Stadtplanung Altenburg Häuserkampf in Thüringen

Altenburg möchte Teile seines großartigen historischen Marktplatzes abreißen. Für einen Supermarkt

Noch ist der Altenburger Marktplatz einer der schönsten Plätze Deutschlands, bald aber ist er der Schauplatz einer architektonischen Barbarei.

Noch ist der Altenburger Marktplatz einer der schönsten Plätze Deutschlands, bald aber ist er der Schauplatz einer architektonischen Barbarei.

Wer das erste Mal auf dem Markt im thüringischen Altenburg steht, zumal in diesen Sommertagen, der wird unweigerlich ins Schwärmen geraten. Ein schlanker, lang gestreckter, sich leicht neigender Platz mit Häusern unterschiedlichen Alters drum herum, von Gotik und Renaissance bis zu Barock, Klassizismus und Gründerzeit. Alles fließt hier ohne Strenge harmonisch ineinander, eine komplett erhaltene Stadtstruktur, die die Gefährdungen durch Krieg und DDR glücklich überstanden hat und heute restauriert in selbstsicherer, südländisch anmutender Leichtigkeit da steht – zweifellos einer der schönsten Plätze Deutschlands, der keinen Vergleich mit einer italienischen Piazza zu scheuen braucht.

Doch diese kostbare altdeutsche Schönheit ist momentan massiv bedroht. Denn die Stadt Altenburg plant eine Verunstaltung dieser Harmonie durch eine architektonische Barbarei. Am Westende des Marktes sollen einige still vor sich hin verfallende Häuser abgerissen werden; stattdessen will die Städtische Wohnungsbaugesellschaft Altenburg dort sowie auf einer angrenzenden Freifläche einen Gebäudekomplex errichten, der unter anderem 800 Quadratmeter Gewerbefläche für einen Supermarkt und darüber 35 Wohnungen bieten soll. Das Ganze soll sich angeblich im grotesk geringen Kostenrahmen von fünf Millionen Euro bewegen – und so sehen sie denn auch aus, die bereits mehrfach angepassten Pläne für die Gestaltung (www.swg-altenburg.de, Wohn- und Geschäftshauskomplex »Areal am Markt«). An diesem zentralen Ort der Stadt sollen für solch einen brutalstmöglichen Billigbau, der den kümmerlichen architektonischen Innenstadtvisionen der späten DDR zu entstammen scheint, nicht nur Bürgerhäuser aus dem 19. Jahrhundert weichen; abgerissen werden soll auch ein unter Denkmalschutz stehendes Barockwohnhaus aus dem 18. Jahrhundert – dessen Fassade allerdings soll nach Protesten nunmehr als dekoratives Alibi in den Supermarkt integriert werden. Die Argumente sind die handelsüblichen: Die historische Bausubstanz verrotte hier seit vielen Jahren, eine Sanierung sei angeblich laut Gutachten viel zu teuer – wobei jeder Laie auch ohne Alternativgutachten sieht, dass schon weitaus zerstörtere Ruinen sich aufs Schönste als rettbar erwiesen haben. Viele Altenburger wollen einfach nur, dass der »Schandfleck« schnell verschwindet, egal wie – und Oberbürgermeister Michael Wolf (SPD), der das Projekt mit aller Macht forciert, dürfte zumindest im Hinterkopf bewegen, dass man mit Supermärkten zur »Stadtentwicklung« immer noch Wahlen gewinnen kann. Ende Juni billigte der Rat der Stadt in seinem Sinne das Projekt, bevor überhaupt das in Auftrag gegebene stadtplanerische Quartierskonzept vorliegt oder auch nur denkbare Nutzungsalternativen für diesen Ort geprüft wurden. Fassungslos kann man über all das nur den Kopf schütteln.

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Nun gibt es Schlachten zwischen Denkmalschutz und wirtschaftlichen Interessen auch andernorts immer wieder. Doch der aktuelle Altenburger Fall hat eine symbolische Bedeutung, die weit über ihn hinausreicht. Denn die Stadt und ihr OB haben sich in den vergangenen Jahren durchaus aktiv um den Erhalt historischer Substanz bemüht: Gefährdete Bauten wurden durch Rückkauf gerettet; reichlich Mittel flossen zudem im Rahmen des 1991 vom Bund eingerichteten Programms Städtebaulicher Denkmalschutz. Doch die Leerstände selbst am Markt künden davon, dass die hiesigen Probleme die üblichen in Ostdeutschland sind: die Zahl der Einwohner ist immer noch rückläufig und hat sich von 54000 Mitte der achtziger Jahre auf heute 35000 reduziert. Und die angesichts großartiger Restaurierungsleistungen bewundernd glänzenden Augen der Tagestouristen haben den Wegzug der Jungen nicht aufhalten können. Schnell lockt da jeder noch so trügerische Strohhalm – und überhaupt macht Erfolg bequem: Hat man nicht bereits genug getan? Wenn nun ausgerechnet Altenburg das meint, kann diese Stimmung durchaus zur Tendenzwende anwachsen.

Zwar gehört die Rettung zahlreicher historischer Innenstädte in Ostdeutschland zu den beeindruckenden Erfolgserlebnissen der deutschen Einheit. Paradoxerweise erscheinen jedoch die Ergebnisse pünktlich zum 20. Jahrestag gefährdet: Im Zuge des Sparpakets der Bundesregierung will Bundesbauminister Ramsauer die Städtebauförderung halbieren, wovon auch das Programm Städtebaulicher Denkmalschutz betroffen wäre, das seit Bestehen zwei Milliarden Euro in die ostdeutschen Städte gepumpt hat und erst 2009 auch auf den Westen ausgedehnt worden war. Und Sachsen plant gerade eine Novellierung seines Denkmalschutzgesetzes, wodurch der Einfluss der Landesdenkmalpflege zugunsten kommunaler Behörden massiv eingeschränkt würde: Die Abrissbirne hätte leichtes Spiel.

In Altenburg können die Bürger bis zum 8. August mit Einsprüchen und Vorschlägen die Planungen beeinflussen; eine Verhinderung wird jedoch immer schwieriger. Ein »Stadtforum« gründete sich Anfang des Jahres, das in der gespaltenen Stadt aktiv um Alternativen ringt. »Die Hoffnung stirbt zuletzt«, meint der Schriftsteller Ingo Schulze, der einst hier lebte und Altenburg in seinen Simple Stories und dem Roman Neue Leben ein Denkmal gesetzt hat: »Man muss mit dem heutigen Wissen nicht mehr die Fehler des Westens aus den sechziger und siebziger Jahren wiederholen«; ein neuer Ideenwettbewerb sei nötig für das Areal an diesem großartigen Markt. Der thüringische Häuserkampf ist insofern auch ein Kulturkonflikt, mit nationaler Bedeutung zumal in ökonomischen Krisenzeiten. Noch könnte mutiger Bürgersinn eine folgenreiche Entscheidung abwenden, für die künftige Altenburger sich dereinst schämen dürften. Viel Zeit bleibt jedoch nicht mehr, bis die Bagger kommen.

 
Leser-Kommentare
  1. Irgendwann muss man sich entscheiden, ob man blühende Landschaften will oder Disneyland.

    Mit einer vollständigen Zementierung, Archivierung und Musealisierung Deutschlands nimmt man der heutigen und auch zukünftigen Generationen ihr Recht, eine eigene Stadt zu gestalten, die ihren Bedürfnissen entspricht.

    Es bleibt natürlich der ewige Kampf des Bewahrenden gegen die Innovation und den Fortschritt, denn jeder Bauplatz kann nur ein Gebäude zur Zeit tragen.

    Nur der Konservierung als einzigem Wertstifter den Vorrang zu geben, ist aber so falsch, wie sich die Pferdekutsche auf den Strassen zurückzusehnen.

    Selbst wenn der Neubau ein Fehler sein sollte, so muss es den Menschen gestattet sein, ihn zu begehen. Das ist ihr Recht als gegenwärtige Bewohner Altenburgs.

    Cammanns Sicht ist mehr als einseitig und undifferenziert.

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    Ist Siena Disneyland? Oder Antwerpen?
    Der Markt von Altenburg ist nicht irgendein Platz. Und ein Gebäudekomplex für 5 Mio. ist in der Regel keine "Innovation und Fortschritt".

    Und was soll dieser Relativismus, "so muss es den Menschen gestattet sein"? Man lässt "die Menschen" in Deutschland ja schließlich auch keine Frauenschuh-Orchideen mehr ausgraben, sonst hätten wir nämlich keine mehr wild wachsend.

    Keine Sorge, eine "vollständige Zementierung, Archivierung und Musealisierung Deutschlands" gibt es nicht und wird auch nicht kommen, denn ein Großteil der gewachsenen Strukturen ist spätestens seit den Sechzigern zerstört. Und den interessanten Bauwerken der Sechziger droht selbst der Abriss.
    ( http://www.zeit.de/2010/1... )

    In einem Fall wie diesem geht es ja nicht darum, dass es ein Altbau weniger und einen Neubau mehr gibt, sondern um ein sensibles, wie durch ein Wunder überdauerndes räumliches und architektonisches Gebilde, dass durch einen Billigbau ohne Budget für einen vernünftigen Entwurfsprozess (geschweige denn Wettbewerb) völlig in seiner Erscheinung verändert wird.
    Ich bin sehr wohl für neue Architektur, aber am zentralen, architektonisch hervorragenden Stadtplatz sollte man in Neubauten eben etwas mehr Sorgfalt und Geld investiert.

    Eine "Zementierung, Archivierung und Musealisierung" findet genau dann statt, wenn man Baulücken in historisch gewachsener Bausubstanz mit Betonbunkern füllt, die mit Ziegeldächern, Sprossenfenstern und "geschmackvoller" Farbgebung getarnt werden. Eben genau so, wie das in Altenburg geschehen soll. Beispiele für diese Art Stadtentwicklung gibt es in D zu Tausenden - und die überwiegende Mehrzahl hat sich als nachteilig und nur zu oft als Schandfleck des Quartiers entwickelt. Ich brauche mich nur in unserer 60.000 EW-Stadt hier im (reichen) Südwesten umzusehen - Leerstand, Bauschäden, Siff allerorten in solchen Objekten, die vermieteten Flächen sind von Billigketten und Ramschläden belegt. Die Bauten werden von der Bevölkerung nicht oder nur partiell angenommen. Sie sind hässlich, ungemütlich, charakterlos und unpersönlich.

    Bevor man die gängigen und andernorts zuhauf zu besichtigenden Fehler wiederholt, wäre es besser, die marode Substanz abzureißen und eine Grünfläche anzulegen - so lange, bis die Stadt Mittel und Wege findet, statt historisierneden Betonburgen eine städtebaulich sinnvolle und ästhetisch anspruchsvolle Lösung zu realisieren. Die aktuelle Planung jedenfalls ist in jeder Hinsicht unsinnig.

    • ludna
    • 02.08.2010 um 18:10 Uhr

    Eine alte und schoene Altstadt ist ein klarer Standortvorteil. Auch wirtschaftlich und hat nichts mit Disneyland zu tun. Es geht hier um gewachsene Strukturen, um Geschichte und die Identifizierung der Menschen mit einer Stadt. Der Supermarkt ist irgendwann pleite und was dann ? Gruene Wiese, Parkplaetze ?
    Schauen Sie z.B nach Oxford oder Cambridge. Es ist kein Zufall dass diese beiden Staedte noch immer die besten und beliebtesten Universitaetstadte weltweit sind. Und dies nicht trotz, sondern wegen ihrem mitteralterlichen Stadtbild. Die Lebensqualitaet ist eine ganz andere. Dort beginnt man uebrigens die tolle, moderne Architektur aus den 1960-70 zigern wieder abzureissen, weil sie grottenhaesslich ist.
    Der Unterschied zu Deutschland ist, dass diese alten Gebaude noch alle eine sinnvoll Nutzung haben und nicht der Denkmalschutz ueberall lauert und keine Veränderung zulässt.

    Und haben Sie in Freiburg das Breuninger gesehen? Wie schön sich das 60iger Jahrehaus doch in die Fassade drängt? Jeder Freiburger findets zum kotzen und man schämt sich dafür! Bei einer 35000 Ew Gemeinde gibt es genügend andere Plätze, da bin ich mir sicher für 0815 Supermärkte. Sie verstehen Fortschritt falsch!

    Ist Siena Disneyland? Oder Antwerpen?
    Der Markt von Altenburg ist nicht irgendein Platz. Und ein Gebäudekomplex für 5 Mio. ist in der Regel keine "Innovation und Fortschritt".

    Und was soll dieser Relativismus, "so muss es den Menschen gestattet sein"? Man lässt "die Menschen" in Deutschland ja schließlich auch keine Frauenschuh-Orchideen mehr ausgraben, sonst hätten wir nämlich keine mehr wild wachsend.

    Keine Sorge, eine "vollständige Zementierung, Archivierung und Musealisierung Deutschlands" gibt es nicht und wird auch nicht kommen, denn ein Großteil der gewachsenen Strukturen ist spätestens seit den Sechzigern zerstört. Und den interessanten Bauwerken der Sechziger droht selbst der Abriss.
    ( http://www.zeit.de/2010/1... )

    In einem Fall wie diesem geht es ja nicht darum, dass es ein Altbau weniger und einen Neubau mehr gibt, sondern um ein sensibles, wie durch ein Wunder überdauerndes räumliches und architektonisches Gebilde, dass durch einen Billigbau ohne Budget für einen vernünftigen Entwurfsprozess (geschweige denn Wettbewerb) völlig in seiner Erscheinung verändert wird.
    Ich bin sehr wohl für neue Architektur, aber am zentralen, architektonisch hervorragenden Stadtplatz sollte man in Neubauten eben etwas mehr Sorgfalt und Geld investiert.

    Eine "Zementierung, Archivierung und Musealisierung" findet genau dann statt, wenn man Baulücken in historisch gewachsener Bausubstanz mit Betonbunkern füllt, die mit Ziegeldächern, Sprossenfenstern und "geschmackvoller" Farbgebung getarnt werden. Eben genau so, wie das in Altenburg geschehen soll. Beispiele für diese Art Stadtentwicklung gibt es in D zu Tausenden - und die überwiegende Mehrzahl hat sich als nachteilig und nur zu oft als Schandfleck des Quartiers entwickelt. Ich brauche mich nur in unserer 60.000 EW-Stadt hier im (reichen) Südwesten umzusehen - Leerstand, Bauschäden, Siff allerorten in solchen Objekten, die vermieteten Flächen sind von Billigketten und Ramschläden belegt. Die Bauten werden von der Bevölkerung nicht oder nur partiell angenommen. Sie sind hässlich, ungemütlich, charakterlos und unpersönlich.

    Bevor man die gängigen und andernorts zuhauf zu besichtigenden Fehler wiederholt, wäre es besser, die marode Substanz abzureißen und eine Grünfläche anzulegen - so lange, bis die Stadt Mittel und Wege findet, statt historisierneden Betonburgen eine städtebaulich sinnvolle und ästhetisch anspruchsvolle Lösung zu realisieren. Die aktuelle Planung jedenfalls ist in jeder Hinsicht unsinnig.

    • ludna
    • 02.08.2010 um 18:10 Uhr

    Eine alte und schoene Altstadt ist ein klarer Standortvorteil. Auch wirtschaftlich und hat nichts mit Disneyland zu tun. Es geht hier um gewachsene Strukturen, um Geschichte und die Identifizierung der Menschen mit einer Stadt. Der Supermarkt ist irgendwann pleite und was dann ? Gruene Wiese, Parkplaetze ?
    Schauen Sie z.B nach Oxford oder Cambridge. Es ist kein Zufall dass diese beiden Staedte noch immer die besten und beliebtesten Universitaetstadte weltweit sind. Und dies nicht trotz, sondern wegen ihrem mitteralterlichen Stadtbild. Die Lebensqualitaet ist eine ganz andere. Dort beginnt man uebrigens die tolle, moderne Architektur aus den 1960-70 zigern wieder abzureissen, weil sie grottenhaesslich ist.
    Der Unterschied zu Deutschland ist, dass diese alten Gebaude noch alle eine sinnvoll Nutzung haben und nicht der Denkmalschutz ueberall lauert und keine Veränderung zulässt.

    Und haben Sie in Freiburg das Breuninger gesehen? Wie schön sich das 60iger Jahrehaus doch in die Fassade drängt? Jeder Freiburger findets zum kotzen und man schämt sich dafür! Bei einer 35000 Ew Gemeinde gibt es genügend andere Plätze, da bin ich mir sicher für 0815 Supermärkte. Sie verstehen Fortschritt falsch!

  2. 2. .....

    Das kann's doch wirklich nicht sein. Sehr traurig.

  3. Und haben Sie in Freiburg das Breuninger gesehen? Wie schön sich das 60iger Jahrehaus doch in die Fassade drängt? Jeder Freiburger findets zum kotzen und man schämt sich dafür! Bei einer 35000 Ew Gemeinde gibt es genügend andere Plätze, da bin ich mir sicher für 0815 Supermärkte. Sie verstehen Fortschritt falsch!

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