Das »Ziegenproblem« beschäftigt die ZEIT und ihre Leser seit fast 20 Jahren. Damals verfasste unser Redakteur Gero von Randow einen unscheinbaren Artikel über diese Denksportaufgabe. Der löste ein so gewaltiges Leserecho aus, dass von Randow sogar ein Buch über das Problem schrieb. Bis heute bietet die Knobelei immer neue und überraschende Wendungen.

Worum geht’s? Originaltext ZEIT Nr. 30/91 : »Sie nehmen an einer Spielshow im Fernsehen teil, bei der Sie eine von drei verschlossenen Türen auswählen sollen. Hinter einer Tür wartet der Preis, ein Auto, hinter den beiden anderen stehen Ziegen. Sie zeigen auf eine Tür, sagen wir, Nummer eins. Sie bleibt vorerst geschlossen. Der Moderator weiß, hinter welcher Tür sich das Auto befindet; mit den Worten ›Ich zeige Ihnen mal was‹ öffnet er eine andere Tür, zum Beispiel Nummer drei, und eine meckernde Ziege schaut ins Publikum. Er fragt: ›Bleiben Sie bei Nummer eins, oder wählen Sie Nummer zwei?‹ — ja, was tun Sie jetzt?«

Sie sollten wechseln. Auch wenn es Ihrer Intuition widerspricht: Wer stur bleibt, gewinnt das Auto mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Drittel, die Chance des Wechslers dagegen ist zwei Drittel. Doch, das stimmt wirklich. Das Original im amerikanischen Fernsehen war die Monty Hall Show, in Deutschland lief das simple Ratespiel unter dem Titel Geh aufs Ganze bei Sat.1. Statt einer Ziege wartete auf den Verlierer ein rot-schwarzes Stofftier, der Zonk.

Natürlich lief die Rateshow nicht nach dem Muster der Denksportaufgabe ab. Der Moderator öffnete nicht jedes Mal eine der Türen – er versuchte auf unterschiedliche Arten, dem Kandidaten entweder zu helfen oder ihn aufs Glatteis zu führen.

Der Medizinstatistiker Jan Schuller aus Brüssel dachte nun noch einmal unter realistischeren Bedingungen über das Problem nach und kommt zu dem Schluss: Es ist langfristig besser, nicht zu wechseln! »Warum? Ganz einfach«, schreibt uns Schuller. »Wenn ich bleibe, dann ist meine Gewinnchance ein Drittel. Auf jeden Fall. Und wenn ich wechsle? Nun gut, die klassische Lösung sagt: zwei Drittel. Aber wenn ich mir diesen Showmaster anschaue… wie der grinst! Gewiss will er mich hinters Licht führen und hat mir nur die Tür mit der Niete geöffnet, weil ich mit meiner ersten Wahl richtig lag. Er weiß natürlich, dass ich die klassische Lösung kenne und will mich nun dazu bringen, dass ich wechsle. Aber dann werde ich auf jeden Fall verlieren. Aber vielleicht tue ich ihm auch unrecht…«

Wie schwer es ist, hinter die Fassade der Fernsehprofis zu blicken, zeigt uns Günther Jauch ständig bei Wer wird Millionär. Schuller geht auf Nummer sicher, blendet alle Gaukeleien des Moderators aus und wahrt seine Chance von einem Drittel. Würde er wechseln, dann wäre seine Chance vielleicht zwei Drittel – aber nur wenn das Lächeln des Moderators Wohlwollen bedeutet und nicht Bosheit.

Verzichtet der Kandidat auf Laienpsychologie und nimmt das Böseste an, dann begibt er sich auf das Feld der Spieltheorie und bedient sich des sogenannten Minimax-Verfahrens: Dieser Algorithmus minimiert den maximal möglichen Verlust bei einem Spiel. Beim Wechseln ist der maximal mögliche Gewinn zwar höher als beim Bleiben. Die Verlustchance aber betrüge – unter einem fiesen Moderator – beim Wechseln 100 Prozent. Deshalb gibt es für den Spieler nur eine Lösung: Stur bleiben!

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