Lesekultur Hurra, wir lesen noch!Seite 2/2

Gerade der interaktive Charakter des Netzes, es kann nicht anders sein, fordert und trainiert die Lektüre und den schriftlichen Ausdruck. Die Konjunktur von Kommunikationsdiensten wie Twitter oder Facebook ist ohne ausdauernde Texttätigkeit gar nicht denkbar. Wahrscheinlich, aber hier fehlen nun die Zahlen, ist noch niemals so viel gelesen und geschrieben worden wie heute im Internet. Die Jugendlichen haben sich vielleicht tatsächlich von den Druckmedien fortbewegt. Sie lesen aber im Netz. Überflüssig zu erwähnen, dass E-Mail und SMS, die den Brief ersetzt haben, ebenfalls gelesen werden müssen. Und die viel geschmähten Graffiti gehören wahrscheinlich zu den kompliziertesten Schriftstücken überhaupt, in ihrer Komplexität nur von der altarabischen Kalligrafie übertroffen. Um die Kürzel auf den Wänden herstellen und entziffern zu können, braucht es ein spektakulär geschultes Auge.

Wahrscheinlich haben, alles zusammengenommen, Lesen und Schreiben in der Bevölkerung sogar zugenommen; nur dass der Zuwachs sich nicht in den traditionellen Schriftmedien niedergeschlagen hat. Die Überlegung ist so schlagend und schlicht, dass es wundernimmt, warum sie nicht dem rituellen Lesepessimismus entgegengesetzt wird. Manches spricht dafür, dass die Stiftung Lesen und andere Institute der Leseforschung einseitig auf die Druckmedien fixiert sind – also auf die Erzeugnisse der Branche, von der sie finanziert werden. Natürlich kann man einen Untergang der Bücher, Zeitungen, Zeitschriften beklagen – aber mit gutem Grund nur, wenn man von einem Umzug aller Publikationsmedien ins Netz einen dramatischen Qualitätsverlust erwartet. Für die reine Lesekompetenz ist es unerheblich, ob ein Roman als E-Book oder ein Leitartikel online rezipiert wird.

Und noch etwas, Hand aufs Herz: Die gedruckte Form veredelt nicht den Inhalt. Schmutz und Schund sind, medizinisch gesprochen, in jeder Darreichungsform möglich. Alle Klagen, die sich heute an Computerspiele und Internetpornografie knüpfen, sind schon im 18. Jahrhundert (und das ganze 19. hindurch) über Bücher geäußert worden. Die Jugend lässt sich immer verderben. Es schrieb im Übrigen auch nicht Goethe die Bestseller seiner Zeit; das taten eher Johanna und Adele Schopenhauer, Mutter und Schwester des berühmten Philosophen, und wer sie liest, wird über Lara Croft vielleicht noch einmal neu nachdenken.

Kurzum: Wer über den Niedergang des Lesens spricht, muss genauer sagen, was er meint. Meint er tatsächlich die Kulturtechnik? Oder meint er das gute Buch? Meint er die Absatzsorgen einer Branche oder den Verfall von Bildung? Auch das ließe sich diskutieren – es wäre aber eine ganz andere Diskussion. Man sollte nicht das Kind mit dem Bade ausschütten oder, besser gesagt, nicht das Badewasser mit der Wanne verwechseln.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. ich glaube, wer den artikel online liest wird nicht sonderlich überrascht sein von der aussage des artikels, spannend wirds bei der holzausgabe, und den reaktionen derer leser ;)

  2. ...wie kommt man den sonst an Informationen oder kann man sich die Zeit vertreiben?

    1) Bücher - wunderbar - einziger Nachteil beim Reisen etwas schwer (meine Lieblingslektüre - vor kurzem Krieg und Frieden - ein sehr schönes Buch)

    2) Am Computer (Nachrichten) - lese ich auch jede Menge, aber es schmerzen einfach meine Augen... mein Bildschirm ist zu hell...

    3) eBooks - sollten eigentlich für Leute uninteressant sein solange die Dinger mit DRM behaftet sind - ein Buch kann ich ausleihen, ein eBook nicht.
    Vorteil - leichter als Bücher, angenehmer als ein Computerbildschirm.
    Ich werde nicht in eBooks investieren - ich kann sie nicht verleihen DRM ist der Hauptgrund - neben dem Punkt das so ein Bücherschrank einfach schöner aussieht.

    • hamkon
    • 23.07.2010 um 13:17 Uhr

    und in den eigenen Handlungen liegt die Erfahrungsmöglickkeit zum Erkennen des eigenen Ich.

    Dieses gewaltige Störpotential, mit dem das gesamte System der Neuen Sozialen Marktwirtschaft und seines menschenfeindlichen, menschenverachtenden und menschendiskriminierenden Infotainments sollten wir als Eltern und Großeltern bei unseren Kindern und Enkeln aktivieren, wenn wir denn das heute so erschreckend gut funktionierende System des Konsum- und Habgierfaschismus bekämpfen und ihm widerstehen wollen.

  3. Online wird definitiv nicht gelesen, sondern der SCreen in Form eines großen F gescannt. Das dürfte sich wohl auch bis zur Zeit rumgesprochen haben, denkt man. Tipp: Schauen Sie sich mal die Verweildauern auf den Artikeldetailseiten an, lieber [...] . Nicht immer Page Impressions.

    Ja, und warum hat Twitter so eine Popularität? Vielleicht liegt's an den 140 Zeichen schnell konsumierbarem Inhalt.

    14000 Zeichen werden online definitiv nicht gelesen, es sei denn, Sie haben Fachanwender, die sich aus einer Datenbank einen für sie brennend interessanten Artikel gezogen haben.

    Sorry,aber der Artikel liegt völlig daneben. Ich analysiere fast täglich Statistiken großer Konsumenten-Websites ... hier wird nicht gelesen. Es werden nicht mal Hinweise gelsen, die als moderierende Texte in Online-Formularen etc. stehen. Da können Sie hundertmal schreiben "Wählen Sie ein Passwort ohne Zahlen", und 89% beachtet das nicht.

    Bitte achten Sie auf einen höflichen Umgangston und geben Sie für Tatsachenbehauptungen doch gerne belastbare Quellen an. Danke, die Redaktion/fk.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ist aber auch ein sehr komischer und ungewöhnlicher Hinweis, oder? Normalerweise heißt es doch: "Es müssen Zahlen vorkommen."

    Ich denke es macht einen großen Unterschied, ob wir über solche Hinweise (= Informationen, die der User eigentlich gar nicht will; die nur dazu dienen, das Netz "am Laufen zu halten") oder über die eigentlichen Inhalte (= Informationen, für die der User überhaupt erst auf die Seite gekommen ist) reden.

    Ich lese auch Bücher mit mehr Aufmerksamkeit als das tausendste Formular von irgendeiner Behörde.

    Ist aber auch ein sehr komischer und ungewöhnlicher Hinweis, oder? Normalerweise heißt es doch: "Es müssen Zahlen vorkommen."

    Ich denke es macht einen großen Unterschied, ob wir über solche Hinweise (= Informationen, die der User eigentlich gar nicht will; die nur dazu dienen, das Netz "am Laufen zu halten") oder über die eigentlichen Inhalte (= Informationen, für die der User überhaupt erst auf die Seite gekommen ist) reden.

    Ich lese auch Bücher mit mehr Aufmerksamkeit als das tausendste Formular von irgendeiner Behörde.

  4. Ist aber auch ein sehr komischer und ungewöhnlicher Hinweis, oder? Normalerweise heißt es doch: "Es müssen Zahlen vorkommen."

    Ich denke es macht einen großen Unterschied, ob wir über solche Hinweise (= Informationen, die der User eigentlich gar nicht will; die nur dazu dienen, das Netz "am Laufen zu halten") oder über die eigentlichen Inhalte (= Informationen, für die der User überhaupt erst auf die Seite gekommen ist) reden.

    Ich lese auch Bücher mit mehr Aufmerksamkeit als das tausendste Formular von irgendeiner Behörde.

    Antwort auf "Internet = Lesemedium?"
    • Nikocc
    • 23.07.2010 um 17:13 Uhr

    Ein Plädoyer für das Lesen http://bit.ly/3Eq6fe

  5. Der Artikel beginnt der Überschrift "Hurra, wir lesen noch!" und kommt direkt auf den Buchhandel zu sprechen. Diese Lobeshymne kann ich auch als großer "Fan" des Internets mit seinen Möglichkeiten nicht teilen.

    Ich denke es werden hier Äpfel mit Birnen verglichen. Das Lesen von Büchern, ihrerseits eben die Produkte des Buchhandels, und das Lesen im Netz sind meistens zwei völlig verschiedene paar Schuhe (mit Ausnahme eines Buches als eBook).

    Die Leute können im Internet Artikel bei ZEITonline oder sonst wo lesen bis sie umfallen. Dem Buchhandel nützt dies rein gar nichts. Daher kann ich für den Buchhandel auch nicht die in diesem Artikel "beschworene" positive Tendenz abgewinnen. Der einzige Gewinner ist hier das Netz an sich und all diejenigen, die sich dort durch ihr Angebot präsentieren. Der Buchhandel gehört für mich leider nicht dazu.

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