Hastig steckt der Mann eine Dokumentenmappe in seinen Aktenkoffer. Kurz gleitet sein Blick durch das Büro, dann eilt er zur Tür. Doch unmittelbar nachdem der Dieb das Gebäude verlassen hat, erfassen ihn mehrere Kameras. Automatisch wird sein Gesicht gescannt, die Informationen an eine Datenbank weitergeleitet. Name, Alter, Herkunft, Adresse und Fingerabdrücke haben die Sicherheitsbehörden in Sekundenbruchteilen auf dem Bildschirm. Der Mann hat keine Chance. Kurz nach der Tat nehmen ihn Spezialeinheiten der Polizei fest.

Was auf den ersten Blick wie ein Abklatsch der US-Fernsehserie CSI wirkt, ist ein von der Europäischen Union finanzierter Werbespot, der einen Vorgeschmack darauf gibt, wie in naher Zukunft Verbrechen aufgeklärt werden sollen: schnell, smart, präzis – und mithilfe eines dichten Netzwerks hoch technisierter Überwachungssysteme. Im Zuge eines Rahmenprogramms lässt die Union seit Anfang 2009 Universitäten und Privatunternehmen an der Umsetzung eines Vorhabens tüfteln, das unter dem Namen Indect in den Dossiers auftaucht. Ein Akronym für die doch eher sperrige Programmbezeichnung Intelligent Information System Supporting Observation, Searching and Detection for Security of Citizens in Urban Environment. Dieses Projekt zur »Überwachung, Fahndung und Aufdeckung« hat sich zum Ziel gesetzt, eine Sicherheitsarchitektur zu entwerfen, die sämtliche bestehenden Technologien – Videoüberwachung, Vorratsdatenspeicherung, Gesichtserkennung oder Onlineobservierung – miteinander verknüpft. Elf Millionen Euro lässt sich die EU ihre Pilotstudie für den Big-Brother-Staat kosten.

Indect ist in zehn Projekteinheiten gegliedert, in denen zu unterschiedlichen Themen geforscht wird. So werden etwa »kriminelle Aktivitäten« im Internet beleuchtet, aber auch ein »mobiles städtisches Überwachungssystem« entwickelt. In Europa tüfteln 17 Hochschulen und Unternehmen für dieses Projekt, gegen das Datenschützer Sturm laufen. Sie sehen in Indect einen »Orwellschen Plan«, an dessen Ende der gläserne Mensch stehen werde. Brüssel lasse mit diesem Vorhaben seine Interpretation eines allgegenwärtigen Polizeistaats erstehen, warnen die Kritiker.

Einwände, von denen sich die Entwickler nicht beeindrucken lassen. Auch in Österreich nicht. Außer dem Pinkafelder Multimedia-Unternehmen X-Art, das seine Expertise zur automatisierten Inhaltsanalyse von Videoaufnahmen liefert, wird auch an der Fachhochschule Technikum in Wien an dem umstrittenen Projekt geforscht. Hier feilt man an einem intelligenten, lernfähigen Kamerasystem, das in gefährlichen Situationen automatisch Alarm schlägt. Nur wann etwas »gefährlich« ist, weiß die Kamera von Christian Kollmitzer nicht. Noch nicht.

Kollmitzer, der Leiter des Studiengangs Electronic Engineering, ist ein drahtiger Typ mit schütterem Haar. Stolz präsentiert der 53-jährige Forscher eine Spezialkamera, die – im Unterschied zu einem normalen System – mit ihren zwei Linsen nicht nur Helligkeitsunterschiede wahrnimmt, sondern auch den Abstand zwischen Objekten berechnen kann. »Im Moment sind wir erst dabei, der Kamera beizubringen, dass sie das, was sich im Vordergrund abspielt, von dem Hintergrund unterscheiden kann«, erklärt er. Allerdings könnte vor den Augen des Testgeräts ein Mann blutend am Boden liegen, der Anblick würde das System nicht aus der Ruhe bringen. Ebenso wenig eine Messerstecherei.

Für den Bevölkerungsscanner der EU ist zunächst einmal jeder verdächtig

Was auf den ersten Blick wie eine ambitionierte Bastelei von Hightech-Spezialisten aussieht, wollen die Brüsseler Überwachungsstrategen später einmal den Innenministerien der Mitgliedsstaaten zur Verfügung stellen. Indect-Projektkoordinator Andrzej Dziech berichtet, auch Österreich habe bereits Interesse bekundet. Rudolf Gollia, Pressesprecher des Innenministeriums, meint dazu vage: »Es kann schon sein, dass irgendwer mit irgendwem geredet hat.« Ein Thema für österreichische Politiker ist das heikle Projekt allerdings bereits. Der SPÖ-Abgeordnete Johann Maier richtete im März eine parlamentarische Anfrage an die Innenministerin. Die knappe Antwort: Gegenwärtig sei keine Kooperation geplant. Über eine künftige Beteiligung schwieg die Ressortchefin vielsagend.

Indect-Koordinator Dziech glaubt fest an eine Kooperation, spätestens zu dem Zeitpunkt, an dem die Entwicklung in ihre Endphase kommt. 2012 sollen die schlauen Späher erstmals bei der Fußballeuropameisterschaft in Polen und der Ukraine getestet werden. Intelligente Kamerasysteme sollen automatisch Alarm schlagen, sobald eine harmlose Schubserei im Fanblock zu einer Massenschlägerei zu eskalieren droht. Doch woran erkennt das der digitale Beobachtungsposten? Wie unterscheidet er jubelnde Anhänger von gewaltbereiten Hooligans? Wann wird die Einsatzzentrale informiert? »Wenn’s lebensbedrohlich wird, sagen die einen. Wenn es die Polizei als gefährlich empfindet, die anderen«, sagt Hochschulprofessor Kollmitzer lakonisch. Es werden wohl die Ordnungshüter sein, die vorgeben, welches Bedrohungsbild in das System programmiert wird. Schließlich sind sie die Kunden der Kontrollroboter.