Das Argument der Kosten im Gesundheitssystem
Noch eine zweite Unterstellung wird beim Thema Sterbebegleitung schnell laut, jene des menschenverachtenden Kostendenkens.
Unstrittig ist, dass angesichts der demografischen Entwicklung und der weiter steigenden Lebenserwartung palliativmedizinische Versorgungsangebote ausgeweitet werden müssen – seien es Palliativstationen in Krankenhäusern, seien es Hospize oder sei es die besonders förderungswürdige ambulante palliative Versorgung auch für die nach Hunderttausenden zählenden geriatrischen Patienten.
Und doch müssen wir grundsätzlich anerkennen, dass jenseits der Palliativmedizin Suizidbeihilfe zu einer unverzichtbaren ärztlichen Aufgabe werden kann. Sie mit Sanktionen zu belegen ist unangemessen. Palliativmedizin und ärztlich assistierter Suizid verhalten sich eben nicht antagonistisch, sondern komplementär zueinander. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass auch der ärztlich assistierte Suizid zu einer äußersten Maßnahme palliativer Medizin werden kann. Hierfür bietet der amerikanische Bundesstaat Oregon ein überzeugendes Beispiel.
Oregon beschloss 1997 ein Gesetz (Death with Dignity Act), das die ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung in einem differenzierten Verfahren zulässt und regelt; Missbrauch ist weitestgehend ausgeschlossen. Die Voraussetzungen für die Verschreibung eines tödlich wirkenden Medikaments lauten: Vorliegen einer von zwei Ärzten bescheinigten aussichtslosen und inkurablen Erkrankung mit einer Lebenserwartung von unter sechs Monaten bei einem einsichts- und urteilsfähigen, volljährigen Patienten mit ständigem Wohnsitz in Oregon; zweimalige mündliche Beantragung des tödlichen Medikaments bei seinem Arzt im Abstand von zwei Wochen; anschließende erneute schriftliche Anforderung des Mittels in Gegenwart eines Zeugen; ausführliche ärztliche Beratung über alle verfügbaren Behandlungsalternativen.
Seit der Einführung des Gesetzes 1997 bis 2005 sind in Oregon insgesamt 246 Menschen auf diese Weise aus dem Leben geschieden. Das entspricht einem von tausend Verstorbenen. Aufschlussreich erscheint die Tatsache, dass mehr als ein Drittel derjenigen, die sich ein Rezept hatten ausstellen lassen, dieses letztlich nicht einlösten. Ihnen genügte offenbar die Sicherheit, jederzeit einem als unwürdig empfundenen Tod entgehen zu können. Der Tod trat bei nahezu allen Patienten ohne Komplikationen ein, in den meisten Fällen innerhalb einer halben Stunde.
Überraschenderweise stärkte die Möglichkeit des assistierten Suizids in Oregon die palliative Versorgung von Schwerstkranken und Sterbenden, wie das breite Echo in Öffentlichkeit und Ärzteschaft belegt! Im Jahr 2001 ergab eine Befragung unter Ärzten, dass sich zwei Drittel von ihnen intensiver als zuvor über die Möglichkeiten der Palliativmedizin informiert hatten. Eine Beihilfe zur Selbsttötung und gute palliative Versorgung schließen sich in Oregon nicht aus: Von den 246 Patienten, die von eigener Hand starben, nutzten 213 gleichzeitig die Betreuung eines nahe gelegenen Hospizes.
Letztlich demonstrieren die Erfahrungen aus Oregon, dass die so oft von den Gegnern ärztlicher Suizidassistenz beschworenen »Dammbruchargumente«, die nicht die Legitimität des Sterbewunsches kritisieren, sondern seine gesellschaftlichen Konsequenzen, nicht tragen. Weder kommt es zu Nachahmungsverhalten, also zu Sterbewünschen dort, wo bisher keine waren, noch ist eine generelle Lockerung gesellschaftlicher Moralvorstellungen zu konstatieren, die den Weg für die rasche und hemmungslose Beseitigung gerade der Hochbetagten und Pflegebedürftigen, die sich gesellschaftlichem Druck ausgesetzt sähen, bereiten könnte.
Zuletzt bedarf im Zusammenhang der ärztlichen Beihilfe zur Selbsttötung die Bedeutung des Wortes »töten« der Erläuterung. Die Gegner mögen auf diesem Wort beharren, weil es den in dieser Weise vollzogenen Vorgang »technisch korrekt« wiedergibt. Aber das Wort »töten« signalisiert, ohne dass es benannt wird, anderes, nämlich Unmenschliches: Es bezeichnet die Zerstörung einer Persönlichkeit. Doch nichts liegt einem Arzt, der sich unter den beschriebenen Voraussetzungen zu einer Suizidassistenz entschließt, ferner, als an der Zerstörung einer Persönlichkeit mitzuwirken.
Vielmehr kann die Selbstauslöschung für einen Menschen in auswegloser körperlicher Krankheit oder Versehrtheit die einzig noch verbliebene Möglichkeit darstellen, die Integrität seiner Persönlichkeit zu wahren. Seine Suche nach Lebenssinn und nach Wegen, sein Leben und seine Persönlichkeit zu entfalten, sind unwiderruflich an ein Ende gelangt, und sein Vorhaben, mit fremder Hilfe zu sterben, kommt einem Akt letzter Selbstbehauptung gleich, weil die Kapitulation vor einer übermächtigen Krankheit unabwendbar war. Als Arzt an einem solchen Akt teilzunehmen ist niemals unethisch, vielmehr Ausdruck äußerster empathischer Zuwendung des Arztes zu seinem Patienten.
Der promovierte Arzt und Philosoph Eckhard Nagel hat auf dieses Plädoyer für die Sterbehilfe geantwortet: Die ärztliche Beihilfe zum Suizid werde als menschliche Zuwendung missverstanden.
- Datum 26.07.2010 - 16:19 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.07.2010 Nr. 30
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für das Menschenrecht des "Sterbendürfens"!
Danke für Ihr argumentatives Engagement, Herr Dr.de Ridder!
Wir brauchen glaubwürdige Ärzte wie Sie, die den Patienten eine Stimme geben!
Früher hatte die Kirche den Menschen Angst vor der Hölle NACH dem Sterben gemacht.
Heute macht der "medizinische Fortschritt" den Menschen Angst VOR der Hölle des "Nichtsterbens".
Ich kenne eine Reihe von Uralten und Kranken, die diesen "Segen" verfluchen und vergeblich darum betteln, endlich einschlafen zu dürfen.
Sie werden als "nicht zurechnungsfähig" eingestuft.
Dank einer völligen FEHL-Verarbeitung der Nazi-Euthanasie-Verbrechen leben wir inzwischen in einem neurotisch pervertierten Gesundheitssystem, das anstelle "Leiden zu mindern" alles daran setzt die Menschen bis über das Erträgliche hinaus zu quälen, um an ihnen schamlos zu verdienen.
Das ganze nennt sich dann "Gesundheitswirtschaft".
Mit dankbarem Gruß
Lucy Meineke, Berlin
Tut man alles, wenn man die legale Möglichkeit hat, nicht alles tun zu müssen, um den Patienten am Leben zu halten? In der Krise gibt es ja immer mehr Argumente zum Sterben als zum Leben.
Der Gesetzgeber wird nicht umhinkommen, die vorhandene Rechtsunsicherheit zu beseitigen. Da hat das Plädoyer eine ganze Menge zu bieten und ist vor allem frei von der unangenehmen Selbstgewissheit anderer Befürworter der Sterbehilfe.
Alles was oben gesagt wurde ist richtig!
Für einen jungen Arzt, und die arbeiten auf den Intensivstationen der Republik, ist es wesentlich einfacher eine Therapie durchzuführen als sie zu unterlassen. Genau dies ist das Problem!!! Wenn ein Mensch stirbt wird die Indikation (der Sinn) für die Therapie nicht geprüft => es wird meist ohne nachzudenken alles (auch völlig sinnloses) gemacht nur weil es möglich ist.
Hier mal ein plastischer, allgemeinverständlicher Vergleich:
Sie können als Sportler von Düsseldorf nach Köln laufen oder mit dem Rad fahren. Sie können mit dem Taxi, Auto oder Zug fahren. Es ist aber auch möglich mit einer Boeing 747 oder einem Airbus A380 zu fliegen. Letzteres ist zwar überhaupt nicht sinnvoll, ABER möglich. In der Medizin fliegen wir ständig mit einer Boeing 747 oder einem A380 von Köln nach Düsseldorf.
Michael Gill
Facharzt f. Anästhesie
PS:
Für alle mit Schwierigkeiten in Erdkunde.
Entfernung Düsseldorf -Köln ca. 50 km
Beide Städte haben einen Internationalen Flughafen.
sollte den verantwortlichen Gesundheitspolitikern ("Gesundheitsökonomen") wie z.B. den ehem.10-jährig agierenden SPD-Staatssekretär Karl Lauterbach oder unserem derzeitig unglücklich reformierenden Gesundheitsminister vorgehalten werden, denen rechnerisch die Milliarden davonlaufen.
Dabei geht es offenbar politisch nur noch um zwei Alternativen: Sparvorschläge am falschen Ende (z.B. Naturheilmedizin, sinnvolle Reha-behandlungen, Homöopathie - wie lächerlich ) oder hemmungslos Mehreinnnahmenquellen zu erschließen, koste es was es wolle, selbst den sozialen Frieden.
Zumindest muss endlich eine breite ethisch-ökonomische Debatte über Sinn und Grenzen des Wachstums medizinischer Hochleistungstechnologie geführt werden, bevor dieses unselige Reform-Flickwerk ohne Ende fortgesetzt wird.
Und da gehört genau Ihre angesprochene Problematik hinein: Die Gewissens- und Stressproblematik der im Stich gelassenen Ärzteschaft sowie die einseitige Bindung der personellen und ökonomischen Ressourcen zugunsten einer Beatmungs-Industrie und ihren Zuliefer-Unternehmen.
Was wird da eigentlich in Wahrheit "am Leben" erhalten???
sollte den verantwortlichen Gesundheitspolitikern ("Gesundheitsökonomen") wie z.B. den ehem.10-jährig agierenden SPD-Staatssekretär Karl Lauterbach oder unserem derzeitig unglücklich reformierenden Gesundheitsminister vorgehalten werden, denen rechnerisch die Milliarden davonlaufen.
Dabei geht es offenbar politisch nur noch um zwei Alternativen: Sparvorschläge am falschen Ende (z.B. Naturheilmedizin, sinnvolle Reha-behandlungen, Homöopathie - wie lächerlich ) oder hemmungslos Mehreinnnahmenquellen zu erschließen, koste es was es wolle, selbst den sozialen Frieden.
Zumindest muss endlich eine breite ethisch-ökonomische Debatte über Sinn und Grenzen des Wachstums medizinischer Hochleistungstechnologie geführt werden, bevor dieses unselige Reform-Flickwerk ohne Ende fortgesetzt wird.
Und da gehört genau Ihre angesprochene Problematik hinein: Die Gewissens- und Stressproblematik der im Stich gelassenen Ärzteschaft sowie die einseitige Bindung der personellen und ökonomischen Ressourcen zugunsten einer Beatmungs-Industrie und ihren Zuliefer-Unternehmen.
Was wird da eigentlich in Wahrheit "am Leben" erhalten???
Jetzt fehlt nur noch die ebenso eindringliche Befürwortung einer unter fachkundiger Beratung erstellten Patientenverfügung. Leider wollen sich die wenigsten Menschen mit dem Thema alt plus eventuell dement plus unheilbar krank in allen seinen Variationen befassen, so lange sie dies noch im Besitz ihrer geistigen Kräfte könnten. Und so werden 80jährige multimorbide Menschen behandelt und behandelt und behandelt, werden belastende Untersuchungen durchgeführt, streiten sich Angehörige über einzuleitende oder zu unterlassende Maßnahmen. Hätte der Patient vorgesorgt und eine Vertrauensperson als Vollstrecker seines Willens ernannt, wäre er nicht im gleichen Maße auf Einsicht und Abgeklärtheit eines Mediziners angewiesen. Eine immer wieder validierte Patientenverfügung bedeutet Wahrung der Autonomie am Lebensende.
Unser Leben ist unser Leben - so wie der Tot die Brücke zum nächsten Leben ist, für einige Glückliche gar das völlige Ende!
Der Tot sollte glücklich sein und einfach zu bewerkstelligen, dazu braucht es keinen Arzt sondern den eigenen Mut und die Klarheit das man niemanden damit schaden darf.
http://freigeldpraktiker....
Es gibt genügend fiskalische Gründe die Alten, die vor der Rente stehen irgendwie zu einer Einsicht zu bringen.
Dein Leben ist gelebt nun mach platz, es wird einfach zu teuer. Eine Kultur des Selbstabgangs wurde bisher von den Moralisten blockiert aber nun wird es wohl Zeit!
Wo sind die Vorbilder? Die Prominenten? Die sich in die Geschichte einschreiben wollen? Liebe Zeit, es ist Zeit, immer nur positiv darüber zu berichten. Zeigt die lachenden Selbstmörder, zeigt wie lustig ist es und das es jede Menge Spaß macht, kaum zu glauben aber wahr???
sollte den verantwortlichen Gesundheitspolitikern ("Gesundheitsökonomen") wie z.B. den ehem.10-jährig agierenden SPD-Staatssekretär Karl Lauterbach oder unserem derzeitig unglücklich reformierenden Gesundheitsminister vorgehalten werden, denen rechnerisch die Milliarden davonlaufen.
Dabei geht es offenbar politisch nur noch um zwei Alternativen: Sparvorschläge am falschen Ende (z.B. Naturheilmedizin, sinnvolle Reha-behandlungen, Homöopathie - wie lächerlich ) oder hemmungslos Mehreinnnahmenquellen zu erschließen, koste es was es wolle, selbst den sozialen Frieden.
Zumindest muss endlich eine breite ethisch-ökonomische Debatte über Sinn und Grenzen des Wachstums medizinischer Hochleistungstechnologie geführt werden, bevor dieses unselige Reform-Flickwerk ohne Ende fortgesetzt wird.
Und da gehört genau Ihre angesprochene Problematik hinein: Die Gewissens- und Stressproblematik der im Stich gelassenen Ärzteschaft sowie die einseitige Bindung der personellen und ökonomischen Ressourcen zugunsten einer Beatmungs-Industrie und ihren Zuliefer-Unternehmen.
Was wird da eigentlich in Wahrheit "am Leben" erhalten???
Warum wird so etwas nur erdacht für Totkranke. Warum soll es nicht auch für austherapierte Schmerzpatienten gelten?
Ich glaube, es können sich nur wenige vorstellen, wie es ist, ständig mit Schmerzen zu leben!!!
Warum überlässt man nicht auch uns die freie Entscheidung?
Solange es Menschen geben wird die an die Endlösung denken, wird es wohl auch Menschen geben die an die >>Letzte Hilfe<< von Kranken, Behinderten, Alten, Ausländern, usw. denken wollen. Solche Ärtze wollen wir in Kreuzberg nicht!!!
Gruss
Trizmachine
mit der Nazi-Keule kommen Sie nicht weit. Ich halte es für unmenschlich, wenn man einen austherapierten Lungenkrebspatienten mit Morphium sediert und ihn auf einen Erstickungstod oder ein Organversagen warten lässt.
Kein Mensch, auch Sie nicht, hat das Recht, einem anderen Individuum vorzuschreiben, so lange zu Leben, wie es geht.
P.S.: Ich hoffe, Sie sind nicht repräsentativ für Kreuzberg.
mit der Nazi-Keule kommen Sie nicht weit. Ich halte es für unmenschlich, wenn man einen austherapierten Lungenkrebspatienten mit Morphium sediert und ihn auf einen Erstickungstod oder ein Organversagen warten lässt.
Kein Mensch, auch Sie nicht, hat das Recht, einem anderen Individuum vorzuschreiben, so lange zu Leben, wie es geht.
P.S.: Ich hoffe, Sie sind nicht repräsentativ für Kreuzberg.
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