Ausstellung "Der Westen leuchtet" Wir wirbeln besser!Seite 2/2
Vielleicht war es das Ziel der Kuratoren, möglichst krude Gegensätze zu inszenieren, um von der künstlerischen Vielfalt des Rheinlands zu künden. Doch was Wahlverwandtschaften voller Spannung hätten sein können, erweist sich oft als lasche Beliebigkeit. Viel zu getrimmt, viel zu gesittet geht es zu. Selbst dort, wo Betonbrocken mit glühenden Armierungsstäben oder brenzlig riechende Reste eines abgefackelten Schuppens dargeboten werden, bleibt die Stimmung unterkühlt. Jeder Künstler hat in dieser Ausstellung seinen eigenen Raum, in dem darf er sich selbst genug sein und ist es auch oft. Niemand begehrt auf gegen die Verkastelung, wagt Allianzen, sucht den Zwist. Und so wirkt die Kunst auf sterile Weise musealisiert. Als könne man das Rheinland nur noch im Präteritum verhandeln.
Wie kommt es, dass sich der Leuchtende Westen, von dem die Ausstellung träumt, als eine so fahle Angelegenheit erweist? Oder umgekehrt: Woran liegt es, dass Berlin alles überstrahlt, wo doch im Rheinland so viel für die Kunst getan wird? An den billigen Hauptstadtmieten kann es nicht liegen, auch an den tollen Partys nicht, bekanntlich lässt es sich in manchen Städten rund um Köln und Düsseldorf ebenfalls günstig leben. Und dass auch die Rheinländer wissen, wie man feiert, würde niemand bestreiten. Warum also Berlin?
Vielleicht hat es damit zu tun, dass Beuys, Polke, Richter und viele andere, deren Karriere im Rheinland der sechziger Jahre begann, ihre Kunst zumeist als Antikunst verstanden. Die Malerei war in der Krise, die Bildhauerei sowieso, und also schöpften viele Künstler ihre Energie aus der Negation. In ihrer Kunst lösten sich alle Traditionen, alle Erwartungen auf, sie waren Spezialisten fürs Anders- und Dagegensein – und blieben es auch, als das Anti und Alternative längst zur Erfolgsformel geworden war. So wurde das Negieren spätestens in der zweiten Künstlergeneration, bei Albert Oehlen oder Isa Genzken zum Beispiel, zur allgemein bekömmlichen Routine. Zu ebenjener Art von selbstzufriedener Museumskunst, wie sie nun in vielen Räumen des Bonner Kunstmuseums zu besichtigen ist.
Nicht zuletzt aber weil sich das Dagegensein erschöpft hatte, konnte umgekehrt das Modell Berlin so erfolgreich sein. Denn hier herrscht, wenn man es auf einen Nenner bringen will, das Kunstprinzip des Dafür. Hier muss sich Kunst nichts erkämpfen, hier wird sie gefeiert. Hier grenzen sich die meisten Künstler nicht ab, sondern verstehen sich als große Netzwerker.
Mit anderen Worten: Der Westen wollte niemals verlockend strahlen. Die Künstler wollten grelle Blitze schleudern oder gewittrige Dunkelheit heraufbeschwören. Erst in Berlin fand die Kunst zu jenem Leuchten, das Bonn nun gerne für sich reklamieren möchte. In der Hauptstadt gleißt sie in neuer Unbekümmertheit. Die Avantgardeschlachten des Rheinlands hat sie hinter sich gelassen.
Bis zum 24. Oktober 2010 (www.kunstmuseum-bonn.de)
- Datum 30.07.2010 - 10:02 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.07.2010 Nr. 30
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Aha, wieder jemand der keine Ahnung hat wie man mit Kunst umzugehen hat. Lecker ein Beispiel rausgepickt und zerrissen, dann fröhlich mit phrasierter Polemik das Kunst-Rheinland zerpflückt, Berlin glorifiziert.
Kunst kann man nur verstehen wenn man zur Akkommodation bereit ist. Sie ist nicht mit zelebrierter Eristik zu erfassen, sondern bedarf eines sensiblen, reflektierten Geistes.
Im übrigen, wie soll ein Kurator über dreizig Künstler ein Museum bespielen lassen, wenn nicht diskret?
kthxbye
Fein geschriebener Artikel der das Dilemma der "Ego-Show-Kunst" auf den Punkt bringt. Die Erbärmlichkeit des Darwinismus in der Kunstwelt und die durch ein althergebrachten Kunstbegriff, der schon an Akademien gepredigt wird, findet bei dieser Ausstellung einen Glanzpunkt.
Naja, dann ist ja nur noch eine Frage der Zeit, bis das Provinznest seine Ortsschilder in Kunsthauptstadt abändert. Ist ja schon oberpeinlich, das Bonn Bundesstadt auf den Ortsschildern stehen hat.
Moderiert. Bitte unterlassen Sie persönliche Beleidigungen. Die Redaktion/is
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KUNST-Hauptstadt FRANKFURT & kritische statt unkritisch "Kritik"
Wo gibt es das sonst noch in deutschen Landen? Die SCHIRN mit z.B. dem großen Moderne-Star Georges SEURAT und der DARWIN-Schau - sowie nach Boticelli mit E.L.KIRCHNER (im Städel Museum) und anderes mehr.
Hut ab außer vor Max Hollein auch vor den Kuratoren Dr. Felix KRÄMER (Kirchner-Schau) und Dr. Pamela KORT. z.B. "DARWIN. Kunst und die Suche nach den Ursprüngen" war einmalig modern; DIE ZEIT berichtete seltsamerweise LEIDER NICHT darüber! - Warum eigentlich?!
Herr ILLIES (er sieht ebenso wie ich Frankfurt als KUNST-Hauptstadt - nicht Bonn und Berlin)forderte in DIE ZEIT eine „unbestechliche Neubewertung und (…) Qualitätskontrolle“ - z.B. für die KIRCHNER-Schau; das würde der Evolutionisierung von Kunst & einer geforderten neuen Kunst(geschichte) gut.
Eine Initiative von Hanno RAUTERBERG in DIE ZEIT ist sehr zu begrüßen:
Hanno Rauterberg fordert heute (5.8.10) eine Akademie der Kunstkritik, deren zentrale Aufgabe die Kritik der unkritischen Kritik sein müsste. Hoffentlich lesen diesen Appell Uni- & KUNST-Akademie-Verantwortliche.
EVOLUTIONISIERUNG der Kunstszene (des Kunstbetriebs)zum GUTEN/WAHREN/SCHÖNEN hin tut not!"Unkritischen Kritik" in den Feuilletons - auf den KULTUR-Seiten - stärkt die Macht der Macher des K-Betriebs, der zu oft NICHT-Kunst-Betrieb ist: Netzwerk Händler/Galeristen-Sammler etc.
Dass Beuys, Polke, Richter und viele andere ihre Kunst zumeist als ANTIkunst verstanden, hat zu der permanenten Erweiterung des schon erweiterten Kunstbegriffs geführt; gefördert z.B. auch durch die vielen documentas mit BEUYS-Mode. Wenn die Malerei „in der Krise“ war und „die Bildhauerei sowieso“, und also viele Künstler ihre „Energie aus der Negation“ geschöpft haben (auch mit NICHT-Kunst-als „Kunst“), war dies für die KUNST ein Abstieg. In der ANTI-&-NICHT-Kunst-Bewegung „lösten sich alle Traditionen, alle Erwartungen auf, sie waren Spezialisten fürs Anders- und Dagegensein – und blieben es auch, als das Anti und Alternative längst zur Erfolgsformel geworden war“. RAUTERBERG: So wurde das NEGIEREN später „zur allgemein bekömmlichen Routine“. Zu ebenjener Art von selbstzufriedener MUSEUMs“kunst“, wie sie nun in vielen Räumen des Bonner Kunstmuseums zu besichtigen ist: „kunst“ durchgesetzt durch Händler, Sammler und NICHT unabhängige institutionelle Kunstvermittler. Dass sich das „Dagegensein“ heutzutage „erschöpft“ hat, kann ich kaum feststellen. Denken wir nur an die Misere der BUERGELiade; vgl. „Mahnmal der 101 Verrisse“ im Web. Die sog. „Avantgardeschlachten“ sollten KUNST-kritisch hinterfragt werden; Verfall der bildenden Kunst (…). Gängige Erklärungsmodelle „moderner“ und post-&-spätmoderner „Kunst“ sind grundsätzlich neu(!)-kunstwissenschaftlich zu befragen. Naturhistorisches und Kunsthistorisches sind evolutionär-entwicklungsgeschichtlich zu betrachten.
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