Revolutionäre Flugblätter, versteckt im Puppenherd
Beim Gang durch die dunklen Räume konzentriert sich der Blick auf die beleuchteten Exponate, meist Leihgaben anderer Archive oder Museen. Zu den beeindruckendsten gehören der hastig geschriebene Kassiber Oppenheimers für seinen Verteidiger, die vom Rost zerfressene Kerkertür Schubarts oder, beklemmend, das Kontrollbuch über den RAF-Mann Sonnenberg, in dem ein Beamter alle 15 Minuten einen Vermerk eintrug, nachdem er wieder kurz das Licht in der Zelle eingeschaltet hatte.
Revolutionäre Flugblätter, versteckt im Puppenherd
Kurios ist ein kleiner Puppenherd in der Vitrine für den Häftling Walter Häbich. Der Kommunist hatte im Spielzeug seiner Stiefschwester revolutionäre Flugblätter versteckt. Für seine Agitation war der Stuttgarter 1923 ohne richterliche Anordnung in »Schutzhaft« genommen worden. Verantwortet hatte dies Württembergs Justizminister Eugen Bolz. Die bittere Pointe: Der rechte Zentrumsmann und nachmalige Staatspräsident sollte nach 1933 selbst für Wochen auf dem Hohenasperg in »Schutzhaft« sitzen; 1944 erneut festgenommen, wurde Bolz im Januar 1945 in Berlin hingerichtet.
Wie die Außenwelt die Häftlinge sah, lässt sich in Zeitungsartikeln, in familiären Zeugnissen wie Briefen oder Postkarten nachlesen. Eine mit Stahlplatten verkleidete Wand dokumentiert mit Strafverordnungen und Urteilen den obrigkeitlichen Zugriff auf die Gefangenen. Dass sich Recht in Unrecht wenden konnte, verdeutlicht der Fall des Arztes Theobald Kerner. Der Sohn des Dichters Justinus Kerner hatte bei der Revolution von 1848 mitgetan. Zwar wurden der Willkürjustiz zu diesem Zeitpunkt schon durch ein öffentlich tagendes Schwurgericht Grenzen gesetzt. Doch die Geschworenen, obrigkeitstreue Bürger ohne Sinn für freiheitliche Forderungen, verurteilten ihn zu zehn Monaten Hohenasperg.
Gezielte Nachforschungen über Einzelschicksale ermöglicht der Recherche- und Leseraum am Ende des Rundgangs. Eine Datenbank birgt die Lebensläufe zahlreicher weiterer Häftlinge. Rund 4000 Datensätze sind es schon. Manch Besucher wird erstaunt sein, wie viele Gefangene aus seiner Heimatstadt hier einst ihr Dasein fristeten.
Wenn das Museum auch keine Ruhmeshalle sein will, sondern, die Gesamtgeschichte des Ortes umfassend, Gefangenenschicksale der unterschiedlichsten Art schildert, so überwiegen doch diejenigen Biografien, die für den Kampf um Freiheit und Demokratie stehen, für den langen Weg zum deutschen Rechtsstaat von heute. Dem Bundesland Baden-Württemberg war die Erinnerung daran 900.000 Euro wert. Das ist eine Menge Geld in einer Zeit, in der immer noch ein Budget für vieles vorhanden ist, aber ganz gewiss nichts für die Pflege unserer Demokratiegeschichte. Auf dem Hohenasperg ist es gut angelegt. Und sicher sowieso.
Die Dauerausstellung »Hohenasperg – Ein deutsches Gefängnis«, Schubartstraße 20, 71679 Asperg, ist geöffnet bis Ende Oktober 2010, von 2011 an jeweils April bis Oktober, Do bis So 10 bis 18 Uhr. Tel. 0711/2123989
- Datum 28.07.2010 - 07:13 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.07.2010 Nr. 30
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