Meeresforschung Warum wissen wir so wenig über das Meer?Seite 4/4
Doch das Gegenteil war der Fall: Im Meer schwimmt kein mikrobieller Einheitsbrei, vielmehr variiert die lokale Zusammensetzung des bunten Völkchens von Ort zu Ort und von Tag zu Tag, weil sich Temperaturen, Lichtverhältnisse oder Nährstoffangebote ändern und auch jahreszeitenbedingt schwanken. Die beeindruckende Flexibilität belegen mehrjährige Messungen am selben Ort vor der Küste Kaliforniens. Die Veränderungen waren so deutlich, dass sich nach der Zusammensetzung ein Kalender erstellen ließ.
Jene Vielfalt, die sich heute im Ozean beobachten lässt, sei aber längst nicht mehr dieselbe wie vor hundert Jahren, sagt Antje Boetius. Der Hauptgrund: »Wir haben die Wale, Haie und großen Raubfische dezimiert und mit der wachsenden Meeresverschmutzung, siehe die Ölpest im Golf von Mexiko, das ganze Ökosystem verändert.«
Die nächste dramatische Veränderung erwartet sie in der Arktis. Durch die Klimaerwärmung verschwinde großflächig das alte Eis. »Am mehrjährigen Meereis hängt eine ganze Nahrungskette von Algen, Plankton, Krebsen und Fischen« – und eine ganz eigene Mikrowelt. Boetius plant mit Hochdruck eine neue Expedition in die Arktis, um wenigstens diese unbekannte Vielfalt zu dokumentieren, bevor sie verschwindet.
Ähnliche Probleme sieht sie für alle Weltmeere voraus, wenn Klimawandel, Überfischung und Verschmutzung weiter vorangehen. Als abschreckendes Zukunftsmodell sieht sie das Schwarze Meer, in dem sie selbst geforscht hat. Unter Wasser dominierten die Quallen – eine Folge der Überfischung. Und der Boden ist, wegen Sauerstoffmangel infolge von Überdüngung, großflächig tot. »Er gleicht einer Mondlandschaft, man sieht auf ihm keine Lebensspuren.« Dennoch gibt es in dieser lebensfeindlichen Umgebung kräftige mikrobielle Aktivität. Immer wieder steigen Blasen auf, es ist Methan, auch Erdgas oder Biogas genannt. Die Winzlinge in der Tiefe nutzen diese Energiequelle für ihren Stoffwechsel. Wie genau, klärte Boetius und erhielt im vergangenen Jahr den Leibniz-Preis dafür, die höchstdotierte Auszeichnung für Wissenschaftler in Deutschland.
Geradezu verblüffend ist, dass Mikroben auf dem toten – und damit von Räubern ungestörten – Meeresboden weit über die Dimensionen des Mikrokosmos hinauswachsen: Sie reihen sich zu vielzelligen Fäden auf. So werden aus den unsichtbaren Davids zwei bis sieben Zentimeter lange Goliaths, halb so dick wie ein Haar und für das bloße Auge sichtbar. Doch das ist nur der Anfang: Sie bilden aus diesen feinen Haaren große, mehrere Dezimeter dicke Teppiche. Diese können gigantische Ausmaße erreichen. Kürzlich hat das ICoMM-Forscher Victor Gallardo mithilfe von Tauchrobotern entdeckt: Vor den Küsten von Chile und Peru erstreckt sich ein solcher Unterwasserteppich über eine Fläche von der Größe Griechenlands!
Ausgerechnet die kleinsten, vielfältigsten Bewohner des Meeres bilden Geflechte, deren Ausmaße in dunkler Tiefsee kaum zu erfassen sind. Weil sie einfach viel zu groß sind.
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- Datum 23.07.2010 - 17:44 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.07.2010 Nr. 30
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Sehr gute Übersicht, die uns zu den Anfängen des Lebens führt.
Die treibende Kraft bei der Entwicklung aller Lebensformen ist die dem Leben innewohnende Eigenschaft des Wachstums, wobei die Vermehrung auch eine Form des Wachsens ist. Für das Leben als Phänomen hat das individuelle Leben - gleich welcher Gattung - die Funktion, das Leben weiterzugeben. Über das zu Beginn der Evolution entwickelte Prinzip der Variation, zusammen mit der durch das Lebensumfeld bedingten Selektion, entwickelte das Phänomen Leben die Diversifikation, die Vielfalt der Lebensformen, welche alle Bereiche der kosmologisch betrachtet hauchdünnen Biosphäre mit Leben besetzt. Gerade weil das individuelle Leben sehr empfindlich und ständig von Tod bedroht ist, ist es für das Leben als eigene und sehr spezielle Form von Materie entscheidend, Methoden und Strategien zu entwickeln, welche das Überleben des Phänomens »Leben« sicherstellen. Diese Strukturen brachten den Menschen als eine von vielen Milliarden Lebensformen hervor, allerdings mit einer genetisch basierten Besonderheit. Er wurde mit einer neuronalen Gehirnstruktur ausgestattet, welche es ihm ermöglichte, seine Umwelt an seine Bedürfnisse anzupassen, um so einen Überlebensvorteil zu erzielen.
www.walter-w-schuler.com
Ein sehr beeindruckender Artikel, in dem selten gebrauchte Worte wie "Verblüffend" und "Erstaunen" auftauchen.
Wir kennen also nicht annähernd alle Lebensformen der Tiefsee, nicht annähernd alle Bakterien in unserem Darm. Übrigens kennen wir auch nicht alle Lebensformen der tropischen Regenwälder.
Deswegen eine Zwischenfrage: Wo genau kennen wir uns jetzt eigentlich wirklich aus? Und aufgrund welcher wissenschaftlichen Faktenlage fangen wir an, Organismen genetisch zu manipilieren? Um sie dann in ein Ökosystem zu entlassen, dass wir gar nicht kennen? Wenn sie mir diese Frage vielleicht noch kurz beantworten könnten...
Schöner Artikel. Leider ist zumindest ein gravierender Fehler enthalten: eine Quintillion ist 10^30 (gesprochen 10 hoch 30)
und nicht 1030. Natürlich gibt es auch ca. 10^24 Sterne im Universum. Leider ist dieser Fehler auch in der audio-Version nicht aufgefallen. In einem Artikel über Mengenangaben ist die Mengenangabe das entscheidende Kriterium.
Ansonsten, wie gesagt, schöner Artikel
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