Konrad W. erhält im Alter von 60 Jahren die Diagnose eines inoperablen Rachentumors. Durch Bestrahlung und Chemotherapie lässt sich dessen Wachstum mehr als ein Jahr in Schach halten. Konrad W. ist Familienvater, arbeitet als Buchhändler und will so lange leben, wie die Symptome zu kontrollieren sind. Danach aber will er so rasch und schmerzfrei wie möglich aus dem Leben scheiden, immer den Leidensweg eines Freundes vor Augen, der letztlich an einem in die Luftröhre durchgebrochenen Speiseröhrenkrebs erstickte.

Als der Tumor rapide weiterwächst, will Konrad W. unter keinen Umständen erneut in die Klinik; er wünscht im Kreise seiner Familie zu sterben. Ein niedergelassener Onkologe und ein Pflegeteam versorgen ihn zu Hause; steigende Dosen Morphin und Psychopharmaka sind notwendig, um Angst und Schmerzen erträglich zu halten.

Dann beginnt der Tumor unkontrolliert zu bluten: Todesangst und Erstickungspanik lassen sich nun durch nichts eindämmen. Konrad W. fleht geradezu darum, auf schnellstem Wege sterben zu dürfen. Eine ärztlich angebotene starke, den Tod in Kauf nehmende Sedierung lehnt er ab, weil dies zu lange dauere, das Ersticken nicht verhindern könne und er nicht zu einer Zumutung für seine Familie werden wolle. Schließlich stellt sein Arzt ihm eine tödliche Dosis mehrerer Medikamente bereit.

Weil der Arzt absurderweise trotz seiner erlaubten Hilfestellung beim Suizid nach Eintritt der Bewusstlosigkeit das Leben des Patienten retten müsste, lässt er sich von dieser "Garantenpflicht" unter dem Zeugnis der Familie entbinden. Dann verabschiedet sich der Mediziner; notfalls sei er zu erreichen. Noch am selben Tag verstirbt Konrad W. tief bewusstlos und friedlich im Kreise seiner Familie.

Sind wir als Gesellschaft mitfühlend genug, Menschen wie Konrad W. zu gestatten, auf ihren klar und nachhaltig geäußerten Wunsch hin mit ärztlicher Hilfe ihr Leben zu beenden? Patienten, die in schwerster aussichtsloser Krankheit maximale Zuwendung und Therapie erfahren und dennoch furchtbar leiden?

Es ist ein unter Ärzten verbreitetes Missverständnis, ihren Auftrag allein darin zu sehen, Krankheiten zu heilen, Leben zu erhalten und zu verlängern. Diesem kurativen Aspekt steht ein zweiter, nicht minder bedeutender und ethisch gleichrangiger zur Seite, der palliative Aspekt nämlich (von "Palliation": Linderung). Er tritt in den Vordergrund, wenn die Mittel zur Heilung ausgeschöpft sind und jene zur Lebensverlängerung nicht mehr von einer medizinischen Indikation getragen oder vom Patientenwillen gedeckt sind und deswegen allein ein friedliches Lebensende anzustreben ist.

Beide Anteile des ärztlichen Auftrags verfolgen zwar unterschiedliche Therapieziele, gehorchen jedoch in gleicher Weise dem Wohl des Patienten, dem ausnahmslos jedes ärztliche Entscheiden und Handeln verpflichtet ist. Gleichwohl neigt die Ärzteschaft zu einer Minderbewertung des zweiten: "Wir können nichts mehr tun", ist ein niederschmetterndes Urteil, das einem ärztlichen Kunstfehler gleichkommt. Medizin kann und muss immer etwas tun, wenn nicht mehr im Sinne der Gesundung und Lebensverlängerung, dann im palliativen Sinne der Leidens- und Symptomlinderung.

Doch so hoch der Wert der Palliativmedizin auch zu veranschlagen ist und die Ausweitung ihrer Angebote allein eine Frage der Zeit sein mag, in ihrer klassischen Ausprägung stößt in wenigen Fällen auch die Palliativmedizin an Grenzen: Sei es, dass ihre Mittel versagen. Sei es, dass ein Patient eine Behandlung aus plausiblen Gründen ablehnt, wie es bei Konrad W. der Fall war. Denn niemand kann genötigt werden, sie zu akzeptieren. Selbst von den Verfassern des renommierten Standardwerks, des Oxford Textbook of Palliative Medicine, wird ja zugestanden, dass Palliativmedizin niemals alle Einbußen an positiven Handlungs- und Erlebnismöglichkeiten für alle betroffenen Patienten kompensieren kann.