Noch schlimmer ist nicht zur Konferenz eingeladen zu werden
Ein Freund arbeitet in einer Firma, die furchtbar stolz ist auf ihre »Diskussionskultur«. Da darf dann einmal wöchentlich jeder sagen, was gerade alles schiefläuft. Es ist ein einziges Hauen und Stechen . Jeder findet alles schlecht. Hinterher, sagt der Freund, kann er den Arbeitstag eigentlich vergessen, so voller Hass ist er auf den Kollegen, der ihm eine reingewürgt hat, und auf sich selbst, weil er zurückgewürgt hat. Nicht zurückzuwürgen bessere seine Laune übrigens auch nicht, sagte er.
Eine Konferenz bedeutet für alle Beteiligten vor allem: Stress. Wie soll man da auf Neues kommen?
Es ist erstaunlich, wie offensichtlich unsinnig die meisten Konferenzen sind – und wie wenige Forschungsdaten es darüber gibt. Noch nicht einmal Zahlen, welchen Anteil unserer Arbeitszeit wir durchschnittlich in Konferenzen verbringen. Offenbar will niemand an der Institution Konferenz rütteln. Niemand geht gerne hin, aber abschaffen möchte sie auch niemand. Wir hassen sie, aber wir brauchen sie, um uns zu vergewissern, wie wichtig wir sind. Sie dienen dazu, das eigene Renommee auszuloten. Wie reagieren die anderen auf meine Ideen? Wer wagt es, mich zu unterbrechen? Wer lacht über meine Witze?
Mir sind Menschen bekannt, die in modernen Agenturen arbeiten, und sie schätzen, dass sie mindestens ein Viertel der Arbeitszeit in Konferenzen verbringen. Es gibt in diesen Firmen manchmal ein ausgeklügeltes Konferenz-Management : Man kann Kollegen zu Konferenzen einladen, wenn man es für nötig hält. Dann sucht der Computer nach einem passenden Zimmer und einer passenden Uhrzeit. Dauernd, erzählen die Informanten, klingelt der Computer, und man muss zu einer Konferenz, auf die man sich nicht vorbereitet hat, weil die letzte Konferenz einen davon abhielt. Aber noch schlimmer, als hinzumüssen, ist es, nicht eingeladen zu werden.
- Datum 22.07.2010 - 07:27 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 22.07.2010 Nr. 30
- Kommentare 36
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Sehr guter Beitrag. Bei diesen Besprechungen und Konferenzen versuchen sich viele Leute nur wichtig zu machen. Man redet immer nur um den heißen Brei. Wesentliche Fakten werden nicht geschaffen, und nach einer Besprechung ist die Verwirrung noch größer als vorher. Es wird sehr viel bezahlte Arbeitszeit regelrecht verbraten. Es wäre vernünftiger, wenn ein Chef klare Anweisungen geben würde nach denen sich die Mitarbeiter ausrichten können. Für diese Anweisungen ist der Chef auch verantwortlich, nicht umsonst wird er auch höher bezahlt. Jedoch durch Konferenzen kann man die Verantwortung so zerstückeln, daß bei Fehlern danach keine Person direkt verantwortlich ist.
sagt mehr Konferenz. Das ist ein Meeting oder ein Briefing... wohl noch geistig in den 70ern, was ?? Und nach dem Brainstorming geht man auseinander und ist sauer, weil man die Zeit nacharbeiten muss.
Es gibt nichts Besseres als eine Zigarette im Raucherraum zu konsumieren, da erfährt man alles und noch mehr !!!
Sie haben völlig Recht, daß das so ist - ein in meinen Ohren unerträglicher, wichtigtuerischer Neusprech.
Sie haben völlig Recht, daß das so ist - ein in meinen Ohren unerträglicher, wichtigtuerischer Neusprech.
...ist ein Oxymoron und wird es daher leider nie geben! Ganz im Gegenteil, nährt sie doch eine riesige Zulieferindustrie und sorgt für das Vernichten nicht vorhandener Arbeit!
OMG, wo soll man seine Soft Skills den außer in Meetings ausleben können?
Denn für die richtige Arbeit benötigt man nicht die große Menge davon. Dort zählen andere Qualifikationen, die nicht so leicht zu erarbeiten sind.
oder?
Also in der Firma wo ich arbeite sind Meetings extrem wichtig und sinnvoll.
Vielleicht ist nen miesen Unternehmen einfach nur nen mieses Unternehmen, ergo auch Meetings!
Vielleicht ist nen miesen Unternehmen einfach nur nen mieses Unternehmen, ergo auch Meetings!
In der für Journalisten "Saure-Gurken-Zeit" wird sich wieder eines Klischees bedient, dass weder aktuell noch richtig ist.
Ich habe in meinem Berufsleben als Unternehmensberater in den letzten 25 Jahren einen solchen geschilderten Fall noch nicht erlebt. Was nicht heißen soll, dass nicht in vielen Fällen Optimierungsbedarf bestünde. Die Gruppensoziologie hat sich seit den 1950er Jahren mit solchen Kommunikationsformen beschäftigt; einschließlich ihrer Ritualisierungen, Über- und Unterforderungen und machtpolitischen Aspekten.
Sie haben völlig Recht, daß das so ist - ein in meinen Ohren unerträglicher, wichtigtuerischer Neusprech.
Liebe Leserinnen und Leser,
berichten Sie doch mal von Ihren Erfahrungen mit Meetings.
Sind sie sinnvoll, stärken sie das Teamgefühl? Welche optimale Dauer sollten Meetings haben und wie viele sollte es an einem Arbeitstag geben, um den Workflow nicht zu sehr zu behindern? Oder haben Sie Argumente für die These, dass Konferenzen vor allem den Charakter einer Bühnenshow haben - mit Auftritten der Stars und der Nachwuchssternchen?
Ich freue mich auf Ihre Berichte!
herzliche Grüße in die Runde,
Tina Groll, Redakteurin Karriere
"Konferenz" muss es vielleicht nicht sein (da denke ich ans Konferenzzentrum, also größere Veranstaltungen), aber wie wäre es mit "Besprechung" oder "Beratung"? Und statt "workflow" mit "Arbeitsablauf"?
Zu Ihren Fragen: Dauer und Anzahl der notwendigen Besprechungen wird man kaum verallgemeinern können. Bühnenshows lassen sich durch eine faire, aber straffe Moderation des Treffens vermeiden. Das kann nur nicht jeder ...
Ich hatte das Glück, durch einige Praktika die unterschiedlichsten Formen solcher Meetings kennenzulernen.
Firma A, Bereich Software-Entwicklung, 110 Mitarbeiter
Meeting in einem welnessartigen Couch-Bereich in lockerer Atmosphäre. 85% der Informationen hätten auch als E-Mail versendet werden können, weil sie keinen Diskussionswert besaßen. Der Rest wurde zwar besprochen, ich habe aber festgestellt, dass zu einzelnen Punkten später nochmal Rückfragen beim, nennen wir ihn Konferenzleiter, gemacht wurden.
Firma A steht im übrigen Kurz vor der Insolvenz.
Firma B, Finanzdienstleistungen, ca. 200 Mitarbeiter
Konferenzen sind fester Bestandteil der Unternehmenskultur, Sinn und Zweck ist grundsätzlich der Abgleich des aktuellen Arbeitstands in der Projektgruppe, natürlich am Konferenztisch und mit Beamer. Die Konferenzen werden wöchentlich zu festen Zeiten abgehalten. Die Atmosphäre ist nicht so weich wie bei Firma A, was aber auch nicht notwendig ist. Respekt gegenüber allen Personen als Menschen verhindert, dass der Penible als Wichtigtuer, der stark eingespannte Chef als Versager oder die Kollegin, die ihre Arbeit noch nicht ganz fertig stellen konnte, als Faulänzerin abgestempelt wird. Am Ende sind alle up-to-date und können so ihre Arbeitszeit konzentriert dort einsetzen, wo sie noch benötigt wird.
Firma C, Agentur, 5 Mitarbeiter
Meetings nur bei Bedarf zu Beginn, während und kurz vor Abschluss eines Projekts. Mal effizient, mal weniger, in jedem Fall mit Mehrwert.
"Konferenz" muss es vielleicht nicht sein (da denke ich ans Konferenzzentrum, also größere Veranstaltungen), aber wie wäre es mit "Besprechung" oder "Beratung"? Und statt "workflow" mit "Arbeitsablauf"?
Zu Ihren Fragen: Dauer und Anzahl der notwendigen Besprechungen wird man kaum verallgemeinern können. Bühnenshows lassen sich durch eine faire, aber straffe Moderation des Treffens vermeiden. Das kann nur nicht jeder ...
Ich hatte das Glück, durch einige Praktika die unterschiedlichsten Formen solcher Meetings kennenzulernen.
Firma A, Bereich Software-Entwicklung, 110 Mitarbeiter
Meeting in einem welnessartigen Couch-Bereich in lockerer Atmosphäre. 85% der Informationen hätten auch als E-Mail versendet werden können, weil sie keinen Diskussionswert besaßen. Der Rest wurde zwar besprochen, ich habe aber festgestellt, dass zu einzelnen Punkten später nochmal Rückfragen beim, nennen wir ihn Konferenzleiter, gemacht wurden.
Firma A steht im übrigen Kurz vor der Insolvenz.
Firma B, Finanzdienstleistungen, ca. 200 Mitarbeiter
Konferenzen sind fester Bestandteil der Unternehmenskultur, Sinn und Zweck ist grundsätzlich der Abgleich des aktuellen Arbeitstands in der Projektgruppe, natürlich am Konferenztisch und mit Beamer. Die Konferenzen werden wöchentlich zu festen Zeiten abgehalten. Die Atmosphäre ist nicht so weich wie bei Firma A, was aber auch nicht notwendig ist. Respekt gegenüber allen Personen als Menschen verhindert, dass der Penible als Wichtigtuer, der stark eingespannte Chef als Versager oder die Kollegin, die ihre Arbeit noch nicht ganz fertig stellen konnte, als Faulänzerin abgestempelt wird. Am Ende sind alle up-to-date und können so ihre Arbeitszeit konzentriert dort einsetzen, wo sie noch benötigt wird.
Firma C, Agentur, 5 Mitarbeiter
Meetings nur bei Bedarf zu Beginn, während und kurz vor Abschluss eines Projekts. Mal effizient, mal weniger, in jedem Fall mit Mehrwert.
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