Die Leute bringen René Wienholtz ihre Fotoalben und Urlaubsvideos. Sie vertrauen ihm Liebesbriefe an, Kündigungsschreiben und CD-Sammlungen. Auch Firmen lagern Auftragsbücher und Rechenberichte bei ihm. All die Informationen kommen aber nicht gestapelt in Aktenordnern oder gebrannt auf CDs, sondern über Glasfaserkabel und Kupfernetze zu Wienholtz’ Unternehmen Strato. Auf die Wolke. So nennt man das, wenn Daten irgendwo im Internet gespeichert werden.

Die Wolke liegt hinter Altpapiercontainern. Wienholtz ist aus seinem metallicgrauen BMW-Sportwagen gestiegen, hat sich die Hände in die Hosentaschen gesteckt und erklärt noch einmal, mit welchen Strategien sich die digitalen Schätze all dieser Menschen schützen lassen. Man könne einen Sicherheitstrakt errichten. Man könne Männer mit Gewehren an die Eingänge stellen. Massive security nennt das Wienholtz, 35 Jahre alt, ein feiner Bartstreifen umrahmt sein Kinn. Man könne die Computertürme auch in einem Stahlbetonbunker versenken. »Oder man macht es wie wir«, sagt Wienholtz. »Man packt das Rechenzentrum irgendwohin, wo es nicht auffällt. Man bindet es in urbane Strukturen ein.« Zwischen dem Bartstreifen formt sich ein Lächeln. Wienholtz, der Technikvorstand, schaut wie einer, der sich etwas sehr Kluges ausgedacht hat.

Derzeit gibt es in der IT-Branche kaum ein öfter benutztes Hype-Wort als Cloud-Computing. Das US-Analystenhaus Gartner schätzt die Erlöse solcher Services im Jahr 2009 weltweit auf mehr als 56 Milliarden Dollar, das wäre ein Wachstum von gut 21Prozent. Firmen oder Privatleute können ein Konto bei Unternehmen wie Strato eröffnen, die Masterpläne und Musiksammlungen für sie aufbewahren. Man muss die Bekannten dann nicht unbedingt nach Hause vor den PC einladen, um ein Urlaubsfilmchen anzusehen. Man kann es sich per Funk von der Wolke auf den Laptop holen oder auf das Smartphone. Auch Konzerne wie Google, Amazon, Apple und Microsoft mischen längst in dem Geschäft mit. Google bietet neben einem großen Gratis-Mailspeicher auch Onlinefestplatten – wie Strato. Die Berliner zählen derzeit 1,4 Millionen Kundenverträge, Amazon und Google ein Vielfaches davon. In der Wolke sammeln sich riesige Datenschätze. Aber wo genau lagern sie? Und wer passt darauf auf?

Wienholtz geht nach drinnen, zu den Strato-Speichern, vorbei an Typen mit Jeans und T-Shirts, auf denen die Namen von Fantasiefirmen stehen. Tarnungswitzchen. Wienholtz holt einen Bund Schlüssel aus einem verschlossenen Schränkchen. Er läuft durch breite Fabriktüren, vorbei an geweißelten Backsteinwänden. Das Dröhnen wird lauter. Vor zwei Eimern mit krankenhausblauen Schuhüberzügen bleibt er stehen. Es darf gleich kein Staub auf den Hallenboden gelangen, sonst schlagen die Laserscanner irgendwann wegen einer Wollmaus Alarm. Am Ende ginge noch die Stickstofflöschanlage an. Wienholtz öffnet die letzte Tür. Wie Cyber-Aktenschränke reihen sich Türme aus Rechnerfestplatten aneinander. Winzige Punkte darauf blinken neongrün und blau. In ihrem Zentrum klingt die Wolke wie ein Düsenjet kurz vorm Abheben.

Welche Macht solche Menschen wie Wienholtz haben, welche Verantwortung sie tragen, zeigt sich besonders in den Momenten, in denen die Informationen auf der Cloud plötzlich nicht mehr zugänglich sind oder sich gar in einer Art Datenregen aufgelöst haben. Mehrere Stunden waren Mail-Accounts von Google im vergangenen September nicht zu erreichen. Der spektakulärste Fall: Für einige T-Mobile-Kunden in den USA, die das Sidekick-Smartphone nutzten, sah es im Oktober 2009 zeitweise so aus, als seien ihre Kalendereinträge, Telefonnummern und Fotos für immer verschwunden. Der Wolken-GAU.

Bei Strato schützt Wienholtz die Daten schon dadurch, dass er Besucher des Rechenzentrums eine Geheimhaltungserklärung unterschreiben lässt. Kein Wort über den Standort. Andernfalls 5000 Euro Vertragsstrafe. Das Strato-Zentrum erstreckt sich auf einer Fläche von 4000 Quadratmetern. Die größten Microsoft-Hallen in San Antonio und Quincy sind mehr als zehnmal so groß. Von außen wirken sie wie Fabriken, nicht wie Wissenssammlungen der Computermoderne. Sie physisch vor bewaffneten Räubern oder Stromausfällen zu schützen ist das eine. Bei Strato stehen deshalb nicht nur sechs Trafos mit fassgroßen braunen Spulen, die megawattweise Strom durch die Hallen pumpen, sondern auch Dieselgeneratoren, aus denen sich silbrige Schlotrohre winden. Die Generatoren könnten ein Kreuzfahrtschiff antreiben. Hier warten sie nur auf den Notfall.