RAF»Die werden uns alle ermorden!«

Michael Sontheimers Geschichte der RAF zeigt, wie unerträglich leer der linke Terror war von Gerd Koenen

Thorwald Proll, Horst Söhnlein, Andreas Baader und Gudrun Ensslin vor der Urteilsverkündung wegen Brandstiftung (1968)

Thorwald Proll, Horst Söhnlein, Andreas Baader und Gudrun Ensslin vor der Urteilsverkündung wegen Brandstiftung (1968)  |  © Manfred Rehm

Die deutschen Linksterroristen der siebziger Jahre haben in Taten und Formeln gesprochen, die heute kaum weniger rätselhaft erscheinen als damals. Alle Versuche, dieses Kryptogramm mit den Mitteln journalistischer Recherche oder wissenschaftlicher Forschung zu entziffern, haben Hans Magnus Enzensbergers frühes Diktum von der »Leere im Zentrum des Terrors« nicht außer Kraft setzen können. Eben darin liegt natürlich auch die generationenübergreifende Faszination dieses Stoffes.

Michael Sontheimers Kurze Geschichte der Roten Armee Fraktion möchte im Unterschied zu den »enzyklopädischen Ausmaßen« der Standardwerke von Stefan Aust, Butz Peters und Willi Winkler vor allem straight zur Sache kommen. Dagegen wäre nichts zu sagen, ganz im Gegenteil, sofern es durch schärfere Konturierung gelänge, die zentralen Motive dieses neurotischen deutschen Familienromans in seinen nationalen wie internationalen, generationellen und zeithistorischen Bezügen schlüssig herauszupräparieren. Leider bewegt sich Sontheimers Buch, so gut lesbar und informativ es ist, eher in ausgetretenen Pfaden.

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Im Unterschied zu den anderen Darstellungen habe er, schreibt Michael Sontheimer, »versucht, auch mit möglichst vielen ehemaligen Mitgliedern der Gruppe ins Gespräch zu kommen und ihre Sicht der Ereignisse in Erfahrung zu bringen«. Aber haben sie nicht in Dutzenden von Interviews und einer ausgedehnten Memoirenliteratur ihre Sicht der Ereignisse dargelegt? Das Problem ist ja nicht, dass sie nicht sprechen. Das Problem ist, dass sie erstens ihr Kernwissen übereinander sorgsam hüten und zweitens über sich selbst kaum etwas Introspektives zu sagen wissen.

Stattdessen haben sie sich in einen aufgeblasenen Kokon schützender Formeln eingesponnen. »Ohne den Vietnamkrieg hätte es uns nicht gegeben«, erklärt dann etwa Klaus Jünschke dem Autor. Aber ging der Wahnsinn der RAF nicht erst richtig los, als der Vietnamkrieg längst vorbei war? Man braucht den Akteuren ihre ursprünglichen moralischen Impulse keineswegs abzusprechen. Worauf es allerdings ankäme, wäre, die individuellen und die Gruppenprozesse nachzuvollziehen, in denen diese primären Motive sich in ideologische Selbstimprägnierungen und totalitäre Selbstermächtigungen verwandelten.

Nichts versteht sich hier einfach von selbst, auch nicht das stets zitierte Initiationserlebnis, die Schüsse des Westberliner Polizeikommissars und (wie man jetzt weiß) Ostberliner Stasispitzels Kurras am 2. Juni 1967 auf den Studenten Ohnesorg. In einer von Buch zu Buch und Hausarbeit zu Hausarbeit weitergereichten Urszene des deutschen Terrorismus soll Gudrun Ensslin am Abend dieses Tages im Republikanischen Klub wie ein »Todesengel« aufgetreten sein und »mit kreidebleichem Gesicht« in die Runde geschrien haben: »Das ist die Generation von Auschwitz! Die werden uns alle ermorden!« In Sontheimers Version soll sie gleich auch noch die Erstürmung einer Polizeikaserne gefordert haben, »um sich zu bewaffnen«.

Einmal abgesehen von der (durchaus umstrittenen) Authentizität dieses Erinnerungssplitters: Wie viele erregte Stimmen werden an diesem Abend was alles durcheinandergerufen haben? Und wie verhält sich dieser angebliche frühe Ruf zu den Waffen zu der tiefen inneren Zerrissenheit, die in Gudrun Ensslins (von mir vor Jahren aufgefundenem und inzwischen ediertem) Briefwechsel mit Bernward Vesper aus der Zeit ihrer Brandstifterhaft 1968/69 zutage trat? Weder für sie noch für die anderen, die im Winter 1969/70 in einem Wirbel militanter Einzelaktionen und eines selbst geschaffenen Verfolgungsdrucks, narkotischer Entgleisungen und lebensgeschichtlicher Entbindungen auf ihren Trip in den Untergrund gegangen sind, kann von einem ideologisch und mental klar vorgezeichneten Weg gesprochen werden. Auch bei Sontheimer gehen, wie im Baader-Meinhof-Komplex, die Akteure 1967 so in den Film hinein, wie sie 1977 aus ihm herausgehen.

Leserkommentare
  1. "Leere" herrsche "im Zentrum des Terrors", so Enzensberger. "Um nichts" sei es im Kampf der RAF gegangen, so Sontheimer. Von Intellektuellen und Wissenschaftlern erwartet man eigentlich, dass sie fündig werden beim analytischen Eindringen in ein Phänomen. Sehen sie nur "Leere" und "nichts", weil sie nichts sehen wollen? Weil sie das, was sie feststellen müssten, lieber verdrängen, da es viel, allzuviel mit ihnen selbst zu tun hat? Die RAF ist kein Dämon, der aus einem Zauberreich kam und uns biedere Westdeutsche heimsuchte - sie kam aus unserer Mitte. Eine Wurzel: Rudi Dutsche sprach auf dem Vietnam-Kongress in Westberlin 1968 seinen heute etablierten, damals revolutionären Zuhörern aus dem Herzen, als er forderte, dem vietnamesischen Cong müsse sich ein deutscher Cong hinzugesellen. Dieser westdeutsche Cong war die RAF - Herzenswusch vieler junger Westdeutscher. Warum diese fanatische Sympathie mit den Vietnamesen? Ein Grund: Die USA zerstörten durch Entlaubungsgift ihre Wälder. Die Liebe zum Wald aber ist uralte deutsche und europäische Tradition!

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    • danica
    • 13. August 2010 17:38 Uhr

    das einzige motiv für die gewalt der raf war die ohnmacht zu erkennen dass man innerhalb eines staates immer fremdbestimmt und nie wirklich frei ist, so auch in der brd und nach der vorangegangenen faschistischen diktatur.
    alle anderen motive sind nur scheinheilig, selbst der vietnamkrieg. man kann sich darüer aufregen und prestetieren, aber heute heute geht doch auch niemand auf die barrikaden und tötet politiker weil in afrika täglich menschen verhungern und an aids sterben nur weil die reicheren länder ihnen hilfe verweigern.
    gewalt um der gewalt willen unter dem deckmantel einer gutmenschen-ideologie ist auch heute noch das gemeinsame merkmal links-sozialistischer und autonomer gruppierungen. dies hat auch die deutsche justiz mit ihren bad nenndorf urteil erkannt und bestätigt. ein anfang in einem angeblich demokratischen land in dem rechtsradikale poltiker in politischen sendungen nicht einmal zu wort komen gelassen werden, während die nachfolgepartei der sed in ostdeutschen parlamenten mehrheiten haben und steinewerfer und raf sympatisanten von früher z.b. aussenminister oder kanzler werden..

  2. "Aber ging der Wahnsinn der RAF nicht erst richtig los, als der Vietnamkrieg längst vorbei war?"

    verstehe nicht was der autor hier kritisieren will, chronologisch geht das doch auf....
    wäre doch nur problematisch wenn die raf bereits vor dem krieg aktiv gewesen wäre....

    schlamperei oder das 1. anzeichen das der autor nicht unbedingt objektiv an seine arbeit gegangen ist?

  3. 3. ?????

    und es geht weiter:

    "...in denen es zum Beispiel im Befehlston hieß: »die gefangenen rausholen…, alle kräfte auf diesen job konzentrieren«, wahlweise durch Geiselnahmen von führenden Politikern (»biedenkopf, genscher, maihofer«) oder durch Anschläge auf »die gebäude, in denen sie sitzen – natürlich am tag«"

    im befehlston also?

    und warum bringen sie dann dafür kein beispiel?
    wie lauten die satzanfänge- und enden?
    heißt es dort "ihr müßt/werdet " oder "ihr sollte/könntet"?

    ich weiß es nicht, aber durch diesen artikel werde ich auf keinen fall schlauer....ganz schwaches teil!

  4. Ich glaube, dass die RAF mehr verkörpert als eine Gruppe blutrünstiger Mörder. Das moralische Scheitern der RAF ist Metapher für die Bigotterie der linken Bewegung in den 70er und 80er und vor allem auch Ausdruck intellektuellen Scheiterns.

    Die Argumentation, der man sich damals wie heute bedient, ist immer gleich. Man nehme eine Gruppe von vermeintlich Entrechteten und empört sich so lange darüber, bis man dadurch alles, im Zweifel auch Mord, rechtfertigen kann. Dass den Vietnamesen nicht geholfen war durch den RAF-Terror spielt dann keine Rolle mehr.
    Viele linke Intellektuelle beschäftigen sich auch nur auf den ersten Blick mit Entrechteten und Benachteiligen. Auf den zweiten Blick merkt man, dass sie sich mit sich selbst beschäftigen. Sie zelebrieren die eigene Rolle und gefallen sich darin.
    Der ungebildete Vietnamese oder (heute) Hartz 4 Empfänger findet nur aus der Ferne ihre Zuneigung. Aus der Nähe würde man für diese Menschen aufgrund ihrer Bildungsferne eher höfliche Abneigung empfinden.

  5. Entfernt. Wir nehmen uns Ihrer Kritik gern an, bitten Sie jedoch, diese sachlich und konstruktiv zu äußern. Danke. Die Redaktion/cs

    • Buh
    • 01. August 2010 12:38 Uhr

    Die RAF als Gruppe durchgeknallter Ideologen darzustellen die völlig unzuzusammenhängend und Grundlos MEnschen ermordete ist gefährlich. Die Umstönde und die Gesellscahftliche Lage zu ignorieren, die Motive zu verneinen und die Leute selber als Idioten darzustellen...solch eine Eisntellung wird derartige Gruppierungen immer wieder ert möglich machen. Es darf nicht sein, dass solche so grausamen wie bedeutungsovllen taten im Nachhinein als nichtig interpretiert werden. Es gab Gründe es gab umstände und es gab zustimmung und viel Ungerechtigkeit von beiden Seiten. Dies alles gilt es aufzuarbeiten und zus chauen, wie es sien kann, dass mitten in einer zivilisierten gesellschaft derartiges möglich ist, um derartiges eben in Zukunft verhindern zu können. Gruppierungen wie die RAF eben nicht "notwendig" zu machen. Das sit im pbrigen Sinn der Demokratie, den Menschen Chancen und Perspektiven Geben um sozialeUnruhen und radikalisierungen in dieser Größenordnung zu verhindern.

    Alles was ich will ist Objektivität und das absehen von Geschichtskittung. Ich bin 23 Jahre alt. Und ich fühle mich von diesem Artikel, aiuch wenn ich wenig von der RAF weiß, irgednwie manipuliert.

    Eine Leserempfehlung
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    • Gerry10
    • 01. August 2010 13:15 Uhr

    ...für Ihren Kommentar.
    Dem ist wirklich nichts mehr hinzuzufügen.

    wird es vor allem, wenn man dem mörderischen Treiben dieser Leute irgendeinen höheren Zweck, eine gerechtfertigte Ideologie oder was auch immer unterstellen möchte. Dass Sie 23 sind, führt nicht zu mildernen Umständen. Hier darf ich auf K.Popper verweisen, der mit 18/19 der Kommunistischen Partei Österreichs beitrat und sie nur ein halbes Jahr später wieder verließ, als er die menschenverachtende Ideologie dahinter durchschaute. Na ja, manche Zeitgenossen schaffen das eben ihr ganzes Leben nicht.
    Es käme doch auch keiner auf die Idee, mordende SS-Schergen aus der ex post Sicht freizusprechen, weil sie ja keine Chancen und Perspektiven gehabt hätten.
    Unterschiede zwischen beiden Gruppen können gerne in jedem Oberlehrerseminar durchdiskutiert bzw. aufgearbeitet werden, dazu gehört Hummer und Champagner. Und einige Liebhaberinnen dieser kulinarischen Genüsse aus der heutigen linken Szene.
    Ach ja, nicht zu vergessen J.Fischer, der 1969 auf der PLO-Konferenz in Algier "nur 1 Stunde" dabei gewesen sein will. Der passt auch dazu. Der kann zusammen mit Trittin, Schily, der bücherschreibenden Frau und anderen prima erklären, wie man rechtzeitig den Absprung in das bourgoise Leben schafft.

    ...bei jedem Artikel über die RAF muss es mindestens ein oder zwei linke Spinner geben, die das irgendwie doch okay fanden und zu allem Überdruss selbiges hier auch noch kund tun.

    Wenn jemand im Namen einer Idee mordet, der man politisch nahe steht, dann sollte man trotzdem den Verstand/Humanität besitzen, zu erkennen, dass es falsch ist.
    Traurig welche Menschenverachter es hier gibt.

    Buh will die RAF verstehen und nicht verteufeln. Diese Haltung ist mir sympathisch!

    • Gerry10
    • 01. August 2010 13:15 Uhr

    ...für Ihren Kommentar.
    Dem ist wirklich nichts mehr hinzuzufügen.

    Antwort auf "Meine Gedanken dazu"
  6. wird es vor allem, wenn man dem mörderischen Treiben dieser Leute irgendeinen höheren Zweck, eine gerechtfertigte Ideologie oder was auch immer unterstellen möchte. Dass Sie 23 sind, führt nicht zu mildernen Umständen. Hier darf ich auf K.Popper verweisen, der mit 18/19 der Kommunistischen Partei Österreichs beitrat und sie nur ein halbes Jahr später wieder verließ, als er die menschenverachtende Ideologie dahinter durchschaute. Na ja, manche Zeitgenossen schaffen das eben ihr ganzes Leben nicht.
    Es käme doch auch keiner auf die Idee, mordende SS-Schergen aus der ex post Sicht freizusprechen, weil sie ja keine Chancen und Perspektiven gehabt hätten.
    Unterschiede zwischen beiden Gruppen können gerne in jedem Oberlehrerseminar durchdiskutiert bzw. aufgearbeitet werden, dazu gehört Hummer und Champagner. Und einige Liebhaberinnen dieser kulinarischen Genüsse aus der heutigen linken Szene.
    Ach ja, nicht zu vergessen J.Fischer, der 1969 auf der PLO-Konferenz in Algier "nur 1 Stunde" dabei gewesen sein will. Der passt auch dazu. Der kann zusammen mit Trittin, Schily, der bücherschreibenden Frau und anderen prima erklären, wie man rechtzeitig den Absprung in das bourgoise Leben schafft.

    Antwort auf "Meine Gedanken dazu"

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