Afghanistaneinsatz Ans Licht gebracht
Nicht die Geschichte des Afghanistankrieges ist anders zu sehen, sondern die Zukunft des Enthüllungsjournalismus.
© MANPREET ROMANA/AFP/Getty Images

Internationaler Afghanistaneinsatz in der Provinz Kandahar
Die Betreiber einer Website stellen über 90.000 bislang geheime Dokumente über einen Krieg zwei Zeitungen und einem Magazin zur Verfügung – und dann ins Netz. Seitdem scheint nichts mehr, wie es war: Vom »größten Geheimnisverrat in der Geschichte« ist die Rede, vom Beginn des »asymmetrischen Journalismus«, vom Zeitalter der absoluten Transparenz. Die Internetplattform WikiLeaks selbst, die die Dokumente publik gemacht hat, spricht von einem »neuen Blick« auf den Afghanistankrieg .
Wer erst jetzt einen »neuen Blick« auf den Afghanistankrieg bekommen haben will, hat in den vergangenen Jahren keine Zeitung gelesen, keine Fernsehdokumentationen gesehen. Kein Krieg ist so sehr von kritischer Berichterstattung, von der Enthüllung kleiner und großer Skandale und von schlecht kaschierten regierungsamtlichen Selbstzweifeln begleitet worden wie der Afghanistankrieg.
WikiLeaks liefert mit seinem Scoop zunächst also nichts grundlegend Neues über diesen Krieg, sondern über die Zukunft der Medien und des Enthüllungsjournalismus: WikiLeaks hat eine neuartige, sehr viel sicherere, weil grenzenlose Anlaufstelle für jene geschaffen, die einen Skandal öffentlich machen, die auf Missstände hinweisen. Eine von Browser zu Browser wandernde Internetplattform, deren Mitarbeiter wahre Künstler im Verschlüsseln sind, kann ihre Informanten und Informationen sehr viel besser schützen als jede Zeitung und jede Fernsehredaktion.
»Bloß irgendwie raus hier«, murmelt der Chor der Truppensteller
WikiLeaks, die New York Times, der Spiegel und der britische Guardian haben mit ihrer gemeinsamen Veröffentlichung der Afghanistan-Dokumente den Weg für den Journalismus der kommenden Jahrzehnte aufgezeigt. Im Zeitalter der entgrenzten und verflochtenen Krisen reicht es nicht mehr, nur mit den Mitteln einer einzigen Zeitung, eines einzigen Senders für das nationale Publikum zu recherchieren und zu publizieren.
Ein Haushaltsskandal in Griechenland kann die gesamte Europäische Union ins Wanken bringen, eine kalifornische Hypothekenkrise das globale Finanzsystem gefährden, eine Preisschwankung auf dem weltweiten Drogenmarkt den Machtkampf zwischen afghanischen Milizen entscheiden.
Die Krisen werden komplexer, die politischen Folgen weitreichender und die Ressourcen für unabhängige Medien geringer. Deren Zukunft sind die Netzwerke – sei es in Form von Kooperationen zwischen Zeitungen über Grenzen hinweg, sei es in Form von multinationalen Recherchepools oder der Zusammenarbeit mit Stiftungen und Universitäten.
All das wird mit gebotener Distanz zur grenzenlosen Blogosphäre geschehen müssen. Auch zu Plattformen wie WikiLeaks. Deren Arbeit ist im Einzelfall verdienstvoll und aufklärend, ihr missionarischer Anspruch problematisch. Denn das »Leak«, die Weitergabe vertraulicher Informationen, ist nicht an sich schon ein Segen. Die Geheimhaltung in der Politik ist nicht nur dazu da, um Kriege zu verschleiern und die Bevölkerung zu belügen. Oft dient sie auch dazu, Schlimmeres zu verhindern. Und manchmal bewegt sie sich in der Grauzone dazwischen.
War die Dokumentenflut im Fall Afghanistan richtig? Ja. Und sei es nur, weil jede Information über zivile Opfer, derer ein Journalist habhaft wird, an die Öffentlichkeit gehört. Nicht, um einem Krieg oder Militäreinsatz die Legitimation zu entziehen, die er durchaus haben kann. Sondern weil man es den Opfern schuldig ist.
Aber geben diese über 90.000 Dokumente die Realität in Afghanistan wieder? Mit Sicherheit nicht. Die Unterlagen beschreiben überwiegend den Afghanistankrieg der Bush-Administration, ihre politischen Folgen aber könnten jetzt das Ende der Obama-Strategie besiegeln.
Obamas Entscheidung, die Truppen in Afghanistan deutlich zu erhöhen und zugleich ein Abzugsdatum festzulegen, hörte sich von Beginn an eher nach Ratlosigkeit als nach Strategie an. Spätestens seitdem murmelt auch der internationale Chor der Truppensteller: »Bloß irgendwie raus hier.« Westliche Politiker lügen sich nun die untaugliche afghanische Armee und Polizei als ausbaufähige Sicherheitskräfte zurecht, denen man demnächst das Land überlassen könne. Afghanische Politiker und Kriegsherren rüsten sich für die Zeit nach dem Abzug der ausländischen Truppen.
Wie diese sich – oft bar jeder Geschichts- und Ortskenntnis – über die Jahre verrannt haben, das zeigen die WikiLeaks-Dokumente eindrucksvoll und mit zermürbenden, minutiösen Details. Verrannt zwischen ethnischen Fronten und Allianzen, regionalen Machtinteressen und der eigenen Selbstüberschätzung.
Das Ende der Geschichte kann man jetzt schon lesen und hören: dass Afghanistan einfach nicht zu befrieden sei, die Afghanen einfach nicht zu modernisieren seien. Diese Geschichtsklitterung ignoriert geflissentlich, dass eine andere, erfolgreichere Entwicklung möglich war. Der so oft besungene zivile Aufbau des Landes stellt das traurigste Kapitel des Afghanistankrieges dar. In den entscheidenden Jahren unmittelbar nach dem Sturz der Taliban passierte fast nichts, später dann kamen mehr Versprechen als Gelder, und die landeten zu einem großen Teil in den Taschen ausländischer Berater und korrupter Behörden. Die Chronologie dieses Scheiterns ist noch nicht geschrieben. Aber damit muss man nicht auf das nächste Leak warten.
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio
- Datum 29.07.2010 - 11:45 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle DIE ZEIT, 29.07.2010 Nr. 31
- Kommentare 42
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Deutsche Spezialkräfte mit dabei
http://www.youtube.com/wa...
deutsche Spezialkräfte
http://www.youtube.com/wa...
deutsche Spezialkräfte
http://www.youtube.com/wa...
deutsche Spezialkräfte
http://www.youtube.com/wa...
Weil das so ist, weiß ich nicht, ob wir so euphorisch darüber sein sollten, wenn hier an den Grenzen des Rechtsstaates gearbeitet wird.
Man male sich mal aus wikileaks würde politische Vorstellungen verfolgen und bevorzugt Regierungen einer politischen Richtung beschädigen.
Der Hoffnungsschimmer ist, dass Machthabende auf den verstärkten Druck reagieren und wir ein Zeitalter des sauberen Regierens erleben.
Dennoch ich habe gemischte Gefühle.
ist es in Deutschland nicht so weit her. Das zeigt sich schon daran, wie leise das Aufheulen gegen das neue Lauschgesetz war oder das es auf keiner einzigen Onlinepräsenz möglich ist, anonym Hinweise einzuliefern.
Allein deshalb ein Hoch auf Wikileaks.
Sie haben durchaus recht mit Ihrer Behauptung. Aber woran liegt es? An den Parteibüchern der Herausgeber und Chefredakteure? Oder einfach an der Tatsache, dass mit derartigen Enthüllungen keine Auflagen erreicht werden? Es gab mal eine Zeitschrift, die für ihren investigativen Journalismus bekannt war, die sich nicht gescheut hat, pikante Details aus der Politik öffentlich zu machen. Leider ist die Zeitschrift mit ihrem Herausgeber, Herrn Augstein, verstorben. Heute werden Aussagen von Politikern meistens unreflektiert abgedruckt.
Sie haben durchaus recht mit Ihrer Behauptung. Aber woran liegt es? An den Parteibüchern der Herausgeber und Chefredakteure? Oder einfach an der Tatsache, dass mit derartigen Enthüllungen keine Auflagen erreicht werden? Es gab mal eine Zeitschrift, die für ihren investigativen Journalismus bekannt war, die sich nicht gescheut hat, pikante Details aus der Politik öffentlich zu machen. Leider ist die Zeitschrift mit ihrem Herausgeber, Herrn Augstein, verstorben. Heute werden Aussagen von Politikern meistens unreflektiert abgedruckt.
Für mich ist der größte Erfolg von Wikileaks, die weltweite Erreichbarkeit und der damit verbundene schonungslos unverhüllte Blick der Öffentlichkeit auf die weltweiten Machenschaften.
Hierbei geht es vor allem um Länder deren Bevölkerung anhand der dortigen Medien nicht die Möglichkeit auf einen unverhüllten Blick haben.
Grüße Michael
Die sonstigen säuerlichen Kommentare der Journalistenschaft ließen in den harmloseren Varianten die Verärgerung der Profis durchscheinen, dass da ein Quereinsteiger den Platz besetzt, der eigentlich von ordentlich arbeitenden Journalisten eingenommen werden sollte, und in den weniger harmlosen Varianten wurden die WikiLeaks-Mitarbeiter und besonders Assange als geltungssüchtiger, verantwortungsloser und geheimnistuerischer Pseudoaufklärer verunglimpft.
Da tut es gut zu erkennen, dass trotz den teils auch im Artikel angesprochenen journalistischen Randbedingungserschwernissen der letzten Jahre und Jahrzehnte noch nicht alle Restanständigkeit aus den Journalisten gewichen ist - und vor allem, dass solch erfreuliche Texte tatsächlich auch in normalen Online-Zeitungen veröffentlicht werden.
für den Artikel an, aber es ist weiterhin so, dass nur mit den traditionellen Medien Enthüllungen über das Internet auch politische Durchschlagskraft entwickeln. Und es ist weiterhin so, dass trotz dieser Erkenntnisse, die Führung eines sinn- und aussichtslosen Krieges für die meisten Medien nichts Skandalöses an sich hat, während die Frage, ob dieser Krieg die Karriere eines Herrn Guttenberg fördern oder gefährden könnte, ganze Horden von Reichstags-Astrologen im Ressort Innenpolitik um den Schlaf bringt.
Der ganzen tönernen regierungsamtlichen Kriegspropaganda wird allenfalls ein bedenkenschweres Kopfwackeln entgegengebracht, während man vage darauf hofft, dass sich vielleicht die deutsche Öffentlichkeit durch 90.000 HTML-Dokumente wühlt und endlich massiv einen Abzug der Bundeswehr fordert.
Den hervorragenden Artikeln von Frau Böhm oder Herrn Ladurners steht eben eine verdruckste Herausgeber-& und Leitartiklerriege (nicht nur auf die "Zeit" bezogen, sondern praktisch landesweit) gegenüber, die nicht einsehen möchte, dass das schöne Feldzugsabenteuer, welches Deutschland endlich, endlich wieder als eine "normale" Mittelmacht auf der Weltbühne etablieren sollte, gründlich in die Hose gegegangen ist.
für den Artikel an, aber es ist weiterhin so, dass nur mit den traditionellen Medien Enthüllungen über das Internet auch politische Durchschlagskraft entwickeln. Und es ist weiterhin so, dass trotz dieser Erkenntnisse, die Führung eines sinn- und aussichtslosen Krieges für die meisten Medien nichts Skandalöses an sich hat, während die Frage, ob dieser Krieg die Karriere eines Herrn Guttenberg fördern oder gefährden könnte, ganze Horden von Reichstags-Astrologen im Ressort Innenpolitik um den Schlaf bringt.
Der ganzen tönernen regierungsamtlichen Kriegspropaganda wird allenfalls ein bedenkenschweres Kopfwackeln entgegengebracht, während man vage darauf hofft, dass sich vielleicht die deutsche Öffentlichkeit durch 90.000 HTML-Dokumente wühlt und endlich massiv einen Abzug der Bundeswehr fordert.
Den hervorragenden Artikeln von Frau Böhm oder Herrn Ladurners steht eben eine verdruckste Herausgeber-& und Leitartiklerriege (nicht nur auf die "Zeit" bezogen, sondern praktisch landesweit) gegenüber, die nicht einsehen möchte, dass das schöne Feldzugsabenteuer, welches Deutschland endlich, endlich wieder als eine "normale" Mittelmacht auf der Weltbühne etablieren sollte, gründlich in die Hose gegegangen ist.
...weltweite Machenschaften aufdecken....
Kriege, Strategien, Öl, Drogen, "Religionen", Mafia, Korruption, Machtmissbrauch,Gentechnik...
der normale Journalismus hat aus wirtschaftlichen Gründen immer weniger Motivation dies zu tun, weil daher nicht unabhängig.
Aber Vorsicht die Informations-Anarchie ist keine anstrebsame Kultur.
Die Leistung von Wikileaks scheint mir in diesem Fall zu sein, die Debatte mit Fakten versorgt zu haben. Natürlich wusste man das alles im Prinzip schon vorher, aber es konnte immer wieder relativiert und aus "anderer Perspektive" dargestellt werden.
Vorher gab es Einschätzungen der Situation außen, jetzt steht fest, dass diese Einschätzungen akkurat waren, weil sie sich in internen Berichten eben wiederfinden.
Diese Verfügbarkeit von Fakten wird die Debatte verändern.
Die Gefahr der Informationsanarchie sehe ich auch nur sehr begrenzt. Die Informationen kommen von Menschen in den entsprechenden Organisationen, sie zu veröffentlichen war deren Gewissensentscheidung für die sie auch mit Wikileaks ein hohes persönliches Risiko eingehen.
Es ist also nicht zu erwarten, dass jetzt jede Information veröffentlicht wird, selbst wenn die Geheimhaltung ohne jeden Zweifel berechtigt ist. Dazu muss es schon etliche Beamte und Mitarbeiter geben, die erhebliche Zweifel an dem haben, was da vor sich geht. Dass diese nun eine weitere Möglichkeit haben, auf ihr gewissen zu hören, ist gut für die Demokratie.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren