenfrakturen festgestellt wurden. Bernd habe wieder irgendwas von einer Betonwand erzählt, die ihm auf die Brust gefallen sei, und sei am nächsten Tag wie gewohnt zur Arbeit gegangen. Erst nachdem alles heraus war, hat Luise Decker erfahren, dass seine Rippen damals unter ganz anderen Umständen gebrochen waren – unter den Stockhieben der Kollegen.

Weil trotz aller Anknüpfungstatsachen Aussage gegen Aussage steht, hat die Staatsanwaltschaft Siegen den erfahrenen Berliner Rechtspsychologen Max Steller mit der Begutachtung des Opferzeugen beauftragt. Der Sachverständige hat Decker tagelang untersucht, um herauszufinden, ob dessen Angaben Produkte einer überschießenden Fantasie sein könnten oder auf tatsächlich Erlebtem basieren. Er hat bei dem jungen Mann keinerlei Dispositionen für eine Falschbeschuldigung gefunden: Decker fehle es vor allem am Motiv, seinen Kollegen irgendetwas anzuhängen; auch neige er nicht zu Grübeleien, also dazu, sich irgendwelche Dinge einzureden oder Realitäten umzuinterpretieren. Vor Gericht bezeichnet der Sachverständige Decker als "naiven und schlichten Geist", dem das Ersinnen eines derart komplexen und verschachtelten Lügengebäudes mit zahllosen Taten, diversen Tatorten und vier Tätern nicht zuzutrauen sei.

Decker verhalte sich an keiner Stelle wie ein Lügner, seine Schilderungen strotzten von originellen Einzelheiten, die zu erfinden die Vorstellungskraft des Gärtners bei Weitem übersteige. Ohne wissenschaftliche Vorkenntnis schildere er die klassische Gruppendynamik eines jahrelangen Mobbingexzesses, bei dem die Hemmschwelle nach und nach abgebaut werde. Auch sein schamvolles Schweigen entspreche dem typischen Verhalten solcher Opfer. Die von unbeteiligten Zeugen bestätigten Symptome seiner chronischen rasenden Kopfschmerzen, seiner dauernden Schwindelanfälle mit Erbrechen und des Verlustes jeglicher Lebensfreude seien ebenfalls lehrbuchartige Begleiterscheinungen einer anhaltenden Bedrohungssituation. Wer die Unwahrheit sage, müsse diese mit weiteren Unwahrheiten absichern, sagt Steller. "Decker hätte bei einer Falschbeschuldigung also die Folgen für sich selbst vor Jahren einkalkulieren und vorausdenken müssen." Eine solch abgefeimte Geistesleistung sei diesem jungen Mann nicht zuzutrauen.

Stellers Gutachten verdrießt manchen Verteidiger, auch das Publikum wird mit jedem Tag mürrischer und unzufriedener. Es sind vor allem Verwandte, Freunde, Kollegen und Nachbarn der vier Angeklagten, die zur Hauptverhandlung aus dem sozial dicht verwobenen 16.000-Seelen-Ort Hilchenbach mit seinen zahlreichen Vereinen, Stammtischen und Sportklubs anreisen. Die Aussagen von Bernd Decker kommentieren sie mit Kopfschütteln und Lauten des Unglaubens. Mühsam unterdrücktes Schnauben und abfälliges Knurren erfüllen die Reihen. "Spinner", murmelt es, "Knallkopf." Kann der Opferzeuge eine Frage des Gerichts nicht beantworten, fällt ihm ein Datum nicht mehr ein oder bringt er Einzelheiten durcheinander, ist befriedigtes Mümmeln oder freudiges Kichern zu vernehmen. Einige Zuhörer gehen in den Pausen sogar auf Journalisten zu und versuchen, sie von der Unschuld der Angeklagten zu überzeugen.

Wer die Stadt Hilchenbach, die sogenannte "Perle des Siegerlandes", in einer Verhandlungspause erkundet, findet ein schnuckeliges Städtchen vor, mit viel Fachwerk und einem gemütlichen Rathausmarkt, auf dem ein Brunnen plätschert. Etwas oberhalb thront die Kirche. Der Pastor von Hilchenbach, Rüdiger Schnurr, sitzt in seinem blumenumrankten Pfarrhaus und glaubt Decker jedes Wort. "Der Bernd ist grundehrlich", sagt er, "er war mein Konfirmand." Schnurr erinnert sich, dass Decker sogar im Kreis der Bibelschüler ein beliebter Prügelknabe war. Immer wieder habe er die Jugendlichen ermahnen müssen, den Bernd nicht zu piesacken. "Menschen sind grausam", sagt Schnurr.

Es gibt aber auch Hilchenbacher, die weniger Mitgefühl mit Decker haben. Die Angehörigen des angeklagten Familienvaters Uwe K. zum Beispiel, die gerade miterleben, wie sehr er leidet. Vier Wochen nach Aufkommen der Vorwürfe hat K. einen Herzanfall erlitten. Seine Frau, eine zerbrechliche Erdkundelehrerin, sitzt am Küchentisch neben ihrem schweigsamen Mann und blättert mit flatternden Händen in seiner Akte, als suche sie nach einer fehlenden Seite, auf der die ganze Wahrheit steht. "Ich bin von seiner Unschuld überzeugt", ruft sie, "und ich kenne ihn!" Ihre Stimme bebt vom fiebrigen Glauben an ihren Mann. Uwe sei frei von Aggression, "un-vor-stell-bar", dass er auf einen Benachteiligten wie Decker eindresche. "Als eines unserer Kinder geboren wurde, hat er sogar anderthalb Jahre Elternzeit genommen."

Die Frau blickt beschwörend: "Glauben Sie, ich hätte mein Kind jemandem anvertraut, der solche Neigungen hat?" Unterdessen füllt sich die Küche mit Menschen: Die Rechtsanwältin von Uwe K., Margarete Haimayer, tritt herein, der große Sohn, dann der jüngere Sohn, die Schwägerin. Schließlich sitzen sieben Personen um den Tisch und reden gleichzeitig. Jetzt sagt Uwe K. etwas: "Ich habe Decker nichts getan." Woher kommen dann die Beschuldigungen? "Ich weiß es nicht", erwidert Uwe K. und fährt fast verwundert fort: "So hab ich Decker noch nie gesehen."

»Es wird nur gelogen in dieser verfluchten Stadt«, sagt Bernd Decker

"Es wird nur gelogen in dieser verfluchten Stadt", sagt Bernd Decker

Das Gericht hat den vier Angeklagten im Laufe der Hauptverhandlung mehrfach das Angebot unterbreitet, sie könnten im Falle eines Geständnisses mit Strafrabatt rechnen. Dieses Entgegenkommen führt unter den Verteidigern offenbar zur Uneinigkeit über eine gemeinsame Linie. Der Exrichter, der den Anführer Frieder S. vertritt, beharrt bis zum Schluss darauf, Bernd Decker habe sich alles nur eingebildet, er leide unter "Wahnideen". Vergeblich fordert er das Gericht auf, einen weiteren Psychiater hinzuzuziehen.

Der Frankfurter Rechtsanwalt Ulrich Endres, der den voluminösen Trommler Edwin B. vertritt, hält es anders. Er signalisiert den Richtern, sein Mandant würde zwar gern gestehen, dürfe dies aber nicht. Offensichtlich stehen alle vier Männer – und ganz besonders Edwin B., der auf dem Bauhof als "Frieders Hund" galt – noch immer unter dem Oberbefehl des Haupttäters, der die höchste Strafe zu erwarten hat. Gegen Ende der Verhandlung wird Endres in seinem Plädoyer das verordnete Schweigen allerdings brechen. Er wird Frieder S. als den "großen Grauen" beschreiben, der die Fäden ziehe und sogar im Gerichtssaal noch Macht über die Kollegen habe. Er wird für den Mitläufer Edwin B. keinen Freispruch fordern, sondern eine Bewährungsstrafe, und er wird dem Opfer Bernd Decker seinen Respekt aussprechen und ihm im Namen seines Mandanten als Wiedergutmachung ein Schmerzensgeld von 2000 Euro anbieten. "Die Angeklagten sind keine Verbrecher, sondern im Gemeindeleben integrierte Bürger", wird der Verteidiger sagen. Er hätte sich diesen Prozess deshalb anders ganz gewünscht. "Nämlich dass man aufeinander zugeht, sich entschuldigt und zu einem Modus Vivendi findet, damit es weitergeht."

Doch so kommt es nicht. Gut vorstellbar, dass gerade die geballte Solidarität, die den Angeklagten aus dem Zuschauerraum entgegenschlägt, sie daran hindert, sich öffentlich zu ihren Taten zu bekennen. Während der Hauptverhandlung sitzen die vier wochenlang nur da und lassen die Parade der Zeugen und Sachverständigen an sich vorüberziehen, ohne ein Wort zu sagen. Sie lassen ihre Verteidiger allerhand Beweisanträge stellen und wirken selber wie Wirtshausgäste, die nicht bezahlen können und deshalb einen Hauptgang nach dem anderen bestellen – in der Hoffnung, den Tag der Abrechnung so irgendwie hinauszuschieben.

Der schmächtige Meister der Gärtnerkolonne, Jürgen M. – der zum Prozessauftakt im März 2010 betont hat, an Deckers Vorwürfen sei nichts dran –, hatte anderthalb Jahre zuvor bei der Siegener Kriminalpolizei mit Tränen in den Augen gestanden. "Der Decker lügt nicht", hatte Jürgen M. damals zur Kripo gesagt. Er sei von Frieder "mehrmals die Woche feste und zügig durchgehauen" worden. Und obwohl er selbst dem Buchstaben nach Frieder S.’ Vorgesetzter gewesen sei, habe er sich nicht getraut, dessen Rohheiten entgegenzutreten. Allerdings ist der Kolonnenführer M. nach zwei polizeilichen Vernehmungen zur dritten plötzlich nicht mehr erschienen und hat seine Aussage später – mit der Begründung, die Beamten hätten ihn unter Druck gesetzt – widerrufen. Welche Kräfte tatsächlich auf ihn eingewirkt haben, lässt sich nur vermuten.

Die anderen Kommunalarbeiter beschreiben als Zeugen die soziale Kulisse, vor der solche Quälereien möglich werden. Zögerlich und ängstlich zu den angeklagten Kollegen Frieder S., Uwe K., Edwin B. und Jürgen M. hinüberschielend, berichten sie von den Abgründen, die sich in jener scheinbar bodenständigen Männerwelt auftun, in der Häckselmaschinen rattern, Unimogs herumkurven und kleine Bagger ihren Arm schwenken. Sie beschreiben das organisatorische Chaos, in dem der Bauhof versank, die dort herrschende üble Stimmung, sie berichten von Nazi-Parolen und feigen Chefs. Auch der Terror, der von Frieder S. ausging, kommt zur Sprache, da werden die Zeugen plötzlich noch leiser, ihr Gedächtnis wird löchrig, und woran sie sich erinnern, war alles "halb so schlimm": Ein Vorgesetzter, nach dem Frieder S. einen Hammer geworfen hat, sagt begütigend, dem Geschoss habe man doch leicht ausweichen können. Dass S. ihn anbrüllte, findet er "verständlich, irgendwo musste der Frieder seinen Frust ja lassen". Und dass er ihm eine Tür an den Kopf knallte, sodass er eine Platzwunde davontrug, sei nichts als "ein Versehen" gewesen. Ein anderer, der hin und wieder Frieder S.’ Fäuste zu spüren bekam, sagt, so ein paar blaue Flecken seien doch kein Grund, gegen einen Kollegen vorzugehen. Ein Dritter findet, wenn Frieder ihn gestoßen habe, "dann hab ich das auch verdient". Der morgendliche Hitlergruß wird von vielen als "Floskel" bagatellisiert oder als "nicht ganz ernst gemeinte Geste unter Männern", bei der die Rechte schon mal "spaßhaft hochging".

Die Zeugen berichten aber auch, dass ihnen von der Bauhofleitung verboten worden sei, sich über Bernd Deckers Vorwürfe auszutauschen, und dass ausgerechnet einen Tag vor der Polizeirazzia eine gründliche Säuberung der Hallen stattgefunden habe – mit der Begründung, dass eine offizielle Besichtigung bevorstehe. Bernd Decker selbst vermutet vor Gericht ganz andere Motive hinterm Großreinemachen: Man habe die Spuren am Tatort verschwinden lassen wollen. Von der Stadt Hilchenbach, sagt Decker zu den Richtern, habe er sich im Stich gelassen gefühlt, dort sei man vor allem daran interessiert gewesen, einen Skandal zu vermeiden, und habe versucht, die Sache so lange wie möglich klein zu halten. Ein "Erörterungsgespräch" mit Vertretern der Stadtverwaltung, das am 16. Juli 2008 stattfand und bei dem er seine Vorwürfe vorgetragen habe, sei nicht einmal protokolliert worden. Der Bürgermeister habe Deckers Mutter später in einem persönlichen Gespräch von einer Anzeige abgeraten: Die Sache werde wahrscheinlich ganz unten in irgendwelchen Schubladen liegen bleiben. Erst 16 Tage nach der Heurechenattacke habe die Kommune auf Druck seiner Mutter die Angelegenheit der Staatsanwaltschaft Siegen übergeben. "Aufklärung gibt es nicht in Hilchenbach", sagt Decker wütend zu den Richtern, "es wird nur gelogen in dieser verfluchten Stadt." 

Der städtische Bauhof hat jetzt einen neuen Leiter

Der städtische Bauhof hat jetzt einen neuen Leiter

Am Tag der Urteilsverkündung, dem 8. Juli 2010, ist der Bürgermeister von Hilchenbach leider in Urlaub. Mit der Presse muss sich sein Stellvertreter Udo Hoffmann herumschlagen. Aus seiner Sicht hat die Stadt nicht gezaudert, Decker beizustehen, musste aber zunächst interne Aufklärungsarbeit betreiben. "Die Vorwürfe waren für uns unfassbar", sagt Hoffmann. Die Abgabe der Angelegenheit an die Staatsanwaltschaft sei auch nach Rückfrage bei der Familie Decker erfolgt, da auf jemanden, der solche Beschuldigungen erhebe, doch einiges zukomme. Im Übrigen sei der Bauhof inzwischen auch "organisatorisch auf bessere Beine gestellt" und habe einen neuen Leiter.

Das Landgericht Siegen verurteilt den Haupttäter Frieder S. zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und Uwe K., der nach Ansicht der Richter ebenfalls zuschlug, zu zwei Jahren und neun Monaten. Der Trommler Edwin B., der Decker festgehalten hat, kommt mit anderthalb Jahren auf Bewährung davon und nimmt das Urteil sofort an. Den Kolonnenführer Jürgen M. sprechen die Richter frei, weil seine feixende Anwesenheit den einzelnen Taten nicht exakt zugeordnet werden konnte. Die Staatsanwaltschaft Siegen wird den Freispruch mit der Revision angreifen. Ebenso haben die Angeklagten S. und K. gegen ihre Verurteilung Revision eingelegt.

Bevor er das Urteil verkündete, hatte sich der Vorsitzende jegliche Gefühlsäußerung aus dem Zuschauerraum verbeten. Nach dem Urteil verlässt das Publikum schweigend und bedrückt das Gericht. Auch Decker geht – ohne Triumph, fast niedergeschlagen. Sein Kopf schmerzt stark von der Erschöpfung und der Hitze. Als er daheim ist, legt er sich hin und schläft.

Richtigstellung:Der Spielmannszug Hilchenbach weist darauf hin, dass Edwin B., einer der vier Angeklagten im "Bauhofprozess", die in diesem Text erwähnt werden, nie Mitglied des Spielmannszuges Hilchenbach war. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen. Die ZEIT-Redaktion