Schüler- und Studentenpartei Der Ortsversteher

Daniel Zimmermann wurde mit 27 Bürgermeister in Mohnheim am Rhein. Was macht er anders als die Älteren? Und was macht das Amt mit ihm?

Es ist ein Montagabend im September 2009, als sich Daniel Zimmermann in einer Gesellschaft wiederfindet, die er nur aus dem Fernsehen kannte. Seit acht Tagen feiern ihn die Zeitungen. Er blickt sich um. Politiker, Lobbyisten, Leute aus der Wirtschaft treffen sich regelmäßig hier, im Düsseldorfer Ständehaus. »Dresscode Business«, hieß es auf der Einladung, und Zimmermann trägt einen grauen, etwas weiten Anzug und eine orange schimmernde Krawatte. Das Schild an seiner Brust hängt schief. Darauf steht: D. Zimmermann. Designierter Bürgermeister, Monheim.

Zimmermann ist in jenen Tagen eine Attraktion. Er ist 27 Jahre alt und wurde gerade in Monheim am Rhein als Kandidat einer Schüler- und Studentenpartei namens Peto zum Bürgermeister gewählt. Er ist der jüngste in ganz Nordrhein-Westfalen.

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Zimmermann schaut zu Boden, als ihm plötzlich im Gewühl Ursula von der Leyen die Hand entgegenstreckt. »Wie viele Einwohner haben Sie in Monheim?« – »43.000«, sagt Zimmermann. »Da kommen schwere Zeiten auf Sie zu«, sagt sie. »Die Gewerbesteuer wird einbrechen. Glauben Sie mir, ich war selbst mal Bürgermeisterin.«

Wenig später steht von der Leyen auf einer Bühne und hält eine Rede. Es ist Bundestagswahlkampf. Sie spricht über die allgemeine Politikverdrossenheit, und dann sagt sie, dass sie vorhin mit einem jungen Mann gesprochen habe, »wie heißt er gleich, der jüngste Bürgermeister Deutschlands. Wir brauchen mehr von diesen Leuten.«

Dreißig Prozent hat Zimmermann geholt, elf Prozentpunkte mehr als die Kandidatin von der SPD, vier mehr als der Kandidat der CDU. Wer nicht vertraut war mit den Verhältnissen in Monheim, war überrascht, als die Zeitungen davon berichteten. Da waren Jugendliche, die sich fürs Gemeinwohl interessierten, und es schien, als spreche eine tiefe Sehnsucht aus den Kommentaren. Zimmermann war ein Symbol der Hoffnung.

Wer Zimmermann und seine Leute ein Jahr lang begleitet, erfährt, was passiert, wenn ein junger Mensch Berufspolitiker wird. Können die alten Parteien, denen die Mitglieder auszugehen drohen, von dieser jungen Partei lernen?

Eine Stunde nach von der Leyens Rede sitzt Zimmermann im Auto, das ihn zurück nach Monheim bringt. Am Steuer ist Thomas Dünchheim, sein Vorgänger im Amt, der diesmal nicht mehr angetreten ist. Dünchheim war Kandidat der CDU, aber in den Wochen vor der Wahl hat er für Zimmermann das Wort ergriffen. »Belaste dich nicht mit Geburtstagen und so ’nem Scheiß«, sagt er, »und du brauchst ’ne Mannschaft im Betriebshof, die bei Wind und Wetter marschiert.« Dünchheim redet auf ihn ein, aber Zimmermann fallen die Augen zu. »Ist alles gerade etwas viel«, sagt er. Eben war er noch ein Doktorand, der vorhatte, Lehrer zu werden für Französisch und Physik. Jetzt wird er Bürgermeister von Monheim am Rhein, Besoldungsgruppe B7, Monatsgrundgehalt 8152 Euro und 75 Cent.

Seine Parteikollegen treffen sich an diesem Abend im Brauhaus, um den erfolgreichen Wahlkampf Revue passieren zu lassen. Die meisten sind noch Gymnasiasten, oder sie studieren, und jetzt essen sie Bratwürste und überbackene Camemberts. Kurz bevor Zimmermann und Dünchheim im Brauhaus ankommen, löst Zimmermann seine Krawatte, als spüre er, dass sie da nicht hingehört. Er setzt sich dazu, in eine Ecke, bestellt ein Bier und schweigt.

Lisa Riedel, die gerade in Jura promoviert über nicht öffentliche Ratszuschüsse, diskutiert mit Jana Lang, die Germanistik studiert, ob sie die Wahlparty eher um fünf Uhr oder doch erst halb sechs morgens verlassen haben. Jana Lang sagt: »Das war der schönste Tag meines Lebens. Ich hab nur ein Bier gehabt, aber ich war wie betrunken.«

Dünchheim, Zimmermanns Vorgänger, sagt zu Lisa Riedel: »Jetzt mal im Ernst: Eure Plakate waren ja so was von spießig.« Lisa Riedel sagt: »Mit einer Spaßpartei kriegt man keine Stimmen.« Auf ihren Plakaten stand »Für unsere Stadt« und »Für mehr Kommunikation«.

 

Die Peto will kein Spaß sein, dabei fing alles ganz unernst an: Daniel Zimmermann, damals 16, und vier Freunde wollten 1999 eine Band oder eine Schauspielgruppe gründen, sie benötigten einen Proberaum, fragten im Rathaus nach und erfuhren dort zufällig, dass bald 16-Jährige zur Kommunalwahl antreten dürften. Sie gründeten eine Partei, nannten sie Peto, ganz gymnasiastenhaft lateinisch, »ich fordere«. Sie forderten mehr Jugendcafés und bessere Busverbindungen für Schüler – und gewannen damit bei der ersten Wahl zwei Sitze im Stadtrat. Aus zwei wurden bei der nächsten Wahl sieben. Von nun an wurden sie erwachsen, forderten Existenzgründerbeihilfen und generationsübergreifende Wohnprojekte. Sie machten Lokalpolitik fast wie die anderen, nur wollten sie weder rechts noch links sein, sondern offen für alles, was ihnen vernünftig erschien. Die anderen Parteien verloren Mitglieder, junge vor allem, die Peto war bald die mitgliederstärkste Partei in Monheim.

Was war entscheidend für den Wahlsieg? »Die Hüpfburg«, sagt Jana Lang. »Die Waffeln«, sagt Lisa Riedel. Zu jedem ihrer Parteifeste ließen sie eine Hüpfburg aufblasen, 3500 Euro teuer, die bislang größte Anschaffung der Partei. Und zu jedem Fest gab es selbst gebackene Waffeln, gratis verteilt.

Als am Wahlabend gegen 22.15 Uhr das Wahlergebnis feststand, liefen die Ratsmitglieder von SPD und CDU aufgelöst durch den Ratssaal, eine CDU-Frau rief: »Hilfe, wir werden von Kindern regiert!«

Die CDU hatte einen Mann aus Wülfrath, 40 Kilometer weit weg, aufgestellt, der noch vor einigen Jahren in der SPD war und sich in Monheim erst mühevoll bekannt machen musste. Eine CDU-Frau trat aus der Partei aus und wurde FDP-Kandidatin. Aus der SPD traten gleich zwei Kandidatinnen aus, um für eine andere Partei zu kandidieren, eine für die »Menschen für Monheim«, die andere für die Linke.

Daniel Zimmermann fiel es leicht, im Alter von 27 Jahren schon eine Konstante zu sein in der Monheimer Politik.

Monheim, Schlafstadt. Mittelschicht. Viele, die hier wohnen, pendeln nach Köln oder Düsseldorf in die Büros und Fabriken. Eine Bandszene, sagt Jana Lang, existiere fast nicht. Es gibt das Sojus, wo man abends feiern kann, und es gibt das Eiscafé Dolomiti unten im Rathaus.

Oben, im ersten Stock, steht in jenen Tagen im vorigen Herbst vor den Fraktionsräumen ein großer Müllcontainer. Die SPD zieht um, nach mehreren Jahrzehnten. Sie tauscht mit der Peto, der ihr alter Raum zu klein geworden ist. Zimmermanns Büro liegt auf demselben Gang schräg gegenüber. Es ist so groß wie seine Wohnung.

Er war vor Dienstbeginn noch kurz im Urlaub, in Israel, mit seiner Freundin. Jetzt türmen sich die Akten auf dem Schreibtisch, Vorlagen, die unterzeichnet werden sollen, darunter die Sanierung eines Spielplatzes für 56.000 Euro. »Muss ich mich erst mal einlesen«, sagt Zimmermann. »Das unterschreibe ich nicht blind.«

Am Nachmittag setzt er sich aufs Rad und fährt in Richtung Altstadt. »Termin beim VdK«, sagt er, »Verband der Kriegsversehrten. Kannte ich bis letzte Woche auch noch nicht.« Beim VdK sitzt er vor 50 alten Menschen, die ihn mit großen Augen ansehen. Der Kassenbericht wird vorgelesen, jemand trägt ein Gedicht vor. Schließlich bekommt Zimmermann das Wort erteilt. Er sagt ein paar nette Worte, ohne Ähs, er kann druckreif reden, und dann fragt die Vorsitzende, ob jemand Fragen an »den jungen Bürgermeister« habe. Niemand hebt den Arm.

Später versucht Zimmermann, mit einem Mann ins Gespräch zu kommen. »Wie lange sind Sie schon beim VdK?«, fragt er und lächelt dabei sanft. »Ach, seit 25 Jahren«, sagt der Mann. Dann schweigt er, und Zimmermann fällt auch nichts ein. Schließlich meldet sich ein Sitznachbar zu Wort, der über den Monberg sprechen will, eine 18 Meter hohe Müllhalde direkt am Rhein, die versiegelt wurde, um eine Strandbar daraufzubauen. Die Peto hat das durchgesetzt, gemeinsam mit der CDU. Der Mann beklagt sich, dass man Treppen steigen muss am Monberg. »Kann man da nich mal ’ne Seilbahn bauen?« Zimmermann nickt. Er erklärt, dass das eigentlich die Angelegenheit des Biergartenbetreibers sei. »Aber wir finden da schon eine Lösung.«

Er sagt das oft in diesen Wochen: Wir finden da schon eine Lösung. Er will Merkel sein, nicht Schröder. Häufig fügt er an, dass das mit der Lösung noch etwas dauern könnte, dass wenig Geld vorhanden ist, dass erst mal wichtigere Dinge anstehen. Zimmermann hat angefangen, sich um die Sportstätten zu kümmern. Sie waren das große Thema im Wahlkampf, und für Zimmermann werden sie in den nächsten Monaten das sein, was für Obama Afghanistan ist: das Projekt, an dem man ihn messen wird. Zimmermann will beweisen, dass er der Mann der Taten ist, ein Mann, der einen Streit beendet.

 

Der Streit um die Sportplätze begleitet die Stadt schon seit Jahren. Einige Sportplätze sind verfallen, manche waren zeitweise geschlossen. Die CDU hat vorgeschlagen, das Jahn-Stadion abzureißen, das Bauland zu verkaufen und an anderer Stelle ein neues Stadion zu bauen. Aber im Rat fand sich keine Mehrheit. Die SPD, die Grünen und die Peto warben im Wahlkampf dafür, alle Plätze zu erhalten, um sie nach und nach zu sanieren, jetzt fragt sich Zimmermann, woher das Geld dafür kommen soll.

Zimmermann, dessen Stimme mehr Gewicht hat als die der anderen, hat nie gegen irgendetwas rebelliert. Er hat noch bis kurz vor der Wahl bei seinen Eltern im Reihenhaus gelebt. Sein Vater war Druckplattenhersteller, ehe er den Job verlor und frühverrentet wurde. Seine Mutter ist bei der Diakonie. Beide sind seit Langem in der Gewerkschaft. Als er jung war, haben seine Eltern ihn mal zu einer Maikundgebung mitgenommen, aber das war nichts für ihn. Er könnte so was nicht, sagt er, in ein Megafon sprechen und die Welt erklären. »Wahrscheinlich bin ich dafür zu unpolitisch.«

Zimmermann ist aufgewachsen in einer Zeit, als die Politiker ihre Arbeit als Reaktion auf »Sachzwänge« verstanden. Man hat keinen Zugriff mehr auf die Finanzmärkte, die Arbeitswelt, die großen Räder. Wenn man was verändern will, dann kann man höchstens an den kleinen Rädchen drehen.

Die Peto will sich nicht festlegen auf eine Koalition, sondern sich nach Mehrheiten umsehen, je nachdem. Wenn Zimmermann von diesen Dingen spricht, dann senkt er seine Stimme. Er sagt, er habe das begriffen, als er Mathe-Nachhilfe gegeben habe: Je leiser einer spricht, desto aufmerksamer hört man ihm zu.

Man versteht ihn kaum, als er am 27. Oktober im Ratssaal seine Antrittsrede hält. Ein großer Raum mit holzvertäfelten Wänden, im Zuschauerbereich die Peto-Eltern.

Zimmermann regiert seit knapp zwei Monaten, als er seiner Partei die erste Pause gönnt. Klausurtagung in Hessen, ein Wochenende lang. Lisa Riedel hat im Internet ein Fachwerkhaus gefunden, irgendwo im Niemandsland zwischen Göttingen und Kassel. Bevor sie losgefahren sind, haben sie ein Dutzend Kästen Bier gekauft, Glühwein, Wodka, und jetzt hocken sie in der Stube und sind ziemlich platt vom Schlittschuhlaufen. Zimmermann trägt Gläser in die Küche, wo ein paar andere Tortellini kochen, und Lucas erzählt Jana Lang von dem 80. Geburtstag, der sein Debüt als Daniels Stellvertreter war. »Dumm gelaufen«, sagt er. Lucas war vor allen anderen Gästen da, es gab Kaffee, aber »dann fehlten uns so ein bisschen die Themen«.

Daniel Zimmermann erzählt von den Leuten in der Verwaltung, die ihn nur hinter seinem Rücken kritisieren. Von den erwartungsvollen Blicken, die jetzt in den Sitzungen auf ihn gerichtet sind, wenn es still ist. Alle wollen etwas von ihm. Er sagt, er habe »manchmal das Gefühl, den Dingen hinterherzulaufen«, doch dann grinst er und erzählt, dass er sich bei Ikea eine Dunstabzugshaube gekauft habe. Von seinem ersten Gehalt.

»Haben wir irgendwo noch Bier?«, fragt Karsten, der mit ein paar anderen an der Tischtennisplatte Rundlauf spielt. »Bist du eigentlich Alttrinker oder Pilstrinker?«, fragt Jana Lang. Am Nachmittag, als die anderen über die Eisfläche glitten, saß sie auf der Tribüne und erzählte, dass sie gerade in der Krise sei. Sie sagte, dass es ihr Traum sei, nach dem Studium für Zeitungen zu schreiben, aber irgendwie weiß sie jetzt nicht mehr so recht. Sie möchte mal Kinder haben, sagt sie, und sie weiß nicht, ob man das als freie Journalistin hinkriegt. Um sich »breiter aufzustellen«, arbeitet sie jetzt zweimal in der Woche zusätzlich für eine PR-Agentur. »Vielleicht«, sagt sie, »ist so ein Job im Rat ja auch nicht schlecht für meine Vita.« Sie kam zur Peto über eine Klassenkameradin. Wenn man sie fragt, warum sie Politik betreibt, sagt sie: »Ich will die Stadt verbessern.«

 

Es ist das, was alle sagen. Sie sind Ortsverbesserer, keine Weltverbesserer. Aber sie tun sich schwer damit, zu erklären, warum ihnen das so wichtig ist. Sie reden dann von ihrer Heimat, von ihren Freunden und vom Rhein, obwohl sie ahnen, dass wohl irgendwann der Tag kommt, an dem sie gehen werden. Aber sie sehnen diesen Tag nicht mehr herbei, wie es ein oder zwei Generationen vor ihnen taten: endlich raus aus der Kleinstadt, aus der Langeweile! Wer damals blieb, wurde belächelt, wer blieb und Lokalpolitik machte, erst recht. Vielleicht waren es damals ja wirklich die Engstirnigen, die ihr Heil im Vertrauten suchten, erst im Stadtrat, dann im Landtag. Die Peto-Leute hingegen haben fast alle schon Praktika hinter sich und Auslandsjahre an fremden Schulen oder Unis. Und vielleicht können sie genau deshalb ihre Heimat schätzen: Weil sie die Welt schon gesehen haben und weil sie ständig mit ihr Kontakt halten können, auch in Monheim.

Andi, der Immobilienmakler lernt und gerade zwei Wochen in Bangkok war, sagt, er habe sich mal bei den Jusos umgehört, bevor er zur Peto kam. »Aber das dauert Jahre, bis du da ein Standing hast, dass sie dir zuhören.« Dann drückt er seine Zigarette aus und geht nach drinnen zu den anderen, die dort Sing-Star spielen. Zimmermann steht mit einem Mikrofon in der Hand vor einer Leinwand, über die ein Liedtext von den Backstreet Boys läuft. Er breitet seine Arme aus, und alle singen mit.

Anfang Dezember 2009 betritt Zimmermann zum ersten Mal als gewählter Bürgermeister den Ratssaal, zum ersten Mal sitzt er ganz vorne, mit dem Rücken zur Wand, neben ihm sitzen jetzt Beigeordnete, nicht mehr seine Freunde. Er leitet durch die Tagesordnung, 22 Punkte verliest er, CDU und SPD streiten ein wenig, es erscheint rituell, dann gibt es 22-mal einen einstimmigen Beschluss. Jana Lang tuschelt mit ihrer Nachbarin und kichert. Manchmal reißt sie die Augen weit auf, legt den Kopf ein wenig schräg, und dann geht ihr Blick nach oben, als könnte er die Wandvertäfelung durchdringen.

Ihr Blick findet erst wieder eine Richtung, als Günter Bosbach von der CDU eine Frage stellt: »Herr Bürgermeister, wann kommen Sie jetzt endlich mit dem Sportstättenkonzept?«

Das Sportstättenkonzept. Das große Thema, von dem Zimmermann nach der Wahl versprochen hatte, es werde schon Ende des Jahres gelöst sein. Nun ist es schon Anfang Dezember. Zimmermann schaut Bosbach ein bisschen verärgert an und auch ein bisschen ertappt. »Wir müssen ganz in Ruhe daran arbeiten, wie eine Lösung aussehen kann.« Pause. »Detailfragen sind nicht einfach so durchzuentscheiden.«

»Das ist unehrlich!«, ruft Bosbach, es klingt ein bisschen nach Politikspektakel. »Sie haben im Moment kein Konzept!«

Es vergehen Wochen und Sitzungen, der Winter wird äußerst kalt auch in Monheim am Rhein, Jana Lang fährt trotzdem tapfer mit dem Fahrrad, Tim Brühland von der CDU sagt in einem Interview, er habe den Eindruck, der Bürgermeister befinde sich »im Winterschlaf«.

Erst Ende Februar entschließt sich Daniel, sein Konzept zu verraten. Er hat dafür die SPD, die Grünen und die Bürgerinitiative »Menschen für Monheim« hinter sich gebracht. Und er hat seine eigene Partei überzeugt: Sie brauchen jetzt doch ein neues Stadion, und um das bezahlen zu können, soll die Stadt Grundstücke für hundert Wohnungen verkaufen, 600.000 Euro würde ihr das einbringen. Eigentlich hatte die Peto gefordert, dass es keine Neubausiedlungen geben dürfe.

 

Aber noch muss das Konzept im Stadtrat durchgehen. Daniel Zimmermann ist nervös. Es muss einfach klappen an diesem 23. März. Als er am Abend den Ratssaal betritt, sieht er schon, dass sich auf den hinteren Stuhlreihen, dort, wo sonst oft nur ein paar Peto-Eltern sitzen, der Unmut versammelt hat. Die Mitglieder einer soeben gegründeten Bürgerinitiative, die den neuen Sportplatz in ihrer Nachbarschaft bekämpfen will. Sie haben Angst vor zu viel Lärm, vielleicht auch nur vor Veränderung.

Es wird Stunden debattiert, die CDU und die Zuhörer wehren sich, aber am Ende geht alles gut für Zimmermann.

Jetzt muss er nur noch die Bürger beruhigen. Zimmermann hat eine Arbeitsgruppe bestellt, die seine Strategie für diesen Abend eine Woche lang vorbereitet hat. »Es ist schon ein Machtspiel«, sagt er auf dem Weg zu den 200 Menschen, die auf ihn warten.

Er gewinnt dieses Machtspiel. Er redet lange, auch dann, wenn er auf Fragen keine Antwort weiß, etwa die, ob von dem Bau Feldhühner bedroht seien. Es gelingt ihm, das Volk schwindelig zu reden. Anders als noch vor ein paar Monaten würgt er die Redner jetzt auch mal ab. Er macht den Schröder, nicht mehr die Merkel.

Seit wann war ihm klar, fragt man ihn später, dass er seinem Wahlprogramm zuwiderhandeln muss? »Eigentlich war mir das schon ganz lange klar.« War das also eine Lüge? »Es war ein Kompromiss. Die CDU wollte fünfhundert Wohneinheiten. Wir null. Jetzt sind wir bei hundert. Wir sind also näher an unserem Wert.«

Zimmermann ist in der Politik angekommen.

Ein paar Wochen nachdem alles entschieden ist, sitzt Jana im Eiscafé Dolomiti und bestellt sich einen Eisbecher, der so groß ist, als wolle sie sich für etwas belohnen. Wie war ihre Haltung zu den Sportplätzen? »Ach, ich habe mich damit irgendwie abgefunden«, sagt sie. Die Sportstätten sind sowieso nicht so ihre Welt. Schlimmer war die Sache mit dem Jugendzentrum. Sie musste den anderen Parteien klarmachen, dass die Peto dagegen ist, dem Zentrum 5000 Euro zu bewilligen. Sie begründet es so: Weil gespart werden muss, insgesamt eine halbe Million Euro in diesem Jahr, muss eine Jugendpartei auch bei der Jugend sparen, weil es sonst ja aussähe, als betreibe sie Klientelpolitik. Aber die Entscheidung tat ihr weh, war sie doch selbst noch vor zwei, drei Jahren häufiger Gast im Jugendzentrum. »Ich war ja verwirrt, dass wir denen weniger geben sollten.« Und so hat sie, als es galt, die Kürzung zu rechtfertigen, den Parteikollegen den Vortritt gelassen. Zimmermann war von dem Auftritt seiner Partei nicht sehr begeistert.

So leer die Stadtkassen sind, so voll sind seit dem Wahlsieg die Kassen der Partei, der Überschuss für 2010 wird sich auf 18353 Euro belaufen. Viel Geld, wenn man jung ist, und darum wollen sie ein Auto kaufen, 5000 Euro soll es kosten. Sie wollen eine Partei mit Auto sein, eine richtige Partei. Das mit dem Auto war Zimmermanns Idee.

»Er hat immer die besten Ideen«, sagt Jana Lang. »Wenn ich Daniel beschreiben sollte, da fällt mir nur ein: Genie.« Sie rechnet ihn zu ihren besten Freunden. Anfangs hat sie daran gezweifelt, ob er auch ein guter Freund für sie ist, aber seit er ihr, als sie ein Jahr in Australien verbrachte, selbst gebackene Plätzchen schickte, zweifelt sie nicht mehr.

 

Auf dem Parteitag wird das Projekt Auto referiert: Immer wenn die Hüpfburg zu ihrem Einsatzort gebracht werden soll, finde sich nur schwer ein Freiwilliger, der ein Auto dafür ausleihen kann. Es solle ein Minitransporter auf drei Rädern her, blau angestrichen und mit dem Schriftzug der Partei versehen. Karsten, der Sicherheitstechnik studiert, hebt den Arm. »Ich möchte zu bedenken geben, dass so ein Auto immer auch vandalismusgefährdet ist, wenn es draußen steht. Außerdem kann es dann leicht Rost ansetzen.«

Sabine, die Jura studiert und eine kantige Brille trägt, sagt: »Ich finde, nur weil wir die Wahl gewonnen haben, müssen wir ja nicht so aufrüsten.« Florian sagt: »Es könnte in der Bevölkerung so wirken, als seien wir größenwahnsinnig geworden.« Zimmermann wippt ungeduldig mit dem Bein.

Plötzlich ist die Partei in einer Grundsatzdebatte. Es geht darum, wie man Politik macht: mit Beschlüssen oder doch mit Effekten. Kurz sieht es so aus, als könnte die Stimmung gegen Zimmermanns Peto-Mobil kippen. Erhebt sich hier eine Parteibasis gegen ihren Chef, der gelernt hat, wie wichtig Symbole sind?

Zimmermann bittet um das Wort. »Wichtig ist doch der Werbeeffekt, den so ein Fahrzeug hätte.« Er erinnert an die Hüpfburg, die erst auch höchst umstritten war. »So eine Nuckelpinne hat doch immer den Charme des Unbeholfenen«, sagt er, der neuerdings so gar nichts Unbeholfenes mehr hat in seinem Anzug und den geputzten Schuhen.

Die »Nuckelpinne« ist seine Rettung. Gegen Nuckelpinnen kann man nichts haben.

Später wird Zimmermann sagen, dass er in letzter Zeit manchmal das Gefühl hat, dass einige in der Partei nur gegen etwas sind, weil er dafür ist. Und Sabine, die mit der kantigen Brille, wird sagen: »Ich frage mich, warum sich so viele so leicht von Daniel umstimmen lassen.«

So jedenfalls wird die Partei auch mit Jana Langs Stimme bundesweit bald einzigartig sein: mit einem Parteifahrzeug, das dazu da ist, von Zeit zu Zeit eine Hüpfburg von einem Stadtviertel ins nächste zu schaffen.

Aber wo bleiben die neuen Ideen, von dem Peto-Mobil abgesehen? Im Frühsommer fallen Ausschuss-Sitzungen aus, weil es nicht genügend Themen gibt.

Günter Bosbach, der Senior der CDU, der mit seinen 66 Jahren stellvertretender Bürgermeister wurde, sieht in seinen kurzen Hosen und dem gelben T-Shirt so ausgeruht aus wie ein Urlauber auf Amrum. Er holt alte Aktenordner hervor, um zu belegen, was die CDU damals alles angeschoben hat, als sie an die Macht gekommen war. »Da, alles in einer Sitzung: zusätzlicher Parkraum am Friedhof! Industrieflächen vermarkten! Neue Partnerschaft mit Frankreich!«

Sein Resümee nach einem Jahr Zimmermann? »Engagiert ist er ja, aber auch irgendwie sehr … wie soll ich sagen? Sachlich.«

Mehr wirft er ihm nicht vor? »Man will ihm halt nichts, weil er so ein lieber Kerl ist. Da will ihm keiner an die Karre pissen.«

Günter Bosbachs Ortsverein schwinden die Mitglieder, »im Schnitt sind wir paar’n’fünfzig«, und nun sieht er Zimmermann, den Jungen, und er schätzt ihn. Er rechnet schon damit, dass Zimmermann ein zweites Mal gewählt wird. Im Grunde ist er ja froh, dass es so eine tolle Jugend überhaupt noch gibt.

Umgekehrt nimmt Zimmermann Bosbach nicht ernst, für ihn ist er ein Biertischpolitiker. Bosbach macht Politik mit dem Herzen und mit dem Bauch, Zimmermann setzt vor allem den Kopf ein. Bosbach spricht im rheinischen Singsang. Zimmermann, dessen Eltern den Dialekt noch sprechen, hat ihn sich abgewöhnt. Bosbach hat mal einen riesigen Fehler begangen – er hat Wahlplakate der CDU in einem Polizeiwagen transportiert, ein Skandal war das in Monheim. Zimmermann will keine Fehler machen.

Als Zimmermann von der Lokalzeitung gefragt wurde, was sein Tipp für den Weltmeistertitel sei, hat er eine Wettbörse im Internet besucht und nachgesehen, auf welche Mannschaft die meisten setzen. Es war Spanien. Um sicherzugehen, schaute er auf einer anderen Seite nach, ob Spanien überhaupt teilnimmt an der WM. Dann erst hat er seinen Tipp abgegeben.

 

Fehler, wie sie die SPD macht, wären ihm peinlich. Der neueste Fall: eine Rote-Karten-Aktion wegen einer Buslinie. Die Bürger sollen eine vorgedruckte rote Postkarte, gerne unfrankiert, ins Rathaus schicken. Die vorgedruckten Karten, die jetzt auf seinem Schreibtisch liegen, sind voller Rechtschreibfehler. »Spricht für den Zustand der SPD«, sagt er, als er zur Mittagspause aufbricht.

Er schließt seinen Clio ab, der ein bisschen Nuckelpinne ist, und besteigt den Berg, den er selbst geschaffen hat, den Monberg. Von oben sieht man das Industriegebiet, dahinter den Rhein. Es ist erst Mittag, aber man erkennt unter seinen Augen dunkle Ränder. Seine Mutter macht sich Sorgen: Das Lachen, das er früher so oft zeigte, sei seit ein, zwei Monaten verschwunden.

»Die Sache mit dem Buch, die hätte ich vielleicht nicht machen sollen«, sagt er. Ein Verlag aus München hat ihn gefragt, ob er seine Geschichte nicht aufschreiben will, Ich kann Bürgermeister wird das Buch heißen. Das Buch wird etwas später als geplant erscheinen. Er kommt einfach nicht nach.

Der Verlag hat ihn gebeten, für den Klappentext ein paar Zeilen über sich zu schreiben. Wer er so sei. Er hat länger darüber nachgedacht, aber er kann das nicht: sich selbst beschreiben. Als wüsste er nicht, wer er ist.

Opa Zimmermann war ein Mann der CDU, Vater Zimmermann dachte links. Der junge Zimmermann hat alle Ideologien über Bord geworfen. Er ist Heimatpolitiker ohne politische Heimat. Vielleicht sehnt er sich auch deshalb so nach Harmonie, nach »mehr Kommunikation«. Aber Politik ist das Gegenteil von Harmonie, das hat er jetzt erfahren. Er sagt, manchmal sehne er sich nach seinem alten Leben zurück.

Zimmermann schickt Jana Lang Plätzchen nach Australien. Er will gemocht werden, wie jeder, der sich in die Öffentlichkeit begibt. Vielleicht will er auch deswegen in Monheim bleiben, weil er nur hier als Politiker noch gemocht werden kann. Er, der beinahe Lehrer geworden wäre, hat sich seine ideale Schulklasse geschaffen, die ihn als Vorbild akzeptiert, eine Klasse, die unbedingt dazulernen will.

Der Parteiausflug in diesem Jahr wird nicht mehr in eine Hütte im Grünen gehen, wie vor einem Jahr in Hessen. Sie werden zu Hause bleiben und einen Rhetorikkurs besuchen, da hatten sie ja Defizite. Die Ortsverbesserer wollen sich selbst noch verbessern.

»Das war die beste Idee überhaupt«, sagt Jana Lang.

 
Leser-Kommentare
  1. Zusätzlich zum Sommerloch scheinen die Zeit-Schreiber im Urlaub zu sein. Wie könnte sonst ein alter Artikel auf diese Weise recycelt werden.

    • Varech
    • 24.07.2010 um 8:13 Uhr

    Oder gar Kiff? In Monheim?
    Ist denn keiner mehr da, der alles nochmal durchliest?

  2. Der Artikel stellt bitter den Generationswechsel dar. Es wechseln die Generationen, nicht aber die Politik. Dabei ist das mehr als notwendig.

    Grundsätzlich scheint der Artikel mehr polemisches Geplänkel. Wie volksnah sich doch ein Politiker seine erste Dunstabzugshaube zulegt und mit Freunden und Singstar die Kante gibt. Wie weit von der Bevölkerung entfernt ist da doch der Gehaltscheck. Woher kommt wohl dieses Geld?

    Eine interessante Vorstellung, ein Politiker, der sich von seinem komkurrierendem Amtsvorgänger kutschieren und auf sich einreden lässt.

    Wer schützt die Menschen eigentlich vor dieser menschenverachtenden Show? Keine Zeitredaktion, kein junger Politiker. Alles geldgierige, dahinschwätzende Kreaturen. Aber immerhin lokal orientiert..

    Bitte nicht weiter so..

  3. Na ja, da Kinder in der Regel ja weitaus kreativer, innovatier und weniger verknöchert als Erwachsene sind, sollte das doch eigentlich nicht das Problem sondern die Lösung desselben sein!

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