Vertreibung Schicksal, Schuld und Gräueltaten

Populäre Geschichtsschreibung aus dem Geist der Kriegspropaganda: Jürgen Thorwalds ewiger Bestseller »Die große Flucht«

Es gibt Geschichtsbücher, die selbst Geschichte machen. Das können wissenschaftliche Werke sein. Oft aber sind es populäre Bücher. Besonders gut lässt sich dieses Phänomen in den frühen Jahren der Bundesrepublik beobachten. Von Eugen Kogons aufklärendem Werk Der SS-Staat bis hin zu den unsäglichen Wehrmachtglorifizierungen Paul Carells haben etliche Sachbücher enorme Wirkung entfaltet, ja das ganze Genre des populären historischen Sachbuchs wurde in der Nachkriegszeit zu einem Massenmedium, das Sichtweisen prägte und Vergangenheit »bewältigte«.

Dazu gehört – ein frühes und sehr eindrucksvolles Beispiel – Die große Flucht von Jürgen Thorwald. 1949 und 1950 in zwei Bänden (unter den Titeln Es begann an der Weichsel und Das Ende an der Elbe) im Stuttgarter Steingrüben Verlag erschienen, erlebte das Buch seither mehr als 50 Auflagen. Die Gesamtzahl der verkauften Exemplare lässt sich schwer ermitteln, sie geht wohl auf die halbe Million zu. Die vorerst letzte Ausgabe erschien 2005 bei Knaur in München zum 60. Jahrestag des Kriegsendes mit dem neuen Untertitel Niederlage, Flucht und Vertreibung. Thorwalds Die große Flucht dürfte eins der bekanntesten und wirkungsmächtigsten deutschen Sachbücher zur Zeitgeschichte sein.

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Das erste Kapitel beginnt in der Nacht zum 9. Januar 1945 mit der Zugfahrt des Generalobersts Heinz Guderian ins Führerhauptquartier Adlerhorst bei Bad Nauheim, wo sich Hitler wegen der »Ardennenoffensive« aufhält. Der Generalstabschef des Heeres braucht dringend Verstärkung gegen die überlegene Rote Armee und Frontbegradigungen zur Entlastung. Im Halbschlaf und im Traum lässt Thorwald Guderian »Bilder und Gestalten« sehen, die zu einem »einzigen großen Reigen« gehören – die »erbitterten Kämpfe mit Hitler« und die »ringsum anstürmenden feindlichen Gewalten«, Hitlers Fehlentscheidungen und die Niederlagen der Wehrmacht seit dem Winter 1941/42 sowie vor allem die Gräuel der Roten Armee an deutschen Soldaten und der Zivilbevölkerung in Ostpreußen: »Frauen lebend an Scheunentore genagelt. Alle Frauen und Mädchen ungezählte Male geschändet, Männer und Greise zu Tode gemartert.«

Nach dem Eintreffen im Hauptquartier wird Hitler aus der Perspektive von Guderians Adjutant geschildert: »Sein Rücken war gebeugt. Sein Kopf saß tief zwischen den Schultern. Sein Gesicht wirkte schlaff und bleich. Graue Fäden durchzogen sein schwarzes Haar. Der zweireihige graue Rock mit goldenen Knöpfen hing formlos von seinen Schultern herab. Hitler reichte jedem der Anwesenden seine weiche Hand. Und dann begann jenes merkwürdige Knistern und Rascheln, das seit Monaten alle Lagebesprechungen begleitete, wie eine Untermalung durch eine lähmende, zermürbende Musik, die immer wieder an den Zerfall des vermeintlichen Riesen erinnerte. Dieses Geräusch entstand durch die Berührung zwischen Hitlers zitternder Hand und den Karten.«

Für sein erstes Buch schreibt Hermann Göring das Geleitwort

In dieser Schilderung, die Joachim Fests 2002 erschienene Skizze Der Untergang vorwegnimmt und an deren Verfilmung mit Bruno Ganz erinnert, wird auch die fortdauernde Faszination deutlich, die vom »Führer« und von seinen »großen Konzeptionen« ausgeht: Konzeptionen, »die, wenn man so wollte, genial und zugleich in ihrer Uferlosigkeit verhängnisvoll gewesen waren«. Von der Lagebesprechung selbst erfährt der Leser dagegen nur das Ergebnis: »Der Führer hat alles abgelehnt. [...] Die Front bleibt stehen, wo sie ist. [...] Der Führer glaubt nicht an den russischen Angriff...«

In dieser Eingangssequenz sind die wesentlichen Inhalte des Buchs angesprochen: der militärische Zusammenbruch, der durch eine Kette von Fehlentscheidungen katastrophale Ausmaße annimmt; die rationalen und unbestechlich kalt urteilenden Militärs, die dennoch Hitlers dämonischer Bannkraft erliegen und ihm wider besseres Wissen folgen; die der Wirklichkeit nicht mehr zugängliche Machtzentrale, die mit Propagandalügen und Durchhaltebefehlen Hunderttausende opfert; sowie immer wieder das Leiden der Soldaten und der Zivilbevölkerung.

Berichtet wird vom Untergang Ostpreußens und von der Flucht übers Eis, vom Einmarsch der Roten Armee mit den stets folgenden Massenvergewaltigungen und Morden, besonders ausführlich von der Schlacht um Berlin und vom Ende Hitlers im Führerbunker sowie in einem zweiten Finale von der »Austreibung« der Deutschen aus Tschechien in einem »Meer von Blut«. Nach der Schilderung unendlicher Grausamkeiten endet das entsprechende Kapitel mit dem Pfarrer Karl Seifert, der in der Gegend von Pirna »Tausende und Abertausende« Deutsche tot die Elbe hinuntertreiben sieht. Am »Abend des 20. Mai geschah es, daß der Strom nicht nur solche Deutsche von sich gab, die zusammengebunden ins Wasser gestürzt und ertränkt worden waren, und nicht nur die Erdrosselten und Erstochenen und Erschlagenen, ihrer Zunge, ihrer Augen, ihrer Brüste Beraubten, sondern auf ihm trieb, wie ein Schiff, eine hölzerne Bettstelle, auf der eine ganze deutsche Familie mit ihren Kindern mit Hilfe langer Nägel angenagelt war.«

Leser-Kommentare
    • th
    • 27.07.2010 um 19:27 Uhr

    wo und wann hat Frau Steinbach sich auf Jürgen Thorwalds Greuelgeschicht berufen?

    Ich kann mich noch an all die Veröffentlichungen der 50er Jahre (z.B. in Illustrierten wie Quick oder Stern) erinnern, welche in Thorwaldscher Manier geradezu wollüstig in grauenhaften Geschichten aus dem Krieg wühlten (Flucht und Vertreibung, Bombenkrieg, Untergang der W. Gustloff, Stalingrad - alles im Wartezimmer beim Zahnarzt oder beim Friseur).

    Allerdings gebe ich zu bedenken, dass damals sehr viele Menschen direkt oder indirekt betroffen waren, und dass der Mensch wohl immer eine stärkere emotionale Beziehung zu denjenigen Ereignissen hat, die er selbst erlebt hat, als zu dem, was er aus zweiter oder dritter Hand erfährt.

    Wenn damals also jemand erzählte, wie er/sie die Ermordung eines Angehörigen als Zeuge erlebte, oder sich während eines Luftangriffs aus einem brennenden Haus gerettet hat, dann ging es den so Traumatisierten wohl nicht darum irgendwie "aufzurechen", sondern einfach nur darum, mit unerträglichen Erlebnissen fertigzuwerden.

    Vielleicht erklärt sich daraus das damalige Interesse der Leserschaft and solchen Pseudo-Berichten. Dass diese nur teilweise auf Tatsachen, und teilweise auf der direkten Fortschreibung der Goebbelsschen Propaganda beruhten, ist entsetzlich, wurde aber von den durch jene Propaganda konditionierten Lesern wahrscheinlich gar nicht wahrgenommen.

    Keine Entschuldigung für J. Thorwald, sondern ein Erklärungsversuch für seinen Erfolg bei den Lesern.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • esfo
    • 28.07.2010 um 15:22 Uhr

    Zur Frage:
    "wo und wann hat Frau Steinbach sich auf Jürgen Thorwalds Greuelgeschicht berufen?"

    In dem Radiobeitrag Das Feature: Etwaige Belastungen (Autor Otto Köhler) des Deutschlandfunks zum Thema der Geschichte des Bundes der Vertriebenen vom 27.07.2010, Sendebeginn um 19.15 Uhr, ist ein Tonmitschnitt Frau Steinbachs mit diesem Zitat in pathetischen Sprachduktus zu hören.
    Gewöhnlich sind die Sendungen des DLF-Features nach ca. einer Woche als Textdokument auf der Homepage dradio.de einsehbar.

    • esfo
    • 28.07.2010 um 15:22 Uhr

    Zur Frage:
    "wo und wann hat Frau Steinbach sich auf Jürgen Thorwalds Greuelgeschicht berufen?"

    In dem Radiobeitrag Das Feature: Etwaige Belastungen (Autor Otto Köhler) des Deutschlandfunks zum Thema der Geschichte des Bundes der Vertriebenen vom 27.07.2010, Sendebeginn um 19.15 Uhr, ist ein Tonmitschnitt Frau Steinbachs mit diesem Zitat in pathetischen Sprachduktus zu hören.
    Gewöhnlich sind die Sendungen des DLF-Features nach ca. einer Woche als Textdokument auf der Homepage dradio.de einsehbar.

    • esfo
    • 28.07.2010 um 15:22 Uhr

    Zur Frage:
    "wo und wann hat Frau Steinbach sich auf Jürgen Thorwalds Greuelgeschicht berufen?"

    In dem Radiobeitrag Das Feature: Etwaige Belastungen (Autor Otto Köhler) des Deutschlandfunks zum Thema der Geschichte des Bundes der Vertriebenen vom 27.07.2010, Sendebeginn um 19.15 Uhr, ist ein Tonmitschnitt Frau Steinbachs mit diesem Zitat in pathetischen Sprachduktus zu hören.
    Gewöhnlich sind die Sendungen des DLF-Features nach ca. einer Woche als Textdokument auf der Homepage dradio.de einsehbar.

    Antwort auf "Kleine Tatsachenfrage"
    • th
    • 29.07.2010 um 14:23 Uhr
    3. Danke

    für den Hinweis!

    • esfo
    • 31.07.2010 um 19:54 Uhr

    Hier das Zitat auch schriftlich, man kann den genannten Beitrag nun downloaden unter:

    http://www.dradio.de/dlf/...

    DEUTSCHLANDFUNK
    Sendung:
    Hörspiel/Hintergrund Kultur
    Dienstag, 27.07.2010
    Redaktion: Hermann Theißen
    19.15 Uhr 20.00 Uhr

    Etwaige Belastungen
    Der Bund der Vertriebenen sucht seine Vergangenheit
    Von Otto Köhler

    (…)

    O-Ton Steinbach
    "An diesem 20. Mai geschah es, dass der Strom nicht nur solche Deutsche von sich gab, die zusammengebunden ins Wasser gestürzt und ertränkt worden waren und nicht nur die Erdrosselten und Erstochenen und Erschlagenen, ihrer Zungen, ihrer Augen, ihrer Brüste Beraubten, sondern auf ihm trieb, wie ein Schiff, eine hölzerne Bettstelle, auf der eine ganze deutsche Familie mit ihren Kindern mit Hilfe langer Nägel angenagelt war."

    Autor
    So trug es Erika Steinbach 1999 vor zum 50-jährigen Bestehen der Bundesrepublik Deutschland im Berliner Dom.

    (…)

  1. auf die Argumente der Gegenseite eingeht. Letztenendes würden die Zweifel beseitigt werden und die rechtsgerichteten Lügner und populistischen Propagandisten mit eingezogenem Wauwau abziehen.

    Meiner Meinung nach gehört diese Farce, mit den Holocaust Leugnern und den öffentlichen Redeverboten, in unserer heutigen Wertegesellschaft, eigentlich der Vergangenheit an. Nach einer öffentlichen, allen zugänglichen Auseinandersetzung von Experten beider Seiten, sollte der Holocaust im freiheitlichen Sinn den gleichen Stellenwert haben wie z. B. die Indianervernichtung: Sollte jemand ihn Leugnen, wird er belächelt werden.

  2. Entfernt wegen Doppelpostings. Die Redaktion/ew

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