Palliativmedizin : Letzte Hilfe

Wir müssen Todkranken die Macht über ihr Leben geben. Ein Plädoyer für die ärztliche Beihilfe zum Suizid
Zimmer im Krankenhaus: Bei einer Umfrage der Bundesärztekammer gaben 34 Prozent der Ärzte an, dass sie schon einmal um Sterbehilfe gebeten wurden © Christopher Furlong/Getty Images

Konrad W. erhält im Alter von 60 Jahren die Diagnose eines inoperablen Rachentumors. Durch Bestrahlung und Chemotherapie lässt sich dessen Wachstum mehr als ein Jahr in Schach halten. Konrad W. ist Familienvater, arbeitet als Buchhändler und will so lange leben, wie die Symptome zu kontrollieren sind. Danach aber will er so rasch und schmerzfrei wie möglich aus dem Leben scheiden, immer den Leidensweg eines Freundes vor Augen, der letztlich an einem in die Luftröhre durchgebrochenen Speiseröhrenkrebs erstickte.

Als der Tumor rapide weiterwächst, will Konrad W. unter keinen Umständen erneut in die Klinik; er wünscht im Kreise seiner Familie zu sterben. Ein niedergelassener Onkologe und ein Pflegeteam versorgen ihn zu Hause; steigende Dosen Morphin und Psychopharmaka sind notwendig, um Angst und Schmerzen erträglich zu halten.

Dann beginnt der Tumor unkontrolliert zu bluten: Todesangst und Erstickungspanik lassen sich nun durch nichts eindämmen. Konrad W. fleht geradezu darum, auf schnellstem Wege sterben zu dürfen. Eine ärztlich angebotene starke, den Tod in Kauf nehmende Sedierung lehnt er ab, weil dies zu lange dauere, das Ersticken nicht verhindern könne und er nicht zu einer Zumutung für seine Familie werden wolle. Schließlich stellt sein Arzt ihm eine tödliche Dosis mehrerer Medikamente bereit.

Weil der Arzt absurderweise trotz seiner erlaubten Hilfestellung beim Suizid nach Eintritt der Bewusstlosigkeit das Leben des Patienten retten müsste, lässt er sich von dieser "Garantenpflicht" unter dem Zeugnis der Familie entbinden. Dann verabschiedet sich der Mediziner; notfalls sei er zu erreichen. Noch am selben Tag verstirbt Konrad W. tief bewusstlos und friedlich im Kreise seiner Familie.

Sind wir als Gesellschaft mitfühlend genug, Menschen wie Konrad W. zu gestatten, auf ihren klar und nachhaltig geäußerten Wunsch hin mit ärztlicher Hilfe ihr Leben zu beenden? Patienten, die in schwerster aussichtsloser Krankheit maximale Zuwendung und Therapie erfahren und dennoch furchtbar leiden?

Michael de Ridder

ist Facharzt für innere Medizin und Chefarzt der Rettungsstelle des Klinikums Am Urban in Berlin. Er ist Vorsitzender der Hans-Joachim-und-Käthe-Stein- Stiftung für Palliativmedizin

Es ist ein unter Ärzten verbreitetes Missverständnis, ihren Auftrag allein darin zu sehen, Krankheiten zu heilen, Leben zu erhalten und zu verlängern. Diesem kurativen Aspekt steht ein zweiter, nicht minder bedeutender und ethisch gleichrangiger zur Seite, der palliative Aspekt nämlich (von "Palliation": Linderung). Er tritt in den Vordergrund, wenn die Mittel zur Heilung ausgeschöpft sind und jene zur Lebensverlängerung nicht mehr von einer medizinischen Indikation getragen oder vom Patientenwillen gedeckt sind und deswegen allein ein friedliches Lebensende anzustreben ist.

Beide Anteile des ärztlichen Auftrags verfolgen zwar unterschiedliche Therapieziele, gehorchen jedoch in gleicher Weise dem Wohl des Patienten, dem ausnahmslos jedes ärztliche Entscheiden und Handeln verpflichtet ist. Gleichwohl neigt die Ärzteschaft zu einer Minderbewertung des zweiten: "Wir können nichts mehr tun", ist ein niederschmetterndes Urteil, das einem ärztlichen Kunstfehler gleichkommt. Medizin kann und muss immer etwas tun, wenn nicht mehr im Sinne der Gesundung und Lebensverlängerung, dann im palliativen Sinne der Leidens- und Symptomlinderung.

Doch so hoch der Wert der Palliativmedizin auch zu veranschlagen ist und die Ausweitung ihrer Angebote allein eine Frage der Zeit sein mag, in ihrer klassischen Ausprägung stößt in wenigen Fällen auch die Palliativmedizin an Grenzen: Sei es, dass ihre Mittel versagen. Sei es, dass ein Patient eine Behandlung aus plausiblen Gründen ablehnt, wie es bei Konrad W. der Fall war. Denn niemand kann genötigt werden, sie zu akzeptieren. Selbst von den Verfassern des renommierten Standardwerks, des Oxford Textbook of Palliative Medicine, wird ja zugestanden, dass Palliativmedizin niemals alle Einbußen an positiven Handlungs- und Erlebnismöglichkeiten für alle betroffenen Patienten kompensieren kann.

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Kommentare

40 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Ein überzeugendes Plädoyer

für das Menschenrecht des "Sterbendürfens"!

Danke für Ihr argumentatives Engagement, Herr Dr.de Ridder!

Wir brauchen glaubwürdige Ärzte wie Sie, die den Patienten eine Stimme geben!

Früher hatte die Kirche den Menschen Angst vor der Hölle NACH dem Sterben gemacht.
Heute macht der "medizinische Fortschritt" den Menschen Angst VOR der Hölle des "Nichtsterbens".

Ich kenne eine Reihe von Uralten und Kranken, die diesen "Segen" verfluchen und vergeblich darum betteln, endlich einschlafen zu dürfen.
Sie werden als "nicht zurechnungsfähig" eingestuft.
Dank einer völligen FEHL-Verarbeitung der Nazi-Euthanasie-Verbrechen leben wir inzwischen in einem neurotisch pervertierten Gesundheitssystem, das anstelle "Leiden zu mindern" alles daran setzt die Menschen bis über das Erträgliche hinaus zu quälen, um an ihnen schamlos zu verdienen.
Das ganze nennt sich dann "Gesundheitswirtschaft".

Mit dankbarem Gruß
Lucy Meineke, Berlin

Alles Tun

Tut man alles, wenn man die legale Möglichkeit hat, nicht alles tun zu müssen, um den Patienten am Leben zu halten? In der Krise gibt es ja immer mehr Argumente zum Sterben als zum Leben.

Der Gesetzgeber wird nicht umhinkommen, die vorhandene Rechtsunsicherheit zu beseitigen. Da hat das Plädoyer eine ganze Menge zu bieten und ist vor allem frei von der unangenehmen Selbstgewissheit anderer Befürworter der Sterbehilfe.

letzte Hilfe

Alles was oben gesagt wurde ist richtig!
Für einen jungen Arzt, und die arbeiten auf den Intensivstationen der Republik, ist es wesentlich einfacher eine Therapie durchzuführen als sie zu unterlassen. Genau dies ist das Problem!!! Wenn ein Mensch stirbt wird die Indikation (der Sinn) für die Therapie nicht geprüft => es wird meist ohne nachzudenken alles (auch völlig sinnloses) gemacht nur weil es möglich ist.
Hier mal ein plastischer, allgemeinverständlicher Vergleich:
Sie können als Sportler von Düsseldorf nach Köln laufen oder mit dem Rad fahren. Sie können mit dem Taxi, Auto oder Zug fahren. Es ist aber auch möglich mit einer Boeing 747 oder einem Airbus A380 zu fliegen. Letzteres ist zwar überhaupt nicht sinnvoll, ABER möglich. In der Medizin fliegen wir ständig mit einer Boeing 747 oder einem A380 von Köln nach Düsseldorf.

Michael Gill
Facharzt f. Anästhesie

PS:
Für alle mit Schwierigkeiten in Erdkunde.
Entfernung Düsseldorf -Köln ca. 50 km
Beide Städte haben einen Internationalen Flughafen.

@ 3 : Ihr plastisch- überzeugender Vergleich, Herr Gill,

sollte den verantwortlichen Gesundheitspolitikern ("Gesundheitsökonomen") wie z.B. den ehem.10-jährig agierenden SPD-Staatssekretär Karl Lauterbach oder unserem derzeitig unglücklich reformierenden Gesundheitsminister vorgehalten werden, denen rechnerisch die Milliarden davonlaufen.
Dabei geht es offenbar politisch nur noch um zwei Alternativen: Sparvorschläge am falschen Ende (z.B. Naturheilmedizin, sinnvolle Reha-behandlungen, Homöopathie - wie lächerlich ) oder hemmungslos Mehreinnnahmenquellen zu erschließen, koste es was es wolle, selbst den sozialen Frieden.

Zumindest muss endlich eine breite ethisch-ökonomische Debatte über Sinn und Grenzen des Wachstums medizinischer Hochleistungstechnologie geführt werden, bevor dieses unselige Reform-Flickwerk ohne Ende fortgesetzt wird.

Und da gehört genau Ihre angesprochene Problematik hinein: Die Gewissens- und Stressproblematik der im Stich gelassenen Ärzteschaft sowie die einseitige Bindung der personellen und ökonomischen Ressourcen zugunsten einer Beatmungs-Industrie und ihren Zuliefer-Unternehmen.

Was wird da eigentlich in Wahrheit "am Leben" erhalten???

Danke für diesen hervorragenden Artikel

Jetzt fehlt nur noch die ebenso eindringliche Befürwortung einer unter fachkundiger Beratung erstellten Patientenverfügung. Leider wollen sich die wenigsten Menschen mit dem Thema alt plus eventuell dement plus unheilbar krank in allen seinen Variationen befassen, so lange sie dies noch im Besitz ihrer geistigen Kräfte könnten. Und so werden 80jährige multimorbide Menschen behandelt und behandelt und behandelt, werden belastende Untersuchungen durchgeführt, streiten sich Angehörige über einzuleitende oder zu unterlassende Maßnahmen. Hätte der Patient vorgesorgt und eine Vertrauensperson als Vollstrecker seines Willens ernannt, wäre er nicht im gleichen Maße auf Einsicht und Abgeklärtheit eines Mediziners angewiesen. Eine immer wieder validierte Patientenverfügung bedeutet Wahrung der Autonomie am Lebensende.