Hamburg Raus aus der Not
Hamburg sucht einen Senator für Kultur – was muss er mitbringen?
Bild- Zeitungs-Kolumnistin, später bekam Karin von Welck den Posten. Doch die ist nun demnächst ebenso weg wie der Erste Bürgermeister – und niemand weiß, wer sich künftig der Kultur erbarmen wird. Bewerber: dringend gesucht! Einstellungsvoraussetzung: ein schwerer Hang zum Masochismus.
Diesmal ist Vicky Leandros wirklich die letzte Hoffnung. Oder Lilo Wanders, die könnte es machen. Beide waren schon einmal im Gespräch, damals, als Ole von Beust für Hamburg eine neue Kultursenatorin suchte. Am Ende wurde es eine
Undankbarer kann eine politische Aufgabe kaum sein. Der künftige Kultursenator erbt ein schlimmes Kuddelmuddel, das sich höchstens mit viel Geld (was es nicht gibt) oder großer politischer Unterstützung (an der es ebenso mangelt) lösen ließe. Und selbst für den Fall, dass sich die schwarz-grüne Koalition nicht frühzeitig zerstreitet, bleiben bis zu den nächsten Wahlen kaum mehr als zwei Jahre. In denen darf sich der Kultursenator dann herumplagen mit immer neuen Elbphilharmonie-Querelen , mit einer vermurksten Museumsreform und mit vielen unzufriedenen Jungkünstlern, die zu Recht darüber klagen, dass so gut wie alles Geld in die Oper, Theater, Ausstellungshäuser fließt.
Auch Karin von Welck war weniger Kultur- als Mangelsenatorin und stets damit beschäftigt, noch Schlimmeres zu verhüten. Sie war eine Retterin, doch ohne Mission. Immer ging es ums Lindern, Abwehren, Verhindern größerer Katastrophen, und so lebten viele Hamburger am Ende in dem Gefühl, dass es bis zum endgültigen Kultur-Kollaps nicht mehr lange dauern könne. Menschenketten rund um die Kunsthalle! Hausbesetzer, die Baudenkmale retten! Schrille Proteste prominenter Künstler in den Zeitungen! Wenn Karin von Welck überhaupt eine Kultur befördern konnte, dann die des außerparlamentarischen Widerstands.
Wie aber nun weiter? Im Grunde bleiben Hamburg nur drei Möglichkeiten: Entweder macht die Stadt einen reichen Gönner zum Senator, einen Multimillionär, der die Kulturstiftungen so üppig beschenkt, dass sie künftig ein Eigenleben führen können. Oder sie engagiert einen Rambo, dem es nichts ausmacht, die Hälfte der Kulturhäuser zu schlachten, damit zumindest die andere Hälfte vernünftig arbeiten kann. Die dritte Möglichkeit wäre der Enthusiast: ein Senator, der sein Kulturamt nicht als Außenstelle des Städtemarketings begreift, sondern die Hamburger lehrt, Kunst und Künstler zu lieben. Der sie mitreißt, sie entflammt, ihnen zeigt, wie großartig es ist, ein Haus wie die Elbphilharmonie zu bauen. Wie einmalig die Sammlungen, wie furios das Off-Theater, wie aufregend die Musikklubs sind. Mehr als alles andere braucht Hamburg einen Stimmungswandler, der kein Wort verliert übers Geld, denn ihn interessiert nur eines: die Macht der Kunst. Den Behörden, und wohl auch dem neuen Bürgermeister, wäre so jemand ein Graus, sie wollen Pragmatismus. Die Kultur aber braucht mehr als einen Verwalter der Nöte, sie lebt vom Enthusiasmus. Also, Begeisterte aller Länder, meldet euch! Vicky Leandros ist als Retterin in Griechenland viel besser aufgehoben.
- Datum 22.07.2010 - 16:14 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.07.2010 Nr. 30
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Wir müssen uns über den Stellenwert von Kultur in unserer Gesellschaft unterhalten. Zur Zeit entspricht die Kulturförderung des Bundes einer Hauptstadtförderung: ob es die Renovierung einer Oper ist - ein Dirigent - ein Ballet - ein Stadtschloss - oder Museen; der Bund fördert die Stadt mit dem größten Kulturangebort. Hinzu kommt die Filmförderung, die zum Beispiel selbst Filme mit Tom Cruise finanziert. Warum kann der Bund nicht auch ein Museum in Hamburg unterstützen? Oder die Renovierung des Schauspielhauses? Oder Oder Solange die Kulturförderung des Bundes so einseitig ist, müssen wir uns nicht wundern, dass immer mehr Theater und Museen in anderen Städten schließen. Wir wollen in Berlin New York, Paris oder London nachbauen. Der Reichtum unseres Landes bestand in der Vergangenheit aber in mehreren Zentren - Bürger in Itzehoe, Monheim oder Böblingen hatten auch Zugang zu Kultur. Hier verspielen wir ohne Not unser kulturelles Erbe. Chinesische Touristen bewundern drei Opermhäuser in Berlin - aber geht es darum in der Kulturpolitik?
Nur mit Subventionen wird Berlin übrigens nie zu einem deutschen London, Paris oder New York. Es wird dann eher ein deutsches Washington, DC.
Sie sprechen mir aus dem Herzen. Die Ungleichbehandlung ist erschütternd und durch nichts zu rechtfertigen. Und sie betrifft natürlich nicht nur Hamburg, aber sie betrifft Hamburg ganz besonders. Allerdings kommt die Einstellung des Bundes, die Metropolregion Hamburg brauche keine Kultur auf der Höhe von Berlin, auch nicht von ungefähr. Hamburg hat es, mehr noch als andere Städte, über Jahrzehnte versäumt, eine entsprechende Förderung vom Bund einzufordern, sich gegenüber dem Bund als Kulturmetropole zu positionieren. Man war zufrieden, wenn es die Subventionen für den Hafen gab. Nun steuert man ein wenig um, aber das Image beim potenziellen Geldgeber, der ja nun dummerweise selbst in Berlin und damit beim größten Konkurrenten sitzt, ist naturgemäß sehr schwer. So müssen wir uns nicht allzu sehr wundern, dass der Bund Berlin ein Museum nach dem anderen spendiert, während sich der frühere Finanzminister Steinbrück (ein gebürtiger Hamburger!) vor 2 Jahren bei einer Diskussion im Thalia Theater über eine schüchterne Anfrage nach Unterstützung beim Bau der Elbphilharmonie schamlos lustig machen konnte. Hamburg spielt für den Bund in Sachen Kultur nicht die geringste Rolle. Das zu ändern braucht noch einen langen Atem und vor allem einen Bürgermeister und einen Senat mit Leidenschaft für Kultur. Aber ich fürchte, ehe das passiert, wird der Papst im Vatikan die freie Liebe propagieren...
Sie sprechen mir aus dem Herzen. Die Ungleichbehandlung ist erschütternd und durch nichts zu rechtfertigen. Und sie betrifft natürlich nicht nur Hamburg, aber sie betrifft Hamburg ganz besonders. Allerdings kommt die Einstellung des Bundes, die Metropolregion Hamburg brauche keine Kultur auf der Höhe von Berlin, auch nicht von ungefähr. Hamburg hat es, mehr noch als andere Städte, über Jahrzehnte versäumt, eine entsprechende Förderung vom Bund einzufordern, sich gegenüber dem Bund als Kulturmetropole zu positionieren. Man war zufrieden, wenn es die Subventionen für den Hafen gab. Nun steuert man ein wenig um, aber das Image beim potenziellen Geldgeber, der ja nun dummerweise selbst in Berlin und damit beim größten Konkurrenten sitzt, ist naturgemäß sehr schwer. So müssen wir uns nicht allzu sehr wundern, dass der Bund Berlin ein Museum nach dem anderen spendiert, während sich der frühere Finanzminister Steinbrück (ein gebürtiger Hamburger!) vor 2 Jahren bei einer Diskussion im Thalia Theater über eine schüchterne Anfrage nach Unterstützung beim Bau der Elbphilharmonie schamlos lustig machen konnte. Hamburg spielt für den Bund in Sachen Kultur nicht die geringste Rolle. Das zu ändern braucht noch einen langen Atem und vor allem einen Bürgermeister und einen Senat mit Leidenschaft für Kultur. Aber ich fürchte, ehe das passiert, wird der Papst im Vatikan die freie Liebe propagieren...
Sie sprechen mir aus dem Herzen. Die Ungleichbehandlung ist erschütternd und durch nichts zu rechtfertigen. Und sie betrifft natürlich nicht nur Hamburg, aber sie betrifft Hamburg ganz besonders. Allerdings kommt die Einstellung des Bundes, die Metropolregion Hamburg brauche keine Kultur auf der Höhe von Berlin, auch nicht von ungefähr. Hamburg hat es, mehr noch als andere Städte, über Jahrzehnte versäumt, eine entsprechende Förderung vom Bund einzufordern, sich gegenüber dem Bund als Kulturmetropole zu positionieren. Man war zufrieden, wenn es die Subventionen für den Hafen gab. Nun steuert man ein wenig um, aber das Image beim potenziellen Geldgeber, der ja nun dummerweise selbst in Berlin und damit beim größten Konkurrenten sitzt, ist naturgemäß sehr schwer. So müssen wir uns nicht allzu sehr wundern, dass der Bund Berlin ein Museum nach dem anderen spendiert, während sich der frühere Finanzminister Steinbrück (ein gebürtiger Hamburger!) vor 2 Jahren bei einer Diskussion im Thalia Theater über eine schüchterne Anfrage nach Unterstützung beim Bau der Elbphilharmonie schamlos lustig machen konnte. Hamburg spielt für den Bund in Sachen Kultur nicht die geringste Rolle. Das zu ändern braucht noch einen langen Atem und vor allem einen Bürgermeister und einen Senat mit Leidenschaft für Kultur. Aber ich fürchte, ehe das passiert, wird der Papst im Vatikan die freie Liebe propagieren...
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