Artemis-Quartett Ein fast frierendes Fis

Die neue, grandiose Beethoven-CD des Artemis-Quartetts

Das Artemis Quartett: Eckart Runge, Gregor Sigl, Natalia Prishepenko und Friedemann Weigle

Das Artemis Quartett: Eckart Runge, Gregor Sigl, Natalia Prishepenko und Friedemann Weigle

Hat Gustav Mahler sein berühmtes Adagietto bei Beethoven geklaut? Das wäre doch mal eine Nachricht für Plagiats-Hysteriker. Aber so einfach ist es nicht, nur so ähnlich. Es geht um Verwandtschaft, nicht um Diebstahl. Beethovens Cavatina aus dem späten Streichquartett opus 130 nimmt im Gestus des Unstillbaren bis hin zur Harmonik ihrer Höhepunkte so viel von der Sehnsuchtsmusik des Adagietto vorweg, dass man sich wundert, es nicht eher bemerkt zu haben. Vielleicht, weil erst jetzt das Artemis Quartett dieses Werk eingespielt hat. Ein Ensemble, das sich dem Repertoire von einem anderen Horizont her zu nähern scheint als vergleichbar perfekte Formationen. Viele Quartette klingen oft noch ein bisschen nach geschützter Werkstatt und weltferner Veredelung. Sie erkunden die Musik innerhalb der Noten. Die Artemis-Leute kommen aus dem Leben und suchen es auch bei Beethoven.

So wird neben der sentimentalen Melodie der Cavatina der geradezu spätromantische Sog spürbar, den die Nebenstimmen entfalten. Vier starke, sehr verschiedene Persönlichkeiten bohren sich hier in ihre Partien hinein, öffnen sie, verbinden sie, eine Depression wird berührt, aber auch eine Weite jenseits der Musik sichtbar. In diese Weite kracht dann die Große Fuge, das erratischste, abnutzungsresistenteste Stück der Quartettliteratur bis heute, komplex und chaotisch und exzessiv. Nicht nur dem Uraufführungskritiker kam sie 1826 so »chinesisch«, also unverständlich vor, dass Beethoven sie durch ein gefälligeres Finale ersetzte. Im Grunde versteht kein Mensch dieses Stück, aber fragt man einen Vulkan, was er uns mit seinem Ausbruch sagen will? Freilich ist dieser Ausbruch auch ein Extremfall kontrapunktischer Konzentration, aber das lässt die vier Musiker aus Berlin nicht in respektvoller Analyse erstarren. Sie ersparen sich und uns keinen der umherfliegenden Splitter und Glutfetzen.

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Sie begeben sich mit offenem Visier ins Katastrophengebiet und formen es zugleich. Man fühlt einen großen Bogen über die fünfzehn Minuten hinweg. Und man erlebt Szenen inmitten der durchknallenden Struktur. Hier eine seltsame kleine Rokoko-Idylle mit seidigem Fell, da ein karges Plateau, auf dem Achtelfiguren in gleichen Abständen detonieren, in allen vier Stimmen, als verbände sie ein Zündmechanismus.

Für solche Plastizität brauchen Musiker überragende Technik, Selbstbewusstsein auch gegenüber dem Komponisten, vor allem aber eine szenische Sensibilität, die vielleicht das eigentlich Unverwechselbare dieses Ensembles ist. Bis in den einzelnen Ton: Da gibt es im ersten Satz von opus 130 dieses fast frierende Fis in einem Adagio-Einschub, mit der uns Beethoven und die erste Geigerin Natalia Prischepenko an den stockenden, trüben Beginn des Werkes erinnern.

Den sollte man aber nicht als Erstes hören, wenn man eine Ermunterung braucht, sondern das sechste der frühen opus 18-Quartette. So tänzerisch, dialogisch, kohlensäurehaltig prickelnd ist das noch nie losgegangen. Herrlich, wenn ein Cellist nicht in jedem Solo gleich satten Ton vorführen will, sondern seinen Bogen auch mal knapp über der Saite schweben lässt, Potenzial andeutet statt ausschöpft, wie Eckart Runge; berührend, welche Emphase der Geiger Gregor Sigl in eine kleine Antwort legen kann, während die unprätentiöse Präsenz des Bratschers Friedemann Weigle alles verbindet. Das Brachiale, ja Triviale, das Beethoven (wie dann wieder Mahler) auch einsetzt, arbeiten sie genauso existenziell heraus wie Schritte am Weltrand: Wo hörte man die Unisono-Skala im Adagio je so tonlos und beklemmend aufsteigen, dass man aufatmet, wenn die Töne wieder zu leben beginnen? Grandios.

Wie das späte hat auch das frühe B-Dur-Quartett seinen melancholischen Satz mit anschließendem Ausbruch – der im opus 18/6 eher ironisch statt vulkanisch vonstatten geht. Beim Artemis Quartett mündet dieses durchtriebene Finaltänzchen in ein Prestissimo, das schier über den Schlussstrich hinausrast, aus der Partitur heraus, bis man Beethoven wie in einem Road Runner-Zeichentrickfilm in einer Staubwolke am Horizont verschwinden sieht.

 
Leser-Kommentare
  1. Die Katze soll weiter im Sack gekauft werden. Schade, dass die Plattenfirmen, egal ob Klassik oder Pop, nicht lernen.

  2. Nun mal langsam, @heathcliff. Mit ein wenig Internet-Kompetenz finden Sie sicherlich Ihren Weg zu den Hörbeispielen auf einem populären CD-Portal: http://tinyurl.com/artemi...

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    Ich hätte mich exakter ausdrücken sollen: Bei Besprechungen von Pop/Rock/etc. CDs sind auch in den Zeit-Artikeln zumindest Audio-Schnipsel eingebaut. Hier eben nicht.

    Und "heathcliff" ist für mich immer noch eine der Hauptpersonen in Emily Brontes "Stürmische Höhen", nicht eine Comic-Katze!

    Ich hätte mich exakter ausdrücken sollen: Bei Besprechungen von Pop/Rock/etc. CDs sind auch in den Zeit-Artikeln zumindest Audio-Schnipsel eingebaut. Hier eben nicht.

    Und "heathcliff" ist für mich immer noch eine der Hauptpersonen in Emily Brontes "Stürmische Höhen", nicht eine Comic-Katze!

  3. Ich hätte mich exakter ausdrücken sollen: Bei Besprechungen von Pop/Rock/etc. CDs sind auch in den Zeit-Artikeln zumindest Audio-Schnipsel eingebaut. Hier eben nicht.

    Und "heathcliff" ist für mich immer noch eine der Hauptpersonen in Emily Brontes "Stürmische Höhen", nicht eine Comic-Katze!

    Antwort auf "Von wegen Katze"

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  • Quelle DIE ZEIT, 29.07.2010 Nr. 31
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  • Schlagworte Gustav Mahler | Musik | Opera | Ludwig van Beethoven | Berlin
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