HIV-Prävention Zaudern tötet

Harro Albrecht über Dirk Niebel, der die HIV-Prävention gefährdet

In Zukunft wird mehr Geld in den globalen Kampf gegen Aids investiert werden müssen – denn es fehlen Medikamente

In Zukunft wird mehr Geld in den globalen Kampf gegen Aids investiert werden müssen – denn es fehlen Medikamente

Ist der Entwicklungshilfeminister wankelmütig, kann dies viele Menschen das Leben kosten. Möglicherweise sogar bei uns. Folgenreiche Unentschiedenheit hat den Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Dirk Niebel , befallen – bei der internationalen Aids-Hilfe.

Am Freitag endet in Wien der 18. Welt-Aids-Kongress . Und gewiss ist: Auch in Zukunft wird nicht weniger, sondern mehr Geld in den globalen Kampf gegen die Seuche investiert werden müssen. Noch immer bekommen weltweit nicht alle Patienten die notwendigen Medikamente. Nach wie vor breitet sich der Erreger HIV aus , Prävention steht daher inzwischen an der höchsten Stelle der Agenda.

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Das alles kostet Geld, viel Geld, und die deutsche Regierung war bereit, es zu geben. Bundeskanzlerin Angela Merkel machte sich 2007 stark für den Global Fund to Fight Aids, Tuberculosis and Malaria als Zentralinstanz im Kampf gegen die Infektionskrankheit. 200 Millionen Euro überweist Deutschland jährlich an diese größte Dachorganisation der internationalen Aids-Hilfe, damit ist sie der drittgrößte Geber. Das Geld ist in jeder Beziehung gut angelegt. Der Global Fund versorgt immerhin 2,8 Millionen HIV-Infizierte mit Medikamenten.

Unter dem FDP-Minister Niebel ist nun allerdings nicht mehr sicher, ob Deutschland dem Global Fund weiterhin treu bleibt. Für das kommende Jahr sind die 200 Millionen noch gesichert. Aber ob das auch für 2012 und 2013 gilt, ist unklar. Man möge doch bitte die nächste Global-Fund-Finanzierungsrunde Anfang Oktober abwarten, heißt es aus dem Ministerium. Ein Rückzug ist also nicht ausgeschlossen.

Insider halten diese Option für durchaus realistisch und warnen bereits vehement.

Knausern könnte hier aus drei Gründen fatale Folgen haben. Erstens: Wenn der stetige Medikamentennachschub stockt, gefährdet dies die Patienten, die ihre Pillen auf die Minute pünktlich nehmen müssen. Zweitens: Falls die Tabletten ganz fehlen, könnte sich die Seuche wieder erheblich schneller ausbreiten. Gerade wurde nachgewiesen, dass die Wirkstoffe die Virenlast im Blut der Infizierten weit reduzieren und diese dadurch weniger ansteckend sind. In gut versorgten Gegenden sinkt die Rate der Neuinfektionen daher deutlich. Drittens: Zaudern im Kampf gegen Aids befeuert in vielen Ländern die Tuberkuloseepidemie, denn immungeschwächte Menschen stecken sich leichter an. Und in der Kombination von Aids, Tuberkulose und halbgarer Therapie gedeihen ausgerechnet Tuberkulosekeime, die resistent gegen die meisten Antibiotika sind. Genau das geschieht derzeit in der Ukraine , nur zwei Flugstunden von Deutschland entfernt.

Aus humanitären und auch aus ganz eigennützigen gesundheitspolitischen Erwägungen ist es daher unverzichtbar, dass der Global Fund ausreichend finanziert bleibt. Minister Niebel aber investiert lieber bilateral in einzelne Aids-Projekte wie Lovelife in Südafrika. Das widerspricht dem 2005 in Paris gefassten Beschluss, die Entwicklungshilfe optimal zu koordinieren. Und es ist ein ungutes Signal an andere Geberländer. Wenn Deutschland die Mittel für den Global Fund kürzt, werden sie sich überlegen, ob sie weiter Geld geben. Die Zeit für nationale Egotrips in der Entwicklungshilfe ist vorbei.

 
Leser-Kommentare
  1. Kein Wunder, Herr Niebel wollte doch das Entwicklungshilfeministerium abschaffen. Er ist mit seinem Herzen nicht dabei!

  2. Natürlich ist es schrecklich was passiert, dass immer mehr Menschen infiziert sind, daran sterben, leiden und keine Chance haben. Aber auf der anderen Seite, liegt es doch auch im Verantwortungsbewusstsein eines jeden Menschen selbst, mit dem Risiko einer Infektion umzugehen. Klar, es sollte geholfen werden und klar sollte man so gut helfen wie es geht. Aber ich kann nicht verstehen, wie sich über Kürzungen aufgeregt werden kann, wenn in anderen sozialen Bereichen andauernd Kürzungen erfolgen und sich darüber nur halb soviel aufgeregt wird.

    Deutschland ist lang nicht mehr der "goldene Westen".... Kinder unzählbar leben unter der Armutsgrenze, Jugendliche haben keine Plätze mehr, wo sie hingehen können, grad wenn sie in sogenannten "Brennpunkten" leben. Alte Menschen, junge Menschen, Kinder erleiden hier täglich die schlimmsten Arten von Schicksalen... was ist mit denen? Sind die unwichtiger?

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    Natürlich sind Menschen aus dem eigenen Land nicht unwichtiger als die aus dem Ausland - aber eben auch nicht andersrum!
    [...]
    Neoliberale Politik hat mit sozialen Menschenrechten wenig zu tun. Selbst wenn die 200 Mio (0,05% von der Rettungssumme der Hypo Real Estate) gespart werde sollten. Glauben Sie ernsthaft dass sozial benachteiligte, die es zweifelsohne im Überfluss auch bei uns gibt, davon irgendetwas haben? Eine Schicht die keine Lobby hat und es leider nicht einmal schafft sich gegen einen Volksentscheid einzusetzen?

    Tun Sie mir und der Qualität dieses Forums den Gefallen und Urteilen Sie nicht pauschal.
    In freudiger und gespannter Vorfreude auf die Zensurfreudigkeit der ZEIT Redaktion.

    Schraenki
    Verzichten Sie auf Beleidigungen. Die Redaktion / mh

    • Khosi
    • 21.07.2010 um 22:17 Uhr

    wird sich darüber aufgeregt, weil es um Menschen geht, die nur zwei Optionen haben: Tod oder Hilfe von außerhalb!

    Sie glauben doch nicht allen Ernstes, dass man das Schicksal eines HIV-Infizierten in Malawi, Südafrika oder Brasilien mit dem eines 16-Jährigen in Deutschland vergleichen kann, der keinen nachmittäglichen Jugendtreff besuchen kann!

    Natürlich sind Menschen aus dem eigenen Land nicht unwichtiger als die aus dem Ausland - aber eben auch nicht andersrum!
    [...]
    Neoliberale Politik hat mit sozialen Menschenrechten wenig zu tun. Selbst wenn die 200 Mio (0,05% von der Rettungssumme der Hypo Real Estate) gespart werde sollten. Glauben Sie ernsthaft dass sozial benachteiligte, die es zweifelsohne im Überfluss auch bei uns gibt, davon irgendetwas haben? Eine Schicht die keine Lobby hat und es leider nicht einmal schafft sich gegen einen Volksentscheid einzusetzen?

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    Schraenki
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    • Khosi
    • 21.07.2010 um 22:17 Uhr

    wird sich darüber aufgeregt, weil es um Menschen geht, die nur zwei Optionen haben: Tod oder Hilfe von außerhalb!

    Sie glauben doch nicht allen Ernstes, dass man das Schicksal eines HIV-Infizierten in Malawi, Südafrika oder Brasilien mit dem eines 16-Jährigen in Deutschland vergleichen kann, der keinen nachmittäglichen Jugendtreff besuchen kann!

    • leudoc
    • 21.07.2010 um 19:20 Uhr

    reißerischer geht es wohl kaum noch. Und dann wird munter alles durcheinandergeschmissen: Erstmal die Krankheiten: AIDS, Tuberkulose und Malaria; hat zwar irgendwie was miteinander zu tun (jedenfalls AIDS und Tuberkulose), ist aber auch ziemlich unterschiedlich (was die Behandlung insbesondere hinsichtlich der Dauer angeht). Dann Prävention und Therapie: "Prävention steht daher inzwischen an der höchsten Stelle der Agenda". Und einen Absatz später: "Wenn der stetige Medikamentennachschub stockt, gefährdet dies die Patienten, die ihre Pillen auf die Minute pünktlich nehmen müssen". Glaubt der Autor dieses Artikels tatsächlich, daß der Großteil der Patienten z.B. in Afrika seine Pillen - wenn überhaupt - dann sogar noch pünktlich nimmt? Er war offensichtlich noch nicht da. Und flächendeckende Prävention? Das ist wohl ein Witz, wenn auch ein sehr makabrer.
    Ich bin wahrlich kein Freund von Herrn Niebel und ja, wir haben mit diesen Krankheiten ein ernstes Problem, aber es muß natürlich erlaubt sein, darüber nachzudenken, inwieweit man unsere Steuergelder so sinnvoll anlegt. Kleine bilaterale Projekte sind dazu unter Umständen nicht der schlechteste Weg.
    Nur meine 2 Cent dazu.

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    Ich stimme ihnen zu. Insbesondere in Südafrika gibt es einige kleine, aber hocheffiziente Hilfsorganisationen.

    Ich stimme ihnen zu. Insbesondere in Südafrika gibt es einige kleine, aber hocheffiziente Hilfsorganisationen.

    • carzi
    • 21.07.2010 um 19:27 Uhr

    Wie kann es sein, dass wir die ganze Welt finanzieren? Deutschland ist pleite und wir verschenken Millionen in Dinge, die uns nichts angehen.

    Jeder ist seines Glückes Schmied. [...] Wir haben selbst massive Probleme vor der Haustür. Deutschland kann sich schlichtweg die Rolle eines "Globel Player" nicht mehr leisten.

    Und mal ganz ehrlich, zuerst die eigene Bevölkerung, dann alles Andere.

    Bitte bleiben Sie sachlich und verzichten Sie auf polemische, provokante Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/fk.

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    Sie wissen nicht, daß in z.B. Südafrika, je nachdem, welche Studie man dazu bemüht, alle 30 sec bis alle 10 Minuten eine Frau vergewaltigt wird? Bei gewaltsamem Sex ist das Risiko einer HIV-Infektion besonders hoch. Jede ist ihres Glückes Schmied? Wie überaus zynisch!
    http://www.spiegel.de/pan...

    Wenn Sie der Ansicht sind, Deutschland sei pleite, dann können Sie kaum südlich der Alpen, südlich der Festung Europa, südlich der Sahara gewesen sein. Pleite geht anders. Pleite ist ein Land, wenn es keinen Zugang zu sauberem Wasser, zu medizinischer Versorgung, keinen Anschluß an Infrastruktur aller Art, keinen Zugang zu Bildung für größere Teile der Bevölkerung gibt.

    Sie wissen auch ganz offensichtlich nicht, wie niedrig der Etat des BMZ ist, wenn Sie die irrige Annahme vertreten, in Deutschland kämen die Deutschen NICHT zuerst.

    Was Sie auch ganz offenbar nicht verstanden haben - Deutschland lebt vom Export. Das kann nicht gutgehen, wenn man sich soviel Mühe gibt, große Teile der Weltbevölkerung in Armut zu halten, durch Zollschranken, durch Leerfischen der Meere, durch das Verbot von lebensrettenden Generika usw.usf. Selbst in neoliberale Zyniker sollte doch eigentlich die Überlegung hineinpassen, daß Märkte kollabieren, wenn aufgrund von AIDS signifikante Teile der arbeitsfähigen Bevölkerung krank sind und sterben, insofern leider nicht konsumieren können.

    Von Menschenrechten, universal, unveräußerlich, unteilbar, ganz zu schweigen.

    Sie wissen nicht, daß in z.B. Südafrika, je nachdem, welche Studie man dazu bemüht, alle 30 sec bis alle 10 Minuten eine Frau vergewaltigt wird? Bei gewaltsamem Sex ist das Risiko einer HIV-Infektion besonders hoch. Jede ist ihres Glückes Schmied? Wie überaus zynisch!
    http://www.spiegel.de/pan...

    Wenn Sie der Ansicht sind, Deutschland sei pleite, dann können Sie kaum südlich der Alpen, südlich der Festung Europa, südlich der Sahara gewesen sein. Pleite geht anders. Pleite ist ein Land, wenn es keinen Zugang zu sauberem Wasser, zu medizinischer Versorgung, keinen Anschluß an Infrastruktur aller Art, keinen Zugang zu Bildung für größere Teile der Bevölkerung gibt.

    Sie wissen auch ganz offensichtlich nicht, wie niedrig der Etat des BMZ ist, wenn Sie die irrige Annahme vertreten, in Deutschland kämen die Deutschen NICHT zuerst.

    Was Sie auch ganz offenbar nicht verstanden haben - Deutschland lebt vom Export. Das kann nicht gutgehen, wenn man sich soviel Mühe gibt, große Teile der Weltbevölkerung in Armut zu halten, durch Zollschranken, durch Leerfischen der Meere, durch das Verbot von lebensrettenden Generika usw.usf. Selbst in neoliberale Zyniker sollte doch eigentlich die Überlegung hineinpassen, daß Märkte kollabieren, wenn aufgrund von AIDS signifikante Teile der arbeitsfähigen Bevölkerung krank sind und sterben, insofern leider nicht konsumieren können.

    Von Menschenrechten, universal, unveräußerlich, unteilbar, ganz zu schweigen.

    • TDU
    • 21.07.2010 um 19:54 Uhr

    Jetzt hat Niebel schon mal die Kräfte gebündelt. Einer ist endlich für Hilfe zur Selbsthilfe, was hat seine Vorgängerin in 10 Jahren geschafft? Ach ja, da waren Kürzungen ja notwendig.

    Und noch ist gar nichts entschieden. Aber genau wie in Deutschland, bei jeder Kürzung geht alles runter. Vielleicht fällt auch den Herrschaften vom Global Fund mal was anders ein, als immer nur geben.

    Aber eigentlich hätte er in einem Jahr schon mal alle Probleme lösen können.

  3. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf die Veröffentlichung von rassistischen und menschenfeindlichen Kommentaren. Danke, die Redaktion/fk.

  4. Natürlich sind Menschen aus dem eigenen Land nicht unwichtiger als die aus dem Ausland - aber eben auch nicht andersrum!
    [...]
    Neoliberale Politik hat mit sozialen Menschenrechten wenig zu tun. Selbst wenn die 200 Mio (0,05% von der Rettungssumme der Hypo Real Estate) gespart werde sollten. Glauben Sie ernsthaft dass sozial benachteiligte, die es zweifelsohne im Überfluss auch bei uns gibt, davon irgendetwas haben? Eine Schicht die keine Lobby hat und es leider nicht einmal schafft sich gegen einen Volksentscheid einzusetzen?

    Tun Sie mir und der Qualität dieses Forums den Gefallen und Urteilen Sie nicht pauschal.
    In freudiger und gespannter Vorfreude auf die Zensurfreudigkeit der ZEIT Redaktion.

    Schraenki
    Verzichten Sie auf Beleidigungen. Die Redaktion / mh

  5. Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de Nur so kann auf diese auch eingegangen werden. Dieses Forum soll ausschließlich den Kommentaren zu Artikeln gewidmet sein. Danke, die Redaktion/fk.

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