Festung Hohenasperg Hinter diesen Mauern

Württembergs Hohenasperg: Ein neues Museum erzählt die Geschichte der deutschen Bastille

Wenn du nicht brav bist, kommst du auf den Asperg!« Damit brachte schon manche schwäbische Mutter ihren renitenten Sprössling zur Räson. Weit über die Landesgrenzen Württembergs hinaus galt die Bergveste bei Ludwigsburg als das politische Gefängnis schlechthin. »Demokratenbuckel«, »Freiheitsgrab« oder »Tränenberg« nannte ihn Volkes Stimme. Zu den Häftlingen gehörten im 18. und 19. Jahrhundert Freiheitskämpfer genauso wie in Ungnade gefallene Günstlinge. Später dann, im 20. Jahrhundert, Opfer und Täter des NS-Regimes, in jüngster Zeit gar noch ein Terrorist der RAF.

Als Staatskerker diente die Festung vom Anfang des 18. Jahrhunderts an, als Württembergs Herren ihr keine militärische Bedeutung mehr beimaßen. Der bekannteste politische Gefangene der frühen Jahre war der im ganzen Reich populäre Journalist, Dichter und Musiker Christian Friedrich Daniel Schubart, der hier von 1777 an für viele Jahre »Frost, Hunger, Höllenangst« erleiden musste.

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Ein anderer prominenter Häftling kam 1824 auf den Hohenasperg: Friedrich List. Der Ökonom und wegweisende Vordenker einer europäischen Wirtschaftsunion hatte im Vormärz frech auf allerlei Missstände im Königreich Württemberg hingewiesen und musste schwer dafür büßen. Die meisten »Politischen« füllten den Kerker dann nach der Revolution von 1848/49. Rund 400 Demokraten waren damals hier oben eingepfercht, in den Zellen herrschte drückende Enge.

Die Festung ist schon immer ein historischer Ort von nationaler Bedeutung gewesen. Jetzt gibt es erstmals eine dauerhafte Ausstellung, die dies würdigt; ein Pendant zu anderen Orten der Demokratiegeschichte wie Hambach oder Rastatt. Untergebracht ist das Museum im ehemaligen Arsenalgebäude, in dem auch die meisten der Gefangenen einsaßen. Der größte Teil der Anlage ist freilich weiterhin Knast: Er umfasst ein Justizvollzugskrankenhaus und eine sozialtherapeutische Anstalt.

Paula Lutum-Lenger und Franziska Dunkel, die Ausstellungsmacherinnen vom Stuttgarter Haus der Geschichte Baden-Württemberg, haben sich in ihrer Darstellung auf 22 exemplarische Gefangenenbiografien konzentriert, in chronologischer Folge von Joseph Süß Oppenheimer, dem als »Jud Süß« bekannten Hoffinanzmann, der 1737 Opfer absolutistischer Ränke wurde, bis zu Günter Sonnenberg, Mitglied der Rote-Armee-Fraktion.

Dazwischen ein NS-Täter: Karl Jäger, der als Kommandeur des SS-Einsatzkommandos 3 im besetzten Litauen über 137000 Juden umbringen ließ und der sich 1959, auf dem Hohenasperg in Untersuchungshaft, vor dem Prozess selbst richtete. Und auch ein Gefangener des Ersten Weltkriegs ist dabei: der Franzose Charles Braemer, der hier mit Kameraden auf die Rückkehr in die Heimat wartete.

Dem Besucher erschließt sich die Geschichte der Häftlinge und ihrer Haftumstände auf ganz verschiedene Weise. Gleich in einem der ersten Räume erklingt eine Arie der Fulvia aus Händels Oper Ezio, einst gesungen von Marianne Pyrker. Die beliebte Sängerin am Stuttgarter Hoftheater war 1756 von Herzog Carl Eugen wegen einer delikaten Indiskretion in den Asperger Kerker geworfen worden; die Haft raubte ihr Stimme und Verstand. An die Wand projizierte Zitate spiegeln dem Besucher Gedanken und Gefühle der Insassen. Auch die hier oben entstandenen Zeichnungen des 1851 wegen Hochverrats und Majestätsbeleidigung verurteilten Kaufmanns Ludwig Schaller gehören dazu, nebst seinen schriftlichen Bemühungen um die englische Sprache – Schaller übte schon für Amerika.

Beim Gang durch die dunklen Räume konzentriert sich der Blick auf die beleuchteten Exponate, meist Leihgaben anderer Archive oder Museen. Zu den beeindruckendsten gehören der hastig geschriebene Kassiber Oppenheimers für seinen Verteidiger, die vom Rost zerfressene Kerkertür Schubarts oder, beklemmend, das Kontrollbuch über den RAF-Mann Sonnenberg, in dem ein Beamter alle 15 Minuten einen Vermerk eintrug, nachdem er wieder kurz das Licht in der Zelle eingeschaltet hatte.

Revolutionäre Flugblätter, versteckt im Puppenherd

Kurios ist ein kleiner Puppenherd in der Vitrine für den Häftling Walter Häbich. Der Kommunist hatte im Spielzeug seiner Stiefschwester revolutionäre Flugblätter versteckt. Für seine Agitation war der Stuttgarter 1923 ohne richterliche Anordnung in »Schutzhaft« genommen worden. Verantwortet hatte dies Württembergs Justizminister Eugen Bolz. Die bittere Pointe: Der rechte Zentrumsmann und nachmalige Staatspräsident sollte nach 1933 selbst für Wochen auf dem Hohenasperg in »Schutzhaft« sitzen; 1944 erneut festgenommen, wurde Bolz im Januar 1945 in Berlin hingerichtet.

Wie die Außenwelt die Häftlinge sah, lässt sich in Zeitungsartikeln, in familiären Zeugnissen wie Briefen oder Postkarten nachlesen. Eine mit Stahlplatten verkleidete Wand dokumentiert mit Strafverordnungen und Urteilen den obrigkeitlichen Zugriff auf die Gefangenen. Dass sich Recht in Unrecht wenden konnte, verdeutlicht der Fall des Arztes Theobald Kerner. Der Sohn des Dichters Justinus Kerner hatte bei der Revolution von 1848 mitgetan. Zwar wurden der Willkürjustiz zu diesem Zeitpunkt schon durch ein öffentlich tagendes Schwurgericht Grenzen gesetzt. Doch die Geschworenen, obrigkeitstreue Bürger ohne Sinn für freiheitliche Forderungen, verurteilten ihn zu zehn Monaten Hohenasperg.

Gezielte Nachforschungen über Einzelschicksale ermöglicht der Recherche- und Leseraum am Ende des Rundgangs. Eine Datenbank birgt die Lebensläufe zahlreicher weiterer Häftlinge. Rund 4000 Datensätze sind es schon. Manch Besucher wird erstaunt sein, wie viele Gefangene aus seiner Heimatstadt hier einst ihr Dasein fristeten.

Wenn das Museum auch keine Ruhmeshalle sein will, sondern, die Gesamtgeschichte des Ortes umfassend, Gefangenenschicksale der unterschiedlichsten Art schildert, so überwiegen doch diejenigen Biografien, die für den Kampf um Freiheit und Demokratie stehen, für den langen Weg zum deutschen Rechtsstaat von heute. Dem Bundesland Baden-Württemberg war die Erinnerung daran 900.000 Euro wert. Das ist eine Menge Geld in einer Zeit, in der immer noch ein Budget für vieles vorhanden ist, aber ganz gewiss nichts für die Pflege unserer Demokratiegeschichte. Auf dem Hohenasperg ist es gut angelegt. Und sicher sowieso.

Die Dauerausstellung »Hohenasperg – Ein deutsches Gefängnis«, Schubartstraße 20, 71679 Asperg, ist geöffnet bis Ende Oktober 2010, von 2011 an jeweils April bis Oktober, Do bis So 10 bis 18 Uhr. Tel. 0711/2123989

 
Leser-Kommentare
  1. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf geschmacklose Vergleiche. Die Redaktion/cs

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