Bürgerfernsehen Millionen fürs Provinz-TV

Öffentliche Kassen finanzieren in Lüneburg einen ehrgeizigen Versuch, mit Amateuren Fernsehen zu produzieren

Blick auf die Kamera: Bürgerjournalismusprojekte sind medienpolitisch erwünscht

Blick auf die Kamera: Bürgerjournalismusprojekte sind medienpolitisch erwünscht

So könnte die Zukunft der Medien aussehen. Ein Jugendtrainer filmt den hart erkämpften Sieg seiner Mannschaft über den verhassten Lokalrivalen. Der Mitarbeiter einer gemeinnützigen Organisation, Camcorder stets griffbereit in der Jackentasche, deckt einen Umweltskandal auf. Der Schulleiter eines Gymnasiums richtet eine kleine Kamera auf sich, bevor er vom Schreibtisch aus die künftige Ausrichtung seiner Oberstufe verkündet. Alle drei – Trainer, Umweltlobbyist und Schulleiter – senden ihr Material dann an eine kleine Redaktion in Lüneburg, die es überprüft und veröffentlicht.

So soll es zumindest kommen, wenn es nach Plänen an der Leuphana Universität in Lüneburg geht. Deren Vizepräsident Holm Keller stellt sich ein Bürgerfernsehen im Netz vor, das die Produktionskosten von Videojournalismus auf ein Minimum reduziert. Er will mit Sportvereinen, Schulen, Kirchen und Nichtregierungsorganisationen der Region zusammenarbeiten. Sie sollen den Sender zum Nulltarif mit Beiträgen beliefern.

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Zwar ist das Konzept, Medienkonsumenten zu Medienproduzenten umzufunktionieren, nicht neu. Bürgerfernsehen gibt es in Form der offenen Kanäle schon seit Mitte der achtziger Jahre. Und auch auf Internetplattformen wie YouTube lassen sich unzählige Laienvideos finden. Für das Projekt gibt es Unterstützung der EU und des Landes Niedersachsen. Insgesamt fließen für dieses Projekt rund sechs Millionen Euro öffentlicher Gelder nach Lüneburg.

Der Großteil der Förderung stammt aus dem europäischen Fonds für regionale Entwicklung. Den hatte die Leuphana im vergangenen Herbst als erste Universität überhaupt angezapft. 64 Millionen Euro machte Brüssel für den von Keller entwickelten »Innovationsinkubator« locker. Das Konzept: Tandems aus jeweils einem Lüneburger Professor und einem ausländischen Kollegen erarbeiten eine konkrete Geschäftsidee. Diese wird in Lüneburg umgesetzt – und schafft neue Arbeitsplätze in der strukturschwachen Region. Die Idee gefiel auch der niedersächsischen Landesregierung, sodass sie 22 Millionen für Inkubationsprojekte obendrauf packte.

Für Keller ist das Bürgerfernsehen sozusagen ein riesiger, millionenschwerer Versuchsaufbau. Er will dazu beitragen, »die Medienindustrie weiterzuentwickeln«. Seine Analyse: Sowohl die privaten als auch die öffentlich-rechtlichen Sender verlieren Zuschauer, weil vor allem jüngere Menschen sich vom Fernsehen abwenden. Sie schauen Videos lieber online – und das zunehmend auf Plattformen wie YouTube, die zwar große Mengen nutzerproduzierter Inhalte anbieten, bislang aber kaum Geld verdienen. Keller sieht daher zwei für Medienunternehmen zentrale Forschungsfragen: Wie können Nutzer in die Produktion eingebunden werden? Und welche Geschäftsmodelle lassen sich entwickeln?

Mit dem Sender, der im Oktober unter dem Namen Kenup starten soll, geht Keller dem nach.

Er denkt aber auch ans Geldverdienen. Sollte es tatsächlich gelingen, ein erfolgreiches Geschäftsmodell zu entwickeln, kann Keller sich durchaus vorstellen, den Sender in einen kommerziellen und einen forschungsorientierten Teil aufzuspalten. Um den Sender herum könnten dann neue, kreativwirtschaftliche Jobs in Lüneburg entstehen.

Ob das millionenschwere Testprogramm tatsächlich Impulse in der Medienbranche setzen kann, ist umstritten. Der Kommunikationswissenschaftler Siegfried Weischenberg bescheinigt dem geplanten Sender allenfalls »Volkshochschulcharakter«: Es sei pädagogisch wertvoll, Laien das Fernsehmachen beibringen zu wollen, medienpolitisch aber unbedeutend.

Etwas anders sehen das einige aus der Medienbranche selbst. Als Partner von Kenup stehen bereits der Internetkonzern Google und der Lokalsender Hamburg 1 fest. Auch die Deutsche Welle kann sich vorstellen, den Aufbau des Senders zu begleiten. »Die geplante Verzahnung von Theorie und Praxis ist für uns durchaus spannend«, sagt Ansgar Burghof, der die Intendanz des Auslandrundfunks leitet.

Solche Inkubator-Projekte werden stets von einem Forscher-Tandem geleitet, und die Leuphana konnte als Partner im Führungsduo den Kameramann Michael Ballhaus gewinnen. Er hat in seiner Karriere mit Hollywoodgrößen wie den Regisseuren Martin Scorsese und Francis Ford Coppola zusammengearbeitet. Nun soll er dafür sorgen, dass auch die Beiträge der Amateurfilmer einem gewissen Qualitätsstandard gerecht werden. Dabei geht es ihm »neben der technischen Qualität vor allem um die Befähigung, Geschichten zu erzählen«.

Wie das aber gehen soll, wie aus Laien versierte Journalisten und Kameramänner werden sollen, die ihr Material selbstständig schneiden und versenden, ist bislang weitgehend ungeklärt.

 
Leser-Kommentare
  1. Grundsätzlich finde ich das es interessant klingt - vor allem im lokalen Bereich kann die nützlich sein.

    Den "professionellen Journalismus" kann das aber nicht ersetzen - da sich dessen Mitglieder als Mitarbeiter der Presse ausweisen können und so an Orte gelangen an die Hobby Journalisten nicht kommen.

    Ist es für mich interessant - nein - aber ich bin mir sicher das so manch einer davon profitieren kann.
    Aber die "alten Medien" ersetzen kann es nicht.

  2. >Seine Analyse: Sowohl die privaten als auch
    >die öffentlich-rechtlichen Sender verlieren
    >Zuschauer, weil vor allem jüngere Menschen
    >sich vom Fernsehen abwenden. Sie schauen
    >Videos lieber online – und das zunehmend
    >auf Plattformen wie YouTube

    Nun könnte man daraus auch die Schlussfolgerung ziehen, dass das ganz gut so ist, und dass die Nutzer schon selber wissen, wo sie ihre Inhalte veröffentlichen.

    Wieso kann man es nicht einfach dabei belassen? Wenn er der Meinung ist, dass alle Lüneburg betreffenden Videos irgendwo gebündelt werden sollten, könnte er auf YouTube auch einfach einen Lüneburg-Kanal registrieren mit allen relevanten Videos. Das wäre (bis auf ein klein wenig Arbeitszeit) gratis.

    Stattdessen wird Geld für so einen Nonsens ausgegeben.

    Das Fernsehen liegt im Sterben, sieht er das nicht?

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