Paul AusterDer Wahnsinn heißt Inzest

Halbseiden, spannend und akademisch geht es in Paul Austers Büchern immer zu. In seinem neuen Roman »Unsichtbar« ist er einem der ältesten Motive der Weltliteratur auf der Spur

Der Schriftsteller Paul Auster in Paris, Juni 2010

Der Schriftsteller Paul Auster in Paris, Juni 2010

»Ich bekomme die besten Kritiken und die schlechtesten Kritiken aller Autoren, die ich kenne«, hat Paul Auster gesagt, noch vor seinem vierzehnten Roman Mann im Dunkel und seinem fünfzehnten, der eigentlich genauso heißen könnte, aber Unsichtbar heißt. Ganz kalt lässt ihn, den früh verwöhnten Autor der achtziger Jahre, diese Erfahrung nicht. Doch er weiß sich zu helfen. The empire strikes back. In Mann im Dunkel agiert als ebensolcher Dunkelmann ein gebeutelter Literaturkritiker. August Brill hat es im Leben auf 1500 Kritiken gebracht, sich aber schließlich die Sinnfrage gestellt angesichts all der Beiläufigkeit. Doch ein Romanprojekt scheiterte, und so erfindet er im Dunkel die gewaltsame Vision des amerikanischen Bürgerkriegs, in dem jemand aufbricht, um zurück in die Vergangenheit zu reisen und jenen Brill zu töten, der den Krieg auf dem Gewissen hat. Kill Brill, sozusagen; oder eine Kritiker-Tötungsfantasie von Austerscher Menschenfreundlichkeit und Delikatesse.

Sage also keiner, wir seien nicht gewarnt gewesen, wir rechthaberischen Kritiker, die sogar nachzählen und auf über dreißig Auster-Bücher kommen seit Mitte der siebziger Jahre, als es bei dem Ostküstenliteraturwissenschaftler Auster klick gemacht hat in Paris, bei Barthes und Derrida und bei Beckett, den er traf und der vor allem ihn traf – mitten ins Autorenherz. Seitdem kommt die Arbeit im Skriptorium nicht mehr zur Ruhe. Was zudem an einem französisch anmutenden universal-patenten dramaturgischen Kniff fast aller Auster-Bücher liegt: die Erzeugung einer fiktionalen Welt in jene fiktionale Welt selbst mit hineinzuziehen; entsprechend haben die meisten Austerschen Figuren geheimdienstliche Züge oder doppelgängerhafte, selbstgespaltene, romantische. Damit lassen sich wie aus einem Gencode immer neue Plots generieren und die Dichte der Binnenbezüge im Werk steigern.

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Unsichtbar ist genauso halbseiden, so spannend wie akademisch, unentschieden zwischen Suspense-Dramaturgie und metaphysischem Rätsel, so poetologisch aufgerüstet und geheimniskrämerisch wie nur je einer der typischen Auster-Texte. Nur die Sexszenen nehmen wir erst einmal aus. Dabei ist es gar nicht so leicht, den ekstatischen Sex zwischen dem wichtigsten Erzähler Adam Walker und seiner geliebten Gwyn mit Genuss an der Darstellung zu lesen. Weil nämlich jener paradiesische Spaß der Körpervereinigung zwischen Geschwistern stattfindet. Der Wahnsinn heißt Inzest. Natürlich liest man mit der Lust an der Überschreitung auch die Insistenz des Verbotes und auch das Angegraute des uralten Motivs. Hier erfährt man einmal mehr, warum Adam Adam heißt, und ahnt, dass der Paradiesfreak endlich ist. Postmodernes Wälsungenblut rauscht durch die Adern des Romans, auch wenn Auster wie immer mit seinem lakonischen Erzählstil gegen die Prätention seines Figurenensembles und seiner im Kern mythischen Handlungsführung anarbeitet.

Der Literaturstudent Adam trifft in New York den Professor für auswärtige Beziehungen Rudolf Born, eine undurchsichtige Type, die ihm schon beim ersten Abendessen seine Geliebte Margot anbietet. Und einen hohen Scheck, damit Adam seinen Traum einer eigenen Literaturzeitschrift realisieren kann. Bei so viel Wunscherfüllung bleibt kein religionsgeschichtlich erfahrenes Auge trocken. Da hat der Leibhaftige seine Finger im Spiel, a man of wealth and taste, auf der ganzen Welt in dunkle Machenschaften verstrickt, am Ende gar – die Haupthandlung spielt 1967 auf dem Höhepunkt der Antivietnamkriegsbewegung – als Ost-West-Doppelspion vorgestellt. Ein wenig Weltgeschichte und politische Paranoia soll schon sein.

Der menschenfreundliche Adam, voll mit besten Absichten, lässt sich von Born verführen zu allem, was sein Herz begehrt. Aber selbst die geile Margot, mit der der Sex, weil schmutzig, noch besser ist, und auch die Zeitschrift reichen nicht. Der Wunsch der Wünsche, nicht mehr zu wünschen, eins zu sein, darunter geht es bei Adam und Auster nicht. Doch das Glück muss teuer bezahlt werden. Nicht nur stürzt Adam in eine Kette grausamer Verstrickungen, muss er langsam sterben und kann seine eigene Geschichte nicht zu Ende erzählen, sondern eine spezifische Austersche Verwischung dämpft dies alles entscheidend: Er dementiert das Geschehen, weist es als Imagination aus. Es ist die alte Gwyn, die schließlich die Wahrheit über den Inzest sagt: alles Literatur, alles Lüge, und der Leser gerät einmal mehr ins Ungefähre statt ins Unheimliche. Damit befinden wir uns stimmungsmäßig, um eine Metapher aus dem Roman aufzugreifen, im »Palast des Gähnens«.

Leserkommentare
  1. Nicht Inzest ist der Wahnsinn, jedenfalls nicht hier, denn er geschieht von gleich zu gleich, in gegenseitigem Einverständnis,nein, Krieg und Mord sind Wahnsinn, nicht Sex, das Bild der steineklopfenden Menschen am Ende, das ist der Wahnsinn. Ein Wahnsinn, dass wir bereit sind solchen Wahnsinn hinzunehmen, davon zu wissen, aber solange dieser Wahnsinn "unsichtbar" ist, akzeptieren wir ihn. Wir wollen ihn ja auch nicht sehen. Gähnt da der Zyniker? Dann tut es mir sehr leid.

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  • Quelle DIE ZEIT, 22.07.2010 Nr. 30
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