Vertreibung Schicksal, Schuld und Gräueltaten

Populäre Geschichtsschreibung aus dem Geist der Kriegspropaganda: Jürgen Thorwalds ewiger Bestseller »Die große Flucht«

Es gibt Geschichtsbücher, die selbst Geschichte machen. Das können wissenschaftliche Werke sein. Oft aber sind es populäre Bücher. Besonders gut lässt sich dieses Phänomen in den frühen Jahren der Bundesrepublik beobachten. Von Eugen Kogons aufklärendem Werk Der SS-Staat bis hin zu den unsäglichen Wehrmachtglorifizierungen Paul Carells haben etliche Sachbücher enorme Wirkung entfaltet, ja das ganze Genre des populären historischen Sachbuchs wurde in der Nachkriegszeit zu einem Massenmedium, das Sichtweisen prägte und Vergangenheit »bewältigte«.

Dazu gehört – ein frühes und sehr eindrucksvolles Beispiel – Die große Flucht von Jürgen Thorwald. 1949 und 1950 in zwei Bänden (unter den Titeln Es begann an der Weichsel und Das Ende an der Elbe) im Stuttgarter Steingrüben Verlag erschienen, erlebte das Buch seither mehr als 50 Auflagen. Die Gesamtzahl der verkauften Exemplare lässt sich schwer ermitteln, sie geht wohl auf die halbe Million zu. Die vorerst letzte Ausgabe erschien 2005 bei Knaur in München zum 60. Jahrestag des Kriegsendes mit dem neuen Untertitel Niederlage, Flucht und Vertreibung. Thorwalds Die große Flucht dürfte eins der bekanntesten und wirkungsmächtigsten deutschen Sachbücher zur Zeitgeschichte sein.

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Das erste Kapitel beginnt in der Nacht zum 9. Januar 1945 mit der Zugfahrt des Generalobersts Heinz Guderian ins Führerhauptquartier Adlerhorst bei Bad Nauheim, wo sich Hitler wegen der »Ardennenoffensive« aufhält. Der Generalstabschef des Heeres braucht dringend Verstärkung gegen die überlegene Rote Armee und Frontbegradigungen zur Entlastung. Im Halbschlaf und im Traum lässt Thorwald Guderian »Bilder und Gestalten« sehen, die zu einem »einzigen großen Reigen« gehören – die »erbitterten Kämpfe mit Hitler« und die »ringsum anstürmenden feindlichen Gewalten«, Hitlers Fehlentscheidungen und die Niederlagen der Wehrmacht seit dem Winter 1941/42 sowie vor allem die Gräuel der Roten Armee an deutschen Soldaten und der Zivilbevölkerung in Ostpreußen: »Frauen lebend an Scheunentore genagelt. Alle Frauen und Mädchen ungezählte Male geschändet, Männer und Greise zu Tode gemartert.«

Nach dem Eintreffen im Hauptquartier wird Hitler aus der Perspektive von Guderians Adjutant geschildert: »Sein Rücken war gebeugt. Sein Kopf saß tief zwischen den Schultern. Sein Gesicht wirkte schlaff und bleich. Graue Fäden durchzogen sein schwarzes Haar. Der zweireihige graue Rock mit goldenen Knöpfen hing formlos von seinen Schultern herab. Hitler reichte jedem der Anwesenden seine weiche Hand. Und dann begann jenes merkwürdige Knistern und Rascheln, das seit Monaten alle Lagebesprechungen begleitete, wie eine Untermalung durch eine lähmende, zermürbende Musik, die immer wieder an den Zerfall des vermeintlichen Riesen erinnerte. Dieses Geräusch entstand durch die Berührung zwischen Hitlers zitternder Hand und den Karten.«

Für sein erstes Buch schreibt Hermann Göring das Geleitwort

In dieser Schilderung, die Joachim Fests 2002 erschienene Skizze Der Untergang vorwegnimmt und an deren Verfilmung mit Bruno Ganz erinnert, wird auch die fortdauernde Faszination deutlich, die vom »Führer« und von seinen »großen Konzeptionen« ausgeht: Konzeptionen, »die, wenn man so wollte, genial und zugleich in ihrer Uferlosigkeit verhängnisvoll gewesen waren«. Von der Lagebesprechung selbst erfährt der Leser dagegen nur das Ergebnis: »Der Führer hat alles abgelehnt. [...] Die Front bleibt stehen, wo sie ist. [...] Der Führer glaubt nicht an den russischen Angriff...«

In dieser Eingangssequenz sind die wesentlichen Inhalte des Buchs angesprochen: der militärische Zusammenbruch, der durch eine Kette von Fehlentscheidungen katastrophale Ausmaße annimmt; die rationalen und unbestechlich kalt urteilenden Militärs, die dennoch Hitlers dämonischer Bannkraft erliegen und ihm wider besseres Wissen folgen; die der Wirklichkeit nicht mehr zugängliche Machtzentrale, die mit Propagandalügen und Durchhaltebefehlen Hunderttausende opfert; sowie immer wieder das Leiden der Soldaten und der Zivilbevölkerung.

Berichtet wird vom Untergang Ostpreußens und von der Flucht übers Eis, vom Einmarsch der Roten Armee mit den stets folgenden Massenvergewaltigungen und Morden, besonders ausführlich von der Schlacht um Berlin und vom Ende Hitlers im Führerbunker sowie in einem zweiten Finale von der »Austreibung« der Deutschen aus Tschechien in einem »Meer von Blut«. Nach der Schilderung unendlicher Grausamkeiten endet das entsprechende Kapitel mit dem Pfarrer Karl Seifert, der in der Gegend von Pirna »Tausende und Abertausende« Deutsche tot die Elbe hinuntertreiben sieht. Am »Abend des 20. Mai geschah es, daß der Strom nicht nur solche Deutsche von sich gab, die zusammengebunden ins Wasser gestürzt und ertränkt worden waren, und nicht nur die Erdrosselten und Erstochenen und Erschlagenen, ihrer Zunge, ihrer Augen, ihrer Brüste Beraubten, sondern auf ihm trieb, wie ein Schiff, eine hölzerne Bettstelle, auf der eine ganze deutsche Familie mit ihren Kindern mit Hilfe langer Nägel angenagelt war.«

Thorwald meinte später, sein Buch habe »auch den Titel ›Schuld und Sühne‹« tragen können, »weil es das Leid der Deutschen im Sinne einer Sühne [...] beschrieb«. Die »Sühneleistung« der Deutschen wird recht drastisch vorgeführt, wenn etwa die Vergewaltigung der Mutter und die Kastration des Vaters vor den Augen ihrer Kinder stattfinden. Die Schuld der Deutschen indes versieht Thorwald stets mit einem Aber. So sei es zwar falsch gewesen, dem Warthegau Gebiete zuzuschlagen, die »ausgesprochen polnisch« waren, aber es mussten schließlich jene Volksdeutschen untergebracht werden, welche »ihre jahrhundertealte Heimat aufgegeben hatten, als sich die Sowjetunion diese Gebiete im Jahr 1939 einverleibte«. »Die Austreibung der Polen war in der ersten Zeit mit brutalsten Mitteln geschehen«, aber »erhitzt durch die Scheußlichkeit, welche die Polen selbst im auflodernden Haß des Septemberkrieges an Volksdeutschen begangen hatten; nur noch übertroffen durch die Vernichtung des Judentums, zu der wiederum [...] zahlreiche Polen ihre Hand reichten«.

Auch die Eliminierung von Millionen sowjetischer Kriegsgefangener hatte für Thorwald keinerlei ideologische Hintergründe. Der Massentod sei nur die Folge von Versorgungsengpässen gewesen. Im Gegensatz dazu sei die Rote Armee mit einem »wohlvorbereiteten System zur Dezimierung und Vertreibung der Deutschen [...] und zur Verschleppung alles deutschen Gutes« ans Werk gegangen. Weiterhin bleibe zu bedenken, dass »die Vertreibung und die Vernichtung der Juden keine öffentliche Sache der Deutschen in ihrer Masse oder auch nur eines nennenswerten Hundertsatzes war«, sondern »Sache des Nationalsozialismus und einer kleinen Gruppe von Befehlenden und Ausführenden«. Es hätten »sechzig Millionen ganz oder halb Unschuldige mit zwanzig- oder dreißigtausend wirklich Schuldigen [...] büßen müssen«.

Das Auf- und Abrechnen eines nicht zu salvierenden Schuldkontos war in den fünfziger Jahren durchaus üblich. Es lassen sich etliche Bücher nachweisen, die ähnliche Rechnungen anstellen. Erst in den neunziger Jahren kritisierten deutsche Medien, was Léon Poliakov, Autor einer der ersten Studien zum Holocaust, in der New Yorker Monatszeitschrift Commentary schon 1952 festgestellt hatte, dass nämlich Thorwald mit dem dargestellten deutschen Leid das der anderen Opfer, zumal der jüdischen, vergessen machen wolle.

Damals beeindruckte die Rezensenten noch Thorwalds literarische Form. Vom »Tatsachenbericht« ist die Rede, vom »modernen Reportagestil«, und in beinahe allen Besprechungen hebt man die »mit echter Besessenheit« zusammengetragenen Quellen hervor. Das Buch stütze sich »auf rund 2000 Dokumente [...], Bücher, Broschüren, Zeitungen und Flugblätter, Briefe, Tagebücher, eidesstattliche Erklärungen [...], ausführliche Erinnerungsberichte damals führender Persönlichkeiten, sowie [...] Mitschriften von eingehenden Unterredungen«, teilt der Autor im Nachwort mit. Gleichwohl sind diese Dokumente größtenteils nicht als Dokumente wiedergegeben, sondern deutlich gestaltet. Präzise beschrieb diese Darstellungstechnik Felix Dassel 1950 in der ZEIT: »Die Gestalten und Handlungen der Himmler, Koch, Greiser, Hanke und auch einiger Generäle wie Schoerner, Wenck, Lasch liefern Konturen. Und diese Konturen grenzen eine Bühne ab, [...] auf der in Einzel- und Massenszenen die Katastrophe der Ostdeutschen abrollt.« Auf der »Bühne« überwiegen subjektive Berichte der Opfer und fiktionale Elemente, wie die brutalen Gedankengänge einiger Rotarmisten, während sie ein Dorf liquidieren. Die »Rahmenhandlung«, die Kriegsgeschichte aus dem Blickwinkel bekannter historischer Protagonisten (wie Guderian), dient dann dazu, den Eindruck der Faktizität zu festigen.

Diese Dramaturgie lässt sich auch als Produkt einer spezifischen Werkbiografie verstehen. Denn Jürgen Thorwald ist das Pseudonym von Heinz Bongartz (1915 bis 2006), und Bongartz war 1950 nicht der »junge«, unbekannte Autor, als der er im Klappentext auftrat. Auch handelte es sich bei den 1949/50 publizierten Bänden nicht um seine »allerersten« Bücher, wie im Börsenblatt noch 1985 zu lesen stand. Vielmehr hatte Bongartz, Lehrerssohn aus Solingen, seine journalistische Karriere bereits 1933 begonnen. Er schrieb für Die Braune Post, die SS-Zeitung Das Schwarze Korps und besonders für die Essener National-Zeitung, ein »Organ der NSDAP«. Nach dem abgebrochenen Medizin- und dem ebenfalls abgebrochenen Philologiestudium in Köln spezialisierte er sich von 1938 an auf die publizistischen Wachstumsmärkte Luftfahrt und Luftwaffe. 1939 erschien sein erstes Buch: Luftmacht Deutschland, ein reich bebilderter Folioband. Das Geleitwort schrieb Hermann Göring.

Während des Kriegs war Bongartz in Berlin ziviler Mitarbeiter in einer geschichtlichen Abteilung des Oberkommandos der Marine. Auch wenn er nicht zu den Propagandatruppen gehörte, bewegen sich seine vor 1945 erschienenen Bücher und Texte im Zwischenreich von Tagesjournalismus, populärer Geschichtsschreibung und Propaganda. Der Klappentext seines zweiten Buchs, Luftkrieg im Westen (1940), versprach ein »Tatsachenbuch«, das die »wesentlichen fliegerischen Kampfhandlungen [...] mit Spannung geladen« darstelle. »So als wären wir selbst dabei.« Zwei weitere Bildbände zur Seemacht Deutschland erschienen 1941 und 1944.

Im Hinblick auf die Nachkriegspublikationen bleibt bemerkenswert, dass die Art des benutzten Materials vor und nach 1945 ganz ähnlich ist. Thorwald schrieb später, er habe bei der Marine allein auf »deutsche Fachzeitschriften« zurückgreifen können und sei ansonsten auf »Einfühlung« angewiesen gewesen. Hinzu kamen aber Interviews mit militärischen Führern, mündliche Berichte von Marineangehörigen und vor allem die Kriegsberichte der Propagandakompanien. Nach eigenem Bekunden selbst in einen Berichterstatter verwandelte sich Bongartz, als er »im Frühjahr 1945 in die Lübecker Bucht geschickt wurde, um [...] über die dort ankommenden Flüchtlinge via Seetransport von Ostpreußen, Westpreußen usw. zu schreiben«.

Bongartz’ Bericht erschien dann allerdings erst nach dem ausgebliebenen Endsieg 1948 in der damals größten westdeutschen Wochenzeitung Christ und Welt, zerlegt in zwei lange Artikel über Die Katastrophe der Flüchtlingsschiffe 1945 . Die Zeitung – maßgeblich von ehemaligen Mitarbeitern der Propagandaabteilung des Auswärtigen Amts geschrieben – galt in amerikanischen Akten bereits als »under cover Nazi-paper« . Wegen Bongartz’ Artikeln nun warfen ihr die Alliierten »Nationalismus und Militarismus« vor. Daraufhin nahm der Autor für eine von März bis Juni 1949 erscheinende Serie zum Ostdeutschen Schicksal das Pseudonym Jürgen Thorwald an. Früh plante man eine Buchausgabe, denn die Zeitung bat ihre Leser für eine »wesentlich ergänzte Fassung des Tatsachenberichtes« um »weiteres Quellenmaterial, Erlebnisberichte, Aufrufe, Dokumente, Zeitungen«.

Auch auf Adenauers Nachttisch liegt Thorwalds Werk

Thorwalds Darstellungsform und seine Stilmittel zeigen seine Lehrjahre im NS-Journalismus. Die Mischung aus Faktengerüst und malender Erzählung war den Lesern aus den Reportagen der Propagandakompanien vertraut. Im Nachwort einer Sammlung »PK-Feuilletons« aus dem ersten Kriegsjahr heißt es: »Dieses Buch ist kein literarisches Buch. Es hat keinen anderen Ehrgeiz, als der Wahrheit zu dienen.« In Thorwalds Nachwort kann man 1950 lesen: »Dieses Buch ist kein Roman, sondern ein Bericht von geschichtlichen Ereignissen, auch dort, wo es die Form der Erzählung benutzt.«

Thorwalds Einfühlung in Guderians Träume, atmosphärische Ausmalungen oder die Verdichtung zu Sinnbildern mussten daher kein Anlass sein, an der Wahrhaftigkeit des Geschehens zu zweifeln. Der nicht genau lokalisierte und datierte Bericht, der Exemplarisches auswählt und konzentriert, war in den Jahren um 1945 schlicht Konvention. Erst die Ausgabe von 1965 ist um einen Hinweis ergänzt: »Die hier genannten Frauen Bowien sind nicht identisch mit den Frauen der in Ostpreußen wohnhaft gewesenen Familie gleichen Namens. Der Name Bowien wurde von mir lediglich als Symbol zur Darstellung der an Hand von Originalberichten nachweisbaren Leiden gewählt, die Hunderttausende ostdeutscher Frauen erduldet haben.«

Tatsächlich findet sich unter Thorwalds Material, das im Münchner Institut für Zeitgeschichte liegt, ein 27-seitiger Augenzeugenbericht, der ihm als Vorlage für die im Buch novellenartig zugespitzte »Geschichte der jungen Bowien« diente. Thorwalds Veränderungen sind gravierend. Die Bowiens werden vergewaltigt, und ihr Treck wird von einem Panzer der Roten Armee überrollt. In der Quelle ist davon keine Rede.

Setzte Thorwald also durchaus die Tradition des »Kriegsberichts« fort, griffe es zu kurz, wollte man ihm die gezielte politische Beeinflussung seiner Leser unterstellen. Vielmehr versuchte er, mit der alten Propagandatechnik das große Publikum anzusprechen, genauer: zu unterhalten. Dass vor allem dies sein Ziel war, zeigt nicht zuletzt seine weitere Biografie. Er gehörte bald zu den beliebtesten Sachbuchautoren des Landes, schrieb Serien für stern und Spiegel, Beiträge auch für die ZEIT. Bis heute stehen in etlichen Bücherschränken seine Bestseller zur Kriminologie und zur Medizingeschichte, deren Gesamtauflage schon 1980 auf 14 Millionen geschätzt wurde. Thorwald, der auch Romane verfasste, genoss Ruhm und Geld, lebte zeitweilig in Kalifornien und beschloss seine Tage im schweizerischen Lugano.

Allerdings wäre es auch völlig abwegig, Die große Flucht als bloßen »Reißer« abzutun. Das Buch vermittelt durchaus eine ernst zu nehmende Deutung der Vergangenheit. Danach gibt es irgendwo und irgendwie, verpackt in vage und allgemeine Erinnerungen der Protagonisten und abstrakte Erwägungen des Autors, eine deutsche Schuld. Genaues weiß man nicht: Deutsche Täter fehlen – abgesehen von einigen Gauleitern – genauso wie nicht-deutsche Opfer. Das deutsche Leiden dagegen wird erzählt und nacherlebbar gemacht.

Thorwalds Buch verbindet damit, was in der Nachkriegskultur der Bundesrepublik stets getrennt auftrat. Auf der einen Seite war man nach der Rückkehr in die zivilisierte Weltgemeinschaft verpflichtet, sich zur eigenen Schuld zu bekennen, Wiedergutmachung zu leisten und die Demokratie aufzubauen. Auf der anderen Seite erinnerte man sich im privaten Kreis, kam denn das Gespräch auf das »Dritte Reich«, zumeist an die eigenen Leiden im Krieg, die Bombennächte, die Schrecken der Flucht und der Vertreibung. So unterstellte sich Thorwalds Buch zum einen der offiziellen Adenauerschen Politik, zum anderen diente es (ebenso wie die 1950 begonnene Ost-Dokumentation des Vertriebenen-Ministeriums) der Konstitution der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft als Opfergemeinschaft.

Wie weit Thorwalds Leserschaft reichte, belegt eine Beobachtung Eugen Gerstenmaiers. Der ehemalige Bundestagspräsident berichtet 1981 in seinen Memoiren, dass er das Buch am Krankenbett Adenauers habe liegen sehen. Adenauer hatte es »aufmerksam gelesen und sagte, daß er vieles erst aus diesem Buch erfahren habe«.

Die anhaltende Wirkung der Großen Flucht wäre kaum möglich gewesen, hätte Thorwald nicht auf erinnerungspolitische Wendungen reagiert und den neueren Auflagen Überarbeitungen angedeihen lassen. So erfährt der Leser seit 1979 nichts mehr von den Gedankengängen der Rotarmisten. Hitlers Konzeptionen sind nicht mehr »kolossal«, sondern »gigantoman« – und auch nicht mehr, »wenn man so wollte, genial«, sondern sie »erschienen« vielen nur noch so. Seit 1995 wird betont, das Geschehen in Tschechien sei »unvergleichlich weniger unmenschlich gewesen als die Austreibung und Tötung der Juden Europas durch die Deutschen«. Es finden sich nun auch zusätzliche Angaben zur »Ghettoisierung« und zur Vernichtung. Dagegen wird die Zahl der »wirklich Schuldigen« unter den Deutschen offengelassen.

Eine besondere Pointe birgt die Tatsache, dass 1995 auch Pfarrer Seifert und die an eine Bettstelle genagelte Familie aus dem Buch entfernt wurden. Denn dieser »Augenzeugenbericht« ist das bevorzugte Beispiel der CDU-Politikerin und Vertriebenenfunktionärin Erika Steinbach, mit dem sie »gerade jungen Menschen« die Notwendigkeit ihres Zentrums gegen Vertreibung verdeutlichen will. Quellen für die Episode haben sich weder in Thorwalds Material noch in anderen Dokumenten finden lassen. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass es sich um eine seiner »symbolischen Verdichtungen« handelt, die der 1950 erwünschten, 1995 aber nicht mehr opportunen Emotionalisierung dienten. So gesehen lassen sich Thorwalds Bücher und besonders das von Steinbach gern verwendete Beispiel weniger für die erinnernde Vergegenwärtigung erlittener Gewalt in Anspruch nehmen denn für eine kritische Rekonstruktion der deutschen Erinnerungspolitik.

Der Autor ist Germanist und arbeitet an der Humboldt-Universität zu Berlin. Mehr zum Thema in seiner Studie über Thorwalds Buch, die im Juni in der Zeitschrift »Zeithistorische Forschungen« erschienen ist (Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 25,90 €)

 
Leser-Kommentare
    • th
    • 27.07.2010 um 19:27 Uhr

    wo und wann hat Frau Steinbach sich auf Jürgen Thorwalds Greuelgeschicht berufen?

    Ich kann mich noch an all die Veröffentlichungen der 50er Jahre (z.B. in Illustrierten wie Quick oder Stern) erinnern, welche in Thorwaldscher Manier geradezu wollüstig in grauenhaften Geschichten aus dem Krieg wühlten (Flucht und Vertreibung, Bombenkrieg, Untergang der W. Gustloff, Stalingrad - alles im Wartezimmer beim Zahnarzt oder beim Friseur).

    Allerdings gebe ich zu bedenken, dass damals sehr viele Menschen direkt oder indirekt betroffen waren, und dass der Mensch wohl immer eine stärkere emotionale Beziehung zu denjenigen Ereignissen hat, die er selbst erlebt hat, als zu dem, was er aus zweiter oder dritter Hand erfährt.

    Wenn damals also jemand erzählte, wie er/sie die Ermordung eines Angehörigen als Zeuge erlebte, oder sich während eines Luftangriffs aus einem brennenden Haus gerettet hat, dann ging es den so Traumatisierten wohl nicht darum irgendwie "aufzurechen", sondern einfach nur darum, mit unerträglichen Erlebnissen fertigzuwerden.

    Vielleicht erklärt sich daraus das damalige Interesse der Leserschaft and solchen Pseudo-Berichten. Dass diese nur teilweise auf Tatsachen, und teilweise auf der direkten Fortschreibung der Goebbelsschen Propaganda beruhten, ist entsetzlich, wurde aber von den durch jene Propaganda konditionierten Lesern wahrscheinlich gar nicht wahrgenommen.

    Keine Entschuldigung für J. Thorwald, sondern ein Erklärungsversuch für seinen Erfolg bei den Lesern.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • esfo
    • 28.07.2010 um 15:22 Uhr

    Zur Frage:
    "wo und wann hat Frau Steinbach sich auf Jürgen Thorwalds Greuelgeschicht berufen?"

    In dem Radiobeitrag Das Feature: Etwaige Belastungen (Autor Otto Köhler) des Deutschlandfunks zum Thema der Geschichte des Bundes der Vertriebenen vom 27.07.2010, Sendebeginn um 19.15 Uhr, ist ein Tonmitschnitt Frau Steinbachs mit diesem Zitat in pathetischen Sprachduktus zu hören.
    Gewöhnlich sind die Sendungen des DLF-Features nach ca. einer Woche als Textdokument auf der Homepage dradio.de einsehbar.

    • esfo
    • 28.07.2010 um 15:22 Uhr

    Zur Frage:
    "wo und wann hat Frau Steinbach sich auf Jürgen Thorwalds Greuelgeschicht berufen?"

    In dem Radiobeitrag Das Feature: Etwaige Belastungen (Autor Otto Köhler) des Deutschlandfunks zum Thema der Geschichte des Bundes der Vertriebenen vom 27.07.2010, Sendebeginn um 19.15 Uhr, ist ein Tonmitschnitt Frau Steinbachs mit diesem Zitat in pathetischen Sprachduktus zu hören.
    Gewöhnlich sind die Sendungen des DLF-Features nach ca. einer Woche als Textdokument auf der Homepage dradio.de einsehbar.

    • esfo
    • 28.07.2010 um 15:22 Uhr

    Zur Frage:
    "wo und wann hat Frau Steinbach sich auf Jürgen Thorwalds Greuelgeschicht berufen?"

    In dem Radiobeitrag Das Feature: Etwaige Belastungen (Autor Otto Köhler) des Deutschlandfunks zum Thema der Geschichte des Bundes der Vertriebenen vom 27.07.2010, Sendebeginn um 19.15 Uhr, ist ein Tonmitschnitt Frau Steinbachs mit diesem Zitat in pathetischen Sprachduktus zu hören.
    Gewöhnlich sind die Sendungen des DLF-Features nach ca. einer Woche als Textdokument auf der Homepage dradio.de einsehbar.

    Antwort auf "Kleine Tatsachenfrage"
    • th
    • 29.07.2010 um 14:23 Uhr
    3. Danke

    für den Hinweis!

    • esfo
    • 31.07.2010 um 19:54 Uhr

    Hier das Zitat auch schriftlich, man kann den genannten Beitrag nun downloaden unter:

    http://www.dradio.de/dlf/...

    DEUTSCHLANDFUNK
    Sendung:
    Hörspiel/Hintergrund Kultur
    Dienstag, 27.07.2010
    Redaktion: Hermann Theißen
    19.15 Uhr 20.00 Uhr

    Etwaige Belastungen
    Der Bund der Vertriebenen sucht seine Vergangenheit
    Von Otto Köhler

    (…)

    O-Ton Steinbach
    "An diesem 20. Mai geschah es, dass der Strom nicht nur solche Deutsche von sich gab, die zusammengebunden ins Wasser gestürzt und ertränkt worden waren und nicht nur die Erdrosselten und Erstochenen und Erschlagenen, ihrer Zungen, ihrer Augen, ihrer Brüste Beraubten, sondern auf ihm trieb, wie ein Schiff, eine hölzerne Bettstelle, auf der eine ganze deutsche Familie mit ihren Kindern mit Hilfe langer Nägel angenagelt war."

    Autor
    So trug es Erika Steinbach 1999 vor zum 50-jährigen Bestehen der Bundesrepublik Deutschland im Berliner Dom.

    (…)

  1. auf die Argumente der Gegenseite eingeht. Letztenendes würden die Zweifel beseitigt werden und die rechtsgerichteten Lügner und populistischen Propagandisten mit eingezogenem Wauwau abziehen.

    Meiner Meinung nach gehört diese Farce, mit den Holocaust Leugnern und den öffentlichen Redeverboten, in unserer heutigen Wertegesellschaft, eigentlich der Vergangenheit an. Nach einer öffentlichen, allen zugänglichen Auseinandersetzung von Experten beider Seiten, sollte der Holocaust im freiheitlichen Sinn den gleichen Stellenwert haben wie z. B. die Indianervernichtung: Sollte jemand ihn Leugnen, wird er belächelt werden.

  2. Entfernt wegen Doppelpostings. Die Redaktion/ew

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