Schüler- und Studentenpartei Der Ortsversteher
Daniel Zimmermann wurde mit 27 Bürgermeister in Mohnheim am Rhein. Was macht er anders als die Älteren? Und was macht das Amt mit ihm?
Es ist ein Montagabend im September 2009, als sich Daniel Zimmermann in einer Gesellschaft wiederfindet, die er nur aus dem Fernsehen kannte. Seit acht Tagen feiern ihn die Zeitungen. Er blickt sich um. Politiker, Lobbyisten, Leute aus der Wirtschaft treffen sich regelmäßig hier, im Düsseldorfer Ständehaus. »Dresscode Business«, hieß es auf der Einladung, und Zimmermann trägt einen grauen, etwas weiten Anzug und eine orange schimmernde Krawatte. Das Schild an seiner Brust hängt schief. Darauf steht: D. Zimmermann. Designierter Bürgermeister, Monheim.
Zimmermann ist in jenen Tagen eine Attraktion. Er ist 27 Jahre alt und wurde gerade in Monheim am Rhein als Kandidat einer Schüler- und Studentenpartei namens Peto zum Bürgermeister gewählt. Er ist der jüngste in ganz Nordrhein-Westfalen.
Zimmermann schaut zu Boden, als ihm plötzlich im Gewühl Ursula von der Leyen die Hand entgegenstreckt. »Wie viele Einwohner haben Sie in Monheim?« – »43.000«, sagt Zimmermann. »Da kommen schwere Zeiten auf Sie zu«, sagt sie. »Die Gewerbesteuer wird einbrechen. Glauben Sie mir, ich war selbst mal Bürgermeisterin.«
Wenig später steht von der Leyen auf einer Bühne und hält eine Rede. Es ist Bundestagswahlkampf. Sie spricht über die allgemeine Politikverdrossenheit, und dann sagt sie, dass sie vorhin mit einem jungen Mann gesprochen habe, »wie heißt er gleich, der jüngste Bürgermeister Deutschlands. Wir brauchen mehr von diesen Leuten.«
Dreißig Prozent hat Zimmermann geholt, elf Prozentpunkte mehr als die Kandidatin von der SPD, vier mehr als der Kandidat der CDU. Wer nicht vertraut war mit den Verhältnissen in Monheim, war überrascht, als die Zeitungen davon berichteten. Da waren Jugendliche, die sich fürs Gemeinwohl interessierten, und es schien, als spreche eine tiefe Sehnsucht aus den Kommentaren. Zimmermann war ein Symbol der Hoffnung.
Wer Zimmermann und seine Leute ein Jahr lang begleitet, erfährt, was passiert, wenn ein junger Mensch Berufspolitiker wird. Können die alten Parteien, denen die Mitglieder auszugehen drohen, von dieser jungen Partei lernen?
Eine Stunde nach von der Leyens Rede sitzt Zimmermann im Auto, das ihn zurück nach Monheim bringt. Am Steuer ist Thomas Dünchheim, sein Vorgänger im Amt, der diesmal nicht mehr angetreten ist. Dünchheim war Kandidat der CDU, aber in den Wochen vor der Wahl hat er für Zimmermann das Wort ergriffen. »Belaste dich nicht mit Geburtstagen und so ’nem Scheiß«, sagt er, »und du brauchst ’ne Mannschaft im Betriebshof, die bei Wind und Wetter marschiert.« Dünchheim redet auf ihn ein, aber Zimmermann fallen die Augen zu. »Ist alles gerade etwas viel«, sagt er. Eben war er noch ein Doktorand, der vorhatte, Lehrer zu werden für Französisch und Physik. Jetzt wird er Bürgermeister von Monheim am Rhein, Besoldungsgruppe B7, Monatsgrundgehalt 8152 Euro und 75 Cent.
Seine Parteikollegen treffen sich an diesem Abend im Brauhaus, um den erfolgreichen Wahlkampf Revue passieren zu lassen. Die meisten sind noch Gymnasiasten, oder sie studieren, und jetzt essen sie Bratwürste und überbackene Camemberts. Kurz bevor Zimmermann und Dünchheim im Brauhaus ankommen, löst Zimmermann seine Krawatte, als spüre er, dass sie da nicht hingehört. Er setzt sich dazu, in eine Ecke, bestellt ein Bier und schweigt.
Lisa Riedel, die gerade in Jura promoviert über nicht öffentliche Ratszuschüsse, diskutiert mit Jana Lang, die Germanistik studiert, ob sie die Wahlparty eher um fünf Uhr oder doch erst halb sechs morgens verlassen haben. Jana Lang sagt: »Das war der schönste Tag meines Lebens. Ich hab nur ein Bier gehabt, aber ich war wie betrunken.«
Dünchheim, Zimmermanns Vorgänger, sagt zu Lisa Riedel: »Jetzt mal im Ernst: Eure Plakate waren ja so was von spießig.« Lisa Riedel sagt: »Mit einer Spaßpartei kriegt man keine Stimmen.« Auf ihren Plakaten stand »Für unsere Stadt« und »Für mehr Kommunikation«.
Die Peto will kein Spaß sein, dabei fing alles ganz unernst an: Daniel Zimmermann, damals 16, und vier Freunde wollten 1999 eine Band oder eine Schauspielgruppe gründen, sie benötigten einen Proberaum, fragten im Rathaus nach und erfuhren dort zufällig, dass bald 16-Jährige zur Kommunalwahl antreten dürften. Sie gründeten eine Partei, nannten sie Peto, ganz gymnasiastenhaft lateinisch, »ich fordere«. Sie forderten mehr Jugendcafés und bessere Busverbindungen für Schüler – und gewannen damit bei der ersten Wahl zwei Sitze im Stadtrat. Aus zwei wurden bei der nächsten Wahl sieben. Von nun an wurden sie erwachsen, forderten Existenzgründerbeihilfen und generationsübergreifende Wohnprojekte. Sie machten Lokalpolitik fast wie die anderen, nur wollten sie weder rechts noch links sein, sondern offen für alles, was ihnen vernünftig erschien. Die anderen Parteien verloren Mitglieder, junge vor allem, die Peto war bald die mitgliederstärkste Partei in Monheim.
Was war entscheidend für den Wahlsieg? »Die Hüpfburg«, sagt Jana Lang. »Die Waffeln«, sagt Lisa Riedel. Zu jedem ihrer Parteifeste ließen sie eine Hüpfburg aufblasen, 3500 Euro teuer, die bislang größte Anschaffung der Partei. Und zu jedem Fest gab es selbst gebackene Waffeln, gratis verteilt.
Als am Wahlabend gegen 22.15 Uhr das Wahlergebnis feststand, liefen die Ratsmitglieder von SPD und CDU aufgelöst durch den Ratssaal, eine CDU-Frau rief: »Hilfe, wir werden von Kindern regiert!«
- Datum 23.07.2010 - 17:19 Uhr
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- Serie Zukunft der Demokratie
- Quelle ZEITmagazin, 22.07.2010 Nr. 30
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Zusätzlich zum Sommerloch scheinen die Zeit-Schreiber im Urlaub zu sein. Wie könnte sonst ein alter Artikel auf diese Weise recycelt werden.
Oder gar Kiff? In Monheim?
Ist denn keiner mehr da, der alles nochmal durchliest?
Der Artikel stellt bitter den Generationswechsel dar. Es wechseln die Generationen, nicht aber die Politik. Dabei ist das mehr als notwendig.
Grundsätzlich scheint der Artikel mehr polemisches Geplänkel. Wie volksnah sich doch ein Politiker seine erste Dunstabzugshaube zulegt und mit Freunden und Singstar die Kante gibt. Wie weit von der Bevölkerung entfernt ist da doch der Gehaltscheck. Woher kommt wohl dieses Geld?
Eine interessante Vorstellung, ein Politiker, der sich von seinem komkurrierendem Amtsvorgänger kutschieren und auf sich einreden lässt.
Wer schützt die Menschen eigentlich vor dieser menschenverachtenden Show? Keine Zeitredaktion, kein junger Politiker. Alles geldgierige, dahinschwätzende Kreaturen. Aber immerhin lokal orientiert..
Bitte nicht weiter so..
Na ja, da Kinder in der Regel ja weitaus kreativer, innovatier und weniger verknöchert als Erwachsene sind, sollte das doch eigentlich nicht das Problem sondern die Lösung desselben sein!
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