Berufsalltag Stoppt den Konferenzwahn!

In Büros jagt eine Sitzung die nächste. Was soll dabei eigentlich herauskommen?

Ein Meeting mit Präsentation des DFB

Ein Meeting mit Präsentation des DFB

Irgendwann im Alter von 18 oder 19 Jahren hört der Mensch für gewöhnlich auf, in großen Gruppen auszugehen. Es macht einfach keinen Spaß, auf der Straße darüber zu diskutieren, in welche Kneipe man als Nächstes möchte. Der heranwachsende Mensch lernt hinzu, wenn er vernünftig ist. Er meidet die Horden und trifft sich abends zu zweit, zu dritt, höchstens zu viert. Im Berufsleben hat sich diese Erkenntnis leider noch nicht durchgesetzt. Im Berufsleben wird konferiert.

Dabei weiß eigentlich jeder, der länger als eine Woche im Job ist: Wenn mehr als vier oder fünf Kollegen länger als eine Stunde zusammensitzen, wenn aus einem kleinen Kreis also eine ordentliche Konferenz wird, dann wird es furchtbar. Immer.

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Freund A. arbeitet in einem Forschungsinstitut. Es hat einen sehr guten Namen. Neulich erzählte er von dem größten seiner beruflichen Schrecken. Alle Vierteljahre gibt es ein großes Treffen eines auf Jahre angelegten Projektes. Alle neun am Projekt beteiligten Wissenschaftler kommen zusammen und tragen vor, was sie in der Zwischenzeit so geforscht und herausgefunden haben. Weil jeder die anderen beeindrucken will, fällt es schwer, sich kurzzufassen, und so redet jeder mindestens eine Stunde lang. A. sagt, dass er regelmäßig nach dem zweiten Redner in eine Art von Koma fällt, für das die Medizin noch keinen Namen hat. Er traut sich aber auch nicht, diese Treffen abzuschaffen, obwohl er der Chef ist. »Das geht nicht. Nein, ausgeschlossen. Die brauchen das.« Das Institut, bei dem er angestellt ist, hat es sich übrigens zum Ziel gesetzt, herauszufinden, wie man besonders effizient arbeitet.

Die frühere Chefin einer Freundin bestellte die Kollegenschar jeden Montag zu sich ins Zimmer und wollte von allen wissen, »wie das Wochenende so war«. Oft habe sie den Sonntagabend schon nicht mehr genießen können, erzählt die Freundin, da sie über ihre Wie-war-mein-Wochenende-Geschichte nachdachte, die sie am nächsten Morgen erzählen konnte, ohne dass sie zu viel Peinliches von sich preisgab.

Ein Bekannter sagte neulich: »Ich kann Konferenzen einfach nicht. Ich finde nie das richtige Maß zwischen zu kritisch und zu unterwürfig.«

Das Schreckliche sind nicht die Kämpfe, die bei Konferenzen ausgefochten werden – die gibt es natürlich auch. Schrecklich ist, dass man sich dabei ständig ärgert : über den Kollegen, der sich so unerträglich wichtig nimmt; über die Kollegen, die das nicht zu merken scheinen; über jenen, der doch eben noch in der Kaffeeküche der gleichen Meinung war wie man selbst, jetzt aber, vor versammelter Runde, lieber den Mund hält; über den Chef, der irrt, – und über sich selbst, weil man sich nicht traut zu widersprechen. Ja, am allerallermeisten ärgert man sich in Konferenzen über sich selbst: weil man die Klappe nicht halten konnte. Weil man die Klappe gehalten hat. Weil einem gerade nichts Schlaues einfällt. Und auch nichts Lustiges, wie dem Kollegen, der immer alle zum Lachen bringt.

Ich kenne Menschen, die erleben Folgendes auf einer Konferenz sehr häufig: Sie nehmen sich vor, nur dann etwas zu sagen, wenn es wirklich wichtig ist. Dann, so nach einer halben Stunde des Schweigens, drängt sie die Sorge, jetzt aber doch mal etwas sagen zu müssen. So ab einer Dreiviertelstunde wird Schweigen unaushaltbar, vielleicht ist das eine biologische Konstante. Also brechen sie ihren Vorsatz und reden und merken selbst, wie sie Banalitäten von sich geben, wie sie wiederholen, was so ähnlich schon dreimal gesagt wurde, und wie sie Worthülsen der schlimmsten Art produzieren (»am Ende des Tages...«, »das müssen wir unbedingt kommunizieren«; »ich möchte mir diesen Schuh nicht anziehen«; »ich gehe absolut d’accord, dass...«; »ich möchte ein weiteres Problem ansprechen, das bislang...«; »bei allem Dissens ist doch wichtig, dass...«) – und sind hinterher auch nicht glücklich mit sich.

Leser-Kommentare
  1. Sehr guter Beitrag. Bei diesen Besprechungen und Konferenzen versuchen sich viele Leute nur wichtig zu machen. Man redet immer nur um den heißen Brei. Wesentliche Fakten werden nicht geschaffen, und nach einer Besprechung ist die Verwirrung noch größer als vorher. Es wird sehr viel bezahlte Arbeitszeit regelrecht verbraten. Es wäre vernünftiger, wenn ein Chef klare Anweisungen geben würde nach denen sich die Mitarbeiter ausrichten können. Für diese Anweisungen ist der Chef auch verantwortlich, nicht umsonst wird er auch höher bezahlt. Jedoch durch Konferenzen kann man die Verantwortung so zerstückeln, daß bei Fehlern danach keine Person direkt verantwortlich ist.

  2. sagt mehr Konferenz. Das ist ein Meeting oder ein Briefing... wohl noch geistig in den 70ern, was ?? Und nach dem Brainstorming geht man auseinander und ist sauer, weil man die Zeit nacharbeiten muss.

    Es gibt nichts Besseres als eine Zigarette im Raucherraum zu konsumieren, da erfährt man alles und noch mehr !!!

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    Sie haben völlig Recht, daß das so ist - ein in meinen Ohren unerträglicher, wichtigtuerischer Neusprech.

    Sie haben völlig Recht, daß das so ist - ein in meinen Ohren unerträglicher, wichtigtuerischer Neusprech.

  3. ...ist ein Oxymoron und wird es daher leider nie geben! Ganz im Gegenteil, nährt sie doch eine riesige Zulieferindustrie und sorgt für das Vernichten nicht vorhandener Arbeit!

    • ngw16
    • 22.07.2010 um 8:33 Uhr

    OMG, wo soll man seine Soft Skills den außer in Meetings ausleben können?

    Denn für die richtige Arbeit benötigt man nicht die große Menge davon. Dort zählen andere Qualifikationen, die nicht so leicht zu erarbeiten sind.

  4. oder?
    Also in der Firma wo ich arbeite sind Meetings extrem wichtig und sinnvoll.

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    • clubby
    • 22.07.2010 um 11:25 Uhr

    Vielleicht ist nen miesen Unternehmen einfach nur nen mieses Unternehmen, ergo auch Meetings!

    • clubby
    • 22.07.2010 um 11:25 Uhr

    Vielleicht ist nen miesen Unternehmen einfach nur nen mieses Unternehmen, ergo auch Meetings!

  5. In der für Journalisten "Saure-Gurken-Zeit" wird sich wieder eines Klischees bedient, dass weder aktuell noch richtig ist.
    Ich habe in meinem Berufsleben als Unternehmensberater in den letzten 25 Jahren einen solchen geschilderten Fall noch nicht erlebt. Was nicht heißen soll, dass nicht in vielen Fällen Optimierungsbedarf bestünde. Die Gruppensoziologie hat sich seit den 1950er Jahren mit solchen Kommunikationsformen beschäftigt; einschließlich ihrer Ritualisierungen, Über- und Unterforderungen und machtpolitischen Aspekten.

  6. Sie haben völlig Recht, daß das so ist - ein in meinen Ohren unerträglicher, wichtigtuerischer Neusprech.

    Antwort auf "Kein Mensch..."
  7. Redaktion

    Liebe Leserinnen und Leser,

    berichten Sie doch mal von Ihren Erfahrungen mit Meetings.

    Sind sie sinnvoll, stärken sie das Teamgefühl? Welche optimale Dauer sollten Meetings haben und wie viele sollte es an einem Arbeitstag geben, um den Workflow nicht zu sehr zu behindern? Oder haben Sie Argumente für die These, dass Konferenzen vor allem den Charakter einer Bühnenshow haben - mit Auftritten der Stars und der Nachwuchssternchen?

    Ich freue mich auf Ihre Berichte!

    herzliche Grüße in die Runde,

    Tina Groll, Redakteurin Karriere

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    "Konferenz" muss es vielleicht nicht sein (da denke ich ans Konferenzzentrum, also größere Veranstaltungen), aber wie wäre es mit "Besprechung" oder "Beratung"? Und statt "workflow" mit "Arbeitsablauf"?

    Zu Ihren Fragen: Dauer und Anzahl der notwendigen Besprechungen wird man kaum verallgemeinern können. Bühnenshows lassen sich durch eine faire, aber straffe Moderation des Treffens vermeiden. Das kann nur nicht jeder ...

    Ich hatte das Glück, durch einige Praktika die unterschiedlichsten Formen solcher Meetings kennenzulernen.

    Firma A, Bereich Software-Entwicklung, 110 Mitarbeiter

    Meeting in einem welnessartigen Couch-Bereich in lockerer Atmosphäre. 85% der Informationen hätten auch als E-Mail versendet werden können, weil sie keinen Diskussionswert besaßen. Der Rest wurde zwar besprochen, ich habe aber festgestellt, dass zu einzelnen Punkten später nochmal Rückfragen beim, nennen wir ihn Konferenzleiter, gemacht wurden.

    Firma A steht im übrigen Kurz vor der Insolvenz.

    Firma B, Finanzdienstleistungen, ca. 200 Mitarbeiter

    Konferenzen sind fester Bestandteil der Unternehmenskultur, Sinn und Zweck ist grundsätzlich der Abgleich des aktuellen Arbeitstands in der Projektgruppe, natürlich am Konferenztisch und mit Beamer. Die Konferenzen werden wöchentlich zu festen Zeiten abgehalten. Die Atmosphäre ist nicht so weich wie bei Firma A, was aber auch nicht notwendig ist. Respekt gegenüber allen Personen als Menschen verhindert, dass der Penible als Wichtigtuer, der stark eingespannte Chef als Versager oder die Kollegin, die ihre Arbeit noch nicht ganz fertig stellen konnte, als Faulänzerin abgestempelt wird. Am Ende sind alle up-to-date und können so ihre Arbeitszeit konzentriert dort einsetzen, wo sie noch benötigt wird.

    Firma C, Agentur, 5 Mitarbeiter

    Meetings nur bei Bedarf zu Beginn, während und kurz vor Abschluss eines Projekts. Mal effizient, mal weniger, in jedem Fall mit Mehrwert.

    "Konferenz" muss es vielleicht nicht sein (da denke ich ans Konferenzzentrum, also größere Veranstaltungen), aber wie wäre es mit "Besprechung" oder "Beratung"? Und statt "workflow" mit "Arbeitsablauf"?

    Zu Ihren Fragen: Dauer und Anzahl der notwendigen Besprechungen wird man kaum verallgemeinern können. Bühnenshows lassen sich durch eine faire, aber straffe Moderation des Treffens vermeiden. Das kann nur nicht jeder ...

    Ich hatte das Glück, durch einige Praktika die unterschiedlichsten Formen solcher Meetings kennenzulernen.

    Firma A, Bereich Software-Entwicklung, 110 Mitarbeiter

    Meeting in einem welnessartigen Couch-Bereich in lockerer Atmosphäre. 85% der Informationen hätten auch als E-Mail versendet werden können, weil sie keinen Diskussionswert besaßen. Der Rest wurde zwar besprochen, ich habe aber festgestellt, dass zu einzelnen Punkten später nochmal Rückfragen beim, nennen wir ihn Konferenzleiter, gemacht wurden.

    Firma A steht im übrigen Kurz vor der Insolvenz.

    Firma B, Finanzdienstleistungen, ca. 200 Mitarbeiter

    Konferenzen sind fester Bestandteil der Unternehmenskultur, Sinn und Zweck ist grundsätzlich der Abgleich des aktuellen Arbeitstands in der Projektgruppe, natürlich am Konferenztisch und mit Beamer. Die Konferenzen werden wöchentlich zu festen Zeiten abgehalten. Die Atmosphäre ist nicht so weich wie bei Firma A, was aber auch nicht notwendig ist. Respekt gegenüber allen Personen als Menschen verhindert, dass der Penible als Wichtigtuer, der stark eingespannte Chef als Versager oder die Kollegin, die ihre Arbeit noch nicht ganz fertig stellen konnte, als Faulänzerin abgestempelt wird. Am Ende sind alle up-to-date und können so ihre Arbeitszeit konzentriert dort einsetzen, wo sie noch benötigt wird.

    Firma C, Agentur, 5 Mitarbeiter

    Meetings nur bei Bedarf zu Beginn, während und kurz vor Abschluss eines Projekts. Mal effizient, mal weniger, in jedem Fall mit Mehrwert.

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  • Quelle ZEITmagazin, 22.07.2010 Nr. 30
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