Ausstellung "Der Westen leuchtet" Wir wirbeln besser!

Ist die Hauptstadt der Kunst doch nicht Berlin? Eine Ausstellung in Bonn

Eben noch standen die Schneiderpuppen steif herum, doch nun gibt es kein Halten mehr, sie kreiseln um die eigene Achse, ein Wirbel in Kirschrot, schneller und immer schneller, bis die Taftkleider sich verknäulen, verknoten, verwandeln. Was streng war und erstarrt, wird freie Form, mitreißend, unberechenbar. Die Wirbelpuppen der Künstlerin Ursula Neugebauer tanzen, so könnte man sagen, den Traum von einer schwungvollen Selbstbelebung – und das nicht zufällig im Kunstmuseum Bonn.

Zwei Jahre lang haben die Kuratoren dort etwas vorbereitet, das als kraftvolles Lebenszeichen gemeint ist, keine Aus-, sondern eine Klarstellung. Mag alle Welt Berlin bejubeln, das wahre Zentrum junger Kunst war und ist das Rheinland! Hier leben die verdienten Künstler, hier gibt es die meisten Museen, die treuesten Sammler, die erfahrensten Galeristen, die älteste und umsatzstärkste Messe. Hier hat die Gegenwartskunst ihren Ursprung, und also, es kann nicht anders sein: Hier hat sie auch ein Morgen.

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Ganz gleich welche Nachkriegsavantgarde, ob Zero, Informel, Pop-Art, Video- oder Konzeptkunst, immer war das Rheinland anderen deutschen Städten und Regionen voraus. Nirgendwo sonst traf die Kunst auf so große Neugier und Offenheit und nicht zuletzt auf Politiker, die all die Neugier und Offenheit auch mitfinanzierten. Hier konnten Polke, Richter, Beuys und viele andere, deren Werke jetzt im Kunstmuseum gezeigt werden, zu jener stolzen Größe und Bedeutung heranwachsen, die sie heute haben. Und warum sollten es ihnen die Jungen und Jüngeren nicht gleichtun?

Auch sie bekommen in Bonn ihren Auftritt, weil aber nichts langweiliger ist als eine Anhäufung prominenter und weniger prominenter »Positionen«, weil die Kuratoren auf Gemeinsamkeit hofften, gar auf neuen rheinländischen Zusammenhalt, beschlossen sie, ihre Macht zu teilen. Sie baten die bekannteren Künstler, einen unbekannteren Kollegen für die Ausstellung auszuwählen. Ein Wagnis, für manche der Künstler auch eine Zumutung.

Denn nicht wenige kreisen zumeist schneiderpuppenhaft um sich selbst und lassen neben sich niemanden gelten. Gerhard Richter und Ulrich Rückriem verweigerten denn auch das Patenamt, in ihren Augen scheint es keine Künstler zu geben, die des Rheinland-Ruhmes würdig wären. Doch auch viele andere taten sich schwer. So wählte ausgerechnet Andreas Gursky, bekannt für die Makellosigkeit seiner Fotokompositionen, den Keramikkünstler Bernd Kastner, der mit schrundigen Szenerien die Riesenräume des Kunstmuseums nicht zu meistern vermag und vielleicht doch besser auf einer Kunsthandwerkermesse aufgehoben wäre. Seine Fragment-Ästhetik hat nichts gemein mit Gurskys neuen, gemäldeartigen Allmachtsfotografien, auf denen er gottgleich hinabschaut auf die Ozeane der Erde. So weltraumkühl und einsam ist die Schönheit dieser Kunst, dass man für Kastners Unbeholfenheit fast schon wieder dankbar ist.

Leser-Kommentare
    • spankx
    • 30.07.2010 um 10:51 Uhr

    Aha, wieder jemand der keine Ahnung hat wie man mit Kunst umzugehen hat. Lecker ein Beispiel rausgepickt und zerrissen, dann fröhlich mit phrasierter Polemik das Kunst-Rheinland zerpflückt, Berlin glorifiziert.
    Kunst kann man nur verstehen wenn man zur Akkommodation bereit ist. Sie ist nicht mit zelebrierter Eristik zu erfassen, sondern bedarf eines sensiblen, reflektierten Geistes.
    Im übrigen, wie soll ein Kurator über dreizig Künstler ein Museum bespielen lassen, wenn nicht diskret?

    kthxbye

  1. Fein geschriebener Artikel der das Dilemma der "Ego-Show-Kunst" auf den Punkt bringt. Die Erbärmlichkeit des Darwinismus in der Kunstwelt und die durch ein althergebrachten Kunstbegriff, der schon an Akademien gepredigt wird, findet bei dieser Ausstellung einen Glanzpunkt.

    • Loken
    • 30.07.2010 um 12:35 Uhr

    Naja, dann ist ja nur noch eine Frage der Zeit, bis das Provinznest seine Ortsschilder in Kunsthauptstadt abändert. Ist ja schon oberpeinlich, das Bonn Bundesstadt auf den Ortsschildern stehen hat.

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    • spankx
    • 31.07.2010 um 16:20 Uhr

    Moderiert. Bitte unterlassen Sie persönliche Beleidigungen. Die Redaktion/is

    • spankx
    • 31.07.2010 um 16:20 Uhr

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    • spankx
    • 31.07.2010 um 16:20 Uhr

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    Antwort auf "Provinznest"
  2. KUNST-Hauptstadt FRANKFURT & kritische statt unkritisch "Kritik"

    Wo gibt es das sonst noch in deutschen Landen? Die SCHIRN mit z.B. dem großen Moderne-Star Georges SEURAT und der DARWIN-Schau - sowie nach Boticelli mit E.L.KIRCHNER (im Städel Museum) und anderes mehr.

    Hut ab außer vor Max Hollein auch vor den Kuratoren Dr. Felix KRÄMER (Kirchner-Schau) und Dr. Pamela KORT. z.B. "DARWIN. Kunst und die Suche nach den Ursprüngen" war einmalig modern; DIE ZEIT berichtete seltsamerweise LEIDER NICHT darüber! - Warum eigentlich?!

    Herr ILLIES (er sieht ebenso wie ich Frankfurt als KUNST-Hauptstadt - nicht Bonn und Berlin)forderte in DIE ZEIT eine „unbestechliche Neubewertung und (…) Qualitätskontrolle“ - z.B. für die KIRCHNER-Schau; das würde der Evolutionisierung von Kunst & einer geforderten neuen Kunst(geschichte) gut.

    Eine Initiative von Hanno RAUTERBERG in DIE ZEIT ist sehr zu begrüßen:

    Hanno Rauterberg fordert heute (5.8.10) eine Akademie der Kunstkritik, deren zentrale Aufgabe die Kritik der unkritischen Kritik sein müsste. Hoffentlich lesen diesen Appell Uni- & KUNST-Akademie-Verantwortliche.

    EVOLUTIONISIERUNG der Kunstszene (des Kunstbetriebs)zum GUTEN/WAHREN/SCHÖNEN hin tut not!"Unkritischen Kritik" in den Feuilletons - auf den KULTUR-Seiten - stärkt die Macht der Macher des K-Betriebs, der zu oft NICHT-Kunst-Betrieb ist: Netzwerk Händler/Galeristen-Sammler etc.

  3. Dass Beuys, Polke, Richter und viele andere ihre Kunst zumeist als ANTIkunst verstanden, hat zu der permanenten Erweiterung des schon erweiterten Kunstbegriffs geführt; gefördert z.B. auch durch die vielen documentas mit BEUYS-Mode. Wenn die Malerei „in der Krise“ war und „die Bildhauerei sowieso“, und also viele Künstler ihre „Energie aus der Negation“ geschöpft haben (auch mit NICHT-Kunst-als „Kunst“), war dies für die KUNST ein Abstieg. In der ANTI-&-NICHT-Kunst-Bewegung „lösten sich alle Traditionen, alle Erwartungen auf, sie waren Spezialisten fürs Anders- und Dagegensein – und blieben es auch, als das Anti und Alternative längst zur Erfolgsformel geworden war“. RAUTERBERG: So wurde das NEGIEREN später „zur allgemein bekömmlichen Routine“. Zu ebenjener Art von selbstzufriedener MUSEUMs“kunst“, wie sie nun in vielen Räumen des Bonner Kunstmuseums zu besichtigen ist: „kunst“ durchgesetzt durch Händler, Sammler und NICHT unabhängige institutionelle Kunstvermittler. Dass sich das „Dagegensein“ heutzutage „erschöpft“ hat, kann ich kaum feststellen. Denken wir nur an die Misere der BUERGELiade; vgl. „Mahnmal der 101 Verrisse“ im Web. Die sog. „Avantgardeschlachten“ sollten KUNST-kritisch hinterfragt werden; Verfall der bildenden Kunst (…). Gängige Erklärungsmodelle „moderner“ und post-&-spätmoderner „Kunst“ sind grundsätzlich neu(!)-kunstwissenschaftlich zu befragen. Naturhistorisches und Kunsthistorisches sind evolutionär-entwicklungsgeschichtlich zu betrachten.

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