Die deutschen Linksterroristen der siebziger Jahre haben in Taten und Formeln gesprochen, die heute kaum weniger rätselhaft erscheinen als damals. Alle Versuche, dieses Kryptogramm mit den Mitteln journalistischer Recherche oder wissenschaftlicher Forschung zu entziffern, haben Hans Magnus Enzensbergers frühes Diktum von der »Leere im Zentrum des Terrors« nicht außer Kraft setzen können. Eben darin liegt natürlich auch die generationenübergreifende Faszination dieses Stoffes.

Michael Sontheimers Kurze Geschichte der Roten Armee Fraktion möchte im Unterschied zu den »enzyklopädischen Ausmaßen« der Standardwerke von Stefan Aust, Butz Peters und Willi Winkler vor allem straight zur Sache kommen. Dagegen wäre nichts zu sagen, ganz im Gegenteil, sofern es durch schärfere Konturierung gelänge, die zentralen Motive dieses neurotischen deutschen Familienromans in seinen nationalen wie internationalen, generationellen und zeithistorischen Bezügen schlüssig herauszupräparieren. Leider bewegt sich Sontheimers Buch, so gut lesbar und informativ es ist, eher in ausgetretenen Pfaden.

Im Unterschied zu den anderen Darstellungen habe er, schreibt Michael Sontheimer, »versucht, auch mit möglichst vielen ehemaligen Mitgliedern der Gruppe ins Gespräch zu kommen und ihre Sicht der Ereignisse in Erfahrung zu bringen«. Aber haben sie nicht in Dutzenden von Interviews und einer ausgedehnten Memoirenliteratur ihre Sicht der Ereignisse dargelegt? Das Problem ist ja nicht, dass sie nicht sprechen. Das Problem ist, dass sie erstens ihr Kernwissen übereinander sorgsam hüten und zweitens über sich selbst kaum etwas Introspektives zu sagen wissen.

Stattdessen haben sie sich in einen aufgeblasenen Kokon schützender Formeln eingesponnen. »Ohne den Vietnamkrieg hätte es uns nicht gegeben«, erklärt dann etwa Klaus Jünschke dem Autor. Aber ging der Wahnsinn der RAF nicht erst richtig los, als der Vietnamkrieg längst vorbei war? Man braucht den Akteuren ihre ursprünglichen moralischen Impulse keineswegs abzusprechen. Worauf es allerdings ankäme, wäre, die individuellen und die Gruppenprozesse nachzuvollziehen, in denen diese primären Motive sich in ideologische Selbstimprägnierungen und totalitäre Selbstermächtigungen verwandelten.

Nichts versteht sich hier einfach von selbst, auch nicht das stets zitierte Initiationserlebnis, die Schüsse des Westberliner Polizeikommissars und (wie man jetzt weiß) Ostberliner Stasispitzels Kurras am 2. Juni 1967 auf den Studenten Ohnesorg. In einer von Buch zu Buch und Hausarbeit zu Hausarbeit weitergereichten Urszene des deutschen Terrorismus soll Gudrun Ensslin am Abend dieses Tages im Republikanischen Klub wie ein »Todesengel« aufgetreten sein und »mit kreidebleichem Gesicht« in die Runde geschrien haben: »Das ist die Generation von Auschwitz! Die werden uns alle ermorden!« In Sontheimers Version soll sie gleich auch noch die Erstürmung einer Polizeikaserne gefordert haben, »um sich zu bewaffnen«.

Einmal abgesehen von der (durchaus umstrittenen) Authentizität dieses Erinnerungssplitters: Wie viele erregte Stimmen werden an diesem Abend was alles durcheinandergerufen haben? Und wie verhält sich dieser angebliche frühe Ruf zu den Waffen zu der tiefen inneren Zerrissenheit, die in Gudrun Ensslins (von mir vor Jahren aufgefundenem und inzwischen ediertem) Briefwechsel mit Bernward Vesper aus der Zeit ihrer Brandstifterhaft 1968/69 zutage trat? Weder für sie noch für die anderen, die im Winter 1969/70 in einem Wirbel militanter Einzelaktionen und eines selbst geschaffenen Verfolgungsdrucks, narkotischer Entgleisungen und lebensgeschichtlicher Entbindungen auf ihren Trip in den Untergrund gegangen sind, kann von einem ideologisch und mental klar vorgezeichneten Weg gesprochen werden. Auch bei Sontheimer gehen, wie im Baader-Meinhof-Komplex, die Akteure 1967 so in den Film hinein, wie sie 1977 aus ihm herausgehen.