Die anhaltende Wirkung der
Wie weit Thorwalds Leserschaft reichte, belegt eine Beobachtung Eugen Gerstenmaiers. Der ehemalige Bundestagspräsident berichtet 1981 in seinen Memoiren, dass er das Buch am Krankenbett Adenauers habe liegen sehen. Adenauer hatte es »aufmerksam gelesen und sagte, daß er vieles erst aus diesem Buch erfahren habe«.
Die anhaltende Wirkung der Großen Flucht wäre kaum möglich gewesen, hätte Thorwald nicht auf erinnerungspolitische Wendungen reagiert und den neueren Auflagen Überarbeitungen angedeihen lassen. So erfährt der Leser seit 1979 nichts mehr von den Gedankengängen der Rotarmisten. Hitlers Konzeptionen sind nicht mehr »kolossal«, sondern »gigantoman« – und auch nicht mehr, »wenn man so wollte, genial«, sondern sie »erschienen« vielen nur noch so. Seit 1995 wird betont, das Geschehen in Tschechien sei »unvergleichlich weniger unmenschlich gewesen als die Austreibung und Tötung der Juden Europas durch die Deutschen«. Es finden sich nun auch zusätzliche Angaben zur »Ghettoisierung« und zur Vernichtung. Dagegen wird die Zahl der »wirklich Schuldigen« unter den Deutschen offengelassen.
Eine besondere Pointe birgt die Tatsache, dass 1995 auch Pfarrer Seifert und die an eine Bettstelle genagelte Familie aus dem Buch entfernt wurden. Denn dieser »Augenzeugenbericht« ist das bevorzugte Beispiel der CDU-Politikerin und Vertriebenenfunktionärin Erika Steinbach, mit dem sie »gerade jungen Menschen« die Notwendigkeit ihres Zentrums gegen Vertreibung verdeutlichen will. Quellen für die Episode haben sich weder in Thorwalds Material noch in anderen Dokumenten finden lassen. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass es sich um eine seiner »symbolischen Verdichtungen« handelt, die der 1950 erwünschten, 1995 aber nicht mehr opportunen Emotionalisierung dienten. So gesehen lassen sich Thorwalds Bücher und besonders das von Steinbach gern verwendete Beispiel weniger für die erinnernde Vergegenwärtigung erlittener Gewalt in Anspruch nehmen denn für eine kritische Rekonstruktion der deutschen Erinnerungspolitik.
Der Autor ist Germanist und arbeitet an der Humboldt-Universität zu Berlin. Mehr zum Thema in seiner Studie über Thorwalds Buch, die im Juni in der Zeitschrift »Zeithistorische Forschungen« erschienen ist (Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 25,90 €)
- Datum 26.07.2010 - 13:32 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.07.2010 Nr. 30
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wo und wann hat Frau Steinbach sich auf Jürgen Thorwalds Greuelgeschicht berufen?
Ich kann mich noch an all die Veröffentlichungen der 50er Jahre (z.B. in Illustrierten wie Quick oder Stern) erinnern, welche in Thorwaldscher Manier geradezu wollüstig in grauenhaften Geschichten aus dem Krieg wühlten (Flucht und Vertreibung, Bombenkrieg, Untergang der W. Gustloff, Stalingrad - alles im Wartezimmer beim Zahnarzt oder beim Friseur).
Allerdings gebe ich zu bedenken, dass damals sehr viele Menschen direkt oder indirekt betroffen waren, und dass der Mensch wohl immer eine stärkere emotionale Beziehung zu denjenigen Ereignissen hat, die er selbst erlebt hat, als zu dem, was er aus zweiter oder dritter Hand erfährt.
Wenn damals also jemand erzählte, wie er/sie die Ermordung eines Angehörigen als Zeuge erlebte, oder sich während eines Luftangriffs aus einem brennenden Haus gerettet hat, dann ging es den so Traumatisierten wohl nicht darum irgendwie "aufzurechen", sondern einfach nur darum, mit unerträglichen Erlebnissen fertigzuwerden.
Vielleicht erklärt sich daraus das damalige Interesse der Leserschaft and solchen Pseudo-Berichten. Dass diese nur teilweise auf Tatsachen, und teilweise auf der direkten Fortschreibung der Goebbelsschen Propaganda beruhten, ist entsetzlich, wurde aber von den durch jene Propaganda konditionierten Lesern wahrscheinlich gar nicht wahrgenommen.
Keine Entschuldigung für J. Thorwald, sondern ein Erklärungsversuch für seinen Erfolg bei den Lesern.
Zur Frage:
"wo und wann hat Frau Steinbach sich auf Jürgen Thorwalds Greuelgeschicht berufen?"
In dem Radiobeitrag Das Feature: Etwaige Belastungen (Autor Otto Köhler) des Deutschlandfunks zum Thema der Geschichte des Bundes der Vertriebenen vom 27.07.2010, Sendebeginn um 19.15 Uhr, ist ein Tonmitschnitt Frau Steinbachs mit diesem Zitat in pathetischen Sprachduktus zu hören.
Gewöhnlich sind die Sendungen des DLF-Features nach ca. einer Woche als Textdokument auf der Homepage dradio.de einsehbar.
Zur Frage:
"wo und wann hat Frau Steinbach sich auf Jürgen Thorwalds Greuelgeschicht berufen?"
In dem Radiobeitrag Das Feature: Etwaige Belastungen (Autor Otto Köhler) des Deutschlandfunks zum Thema der Geschichte des Bundes der Vertriebenen vom 27.07.2010, Sendebeginn um 19.15 Uhr, ist ein Tonmitschnitt Frau Steinbachs mit diesem Zitat in pathetischen Sprachduktus zu hören.
Gewöhnlich sind die Sendungen des DLF-Features nach ca. einer Woche als Textdokument auf der Homepage dradio.de einsehbar.
Zur Frage:
"wo und wann hat Frau Steinbach sich auf Jürgen Thorwalds Greuelgeschicht berufen?"
In dem Radiobeitrag Das Feature: Etwaige Belastungen (Autor Otto Köhler) des Deutschlandfunks zum Thema der Geschichte des Bundes der Vertriebenen vom 27.07.2010, Sendebeginn um 19.15 Uhr, ist ein Tonmitschnitt Frau Steinbachs mit diesem Zitat in pathetischen Sprachduktus zu hören.
Gewöhnlich sind die Sendungen des DLF-Features nach ca. einer Woche als Textdokument auf der Homepage dradio.de einsehbar.
für den Hinweis!
Hier das Zitat auch schriftlich, man kann den genannten Beitrag nun downloaden unter:
http://www.dradio.de/dlf/...
DEUTSCHLANDFUNK
Sendung:
Hörspiel/Hintergrund Kultur
Dienstag, 27.07.2010
Redaktion: Hermann Theißen
19.15 Uhr 20.00 Uhr
Etwaige Belastungen
Der Bund der Vertriebenen sucht seine Vergangenheit
Von Otto Köhler
(…)
O-Ton Steinbach
"An diesem 20. Mai geschah es, dass der Strom nicht nur solche Deutsche von sich gab, die zusammengebunden ins Wasser gestürzt und ertränkt worden waren und nicht nur die Erdrosselten und Erstochenen und Erschlagenen, ihrer Zungen, ihrer Augen, ihrer Brüste Beraubten, sondern auf ihm trieb, wie ein Schiff, eine hölzerne Bettstelle, auf der eine ganze deutsche Familie mit ihren Kindern mit Hilfe langer Nägel angenagelt war."
Autor
So trug es Erika Steinbach 1999 vor zum 50-jährigen Bestehen der Bundesrepublik Deutschland im Berliner Dom.
(…)
auf die Argumente der Gegenseite eingeht. Letztenendes würden die Zweifel beseitigt werden und die rechtsgerichteten Lügner und populistischen Propagandisten mit eingezogenem Wauwau abziehen.
Meiner Meinung nach gehört diese Farce, mit den Holocaust Leugnern und den öffentlichen Redeverboten, in unserer heutigen Wertegesellschaft, eigentlich der Vergangenheit an. Nach einer öffentlichen, allen zugänglichen Auseinandersetzung von Experten beider Seiten, sollte der Holocaust im freiheitlichen Sinn den gleichen Stellenwert haben wie z. B. die Indianervernichtung: Sollte jemand ihn Leugnen, wird er belächelt werden.
Entfernt wegen Doppelpostings. Die Redaktion/ew
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