Wirtschaftswissen : Mitreden erwünscht

Die ökonomische Allgemeinbildung darf die Schule nicht den Banken überlassen

In der Bildungspolitik geht es derzeit vor allem darum, wie lange Kinder und Jugendliche eine bestimmte Schule besuchen sollen: vier, sechs, acht oder neun Jahre? Über Bildungsinhalte wird hingegen nicht diskutiert, schon gar nicht über ökonomische. Welch ein Missverhältnis!

Dabei braucht es, um die Komplexität moderner Gesellschaften zu durchdringen, nicht nur politisches, geografisches und historisches Wissen – »Keine Zukunft ohne Herkunft« –, sondern auch ökonomische Kenntnisse. Wenn Konjunkturpakete geschnürt, Abwrackprämien gewährt und Mehrwertsteuersätze angetastet werden, entspinnt sich eine breite öffentliche Debatte. An ihr müssen junge Menschen teilnehmen können.

Arbeits- und Wissensgesellschaft, Konsum-, Medien- und Risikogesellschaft – mit diesen und anderen Etiketten wurde unsere Gesellschaft in den vergangenen Jahren versehen. Aber so unterschiedlich, teils widersprüchlich, die Beschreibungen der gesellschaftlichen Strukturen auch ausfallen, so deutlich tritt ein Trend zutage: Immer mehr Lebensbereiche werden von ökonomischen Prinzipien geprägt.

Tim Engartner

arbeitet an der Universität Duisburg-Essen und bei der Stiftung Neue Verantwortung. Im UTB-Verlag ist sein Lehrbuch »Didaktik des Ökonomie- und Politikunterrichts« erschienen

Warum gibt es nun die verbreiteten Vorbehalte, mehr Wirtschaftswissen in der Schule zu vermitteln? Weil Konzepte, die unter dem Slogan »Mehr Wirtschaft in die Schule« bekannt wurden, allein auf Praxiskontakte, BWL-Crashkurse und Planspiele zum Thema »Börse« gesetzt haben. Dabei sind sie mitunter tendenziös und qualitativ unzureichend. Um der ökonomischen Bildung nachhaltig Auftrieb zu verleihen, dürfen nicht allein Arbeitgeber dafür werben. Auch Gewerkschaften müssen sich an das im Jahr 2000 gemeinsam mit der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände veröffentlichte Memorandum erinnern und ihre Vorstellungen einbringen. Wann sollte das geschehen, wenn nicht jetzt, mit der frischen Erfahrung einer globalen Finanz- und Wirtschaftskrise?

Einen breiten inhaltlichen Zugang vorausgesetzt, sind es vor allem gesellschaftspolitische Gründe, die für eine Ausweitung der ökonomischen Bildung – zumal in Schulen – sprechen:

Erstens ist ökonomische Bildung integraler Bestandteil von Allgemeinbildung. Immer seltener fällen insbesondere junge Menschen (Wert-)Urteile auf der Grundlage religiöser Überzeugungen oder vor dem Hintergrund historischer oder geografischer Kenntnisse. Stattdessen müssen wir immer häufiger Entscheidungen treffen, die sich im Spannungsfeld von Nike und Nokia, von Altersteilzeit und Altersvorsorge, von Rente und Rendite bewegen.

Ökonomische Bildung ist zweitens für die politische Willensbildung unabdingbar. Ob die Mehrwertsteuer angehoben, die Pendlerpauschale gekürzt oder eine kriselnde Bank gerettet wird – um die Konzepte von Regierung und Opposition beurteilen zu können, braucht es ökonomisches Grundwissen. Man sollte nach dem Abitur wissen, ob Steuergerechtigkeit die Steuerehrlichkeit fördert und welche ökonomischen Faktoren dazu beitragen, dass weltweit alle fünf Sekunden ein Kind an Hunger oder an dessen unmittelbaren Folgen stirbt. Unwissen macht verführbar. Es kann zur Dämonisierung der dann unverstandenen Kräfte des Marktes wie auch zum irrationalen Glauben an dessen »Selbstheilungskräfte« beitragen.

Drittens bereitet ökonomische Bildung Schüler auf die Lebenswirklichkeit vor. Schon Aristoteles hat darauf hingewiesen, dass ein gutes Leben ohne ökonomischen Erfolg kaum möglich ist. Bis heute heißt es im Volksmund: Geld macht nicht glücklich, aber kein Geld macht unglücklich. Und wenn heute von jungen Menschen verlangt wird, dass sie möglichst frühzeitig für ihr Alter vorsorgen, dann muss ihnen auch die Gelegenheit gegeben werden, sich entsprechende Kenntnisse anzueignen.

Neutrales Orientierungswissen vermitteln weder Banken noch Bausparkassen. Auch deshalb müssen Schulen eine interessenfreie finanzielle Allgemeinbildung übernehmen.

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Kommentare

82 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren

@1 OOOH jaa

Ich wußte ja was nun folgen sollte, hab mich aber trotzdem vergewissert: Der ehrenwerte Autor arbeitet natürlich für eine BertelsmannStiftung.

"Aber so unterschiedlich, teils widersprüchlich, die Beschreibungen der gesellschaftlichen Strukturen auch ausfallen, so deutlich tritt ein Trend zutage: Immer mehr Lebensbereiche werden von ökonomischen Prinzipien geprägt."

Ich sage es jetzt mal so zurückhaltend wie es mir gerade noch möglich ist, die Bertelsmänner sind nicht notwendigerweise eine Bereicherung des demokratischen Spektrums.

Suchmaschine: BertelsmannStiftung.

Sie werden staunen, jubeln oder sich erschrecken und an alte Zeiten denken, auf jeden Fall sind Sie einiges klüger hinterher.

Vielleicht kommen Sie sogar in´s Grübeln, ob die KonzernPresse wirklich die geeignete Quelle für für sachgemäße Informationen ist.

Noch mehr nutzloses Wissen

Wenn einem gelehrt wird, wie in der Ökonomie alles zusammenhängt, wie wir beinflusst werden, wo sich das Kapital ansammelt, also man kritische Geister erschafft, dann gerne. Aber noch mehr die auf den Weg des Kapitalismus und der Globalisierung gesetzt werden, wozu?
Lernen tut man im Leben und meistens auf eine unangenehmen Art. Das nützliche Wissen in der Schule kann man auf wenige Jahre reduzieren. Der Rest ist nur unsinniger Balast. Viele setzen das Wissen ein um sich einen persönlichen Vorteil zu verschaffen, mehr zu verdienen, machtvolle Positionen zu erreichen oder einfach nur um die Natur zu zerstöhren oder kranke noch kränker zu machen.

Besser man lernt mehr über die Natur, mit der wir leben, über die Kräfte die uns umgeben. Dann würde die Welt vielleicht etwas weniger zerstört werden. Unser System mehr nur einigen wenigen die Tasche und das sollen wir noch weiter unterstützen???

Ganz sicher nicht!!!

Hört, hört - die Signale

Komisch - in meiner Schulzeit war polit-ökonomisches Denken in der Schule gefragt und das stand sogar auf dem Lehrplan - bis zum Abitur.

Leider habe ich den frommen Sprüchen der politischen Ökonomie des Sozialismus und der des Kapitalismus genauso wenig getraut, wie ich es heute den Versprechungen der "Volksparteien" gegenüber tue.

Zu Ost-Zeiten hat mich das den Rausschmiss aus der SED gekostet und zur Wende kostete es mich meine Freunde, die sich von 100,- DM Begrüßungsgeld haben "kaufen" lassen.

Im Westen ist aber trotzdem alles besser:

Die Lügen sind, wenn auch mit dem entsprechenden Hintergrundwissen, jedenfalls glaubhafter als im Osten und der Betrug an der Masse der Bevölkerung wird auch besser politisch verpackt - am ökonomischen System ändert das aber wenig!

Mini-Manager

ohja, trimmen wir unsere kinder gleich von anfang an auf die Ökonomie unseres Landes. Wie mache ich Profit? Wie komm ich an mehr Geld? Wo kann ich einsparen um mehr Geld übrig zu haben?

Demnächst verhandeln dann die Kinder auf dem Schulhof um ihre Pausenbrote und wer andere Mitschüler belästigt, dem werden fette Sanktionen auferlegt.

Nein danke, es ist schon schlimm genug was man in den Zeitungen und Nachrichten über Politik & Ökonomie hört. Jetzt auch noch unseren Kindern beibringen was "human resources" oder "Humankapital" bedeutet, das ist abartig.

Die Schulen sollten sich lieber Gedanken darüber machen, was sie anderweitig unterrichten, dass sie Bundesweit die gleichen Lehrpläne haben, evtl. sogar die gleichen Bücher, damit man bei einem Umzug in ein anderes Bundesland nicht komplett den Faden verliert. Und vielleicht sollte man sich auch damit beschäftigen, mehr soziales zu unterrichten und Dinge wie Verständnis, Geduld, Eigeninitiative etc. Das fehlt den meisten. Präventiv gegen Alkoholkonsum, Tabkmisbrauch etc. einschreiten, die Kids weg vom Fernseher und Computer bringen und ihnen die Welt eröffnen auf interessante Art und Weise. Das könnt ich unterschreiben, aber nicht unsere Kinder zu Mini-Managern machen. Da gibt es weitaus besseres für Jugendliche.

Das eine schließt das andere doch nicht aus?

Ihre Ansprüche an Lehrpläne schließen doch nicht aus, dass man in der Schule auch Grundkenntnisse über wirtschaftliche Zusammenhänge erwirbt - am liebsten als kritische bzw. ehrliche Betrachtung. Stärken und Schwächen des Kapitalismus, der Marktwirtschaft, der Sozialen Marktwirtschaft.

Ihr Beispiel vom Schulbrottausch ist doch gar nicht schlecht. Grundlegende mechanismen der "Wirtschaft" würden auch auf dem Pausenhof angewandt, wenn nicht Wirtschaft in der Schule unterrichtet wird. Dein Pausenbrot schmeckt mir besser als meins. Meins schmeckt dir besser als deins. Also tauschen wir doch. Haben wir beide was von. Zudem könnte man dem schmierenden Elternteil natürlich sagen, dass man lieber Käse statt Wurst drauf hätte.

Und hoffentlich bekommt derjenige, der andere Kinder in der Schule belästigt fette Sanktionen auferlegt. Heißt dann bloß anders: Nachsitzen, Strafarbeit..

Antwort DonFilipe

Ich bezweifle ernsthaft, dass an einer Schule eine wirklich kritische Sichtweise der Wirtschaft vermittelt wird. Denn sofort werden die Schüler anfangen zu denken "Was ist vorteilhaft für mich?" und da fängt es schon an.

Pausenbrote sind vielleicht ein schlechtes Beispiel, die kann man auch ohne wirtschaftlichen Gedanken tauschen. Aber wir sehen doch schon heute, wie der Monetarismus in den Klassen Einzug hält. Hat man nicht die neuesten Markenklamotten an oder geht mit dem Trend, ist man gleich ein Außenseiter. Deshalb gibt es ja auch Diskussionen über Schuluniformen. Die sollen Gemeinschaftsdenken bringen, während wirtschaftliches Denken meist nicht dazu tendiert das beste für alle zu tun, sondern das beste für sich selbst.

Oder kennen sie einen Fall in dem man auf einen Gewinn verzichtet um dem Kunden das Leben einfacher zu machen? Meist ist es doch so, wenn ich einen Rabatt bekomme, dann ist der bereits eingeplant, das heißt die Ware kostet eigentlich weniger, wird teurer ausgeschrieben und wenn jemand einen Rabatt will, dann bekommt er sein Auto eben für ein paar Tausender weniger, was dem Händler keinen Abbruch tut weil er ja sowieso einen dicken Gewinn machen würde. Aber der Kunde ist hinters Licht geführt worden, weil die Ware nicht günstiger wurde, sondern von Anfang an teurer war als sie ist. Herstellungskosten sind immer geringer als die Einnahmen. Das ist alltäglicher Beschiss am Verbraucher, aber wirtschaftlich gesehen ist es normal.