Kontaktanzeigen sind ein seltsames Forschungsobjekt. Aber interessant, meint Wei Zhang: Weil jeder sich möglichst begehrenswert präsentiere, spiegelten sie »die zentralen gesellschaftlichen Normen und Werte«, schreibt die chinesische Germanistin in ihrer kürzlich publizierten Dissertation. In dem Werk (»Frösche küssen oder meine Vorbestimmung suchen?«) vergleicht sie chinesische und deutsche Heiratsannoncen aus den Jahren 1985 und 2005.

Diese empirische Sozialforschung ist amüsant – und bringt aufschlussreiche Unterschiede ans Licht: Deutsche Inserenten betonen das Persönliche, Emotionale, Lässige. Gesucht werden »Schmusekatzen« und »prickelnde Beziehungen«. Als romantischer Klimax gilt Rotwein bei Kerzenschein. Zivilstand und Beruf sind weniger wichtig, das Alter umschreibt man gern – »Mitte 40« geht allemal. Chinesische Singles nehmen es da genauer. Und sie pflegen einen ernsthaften, oft »ziemlich gehobenen, literarischen Stil«, schreibt Zhang. »Ich habe ein Gesicht wie eine Lotusblume, eine Figur wie eine graziöse Trauerweide und einen Charakter wie ein aufrichtiger Ritter«, heißt es da zum Beispiel.

So spricht in China niemand mehr. Doch die Wendungen illustrieren, dass Heiratswillige dort anderes schätzen als hierzulande: klassische Bildung und den damit verbundenen hohen sozialen Status. In einer Phase der raschen Modernisierung besännen sich die Chinesen auf traditionelle Werte, interpretiert Zhang, die an der Fremdsprachenuniversität Peking unterrichtet.

Eine deutsche Besonderheit ist das Körpergewicht. Niemandem in China käme es in den Sinn, damit auf der Balz zu punkten. In Deutschland schon. Überhaupt spielt die Figur hier eine wichtige Rolle. Das zeigt auch ein Vergleich von deutschen und litauischen Kontaktanzeigen, den Rimantė Morkūnienė kürzlich in der germanistischen Fachzeitschrift Triangulum veröffentlicht hat: Deutsche Inserate sprechen das Aussehen sowohl in der Selbst- wie in der Partnerbeschreibung ungleich häufiger an als die litauischen. Dort erwähnen Frauen ihre Figur nur dann, wenn sie in ihren Augen ideal ist. Deutsche Frauen weisen auch auf »mollige« oder »weibliche« Formen hin. »Das deutet auf ein größeres Selbstbewusstsein hin«, interpretiert Morkūnienė.