Wagner-Festspiele Weltmarke auf dem Prüfstand
Sechs Wochen bei den Proben zum neuen "Lohengrin": Auf der Suche nach dem Geheimnis der Bayreuther Festspiele.
© Bayreuther Festspiele/Jörg Schulze/dpa

Der Regisseur Hans Neuenfels mit seinen Assistenten
Es ist ihr erstes Mal. »Unsere Premiere!«, jauchzt Hans Neuenfels, am Himmel über Bayreuth zuckt und wetterleuchtet es, der Kantinenwein rinnt, und selbst Andris Nelsons, den man bislang nur mit Teebeuteln übers Gelände ziehen sah, trinkt in großen erregten Zügen aus seinem Römer. Vier Wochen nach Probenbeginn sitzen der Lohengrin-Regisseur und der Lohengrin-Dirigent zum ersten Mal richtig zusammen, reden, sinnieren, spekulieren, über Werkstatt und Utopie und den Graben-Blues, über Elsas Empfänglichkeit, den Schwan als Totenvogel und anderes Getier. Bis tief in die Nacht reden sie, Nelsons in holprigem Deutsch, Neuenfels in immer holprigerem Englisch, bis sie ganz beseelt voneinander sind. Das muss es sein, das Wagner-Glück: atmen, trinken, Blitze gucken, als wäre das ganze Leben ein Gesang.
»Unsere Premiere!«, das meint auch: Wenn am 25. Juli die Merkels und Adabeis zur Eröffnung der 99. Bayreuther Festspiele anrücken, werden die Künstler nicht viel voneinander haben. Also feiern sie jetzt, mit aller Bangigkeit in den Knochen. Vier Bühnenorchesterproben haben sie nur, unüblich wenig, pro Akt bloß ein Durchgang plus Korrekturen – wie soll sich da so etwas wie Sicherheit einstellen? Mit am Kantinentisch hockt das »Gesocks«, wie Neuenfels seine Assistenten nennt, wenn er gut gelaunt ist. Die beiden Hospitanten hat die Festspielleiterin Eva Wagner-Pasquier am Nachmittag aus der Probe geworfen. Telramund, die Bariton-Partie, musste kurzfristig umbesetzt werden, eine stachelige Situation.
Vielleicht tut sich die 65-Jährige gelegentlich mit dem richtigen Ton ein bisschen schwer, vielleicht eifert sie unterschwellig ihrem Vater Wolfgang nach, der jahrzehntelang und bis zu seinem Tod im März der Herr im Haus war. Die Hospitanten jedenfalls sind gekränkt. Noch ist so etwas wie weibliche Autorität auf dem Grünen Hügel ungewohnt. Nicht dass sie »als Mädchen« so aussehen wolle wie der Vater, feixt Katharina Wagner, 32, aber der – eine Generation näher »am Richard dran« – habe es von der Physiognomie her viel leichter gehabt.
1977, ein Jahr vor Katharinas Geburt, jagten seine zweite Frau Gudrun und er Eva vom Hof, ihre Habseligkeiten fand sie in einem Wäschekorb vor verschlossener Tür wieder. Den Korb soll es noch irgendwo geben, auf den Vater aber lässt die verlorene Tochter nichts kommen. Über 150 Postkarten hat er ihr geschrieben, aus der ganzen Welt. Wenn das kein Liebesbeweis ist.
Unter Wolfgang Wagner war das Bayreuther Festspielhaus eine Trutzburg, jetzt, im Sommer nach seinem Tod, öffnet es alle Tore und zeigt »Unbefugten« sein Gedärm, nichts ist mehr tabu. Der Reporterin wird in diesen sechs Wochen kaum etwas verwehrt. Nur auf den Fotos zu diesem Artikel darf kein Zipfelchen eines Lohengrin-Requisits oder -Kostüms zu sehen sein, selbst dann nicht, wenn diese aus Platznot im Gang der Festspielleiterinnenbüros geparkt werden, also außerhalb jedes verräterischen Kontextes. Im vergangenen Jahr, erzählt Katharina, lagen vor ihren Türen die Leichen aus Stefan Herheims Parsifal-Inszenierung. Sie sei jedes Mal erschrocken, diese gedunsenen Gesichter, das eklige Blut. Im Lohengrin-Jahr bietet sich ihr erneut kein sonderlich angenehmer Anblick. Aber ein ästhetischer: Reinhard von der Thannen, der Bühnenbildner, hält nichts von naturalistischer Mimikry.
Drinnen im Büro braucht Eva Wagner-Pasquier den Schreibtisch von Großmutter Winifred und historische Ring-Figurinen an der Wand, um sich sicher zu fühlen; Katharina hat so etwas nicht nötig, bei ihr ist alles Plexiglas und Brombeere (die Farbe der Festspiel-Corporate-Identity). Eva wohnt möbliert, unten in der Stadt; Katharina residiert in der elterlichen Villa auf dem Hügel. Eva denkt viel an früher, ihre Dienstplätze sind wunschgemäß die, auf denen sie von 1951 bis 1977 mit ihrem Bruder Gottfried saß: Reihe I links, Nummer 8 und 9. Katharina denkt mehr an die neuen Tarif- und Gesellschafterstrukturen und daran, dass der Rechnungshof das Kartenprogramm bereits vor zwei Jahren als »nicht revisionsfähig« eingestuft hat. Eva trägt Yamamoto, Katharina neongrün lackierte Fußnägel und gern einen rasselnden Schlüsselbund in der Hand. Was für ein schräges Schwesternpaar!
- Datum 25.07.2010 - 12:45 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.07.2010 Nr. 30
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Der gezeigte Zuschauerraum ist der des Markgräflichen Opernhauses in Bayreuth, nicht der des Festspielhauses. In der Bildunterschrift fehlt zudem ein Wörtchen wie z. B. "Blick"
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Beste Grüße
RW
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