Normandie Monets FestSeite 3/3
© ROBERT FRANCOIS/AFP/Getty Images

Die Bilder von Camille Pissarro (1830-1903) sind Teil der Impressionisten-Ausstellung im Musée des Beaux-Arts
Die Impressionisten fanden Gefallen am Essen im Grünen. Freunde beim Picknick zu malen erfreute sich als Sujet großer Beliebtheit. Monet, der alle Kollegen ausstechen wollte, legte sein farbenfrohes Déjeuner sur l’herbe auf sechs Meter Breite an. Er »vollendet sein gewaltiges Marmeladenbrot, das ihn alle Kraft kostet«, schrieb sein Lehrer Boudin, aber er irrte. Monet wurde nie ganz fertig damit. Das Bild zeigt eine kultivierte Gesellschaft im gefleckten Schatten einer Waldlichtung. Die Herren tragen steife Kragen, die Damen haben sich in ihren Krinolinen wie Fallschirme neben dem Tischtuch niedergelassen. Vom leuchtenden Weiß heben sich eine prächtige Pastete ab, ein ganzes Huhn auf der Platte, Pfirsiche, Weinflaschen, Geschirr und Gläser.
Eine Reproduktion des Werks füllt die Rückwand des Musikpavillons in Honfleur an der Seinemündung, als man sich im Rahmen des Festivals zu einem Picknick im Stil des 19. Jahrhunderts trifft. Der Eintritt ist frei. Jeder bringt seinen Picknickkorb mit. Ein Fächer, ein Hütchen oder ein Sonnenschirm würden gut ins Bild passen. Doch in Honfleur ist das Wetter normannisch kühl. Die Damen tragen Turnschuhe, die Herren Anorak zum Zylinder. Die Grüppchen lagern im Windschatten der Büsche am Wiesenrand und packen ihre Kühltaschen aus. Hätte Monet das wohl zugelassen: Tupperware? Eingeschweißten Schinken? PET-Flaschen? Rotwein in Kartons?
»Ich hätte es mir schon ein bisschen mehr wie im 19. Jahrhundert vorgestellt«, sagt Véronique, die zusammen mit ihrer Freundin Christine aus Versailles gekommen ist. Die beiden Damen sind stilsicher mit Champagner im Weidenkorb erschienen. Véronique trägt über ihrem Strohhut einen blauen Schleier, Christine einen bunten Sommerrock. Man speist vergnügt im Grünen: Käse, Kirschen, kandierte Himbeeren, Baguette, Gemüsesalat und Rhabarber-Aprikosen-Kuchen. Aus dem Pavillon klingt Debussys Rhapsodie für Klavier und Klarinette. Dann erscheint die Sonne. Da werden die Anoraks ausgezogen, und die amorphe Gruppe verwandelt sich in eine adrette Großfamilie mit weißen Westen, Hüten und Blümchenkleidern.
Etwas weiter flussaufwärts in Saint-Pierre-de Manneville hat die Ortsbürgermeisterin Madame Tocqueville verhindert, dass Turnschuhe und Tupperware aufs Gelände kommen. Man picknickt im Park des Manoir de Villers, eines Herrenhauses aus dem 15. Jahrhundert von weltentrückter Anmut, zwischen hoch stehenden Wiesen und alten Bäumen: roter Sandstein, längs gestreiftes Fachwerk unter einer steil gefalteten Dachlandschaft aus Gauben und Turmhauben. Auf einem Stück Rasen spielen Kinder mit Krocketschlägern eine Art Minigolf.
Madame Tocqueville, der Hausherr Robert Mery de Bellegarde, 83, und der komplette Gemeinderat von Saint-Pierre-de-Manneville sitzen unter den Linden zu Tisch. Die Bürgermeisterin hat die Gäste aus dem Fundus der Oper von Rouen in bronzefarbene Roben mit Schleppröcken und Ballonärmeln eingekleidet. Die Räte tragen Gehröcke und Strohhüte. Vom Henkel des Mokkatässchens spreizt sich der kleine Finger. »Wir wollten es so echt wie möglich machen«, sagt Madame Tocqueville. »So fühlt man sich doch besser ein ins 19. Jahrhundert.«
Der Hausherr – im Jahr von Monets Tod geboren – folgt dem Dresscode weniger genau. Er trägt Jeans, ein T-Shirt mit Impressionisten-Festival-Aufdruck unterm Jackett, Schal und Einstecktuch. Die entzückten Seufzer seiner Gäste nimmt er mit routinierter Bescheidenheit entgegen. Das Manoir de Villers ist seit 1763 in Familienbesitz. An den Aktivitäten des Festivals beteiligt sich Mery de Bellegarde nicht nur mit dem Picknick, sondern auch mit einer kleinen Ausstellung im Herrenhaus. Sie zeigt Porträts und Landschaftsbilder von Zeitgenossen der Impressionisten. Gemeint sind die Künstler, die auch den Weg ins Freie fanden, aber an ihrer akademischen Malweise festhielten, die Unaufgeregten, die hoch Gehandelten, die Medaillengewinner von damals.
Monsieur bedauert womöglich, dass sein Großvater nicht zugegriffen hat, als das Gekleckse eines Monet für 100 Franc zu haben war. Er mag die falschen Bilder besitzen, seinen Garten jedoch betrachtet er mit den Augen eines echten Impressionisten. »Schauen Sie«, sagt er zu seinen G??sten, »wie schön die weinrote Chinarose vor der Fassade gerade mit der Farbe des Sandsteins harmoniert.«
- Datum 30.07.2010 - 11:59 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.07.2010 Nr. 30
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Der Bericht erinnert mich an eine wunderschöne Normandiereise, aber das zweite Bild ist leider falsch: das ist nicht die Kathedrale von Rouen, es dürfte sich um die ebenfalls sehr große und eindrucksvolle Abteikirche St. Ouen in Rouen handeln.
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