Meeresforschung Warum wissen wir so wenig über das Meer?

Vielleicht weil der Großteil seiner Bewohner mikroskopisch klein ist. Eine Volkszählung unter Wasser offenbart nun die ungeahnte Vielfalt der Mikroben.

Winzlinge sind die wahren Herrscher dieser Welt. Unsichtbare Kreaturen regieren auf den Kontinenten – und erst recht in den Ozeanen. Mikroben dominieren selbst die unwirtlichsten Winkel des Planeten: Superheiße Quellen, tiefgekühltes Polareis, die finstere Tiefsee und kilometertiefe Sediment- und Gesteinsschichten unter dem Meer – überall wimmelt es vor bakteriellem Leben. Auch in Pflanzen, Tieren und Menschen tummelt sich ein Kosmos mikroskopisch kleiner Wesen.

Das Reich der Bakterien ist noch immer weithin unbekannt, doch ohne sie gibt es kein höheres Leben. Würde die Erde von Mikroben befreit, wäre sie bald darauf tot. Erst seit Kurzem erkunden Wissenschaftler diese Vielfalt systematisch. Mit moderner Roboter-, Tauch-, Bohr- und Biotechnik nehmen sie eine erste globale Bestandsaufnahme im verborgenen Reich der Winzlinge vor.

Anzeige

Sie sind dabei auf einen gigantischen Zoo bisher unbekannter Lebewesen gestoßen, dessen volle Erkundung noch Jahrzehnte dauern wird. Doch schon der erste Einblick förderte ungeahnte Mengen an Mikroben in verblüffender Vielfalt zutage, und das wahrlich überall: Wo immer Forscher Proben nehmen – sie treffen auf Mikroben.

Nirgendwo ist die immense Fülle der mikrobiellen Lebensgemeinschaften besser zu besichtigen als in den Meeren. Seit zehn Jahren läuft dort eine regelrechte Volkszählung, der Zensus des marinen Lebens ( Census of Marine Life , kurz ComL) . An ihm sind mehr als 2000 Forscher aus über 80 Nationen beteiligt. Im Oktober endet diese bislang umfassendste Bestandsaufnahme des Meereslebens. »In keinem anderen marinen Lebensbereich war das Ausmaß beträchtlicher als in der Mikrobenwelt«, sagt Mitchell Sogin vom Marine Biological Laboratory in Woods Hole. An mehr als 1200 Orten wurden Proben gezogen, von den Polen bis zum Äquator, von den Küsten bis in die Tiefsee. Jedes Mal hagelte es Neuentdeckungen.

Einige Zahlen verdeutlichen, wie dieses Durchkämmen der Meere unser Bild von der Mikrobiologie verändert hat: Zuvor galten rund 20.000 verschiedene marine Mikrobenarten als bekannt – ein schwacher Abglanz der Realität. Die tatsächliche Zahl dürfte bei etwa einer Milliarde liegen, schätzt John Barros von der University of Washington. Er sitzt dem Wissenschaftsrat des International Census of Marine Microbes (ICoMM) vor. Beim Meereszensus ist ICoMM eines von 14 Projekten und als »Mikrobenzensus« für die Zählung der kleinsten Lebewesen zuständig – und damit wohl der größten Schar.

Schon bevor das Zensus-Projekt startete, hatte man die durchschnittliche Anzahl von Mikroben, die in jedem Liter Seewasser oder in jedem Gramm Schlamm am Meeresboden zu erwarten sind, dramatisch nach oben revidiert. Galten früher hunderttausend Einzeller pro Liter oder Gramm als grobe Faustregel, geht ICoMM jetzt von mehr als einer Milliarde aus. Die gesamte Mikrobenzahl im Ozeanwasser wird auf eine Quintillion (1030) geschätzt. Diese unvorstellbare Zahl übertrifft bei Weitem die geschätzte Anzahl aller Sterne im gesamten Universum (etwa 1024).

So viele Mikroben haben Gewicht: Die kleinsten Rädchen im Getriebe des Lebens stellen etwa 50 bis 90 Prozent der gesamten lebenden Masse (Biomasse) in den Ozeanen, rechnen die Forscher vor. Dies entspreche dem »Gewichtsäquivalent von 240 Milliarden afrikanischen Elefanten«. Auf jeden Menschen käme eine Mikrobenmasse, so schwer wie 35 Dickhäuter.

Leser-Kommentare
  1. Sehr gute Übersicht, die uns zu den Anfängen des Lebens führt.
    Die treibende Kraft bei der Entwicklung aller Lebensformen ist die dem Leben innewohnende Eigenschaft des Wachstums, wobei die Vermehrung auch eine Form des Wachsens ist. Für das Leben als Phänomen hat das individuelle Leben - gleich welcher Gattung - die Funktion, das Leben weiterzugeben. Über das zu Beginn der Evolution entwickelte Prinzip der Variation, zusammen mit der durch das Lebensumfeld bedingten Selektion, entwickelte das Phänomen Leben die Diversifikation, die Vielfalt der Lebensformen, welche alle Bereiche der kosmologisch betrachtet hauchdünnen Biosphäre mit Leben besetzt. Gerade weil das individuelle Leben sehr empfindlich und ständig von Tod bedroht ist, ist es für das Leben als eigene und sehr spezielle Form von Materie entscheidend, Methoden und Strategien zu entwickeln, welche das Überleben des Phänomens »Leben« sicherstellen. Diese Strukturen brachten den Menschen als eine von vielen Milliarden Lebensformen hervor, allerdings mit einer genetisch basierten Besonderheit. Er wurde mit einer neuronalen Gehirnstruktur ausgestattet, welche es ihm ermöglichte, seine Umwelt an seine Bedürfnisse anzupassen, um so einen Überlebensvorteil zu erzielen.
    www.walter-w-schuler.com

    • Sikumu
    • 27.07.2010 um 10:47 Uhr

    Ein sehr beeindruckender Artikel, in dem selten gebrauchte Worte wie "Verblüffend" und "Erstaunen" auftauchen.
    Wir kennen also nicht annähernd alle Lebensformen der Tiefsee, nicht annähernd alle Bakterien in unserem Darm. Übrigens kennen wir auch nicht alle Lebensformen der tropischen Regenwälder.
    Deswegen eine Zwischenfrage: Wo genau kennen wir uns jetzt eigentlich wirklich aus? Und aufgrund welcher wissenschaftlichen Faktenlage fangen wir an, Organismen genetisch zu manipilieren? Um sie dann in ein Ökosystem zu entlassen, dass wir gar nicht kennen? Wenn sie mir diese Frage vielleicht noch kurz beantworten könnten...

    • maierd
    • 30.07.2010 um 20:02 Uhr

    Schöner Artikel. Leider ist zumindest ein gravierender Fehler enthalten: eine Quintillion ist 10^30 (gesprochen 10 hoch 30)
    und nicht 1030. Natürlich gibt es auch ca. 10^24 Sterne im Universum. Leider ist dieser Fehler auch in der audio-Version nicht aufgefallen. In einem Artikel über Mengenangaben ist die Mengenangabe das entscheidende Kriterium.

    Ansonsten, wie gesagt, schöner Artikel

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service