In Zukunft wird mehr Geld in den globalen Kampf gegen Aids investiert werden müssen – denn es fehlen Medikamente © Tony Karumba/AFP/Getty Images

Ist der Entwicklungshilfeminister wankelmütig, kann dies viele Menschen das Leben kosten. Möglicherweise sogar bei uns. Folgenreiche Unentschiedenheit hat den Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Dirk Niebel , befallen – bei der internationalen Aids-Hilfe.

Am Freitag endet in Wien der 18. Welt-Aids-Kongress . Und gewiss ist: Auch in Zukunft wird nicht weniger, sondern mehr Geld in den globalen Kampf gegen die Seuche investiert werden müssen. Noch immer bekommen weltweit nicht alle Patienten die notwendigen Medikamente. Nach wie vor breitet sich der Erreger HIV aus , Prävention steht daher inzwischen an der höchsten Stelle der Agenda.

Das alles kostet Geld, viel Geld, und die deutsche Regierung war bereit, es zu geben. Bundeskanzlerin Angela Merkel machte sich 2007 stark für den Global Fund to Fight Aids, Tuberculosis and Malaria als Zentralinstanz im Kampf gegen die Infektionskrankheit. 200 Millionen Euro überweist Deutschland jährlich an diese größte Dachorganisation der internationalen Aids-Hilfe, damit ist sie der drittgrößte Geber. Das Geld ist in jeder Beziehung gut angelegt. Der Global Fund versorgt immerhin 2,8 Millionen HIV-Infizierte mit Medikamenten.

Unter dem FDP-Minister Niebel ist nun allerdings nicht mehr sicher, ob Deutschland dem Global Fund weiterhin treu bleibt. Für das kommende Jahr sind die 200 Millionen noch gesichert. Aber ob das auch für 2012 und 2013 gilt, ist unklar. Man möge doch bitte die nächste Global-Fund-Finanzierungsrunde Anfang Oktober abwarten, heißt es aus dem Ministerium. Ein Rückzug ist also nicht ausgeschlossen.

Insider halten diese Option für durchaus realistisch und warnen bereits vehement.

Knausern könnte hier aus drei Gründen fatale Folgen haben. Erstens: Wenn der stetige Medikamentennachschub stockt, gefährdet dies die Patienten, die ihre Pillen auf die Minute pünktlich nehmen müssen. Zweitens: Falls die Tabletten ganz fehlen, könnte sich die Seuche wieder erheblich schneller ausbreiten. Gerade wurde nachgewiesen, dass die Wirkstoffe die Virenlast im Blut der Infizierten weit reduzieren und diese dadurch weniger ansteckend sind. In gut versorgten Gegenden sinkt die Rate der Neuinfektionen daher deutlich. Drittens: Zaudern im Kampf gegen Aids befeuert in vielen Ländern die Tuberkuloseepidemie, denn immungeschwächte Menschen stecken sich leichter an. Und in der Kombination von Aids, Tuberkulose und halbgarer Therapie gedeihen ausgerechnet Tuberkulosekeime, die resistent gegen die meisten Antibiotika sind. Genau das geschieht derzeit in der Ukraine , nur zwei Flugstunden von Deutschland entfernt.

Aus humanitären und auch aus ganz eigennützigen gesundheitspolitischen Erwägungen ist es daher unverzichtbar, dass der Global Fund ausreichend finanziert bleibt. Minister Niebel aber investiert lieber bilateral in einzelne Aids-Projekte wie Lovelife in Südafrika. Das widerspricht dem 2005 in Paris gefassten Beschluss, die Entwicklungshilfe optimal zu koordinieren. Und es ist ein ungutes Signal an andere Geberländer. Wenn Deutschland die Mittel für den Global Fund kürzt, werden sie sich überlegen, ob sie weiter Geld geben. Die Zeit für nationale Egotrips in der Entwicklungshilfe ist vorbei.