Schüler- und Studentenpartei Der OrtsversteherSeite 5/5
Sein Resümee nach einem Jahr Zimmermann? »Engagiert ist er ja, aber auch irgendwie sehr … wie soll ich sagen? Sachlich.«
Mehr wirft er ihm nicht vor? »Man will ihm halt nichts, weil er so ein lieber Kerl ist. Da will ihm keiner an die Karre pissen.«
Günter Bosbachs Ortsverein schwinden die Mitglieder, »im Schnitt sind wir paar’n’fünfzig«, und nun sieht er Zimmermann, den Jungen, und er schätzt ihn. Er rechnet schon damit, dass Zimmermann ein zweites Mal gewählt wird. Im Grunde ist er ja froh, dass es so eine tolle Jugend überhaupt noch gibt.
Umgekehrt nimmt Zimmermann Bosbach nicht ernst, für ihn ist er ein Biertischpolitiker. Bosbach macht Politik mit dem Herzen und mit dem Bauch, Zimmermann setzt vor allem den Kopf ein. Bosbach spricht im rheinischen Singsang. Zimmermann, dessen Eltern den Dialekt noch sprechen, hat ihn sich abgewöhnt. Bosbach hat mal einen riesigen Fehler begangen – er hat Wahlplakate der CDU in einem Polizeiwagen transportiert, ein Skandal war das in Monheim. Zimmermann will keine Fehler machen.
Als Zimmermann von der Lokalzeitung gefragt wurde, was sein Tipp für den Weltmeistertitel sei, hat er eine Wettbörse im Internet besucht und nachgesehen, auf welche Mannschaft die meisten setzen. Es war Spanien. Um sicherzugehen, schaute er auf einer anderen Seite nach, ob Spanien überhaupt teilnimmt an der WM. Dann erst hat er seinen Tipp abgegeben.
Fehler, wie sie die SPD macht, wären ihm peinlich. Der neueste Fall: eine Rote-Karten-Aktion wegen einer Buslinie. Die Bürger sollen eine vorgedruckte rote Postkarte, gerne unfrankiert, ins Rathaus schicken. Die vorgedruckten Karten, die jetzt auf seinem Schreibtisch liegen, sind voller Rechtschreibfehler. »Spricht für den Zustand der SPD«, sagt er, als er zur Mittagspause aufbricht.
Er schließt seinen Clio ab, der ein bisschen Nuckelpinne ist, und besteigt den Berg, den er selbst geschaffen hat, den Monberg. Von oben sieht man das Industriegebiet, dahinter den Rhein. Es ist erst Mittag, aber man erkennt unter seinen Augen dunkle Ränder. Seine Mutter macht sich Sorgen: Das Lachen, das er früher so oft zeigte, sei seit ein, zwei Monaten verschwunden.
»Die Sache mit dem Buch, die hätte ich vielleicht nicht machen sollen«, sagt er. Ein Verlag aus München hat ihn gefragt, ob er seine Geschichte nicht aufschreiben will, Ich kann Bürgermeister wird das Buch heißen. Das Buch wird etwas später als geplant erscheinen. Er kommt einfach nicht nach.
Der Verlag hat ihn gebeten, für den Klappentext ein paar Zeilen über sich zu schreiben. Wer er so sei. Er hat länger darüber nachgedacht, aber er kann das nicht: sich selbst beschreiben. Als wüsste er nicht, wer er ist.
Opa Zimmermann war ein Mann der CDU, Vater Zimmermann dachte links. Der junge Zimmermann hat alle Ideologien über Bord geworfen. Er ist Heimatpolitiker ohne politische Heimat. Vielleicht sehnt er sich auch deshalb so nach Harmonie, nach »mehr Kommunikation«. Aber Politik ist das Gegenteil von Harmonie, das hat er jetzt erfahren. Er sagt, manchmal sehne er sich nach seinem alten Leben zurück.
Zimmermann schickt Jana Lang Plätzchen nach Australien. Er will gemocht werden, wie jeder, der sich in die Öffentlichkeit begibt. Vielleicht will er auch deswegen in Monheim bleiben, weil er nur hier als Politiker noch gemocht werden kann. Er, der beinahe Lehrer geworden wäre, hat sich seine ideale Schulklasse geschaffen, die ihn als Vorbild akzeptiert, eine Klasse, die unbedingt dazulernen will.
Der Parteiausflug in diesem Jahr wird nicht mehr in eine Hütte im Grünen gehen, wie vor einem Jahr in Hessen. Sie werden zu Hause bleiben und einen Rhetorikkurs besuchen, da hatten sie ja Defizite. Die Ortsverbesserer wollen sich selbst noch verbessern.
»Das war die beste Idee überhaupt«, sagt Jana Lang.
- Datum 23.07.2010 - 17:19 Uhr
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- Serie Zukunft der Demokratie
- Quelle ZEITmagazin, 22.07.2010 Nr. 30
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Zusätzlich zum Sommerloch scheinen die Zeit-Schreiber im Urlaub zu sein. Wie könnte sonst ein alter Artikel auf diese Weise recycelt werden.
Oder gar Kiff? In Monheim?
Ist denn keiner mehr da, der alles nochmal durchliest?
Der Artikel stellt bitter den Generationswechsel dar. Es wechseln die Generationen, nicht aber die Politik. Dabei ist das mehr als notwendig.
Grundsätzlich scheint der Artikel mehr polemisches Geplänkel. Wie volksnah sich doch ein Politiker seine erste Dunstabzugshaube zulegt und mit Freunden und Singstar die Kante gibt. Wie weit von der Bevölkerung entfernt ist da doch der Gehaltscheck. Woher kommt wohl dieses Geld?
Eine interessante Vorstellung, ein Politiker, der sich von seinem komkurrierendem Amtsvorgänger kutschieren und auf sich einreden lässt.
Wer schützt die Menschen eigentlich vor dieser menschenverachtenden Show? Keine Zeitredaktion, kein junger Politiker. Alles geldgierige, dahinschwätzende Kreaturen. Aber immerhin lokal orientiert..
Bitte nicht weiter so..
Na ja, da Kinder in der Regel ja weitaus kreativer, innovatier und weniger verknöchert als Erwachsene sind, sollte das doch eigentlich nicht das Problem sondern die Lösung desselben sein!
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