Meeresforschung Labor am Meeresboden

Die Unterwasserwelt kennen wir nur aus Stichproben. Messfelder sollen das ändern

Vor Helgoland stellt ein Taucher Messgeräte am Meeresboden auf

Vor Helgoland stellt ein Taucher Messgeräte am Meeresboden auf

Nur ein paar Hundert Meter vor der Küste Helgolands tanzen acht unscheinbare Bojen auf den Wellen der Nordsee. Mehr ist nicht zu sehen. Um Deutschlands erstes Unterwasser-Experimentierfeld in Augenschein zu nehmen, muss man sich in einen Neoprenanzug zwängen, Maske und Sauerstoffflasche anlegen und zehn Meter tief zum Meeresgrund abtauchen. Dort hat das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) 36 tonnenschwere Beton-Tetraeder versenken lassen. Dazwischen wird bis zum Herbst ein Netz von Strom- und Datenkabeln verlegt. Wasserdichte Steckdosen ermöglichen den Anschluss von wissenschaftlichem Gerät, das seine Messwerte rund um die Uhr an Land schickt.

»Was für ein Unterschied zu dem Aufwand, den wir bisher betreiben müssen!«, sagt der Doktorand Matthias Wehkamp. Er erforscht die Auswirkungen des Klimawandels auf Pflanzen und Tiere am Meeresgrund. Bisher kann er die Gegenstände seiner Wissbegierde nur im Taucheranzug erreichen. Im Winter ist das kein Spaß.

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Und einen enormen logistischen Aufwand stellt jeder einzelne Tauchgang dar, egal, zu welcher Jahreszeit. Mindestens drei Mitarbeiter des AWI-Zentrums für Wissenschaftliches Tauchen müssen gemeinsam im Schlauchboot hinausfahren: Nur einer von ihnen geht runter, der Zweite bedient die Signalleine, der Dritte hält sich in voller Montur für einen Rettungseinsatz bereit. So schreibt es die Berufsgenossenschaft vor. Dazu kommt das tägliche Verfrachten allen Materials vom Lager aufs Boot und wieder zurück. »Gestern war ich einen ganzen Tag im Einsatz«, sagt Wehkamp, »aber an meinem Projekt konnte ich gerade mal 20 Minuten arbeiten.«

Warum wissen wir so wenig über die Welt unter Wasser? Eine Antwort darauf lautet: weil die Erforschung des Meeres so aufwendig ist. Eine zweite: weil sie bei allem Aufwand in der Regel nur Momentaufnahmen liefert. Katastrophen wie die Ölpest im Golf von Mexiko führen auch einer breiten Öffentlichkeit vor Augen, wie fremd uns die marinen Ökosysteme immer noch sind. In der Meeresforschung gab dieser Missstand den Anstoß für eine ganz neue Strategie.

Nicht nur vor Helgoland, weltweit sind in den letzten Jahren zahlreiche Unterwasser-Forschungsfelder geplant oder schon aufgebaut worden. Das größte heißt Neptune Canada und besteht aus einem 800 Kilometer langen Strom- und Datennetz, das die kanadische Regierung in bis zu 2800 Meter Meerestiefe vor Vancouver Island verlegt hat. 200 Anschlüsse stehen Forschern aus aller Welt zur Verfügung. Mit einer davon ist Wally verbunden, ein 270 Kilo schweres Raupenfahrzeug mit Internetanschluss. Es wirkt wie ein wasserdichter Marsrover.

Laurenz Thomsen steuert es mit der Computermaus. Von Bremen aus. Ganz entspannt sitzt der Meeresforscher von der Bremer Jacobs University an seinem Schreibtisch. Ein Klick mit der Maus, sagt er, »und in 8500 Kilometer Entfernung geht 900 Meter unter der Wasseroberfläche das Licht an«. Tatsächlich erscheint eine Sekunde später das Bild der Videokamera auf dem Bildschirm. Zu sehen ist der eintönig-graue Meeresboden mit einer Raupenspur, die Wally auf seiner letzten Tour hinterlassen hat. Klick, klick, der Kettenantrieb setzt sich in Bewegung, und die Kamera schwenkt nach links. Sie nimmt eine Seespinne ins Visier, dann schwimmt ein Dorsch vorbei, angelockt durch das plötzliche Licht in der ewigen Finsternis der Tiefsee.

70 Prozent der Erdoberfläche sind von Ozeanen bedeckt, der größte Teil des Meeresbodens wird nie von einem Sonnenstrahl getroffen – 300 Millionen Quadratkilometer liegen wortwörtlich im Dunklen. Das ist zwei Mal so viel wie die gesamte Landfläche des Planeten.

Kaum mehr als die Fläche einiger Sportplätze haben Forscher davon bisher im Detail unter die Lupe nehmen können. Entsprechend schwanken Schätzungen – etwa zur Menge oder Masse der Lebewesen im Meer und im Meeresboden – um den Faktor zehn oder gar mehr. Die Wissenslücken sind enorm, aber enorm ist eben auch der Aufwand, sie zu schließen.

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