Eher zufällig wurden bislang Entdeckungen gemacht
So fotografieren Satelliten aus dem All zwar Objekte von der Größe eines Autonummernschilds, solange diese an Land sind. Unter die Meeresoberfläche können sie aber praktisch nicht schauen. Echolote horchen zwar in große Tiefen, aber selbst die besten liefern nur ein grobes Raster des Meeresbodens. So grob, dass darauf weder der 20 Meter hohe Schlot eines Schwarzen Rauchers noch ein kleiner Schlammvulkan oder eine heiße Quelle zu sehen wären – von einzelnen Lebewesen ganz zu schweigen. Das Gleiche gilt für Methanhydrate, Manganknollen und andere noch unangetastete Rohstoffe der Tiefsee.
Eher zufällig wurden bislang Entdeckungen gemacht, je nachdem, wo sich die Forscher mit ihren Tauchbooten (oder von Schiffen herabgelassenen Tauchrobotern) gerade herumtrieben. »Wir sind in der gleichen Situation wie ein blinder Ornithologe, der durch den Regenwald läuft und so versucht, die Ökologie der tropischen Vogelwelt zu verstehen«, sagt Philipp Fischer, der auf Helgoland das Zentrum für Wissenschaftliches Tauchen leitet.
Egal, ob in der ewigen Finsternis oder in Sichtweite des Strandes – eine systematische Erforschung größerer Flächen über längere Zeiträume hat gerade erst begonnen. Die globale Zusammenarbeit in Forschungsnetzwerken ist dafür vonnöten. MarGate, so der Name des kleinen Unterwasserexperimentierfelds vor Helgoland, ist Teil von Cosyna (Coastal Observing System for Northern and Arctic Seas) , zu dem sich die meisten deutschen Meeresforschungsinstitute zusammengeschlossen haben. Alle europäischen Projekte koordiniert wiederum Emso (European Multidisciplinary Seafloor Observatory) . Über fünf Milliarden einzelne Messwerte, Bilder, seismische Profile und Modellrechnungen wurden bereits im Informationssystem Pangaea gespeichert, welches das AWI mit dem Bremer Zentrum für Marine Umweltwissenschaften Marum aufgebaut hat – »die weltgrößte Sammlung wissenschaftlich gesicherter Meeresdaten«, sagt Pangaea-Chef Michael Diepenbroek.
Trotz allem, selbst zur vergleichsweise flachen und gut erforschten Nordsee bleiben noch sehr viele Fragen offen. Vor allem fehlen ständige Beobachtungen. Zumindest vor Helgoland wird MarGate das ändern: Sobald Sensoren und Experimente mit einer Steckdose des Unterwassernetzwerks verbunden sind, ist der Meeresboden online. Wissenschaftler können dann bequem vom Schreibtisch aus in Echtzeit Messwerte ablesen. Erstmals können dann auch Ereignisse näher unter die Lupe genommen werden, die nur selten auftreten – und bislang übersehen wurden.
»Bisher haben wir es oft gar nicht mitbekommen, wenn zum Beispiel die Ablagerung von Sedimenten sprunghaft ansteigt, weil gerade eine Algenblüte aufgetreten oder bestimmte Tiefenwässer vorbeigeströmt sind«, sagt Fischer. In den Durchschnittswerten, die aus einzelnen Probenahmen errechnen werden, geht so etwas unter. Künftig können Wissenschaftstaucher gezielt ins Wasser steigen, wenn die permanent einfließenden Daten Besonderheiten zeigen. »So werden wir vom Sammler zum Jäger«, sagt Fischer.
Der tauchende Doktorand Matthias Wehkamp freut sich noch aus einem ganz anderen Grund auf MarGate. Er möchte mit dem Strom aus der Unterwassersteckdose einen Kubikmeter seines Forschungsfelds um ein Grad erwärmen. Geschickt verknüpfte Sensoren sollen die Elektroheizung so steuern, dass der Temperaturunterschied über einige Monate konstant gehalten wird – ein kleiner simulierter Klimawandel. »Dann können wir die Auswirkungen der globalen Erwärmung schon beobachten, bevor sie eintritt.«
Auch Laurenz Thomsen sieht einen weiteren Nutzen der unter Wasser installierten Forschungsinfrastruktur. Normalerweise helfen stationäre Beobachtungsposten nicht nur bei der Erforschung der exotischen Umwelt der Tiefsee, sondern verändern sie auch. Auf der harten Oberfläche der Geräte siedeln sich Organismen an, die es auf weichem Sedimentuntergrund normalerweise nicht gibt. Wissenschaftler sprechen von einem künstlichen Riff. Und wenn das auch noch von einem Scheinwerfer beleuchtet wird, zieht es ganze Heerscharen neugieriger Tiefseebewohner – und damit auch ihre natürlichen Feinde – magisch an.
Dem Tiefseekrabbler Wally kann so etwas nicht passieren. Lange bevor er zum Riff würde, ist er längst weitergerollt. »Das Licht schalten wir immer schon nach wenigen Minuten wieder ab«, sagt Laurenz Thomsen. Klick, sofort wird es pechschwarz am Meeresgrund vor Kanada.
- Datum 27.07.2010 - 06:49 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.07.2010 Nr. 30
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