Hier findet niemand zu Gott. Hier hat natürlich auch der Teufel seinen Schrecken verloren. Das Leben, so trostlos, wie es vergeht, ist ohnehin bereits eine Hölle auf Erden.

Sie sind Regalmenschen. Ausgemusterte, Leute, die Schaden genommen haben und für die sich keine Verwendung mehr findet. In dem Hochregallager einer aufgelassenen Polstermöbelfabrik haben sie vorübergehend ihre Bleibe aufgeschlagen. Dort, hineingeschlichtet in ein Depot für Gescheiterte, berichten sie davon, wie das ist, wenn eine Existenz nutzlos geworden ist, wenn man selbst keinen rechten Sinn mehr für sein Dasein finden kann. Jeder erzählt seine Geschichte. Keine kennt Hoffnung.

Es sind die Geschichten der Gestrandeten von Attnang-Puchheim, einem Eisenbahnknoten zwischen Linz und Salzburg. Sie könnten ebenso überall dort spielen, wo sich die Erfolgsversprechungen der sozialen Marktwirtschaft in Luft aufgelöst haben. Ein Jahr lang hat sie Chris Müller gesammelt. Er suchte nach seinen »Experten des Lebens« im Gemeindeblatt, in Sportvereinen, auf der Straße oder in Bierkneipen. Es sprach sich herum, dass es da einen gebe, der zuhört, und viele suchten den Geschichtensammler auf, um von ihrem glücklosen Dasein zu berichten. Chris Müller versteht sich als Konzeptkünstler, der ein Ensemble aus zufälligen Begegnungen um sich geschart hat. Das Theater Hausruck, das er gemeinsam mit dem Regisseur Georg Schmiedleitner vor sechs Jahren ins Leben gerufen hat, ist eine außergewöhnliche Truppe. Sie besitzt keine Spielstätte, keinen Fundus, kein technisches Personal. Mal tritt sie in alten Bergwerksanlagen auf, mal in Arbeiterheimen, mal auf der grünen Wiese oder dort, wo die Nazis einst von Arbeitssklaven Raketentriebwerke herstellen ließen. Ihre Kostüme stammen aus den Läden der Volkshilfe. Immer mischen sich ein paar Berufsschauspieler unter die Laiendarsteller. Gagen kennen die Akteure nur vom Hörensagen. Was zählt, ist, dass sie etwas zu sagen haben. Sie wollten ein »Theater des Volkes« im Wortsinn sein, sagt Chris Müller.

Auf dem Rummelplatz schreit alles Ausverkauf und Sonderangebot

Genau zwei Abende bevor in rund 80 Kilometer Entfernung am Salzburger Domplatz der katholische Besinnungskitsch wieder seinen jährlichen Großauftritt zelebrieren wird, widmet sich auch das Teatro Povero aus dem Hausruck dem nämlichen Thema: der verderblichen Macht der Moneten. In den kahlen Industriehallen der stillgelegten Möbelfabrik Hasag veranstalten die Lebensexperten von Attnang-Puchheim einen »Kapitalismus-Kirtag«.

Genau 999 Karten sind an diesem regnerischen Abend für die einzige Aufführung der theatralischen Installation €AT verkauft worden. Die Besucher (darunter die Kulturministerin und die Parlamentspräsidentin) werden vom Werksgelände in eine feuchte und modrige Hallen gelotst. Vermummte Gestalten mit scheinbar blutigen Mündern begrüßen sie. Dann werden die Tore zu einer schrillen Welt geöffnet. In der angrenzenden Halle befindet sich ein Rummelplatz, in dem alles »Ausverkauf!« und »Sonderangebot!« schreit.

Die Darsteller mischen sich unter die Besucher, ebenso wie sich die Improvisation in die Inszenierung zwängt. Die einen sind von den anderen kaum zu unterscheiden, das eine ist nicht von dem anderen zu trennen. Man treibt von Sensation zu Sensation: Kamele, Ponys, ein Arbeiterchor, eine menschliche Schreibmaschine, Goldmädchen mit Preisschildern, auf denen »Billig« steht, eine Porno-Queen am Glücksrad, dralle Showgirls, die im Verlauf des Abends auch einige Hüllen werden fallen lassen. Ein roter Ferrari wird hereingeschoben. Chris Müller, in der Moderatorenrolle wie eine Art Liliom, der dem Unterschichtenfernsehen entsprungen ist, verspricht, dass jener Kandidat, der zuletzt seine Hand von der Karosserie nimmt, 24 Stunden lang mit dem Flitzer durch die Gegend brausen darf. Noch viele Stunden später, um zwei Uhr nachts, wird sich ein Trio tatsächlicher Besucher diese tolle Chance nicht entgehen lassen wollen. So viel Ausdauer stand nicht im Konzept. Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss.

Im wilden Durcheinander prallen die Erzählstränge aufeinander. Lieder, Storys, Tanzeinlagen, lauter Reklamelärm. Es ist ein Augenblickstheater des Gleichzeitigen, die Aufmerksamkeit fliegt hin und her, wie an jenen vergeudeten Abenden, an denen sich jemand durch die seelenlose Welt des Privat-TVs zappt. In einem Boxring wird die Castingshow 6 aus 45 angekündigt: sechs Jobs und 45 Bewerber. Wer bereit ist, sich selbst ins Gesicht zu schlagen und sogar seine eigene Frau niederzuboxen, der gewinnt. Der erste Kandidat versagt und wird an einem Haken aufgehängt.