Hörbücher Orchester der Sprache

Wie das Hörbuch unsere Literatur verändert

Manchmal frage ich mich, was meine beiden Söhne (19 und 16) wohl einmal ihren potenziellen Kindern aus ihrer eigenen, später dann bereits untergegangenen Kindheitswelt werden erzählen können? So wie ich meinen staunenden Söhnen von einer Zeit erzählen kann, da niemand einen Computer besaß und man zum Telefonieren in eine Zelle ging.

Eine Antwort könnte lauten: Meine Söhne erzählen davon, dass ihnen bis zum Beginn ihrer Schulzeit und noch darüber hinaus ausgiebig vorgelesen wurde. Denn genau dies könnte in, sagen wir, 25 Jahren eine weitgehend ausgestorbene kulturelle Praxis sein.

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Bei meinen Lesungen in Schulen kann ich seit zehn Jahren dieses Aussterben indirekt beobachten. Längst ist für sehr viele Kinder (manchmal scheint mir bereits: für eine Mehrheit) nicht mehr das Buch der primäre Aufenthaltsort von Texten, sondern das Hörbuch, also die CD oder ein anderes digitales Speichermedium. Die habituelle Frage »Gibt’s Ihr Buch auch als CD?« klingt mir oft wie »Gibt’s das auch in richtig?« Und wenn ich das manchmal (entgegen der Wahrheit) verneine, schaue ich in Gesichter, die sagen: »Schade, dann eben nicht!«

Und nun stellt sich die Frage: Haben wir es hier mit einer guten oder einer schlechten Entwicklung zu tun? Ich will vorsichtig antworten. Kulturkritik hat allzu oft etwas gefährlich Folkloristisches: Man bestätigt einander, dass früher alles besser war und die Zukunft ein Ort des Schreckens ist, was zu einer Art Gemütlichkeit des Negativen führt. Also, Vorsicht!

Allerdings sehe ich keinen Grund, das Phänomen nicht ernst zu nehmen. PC, Handy, iPad und so weiter: Die Revolutionen unseres Alltags kommen nicht mehr wie noch bis ins 20. Jahrhundert als angsteinflößende Ungeheuer daher wie Bahn, Auto und Flugzeug. Stattdessen erscheinen sie als freundliche Helfer und modische Trends. Der Buchdruck stürzte vor 550 Jahren eine ganze Kultur in die Krise; das Hörbuch haben wir, wie es scheint, rasch und gelassen ins immer breiter werdende Repertoire unserer Kommunikationsmittel aufgenommen. Allein, mit Folgen.

Betrachte ich das Hörbuch als Autor, so kehrt mit ihm die Literatur in gewisser Weise an ihren Ursprungsort zurück. Denn sie erscheint wieder als die gesprochene Sprache, aus der heraus ich Texte forme. Stimmlage, Tonfall und Modulation, die beim gedruckten Text im Stil aufgehoben sind, erscheinen jetzt wieder als solche. Der Text bekommt einen sinnlichen Körper; er wird zum Leben gebracht wie die Partitur, wenn das Orchester zu spielen beginnt.

Und das gefällt mir! Denn Lesen heißt doch immer, dem Text eine (innere) Stimme geben. Hörbücher sind, wenn sie von Leseprofis gesprochen werden, Vorlagen und Anleitungen für diese innere Stimmbildung. Und nicht zu vergessen: Gesprochene Texte sind immer auch interpretierte Texte. Werden sie vom Autor gesprochen, so kann dies äußerst interessante Hinweise auf ihre Intentionen geben. Hier zuzuhören gibt die Möglichkeit, sich zugleich mit einer Interpretation des Textes (kritisch) auseinanderzusetzen. Und wird denn diese verstärkte akustische Präsenz der Literatur ihrem »Sitz im Leben« dienlich sein? Kann das Hörbuch zu einer akustischen Alphabetisierung auch bislang leseunwilliger Gruppen führen? Nutzt es dem Text, dass er jetzt praktisch das gleiche digitale Format hat wie die populären Medien Musik und Film? Ich weiß es nicht. Manchmal bin ich skeptisch, manchmal zuversichtlich. Wir stehen ja erst am Anfang der Entwicklung.

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